Das Musical „OLIVER!“ von Lionel Bart, nach Charles Dickens’ »Oliver Twist«

Der Inhalt zwischen Bühne und Film

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Plakat der letzten großen West End Aufführung aus dem Jahr 2010 (c) Cameron McIntosh Southbrook Group und Stage Entertainment UK

Wer kennt sie nicht, die Geschichte des Waisenjungen Oliver Twist in Charles Dickens‘ Roman aus dem Jahr 1838? Es ist ein sehr sozialkritischer Roman und zeigt die Missstände auf, die es in der Zeit in England bei der Behandlung von Waisen und der unteren sozialen Schicht gab. Ebenfalls gibt er einen Einblick in das Leben der Unterwelt Londons und zeigt auf, wie wenig Kinder und Menschen generell wert waren. Natürlich, der Roman hat am Ende ein Happy End für den Jungen, aber nach sehr vielen Umwegen und Leid.

Der Roman erregte seinerzeit viel Aufsehen und ist bis heute ein Literaturklassiker. Der Stoff wurde ab 1909 um die 25 mal als Real- und Zeichentrickfilm auf die Leinwand oder ins Fernsehen gebracht. 1960 war der Stoff erstmals als Musical auf einer Londoner Bühne zu sehen. Lionel Bart, ein britischer Musicalkomponist nahm sich des Stoffes an. Er verfasste Buch, Gesangstexte und die Musik. Dabei handelte er frei nach Dickens und ließ einige Elemente und mit ihnen verbundene der Geschichte weg, wie z. B. den Halbbruder Olivers und die Familie Maylie.

1968 wurde das Musical, das bis dato sehr erfolgreich am West End (seinerzeit das am längsten gespielte Stück nach „Jesus Christ Superstar“ 1971)  und auch am Broadway lief, verfilmt. Die Rolle des Fagin, der die Jungen unter seiner Obhut zu Dieben ausbildet, übernahm Ron Moody, der die Figur für die Uraufführung des Musicals in London kreierte. Der Film war, wie das Musical, mit elf Tony Nominierungen bedacht, sehr beliebt. Von elf Oscarnominierungen bekam der Film fünf verliehen, unter anderem den für den besten Film. Wobei sich der Film vom Musical auch wieder unterscheidet. Bis heute ist das Stück bei Schulaufführungen, besonders in England und Amerika, sehr beliebt, stehen dort doch sehr viele Kinder auf der Bühne. Deutschsprachig wurde es 1985 zum ersten Mal aufgeführt.

Schon gleich am Anfang des Stückes, das in einem Arbeitshaus in England beginnt, sieht man sehr viele Kinder (Food, Glorious Food – Brot, herrliches Brot). Diese sind dort untergebracht, weil sie entweder Waisen sind, beim Diebstahl erwischt wurden oder für ihre Eltern die Steuern abarbeiten müssen die diese nicht bezahlen konnten – eben so, wie es oft üblich war, teilweise noch bis in das 20. Jahrhundert hinein. Im Film sind es augenscheinlich nur Jungens, auf der Bühne finden sich oft auch Mädchen).

Oliver wird von den anderen Kindern ausgewählt, um mehr Essen zu bitten. Mr. Bumble, der das Arbeitshaus leitet, bringt den Jungen zu den Besitzern, welche nebenan bei allen möglichen Leckereien dinieren (Oliver! – Oliver!). Als Strafe werfen sie den Jungen direkt raus (so zumindest im Film). Im Musical muss Oliver erst noch den Arbeitstag mit den anderen Kindern beenden. In der Zwischenzeit macht Mr. Bumble seiner Aufseherin, Mrs. Corney, den Hof (I Shall Scream – Oh, ich schrei). Mr. Bumble macht sich noch am selben Abend auf den Weg, den Jungen zu verkaufen. Der örtliche Bestattungsunternehmer Mr. Sowerberry wird aufmerksam (Boy For Sale – Ein Bub zum Verkauf).

Nach einer Unterredung mit Mrs. Sowerberry ist klar, dass der Junge als Leichenbegleiter bei Kinderbeerdigungen eingesetzt werden soll (That’s Your Funeral – Das ist Ihr Problem. Doch der Neid der anderen Angestellten trifft den Jungen. Oliver kam im Armenhaus zur Welt. Seine Mutter starb gleich nach der Geburt. Da sie keinen Namen hinterlassen hatte, wurde der Junge mit dem nächsten Namen im Alphabet getauft. Als der Geselle Olivers tote Mutter beleidigt, greift dieser ihn an. Oliver wird daraufhin eingesperrt. Während die Erwachsenen beratschlagen, was mit dem Jungen passieren soll, kann er durch ein offenes Fenster (Film) entfliehen und macht sich auf den Weg nach London (Where Is Love? – Wer liebt mich?).

