Schlossfestspiele Schwerin 2019: ANATEVKA

schlossfestspiele schwerin 2019 anatevka

„Wenn ich einmal reich wär….“, ist das nicht der Traum von fast jedem von uns? „Brauchte nicht zur Arbeit…“ – ach, das wäre schön. Der Traum vom großen und schönen eigenen Haus mit etwas Prunk, großem Garten voller Nutztierchen, die viel Krach machen, damit auch jeder weiß, dass man ein reicher Mann ist. Davon träumt Tevje, der Milchmann des Dörfchens Anatevka, das mitten in Russland liegt. Er kann sich und seiner Familie durch seinen Handel gerade so das Überleben sichern, große Sprünge sind nicht drin. So träumt er weiter.

„Mein Weib stolziert herum beladen mit Geschmeide und aufgedonnert wie ein Pfau“ und er selber hätte mehr Zeit, in der Synagoge näher bei Gott zu sein und dort zu ihm zu beten. Teyje ist nämlich ein tiefgläubiger Jude, wie fast alle Bürger in seinem Ort. Bis auf die christlichen Russen, aber dazu später mehr. Die jüdischen Familien leben sehr nach ihrer Tradition, jeder hat seinen zugewiesenen Platz im System. Der Papa ist der Herr des Hauses, die Mama hält alles in Ordnung und zusammen, die Söhne gehen zur Schule und lernen und warten auf ihre Braut, die Mädchen lernen von der Mama nähen und sticken und bereiten sich darauf vor, sich um die zukünftige Familie zu kümmern und warten auf den Mann, den Papa auswählt.

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Gustav Peter Wöhler als Tevje
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Ansgar Schäfer als Tevje

Tevje beschwert sich weiter bei Gott: „Herr du schufst den Löwen und das Lamm – sag’ warum ich zu den Lämmern kam? Wär’ es wirklich gegen deinen Plan wenn ich wär’ ein reicher Mann?“. Dabei ist er ein sehr ehrbarer und auch angesehener Mann, der gut für seine Frau Golde und die fünf Töchter Zeitel, Hodel, Chava, Shprintze und Bielke sorgt. Wo wir schon bei seiner, bzw. der nächsten Sorge seiner Frau wären. Fünf Töchter. Das heißt, fünf Männer für diese finden und ihnen auch noch eine Mitgift mitgeben müssen. Für den ersten Teil gibt es die örtliche Heiratsvermittlerin Jente. Sie hat noch für jedes Mädchen einen Mann gefunden. Doch das ist wieder ein Problem. Die Mädchen handeln alle eigensinnig und suchen sich ihre Männer selber aus. Die Geschichte beginnt schließlich auch schon 1905 und zu dieser Zeit war die Welt wieder einmal im Wandel. Nicht nur, dass in Russland die große Revolution vor der Tür stand, die die Monarchie zum Fall brachte, die Menschen dachten immer moderner und neue, ungezwungenere Gedanken wurden auch aufs weite Land hinaus getragen.

Ein Schatten über Anatevka ist die angespannte politische Situation. Es hat schon viele Gemeinden um sie herum getroffen, aber die Bürger dieses kleinen Ortes wollen nicht daran glauben. Auch ein Pogrom, dass sie auf der Hochzeit von Tevjes ältester Tochter Zeitel trifft, verdrängt die aktuelle Lage. Am Ende müssen jedoch alle Familien ihre Häuser verkaufen und den Ort verlassen.

Im englischen heißt das Musical „Fiddler on the roof“ und basiert auf dem Buch „Tewje, der Milchmann“ von Scholem Alejchem. Der „Fiddler“, also Geiger, entstammt den Gemälden Marc Chagalls. In seinem Heimatdorf gab es einen Geiger, der bei Geburten, Hochzeiten und beim Tod spielte. Diese ganzen Ereignisse ziehen sich auch durch das Musical, wobei der Tod quasi das Verlassen der Heimat ist.

