Raymonda am Theater Magdeburg – Interview mit Gonzalo Galguera

“Ich freue mich jeden Tag auf die Musik”

Der in Russland populäre, im Westen hingegen weniger bekannte Ballett-Klassiker »Raymonda« war das letzte große Werk des berühmten Choreografen Marius Petipa. Nach dem Tode Tschaikowskys im Jahre 1893 suchte Petipa einen Komponisten für sein nächstes Ballett und fand ihn im jungen, aufstrebenden Alexander Glasunow. Petipas Wahl erwies sich als Glücksgriff: Die Musik hat Noblesse und große erzählerische Kraft. Einige Teile des Werkes sind besonders bekannt geworden und werden unabhängig vom Stückzusammenhang in Ballettgalas und Wettbewerben gezeigt.

Und darum geht es im Stück: Ungarn zur Zeit der Kreuzzüge. Raymonda, eine junge Prinzessin, wartet auf ihren Verlobten Jean de Brienne. Er ist als Kreuzritter zusammen mit der ungarischen Armee in den Krieg gezogen. In der Nacht hat Raymonda einen Traum. Jean de Brienne verwandelt sich darin in einen Sarazenen, der versucht, sie zu entführen. Am nächsten Tag scheint ihr Albtraum Wirklichkeit zu werden. Kann Jean de Brienne sie noch retten?

© Katrin Freund

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Gonzalo Galguera, Direktor und Chefchoreograf des Balletts Magdeburg, bringt dieses Stück nun erstmals auf die Bühne des Theaters Magdeburg. Was fasziniert ihn an „Raymonda“? „Wie jeder Tänzer bin auch ich mit diesem Stück aufgewachsen. Es ist Lernstoff jeder tänzerischen Grundausbildung, auch wenn es auf den Bühnen nicht so oft gezeigt wird wie manch anderes Ballett. Für mich ist es seit jeher ein Lieblingsstück, welches ich schon immer choreografieren wollte“, erzählt Gonzalo Galguera. Für ihn hat das Ballett zwei inhaltliche Schwerpunkte: den kulturellen Hintergrund und die Liebe. Die Verflechtung dieser beiden Themen erzeugt für Galguera Spannung. Im Laufe der Handlung werden Vorurteile abgebaut und in gleichem Maße wächst die Faszination für das Fremde. „Als Choreograf freut man sich über einen solch spannenden Stoff. Sehnsucht nach fernen Ländern, Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und natürlich die Liebe – das alles birgt sehr viel erzählenswertes Potenzial, das sich in Tanz umsetzen lässt“, schwärmt der gebürtige Kubaner. Dabei sei der Stoff heute noch genauso relevant und erzählenswert wie damals. Aus anfänglicher Skepsis gegenüber dem Unbekannten heraus entstehen Neugier und ein Dialog – ein Vorgang, der gemessen an den aktuellen gesellschaftlichen Debatten heute genauso relevant ist wie zur Entstehungszeit des Balletts.

© www.AndreasLander.de

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„Raymonda“, so der Ballettdirektor, sei ein „Stück für Fortgeschrittene“. Und damit meint er seine Compagnie genauso wie das Publikum. Ohne das Erzählen solcher großen Geschichten kann Gonzalo Galguera sich die Arbeit mit seiner Compagnie nicht vorstellen: „Ich habe auch eine Verantwortung gegenüber meinen Tänzerinnen und Tänzern. Viele der sehr jungen Menschen kommen hier zum ersten Mal überhaupt mit den großen Stücken in Berührung und dann ist es an mir, ihnen die Chance zu geben, daran zu lernen und zu wachsen.“ Das Erzählen von Geschichten ist für Gonzalo Galguera das Herzstück und zugleich auch das Ziel seiner Arbeit als Choreograf. „Ich möchte mit meinen Chorografien eine Brücke zwischen dem Stück und der Compagnie sowie dem Publikum bauen. Ich will die Zuschauer berühren und in eine andere Realität entführen, sie träumen lassen. Dabei steht das Stück für mich im Mittelpunkt. Viele Choreografen wollen besser sein als das Stück. Ich möchte so gut sein wie das Stück. Das ist für mich eine Frage von Demut“, erklärt Gonzalo Galguera. „Eine Idee muss da sein und sie muss zünden, sowohl bei mir als auch bei meiner Compagnie“. Diese hat, so berichtet Galguera schmunzelnd, „Blut geleckt am Erzählen“, hat sich über die nunmehr schon zwölf Jahre der Zusammenarbeit anstecken lassen von dieser Idee. „Eine Figur von innen heraus zu entwickeln, das ist der Sinn unserer Profession.“

Genau dies möchten Galguera und seine Tänzerinnen und Tänzer auch in „Raymonda“ wieder tun. Das Stück sei, so der Choreograf, ein Ballett auf höchstem technischen Niveau und damit für Tänzer und Zuschauer eine besondere Herausforderung. „Die Geschichte dieses Balletts ist nicht so märchenhaft wie z.B. bei ‚Dornröschen‘ oder ‚Le Corsaire“, sie hat ein anderes Tempo, einen anderen Atem. Dafür ist viel Neugier seitens des Publikums nötig“, so Galguera. „Raymonda“ ist eines der am seltensten gezeigten Ballettwerke, zumindest im westlichen Europa. Erst Rudolf Nurejew hat es außerhalb Russlands bekannt gemacht, als er es 1983 in Paris zeigte. Auch im deutschsprachigen Raum sind Inszenierungen von „Raymonda“ recht rar.

© www.AndreasLander.de

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Jonathan Milton, der seit dieser Spielzeit Mitglied der Magdeburger Compagnie ist, kreiert in seinem Hauptrollendebüt den Kreuzritter Jean de Brienne, Raúl Pita Caballero tanzt den Sarazenenkrieger Abderakhman, Die Titelpartie der Raymonda übernimmt die Erste Solotänzerin des Balletts Magdeburg, Lou Beyne. Das komplette Ballettensemble, zahlreiche Gäste und Statisten komplettieren die Personenausstattung des opulenten Stücks. Am Pult der Magdeburgischen Philharmonie steht Kapell meister Pawel Poplawski, der in dieser Spielzeit bereits die Premiere von Dvoṝáks Oper »Rusalka« sowie mehrere Wiederaufnahmen musikalisch geleitet hat.

Raymonda

Ballett in drei Akten von Gonzalo Galguera

Musik von Alexander Glasunow

Musikalische Leitung: Pawel Poplawski

Choreografie/Regie: Gonzalo Galguera

Bühne: Darko Petrovic

Kostüme: Josef Jelínek

Dramaturgie: Eva Bunzel

Ballett Magdeburg

Magdeburgische Philharmonie

Premiere Sa. 7. 4. 2017, 19.30 Uhr, Opernhaus/Bühne

Weitere Vorstellungen: So. 15. 4. / Fr. 4. 5. / So. 2

7. 5. / Sa. 2. 6. 2018

Karten Premiere: 16€ – 35€ / ermäßigt 12 € – 26 €

Karten weitere Vorstellungen: 12 € – 31 € / ermäßigt 8 € – 22 €

Kartenreservierung und -kauf an der Theaterkasse telefonisch: (0391) 40 490 490, online: www.theater-magdeburg.de oder per Mail: kasse@theater-magdeburg.de


Interview: Karina