Schöne Bescherung

Weihnachtskonzert von Felix Martin am 04. Dezember 2018 im Berliner Wintergarten

(c) Andrea Ney
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Der Dezember ist eigentlich der Monat, in dem sich die Welt ein wenig langsamer dreht, in dem die Besinnlichkeit und Zeit zum Genießen und einen Moment innehalten Einzug in die Herzen der Menschen finden soll. Meist sind es jedoch die mitunter stressigsten Wochen im Jahr, in denen die Suche nach dem Weihnachtszauber einem Wettlauf gegen die Zeit gleicht. Weihnachtskonzerte, die dieser Tage wie Pilze aus dem Boden schießen, leisten ihren Beitrag dazu, dass die Adventszeit ihren Zauber dennoch nicht verliert. Das diesjährige Weihnachtskonzert von Felix Martin trägt den Untertitel „Schöne Bescherung“ und ist wie geschaffen dazu, das Publikum einen Abend lang aus dem Alltagstrott zu entführen. Der Berliner Wintergarten, Berlins einzigartiges Varietétheater, ist mit seinem anheimelnden Charme ohnehin ein Garant für einen besonderen Abend – wenn dieser ausverkauft bis auf den letzten Platz wie ein Bienenstock summt, dann kann man sich nur wohlfühlen und von der Atmosphäre tragen lassen. Als sich der schwere Bühnenvorhang schließlich hebt, wird der Protagonist des Abends mit frenetischem Jubel empfangen, noch ehe er die ersten Töne gesungen hat.

(c) Andrea Ney
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Mit viel Liebe zum Detail ist jeder Zentimeter der großen Bühne weihnachtlich dekoriert. Im Hintergrund hängen große Kugeln, auf die je nach Stimmung verschiedenfarbige Effekte projiziert werden können. Berge von verpackten Geschenken, blinkendem Weihnachtskitsch, Engelsflügelchen, Lichterketten und ein Christbaum dürfen natürlich ebenfalls nicht fehlen und runden das weihnachtliche Bild ab. Ein vergnügter Nikolai Orloff begleitet Felix Martin am Flügel und die ersten Töne schwängern die Luft. Angenehm überrascht der Sänger damit, dass er nicht die üblichen Klassiker in altbekannter Manier „herunterleiert“, sondern jedem Lied seinen persönlichen Stempel aufdrückt und es damit zu einer kleinen Besonderheit werden lässt. Mit viel Witz und guter Laune wird zunächst das „Reh“, welches sich als stilisiertes Rentier mit ewig blinkender roter Nase entpuppt aus dem Wald nach Hause gesungen und „Frosty der Schneemann“ erhält einen Ehrenplatz neben einem Scheinwerfer, der den Guten ganz schön ins Schwitzen brächte, wäre er nicht aus Styropor. Glitzer und vor allem Alufolie seien schon zu Kindertagen seine große Leidenschaft gewesen, verrät er dem Publikum ausgenzwinkernd, was auch die beinahe überladene Deko erklärt, die nicht nur Kinderaugen zum Leuchten bringt. Dass er es jedoch versteht eine Brücke zu schlagen und nicht nur auf Albernheit und gute Laune setzt beweist der Künstler damit, dass er immer wieder auch inne hält, sich die Zeit nimmt daran zu erinnern, was Weihnachten bedeutet und den Samen des Glaubens an etwas, was man nicht sehen, wohl aber spüren kann in die Herzen des Publikums sät. Er liest den über die Jahre zu unglaublicher Popularität gelangten Brief der achtjährigen Virginia an die New York Sun, in dem sie um Aufklärung darum bittet, ob der Weihnachtsmann existiert oder nicht und die ebenso berühmte und jährlich wiederkehrend abgedruckte Antwort des Journalisten Francis Church und spannt mit dieser Geschichte gekonnt den Bogen zu einem hochemotionalen „Gold von den Sternen“, welches ohnehin selten von männlichen Darstellern dargeboten wird, in diesem Kontext jedoch noch einmal eine besondere Bedeutung erlangt.