Seit dem 21. Juni und noch bis zum 20. Juli 2019 kann man das Musical aus der Feder von Jerry Bock (Musik), Joseph Stein (Buch) und Sheldon Harnick (Liedtexte) in der deutschen Übersetzung von Rolf Merz und Gerhard Hagen und in der Inszenierung von Toni Burkhardt auf dem Alten Garten bei den Schlossfestspielen Schwerin erleben. Mit dem imposanten Gebäude im Hintergrund spielt das Stück auf einer kargen Bühne, die nur aus weißen, blätterlosen Bäumen besteht, schwarzweiße Bretterwände zeigt und bis auf hin und wieder ein paar Tische und Stühle, gänzlich leer ist.

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Dieses minimalistisch angelegte Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning tut dem ganzen jedoch nichts ab, es zeigt das Einfache im Leben in Anatevka und gibt den handelnden Personen mehr Wirkung. Man hat nichts Ablenkendes und kann sich voll und ganz auf das Geschehen konzentrieren. Es gibt nur die Personen auf der Bühne, die gerade sprechen, vielleicht noch der Milchwagen, aber keine weiteren, ablenkenden Handlungen oder Gegenstände. Lediglich in ein paar Bildern, zum Beispiel bei der Hochzeit oder in Tevjes Traum, füllt sich die Bühne mit nahezu allen rund 70 Mitwirkenden. Genau diese Szenen sind die großen Stärken der Inszenierung. Die Choreografien stammen von Adriana Mortelliti und können sich sehen lassen. Beginnend mit „Tradition“, bei dem sich alle erst an den Händen fassen und diese ähnlich dem Sirtaki in die Höhe halten und sich dabei im Kreis drehen.

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Später dürfen die Männer vom Ballett bei „Zu Wohl“, nachdem Tevje und Lasar Wolf über die Heirat mit Zeitl verhandelt haben, mit russischem Tanz auftrumpfen. In Fusion mit den restlichen, jüdischen Gästen entsteht hier eine tänzerische Fusion. Das nächste Highlight bei den Massenszenen ist der Traum von Tevje. Er muss ja doch irgendwie seiner Frau beibringen, dass seine Tochter Zeitl, die er eben noch dem Metzger Lasar Wolf versprochen hat, schon heimlich mit dem Schneider Mottl verlobt war. Also wird sich eine Traumgeschichte ausgedacht. In Schwerin erheben sich dafür aus dem Boden der Bühne Grabsteine und sämtliche Mitglieder des Ensembles erscheinen als Geister rund um das Bett, in dem Tevje seiner Golde nun davon erzählt, dass ihre Großmutter ihm erschienen war und gesagt hat, dass der Schneider der richtige Mann für ihre Enkelin und Namensvetterin sei. Die ganze Bühne wimmelt nun so nur von „Geistern“.

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Ganz putzig fand ich das kleine Orchester, das links auf der Bühne ganz in weiß gekleidet platziert war. Die Perücken erinnern dabei an einen virtuosen Mozart. Einzelne Strähnen hängen aus dem Schopf. Zu guter Letzt steigt Fruma Sara, die verstorbene Frau von Lazar Wolf, aus ihrem Sarg. Dieser befindet sich unter dem Bett des Ehepaares. Deren Liegestätte öffnet sich nach links und rechts und der Geist steigt empor. Sie droht Tevje, sollte Zeitl ihren Mann heiraten, diese auf ewig heimzusuchen. Das überzeugt dann letztendlich auch Golde und als nächstes wird Hochzeit gefeiert.

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Der traditionelle Flaschentanz.

Als das Stück 1964 Premiere feierte, war man sich nicht recht sicher, wie es ankommen würde, denn es zeigt viele der Gebräuche des Judentums, die in der Welt nicht mehr so bekannt sind. Aber das ist eine Stärke des Musicals, diese Dinge zu zeigen.

Die Schweriner Inszenierung bringt diese Details gut zur Geltung. Das gesamte Ensemble ist mit vollem Elan dabei und es wird nicht langweilig. Immer haben sie Michael Ellis Ingram im Blick, der mit der Staatskapelle rechts in einem Bunker, der ins Bühnenbild integriert ist, dirigiert und für die Agierenden über drei Monitore zu sehen ist. Das Zusammenspiel ist, bis auf ein paar kleine Unsicherheiten bei dem einen oder anderen Darsteller, nahezu perfekt.

