SHYLOCK in Pforzheim 2017

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Foto: Theater Pforzheim

Musical von Brigitte Fassbender und Stephan Kanyar

Im Stadttheater Pforzheim fand am 8. April 2017 die deutsche Erstaufführung des Musicals „Shylock“ statt. Das Musical erzählt die Geschichte des Juden Shylock, der sich im gegen die herrschende Gesellschaft im Venedig des 16. Jahrhunderts durchsetzen muss. Dabei wird er aber von Kindesbeinen an immer wieder von Antonio geschlagen, getreten, schikaniert und gedemütigt. Dem heranwachsenden Shylock bleibt also nur der Gedanke, dass er sich eines Tages rächen kann. Und dann scheint es das Schicksal gut mit ihm zu meinen, denn Antonios Freund Bassanio (und ehemaliger Geliebter) benötigt Geld, um seine reiche Geliebte Portia heiraten zu können. Und da Antonios Schiffe auf dem Meer unterwegs sind, bittet Bassanio Shylock um das Geld. Antonio bürgt dafür. Doch in seinem Hochmut gegenüber Shylock unterschreibt Antonio den Vertrag, ohne ein Pfand einzutragen. Shylock sieht seine Chance gekommen, endlich Rache zu nehmen, denn wenn Antonio das Geld nicht innerhalb von 3 Monaten zurückzahlen kann, dann darf Shylock sich ein Pfund Fleisch aus dem Körper Antonios herausschneiden.

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Jessica — Caroline Zins, Lorenzo — Tobias Bode Foto: Theater Pforzheim

Shylocks Wut auf die Christen wird noch dadurch geschürt, dass seine Tochter Jessica mit dem Christen Lorenzo durchbrennt. In Schattenbildern sehen die Zuschauer die Erinnerungen Shylocks an „den guten Mann“ Antonio, wie er ihn als Kind schlägt und tritt, wie er ihm die Zukunft verbaut, indem er alle gegen Shylock aufhetzt (in  „Sie schlagen ihre Türen zu“ ), nachdem dieser sein Studium mit Bravour gemeistert hat, und wie wegen Antonio Shylocks Frau bei der Geburt der Tochter stirbt. Nur eine einzige schöne Erinnerung an seine Frau Leah ist Shylock geblieben: die Erinnerung an die Kinderzeit mit seiner Tochter Jessica.

Und dann trifft genau das ein, worauf Shylock gehofft hat. Antonios Schiffe sinken! Bassanio hat von seiner reichen Geliebten zwar das Geld in einem goldenen Koffer bekommen, doch Shylock will seine Rache, nämlich das Stück Fleisch aus Antonios Körper. Er zieht vor Gericht und wird dort gebeten, Gnade vor Recht walten zu lassen. Doch Shylock will nur seine Rache. Mit dem Lied „Wenn ihr uns stecht …“ zeigt Shylock deutlich, dass auch ein Jude ein Mensch ist.

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Foto: Theater Pforzheim, Bassanio — Philipp Moschitz, Portia — Danielle Rohr

Nachdem Portia als Anwalt für Antonio erscheint und Shylock das Messer in die Hand drückt, um sich das gewünschte Fleisch herauszuschneiden, glaubt Shylock endlich Gerechtigkeit zu bekommen. Doch da gibt es nur ein Problem! Es ist einem Juden nicht erlaubt, einem Christen Schmerzen zu bereiten oder gar sein Blut zu vergießen. Verzweifelt wirft Shylock das Messer weg. Er ist schon wieder vom Schicksal betrogen worden.

Die Grundlage des Musicals „Shylock“ bildet Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“.  Zu der Zeit, als Shakespeare das Stück schrieb, gab es in London keine Juden. Ihnen war die Einreise nach England bei Todesstrafe verboten. Im Gegensatz dazu durften Juden in Venedig der damaligen Zeit durchaus Handel treiben, denn Venedig war damals eine freizügige, kosmopolitische Stadt. Und während im „Kaufmann von Venedig“ Antonio im Mittelpunkt der Geschichte steht, ist es hier SHYLOCK.

Übrigens war es zu der damaligen Zeit auch kein ungewöhnliches Anliegen, als Pfand Fleisch zu verlangen.

Alexander May, der für die Pforzheimer Inszenierung verantwortlich zeichnet, verpasste seinen Hauptdarstellern moderne Kleidung und Handys. Einzig „Shylock“, gespielt von dem großartigen Chris Murray, trägt einen altertümlichen Gehrock. Das mutet insgesamt ein bisschen irritierend an, besonders da die Handlung ja im 16. Jahrhundert spielt. Shylocks Büro ist ein Saferaum mit vielen Schließfächern, in denen Shylock seine Erinnerungen aufbewahrt. Die musikalische Leitung hatte Tobias Leppert, der schon viele Produktionen in Pforzheim dirigiert hat.

Die Bürger Venedigs, die ein bisschen wie Kanalratten aussehen, lungern immer herum auf der Suche nach Sensationen und verbreiten Klatsch und Tratsch. „Was gibt es Neues auf dem Rialto?“ ist ihr Lied.

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Chris Murray als Shylock – Foto: Theater Pforzheim

Chris Murray als Shylock ist unzweifelhaft der Mittelpunkt der Show und begeistert durch seine tolle Stimme und sein mitreißendes Spiel. Peter Jadach wirkt mit seiner blonden Perücke und seiner Größe ein bisschen wie ein Siegfried. So kann der „gute Mensch“ immer auf den kleinen Juden herunterschauen. Stimmlich merkt man Peter Jadach an, dass er von der Oper kommt.

Philipp Moschitz (er spielt zurzeit in Jagsthausen „Catch me if you can“) als Bassanio, Tobias Bode als Lorenzo, runden das Bild auf der Bühne ab, wobei Danielle Rohr leider einen Akzent hat und nicht immer gut zu verstehen war. Ein Problem, das man als Zuschauer in Pforzheim auch öfters hat, ist die Lautstärke von Orchester und Sängern. Sitzt man zu weit vorne, übertönt das – wirklich großartige – Orchester öfters den Gesang.

Eine besondere, leider auch die letzte, Vorstellung durften die Zuschauer am 12.7. erleben. Wegen technischer Probleme musste das Stück ein bisschen gekürzt und ohne Pause gespielt werden. Doch die eigentliche Veränderung war die Besetzung. Da Paul Jadach erkrankt ist – an dieser Stelle wünschen wir herzlichst gute Besserung – übernahm für ihn „Lorenzo“ Tobias Bode die Rolle des „Antonio“. „Lorenzo“ wurde gespielt von Julian Culemann – aber eben nur gespielt – während Tobias Bode diese Rolle auch noch
sang. Zwar hat Tobias Bode eine ganz andere Stimmlage als Peter Jadach, aber er spielte die Rolle des „Antonio“ mit sehr viel Gefühl, nicht ganz so arrogant. Er gab dem Juden auch die Hand, wischte sie allerdings an Bassanios Anzug ab. Und vor der Leistung, neben der eigenen Rolle noch eine zweite zu singen, kann man nur den Hut ziehen.

Mit dem Engagement von Chris Murray sowohl in „Shylock“ als auch in „Candide“ hat es Intendant Thomas Münstermann geschafft, ein paar der verlorenen Zuschauer zurückzuholen. Wir dürfen gespannt sein, ob sich im Spielplan 2018 auch noch andere Musical-Zugpferde finden.

Eindrücke


Bericht: Ingrid Kernbach
Bilder: Theater Pforzheim und Ingrid Kernbach