(c) Andrea Ney
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Nicht immer geht es während der Leserunden so besinnlich zu, wie in diesem Moment. Aufgelöst wird dieser Block durch eine Reihe unterhaltsamer Zitate, die inhaltlich beinahe vom Grinch persönlich stammen könnten, jedoch Größen aus Politik, Kunst und Kultur, sowie weiteren Personen des öffentlichen Lebens zugeschrieben werden. Der unterhaltsame Abend nimmt seinen Lauf und gänzlich untätig darf auch das Publikum nicht bleiben, welches dazu animiert wird „Süßer die Glocken nie klingen“ als Chor zu intonieren. Als erste Belohnung erhält es dafür ein besonderes „Leckerli“, ein Rezept für die ganze Familie, sofern man denn Nilpferd, Giraffe und einige tausend Liter Wein zur Hand hat. Die wirkliche Belohnung jedoch ist der Auftritt von Felix Martins zauberhafter weiblicher Unterstützung, Sophie Berner. Während Jo Gehlmann, inzwischen als zweiter Musiker an der Gitarre begleitet, gibt sie zunächst ein französisches Chanson zum Besten und verzaubert das Publikum mit „Have yourself a merry little Christmas“, ehe sie für den ersten Teil des Abends leider bereits wieder von der Bühne entlassen wird und Felix Martin für ein ebenso umjubeltes „Oh night divine“ das Feld überlässt. Mit der Frage, „Wer versteht, was Liebe ist“ entlässt Martin seine Gäste in die Pause.

(c) Andrea Ney
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Mit seiner umgebundenen roten Nase dem Reisigrentier – welches noch immer ununterbrochen blinkend in der Bühnenmitte steht – Konkurrenz machend, läutet Felix Martin schließlich den zweiten Teil des Abends ein. Damit er sich nicht so allein fühlt, verteilt er kurzerhand eine Kiste voller Nasen ans Publikum, welches den Spaß gern mitmacht und gut gelaunt applaudiert. Mit „Jingle Bells“, dem ersten Lied, welches 1965 aus dem Weltall übertragen wurde, setzt er den vergnüglich-besinnlichen Abend als eine musikalische Weltreise fort. Mit großer Freude bezieht der Sänger auch immer wieder sein Publikum mit ins Geschehen ein und hat sichtlich Spaß an der Interaktion, die auf der Musicalbühne, wo man ihn sonst zu sehen bekommt, natürlich nicht möglich ist. Weitere witzige und nachdenkliche Geschichten und Gedichte rund um das Fest der Liebe und den Frieden runden das Programm ab. Auch die Zitate der Weihnachtsnörgler werden noch einmal aufgegriffen, wenngleich sehr emotionsgeladene Songs diesen den Wind aus den Segeln nehmen.

(c) Andrea Ney
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Auch Sophie Berner ist im zweiten Teil des Abends noch einmal mit von der Partie und intoniert „Imagine“ auf eine eigene anrührende Weise. Dem Rezept vom ersten Teil wird nun eine Nachspeise hinzugefügt und die Darstellung der Zubereitung treibt dem Publikum die Lachtränen in die Augen. Mit „Still, still, still“ aus der Feder von Udo Jürgens endet das Konzert viel zu schnell und Martin und seine Gäste entlassen das Publikum wieder in den Alltagstrott. Was es jedoch mitnimmt ist besonders, denn bereits an diesem 4. Dezember, mitten in der Woche und mitten im größten Stress hat es ein großes Geschenk gegeben – das Geschenk der Zeit, der Zusammengehörigkeit, ein klein wenig zu entschleunigen, gemeinsam zu lachen und vor Rührung zu weinen. Es bedarf keiner stundenlangen Berieselung mit Weihnachtsliedern, ein Weihnachtskonzert kommt auch ohne „Wham!“ hervorragend aus – an dieser Stelle danke dafür – und die Mischung in genau dieser Art zu finden erfordert Fingerspitzengefühl und Talent. Danke Felix Martin für einen zauberhaften Abend im Wintergarten.


Text und Fotos: Andrea