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Es ist ein schöner, runder Theaterabend, den man dort auf dem Alten Garten verbringen kann. Wenn am Ende fast der komplette Bühnenboden aus den Angeln gehoben wird, Schienen zum Vorschein kommen, auf denen die Koffer der vertriebenen Bürger liegen, diese das Gepäck an sich nehmen und einer nach dem anderen dem Publikum den Rücken zuwendet, fühlt man mit ihnen, so wie man zuvor mit ihnen gelacht hat.

Die Schlossfestspiele Schwerin sind ein weiteres Highlight unter den Open-Air-Veranstaltungen im Norden und wer kann, sollte sich die Zeit nehmen und sich dieses Musicalereignis vor dem Schweriner Schloss ansehen.

 Text: Nathalie

Die Mitwirkenden (Premierenbesetzung in Großbuchstaben)

Musikalische Leitung –  Michael Ellis Ingram

Inszenierung –  Toni Burkhardt

Bühnenbild  – Wolfgang Kurima Rauschning

Kostüme –  Udo Herbster

Choreinstudierung –  Friedemann Braun

Choreographie  – Adriana Mortelliti

Dramaturgie  – Peter Larsen

Mit:

Tevje, Milchmann –  Ansgar Schäfer / GUSTAV PETER WÖHLER

Golde, dessen Frau –  BETTINA WEICHERT

Zeitel, deren Tochter –  Irene Eggerstorfer / BARBARA FELSENSTEIN

Hodel, deren Tochter –  KATRIN HÜBNER / Rebekka Reister

Chava, deren Tochter –  Katharina Boschmann / NEDIME OSTHEIMER

Shprintze, deren Tochter –  MAIALEN LESAKA BRAUN / Sophie Schiller / Stella Helene Thebud

Bielke, deren Tochter  – LENI MARGARETA BRAUNS / Anna Fräßdorf / Letizia Zoe Löser

Jente, Heiratsvermittlerin –  BRIGITTE PETERS

Mottel Kamzoil, Schneider –  Paul Kroeger / GERO WENDORFF

Perchik, Student  – Philipp Lang / CORNELIUS LEWENBERG

Lazar Wolf, Metzger  – ANSGAR SCHÄFER / Matthias Unruh

Motschach, Gastwirt  – Olaf Meißner / ANDRÉ SCHMIDTKE

Rabbi  – Agim Kasumi / MARTIN SCHEIL

Mendel, dessen Sohn –  DANIEL WERNECKE

Awram, Buchhändler –  MICHAEL MEISKE / Franz Sieveke

Nachum, Bettler  – SYLVIO KÄHLER / André Schmidtke

Oma Zeitel  – Anne Ruth Kiefer / UNDINE LABAHN

Schandel  – KATHRIN VOSS

Fruma Sara –  ITZIAR LESAKA

Wachtmeister –  Gottfried Richter / MATTHIAS UNRUH

Fedja  – Denis Edelmann / STEF VAN GELDER

Sascha  – Denis Edelmann / CHRISTOPHER WERNECKE

Erster Russe  – Daniel Wernecke

Zweiter Russe  – Christopher Wernecke

Erster Mann  – WIELAND BEER

Zweiter Mann  – REINHARD STREY

Der Fiedler auf dem Dach  – Tommaso Bucciero / ALYOSA FORLINI

Opernchor / Ballettensemble / Extra-Chor / Statisterie des Mecklenburgischen Staatstheaters / Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin

 

Termine:

  • Juni, 26., 27., 28., 29., jeweils 20.00 Uhr, Alter Garten
    • 30., 18.00 Uhr, Alter Garten
  • Juli, 04., 05., 06., 10., 11., 12., 13., 17., 18., 19., 20., jeweils 20.00 Uhr, Alter Garten
    • 14., 18.00 Uhr, Alter Garten

Tickets gibt es hier: https://www.schlossfestspiele-schwerin.de/schlossfestspiele-schwerin-de.html