In der Hauptstadt angekommen, trifft er gleich am ersten Morgen den Jungen Jack Dawkins, der von allen nur Artful Dodger genannt wird. Dieser bietet Oliver einen Schlafplatz bei einem sehr ehrenvollen Mann an, bei dem er auch wohnt. Auf dem Weg dorthin sieht Oliver ein wenig von der Stadt die um ihn herum tanzt. Es gesellen sich immer mehr Jungs dazu (Consider Yourself – Komm, fühle dich ganz Zuhaus). In der Unterkunft angekommen, stellt sich heraus, dass der sehr ehrenvolle Mann niemand anderes ist als der Hehler Fagin. Er lässt die Jungen bei sich wohnen. Im Gegenzug dafür stehlen sie für ihn Schmuck, Geldbörsen, Taschentücher und eigentlich fast alles, was man zu Geld machen kann.

Spielerisch wird Oliver gezeigt, wie die Jungs dies machen (You’ve Got To Pick A Pocket Or Two – Mach die krummen Finger schön lang). Hier wird die Figur des Fagin ein wenig entschärft und erscheint gar nicht mehr so böse als er laut der literarischen Vorgabe eigentlich ist.
Er bringt die Jungen zu Bett. Bei Oliver bleibt er noch eine Weile sitzen. Die Naivität und Unschuld des Jungen sowie sein engelsgleiches Gesicht haben es ihm angetan. Man merkt, dass er doch ein klein wenig Herz hat. Danach geht er in eine Bar in der Nähe. Dort trifft er auf den Dieb Bill Sikes, der ihm gestohlene Waren übergibt, die er zu Geld machen soll. In der Bar arbeitet Nancy als Sängerin.

oliver (c) columbia pictures

Original Filmplakat 1968 (c) Columbia Pictures

Am nächsten Morgen lernt Oliver Nancy kennen. Hier gibt es den Song „I’d Do Anything (Ich tu was Du willst)“ zu hören. Während diesem stellen die Jungs eine Kutsche dar, mit der Dodger Nancy „durch die Gegend fährt“ – natürlich als feiner Herr, der für seine Dame alles tut. So nehmen sie gleich die reiche Gesellschaft Londons auf die Schippe. Davor sinnieren sie noch über das Leben mit „It’s A Fine Life (Das ist Leben)“. In der Verfilmung sing Nancy diesen Song abends in der Bar, nachdem Fagin von Bill Sikes das Diebesgut erhalten hat. Er drückt dort ihre Freude darüber aus, dass ihr Geliebter wieder aufgetaucht ist – am Ende folgt sie ihm nach und geht mit ihm in ihre Wohnung.

Nachdem Nancy den Unterschlupf der Jungs mit dem Geld für das Diebesgut, das sie nun von Fagin eingetrieben hat verlässt, schickt dieser die Jungs mit dem Song „Be Back Soon (Kommt gut heim)“ zur Arbeit. Oliver darf mit und wird prompt für den Dieb einer Brieftasche gehalten und festgenommen. Da Dodger die Brieftasche geklaut hatte und der Buchhändler, vor dessen Laden der Diebstahl stattfand, den wahren Dieb gesehen hat, wird Oliver entlastet. Mr. Brownlow, der seine Beschuldigung nun bereut, nimmt das Kind mit zu sich nach Hause.

Mit „Where Is Love? (Reprise) (Wer liebt mich? [Reprise])“ geht es nun zum ersten Mal in das Haus von Mr. Brownlow. Seine Haushälterin Mrs. Bedwin hält Wache am Bett von Oliver, der sich endlich einmal auf einer richtigen Matratze und in einer richtigen Bettdecke mit Kissen ausschlafen konnte. Am frühen Morgen füllt sich die Straße vor dem Haus mit verschiedenen Händlern, die ihre Waren feil bieten. Oliver stimmt in „Who Will Buy? (Wer will kaufen?)“ mit ein. Der Junge könnte vor Freude in diesem Moment die ganze Welt kaufen.

Mr. Brownlow meint nun, in dem Findling seine Nichte wiederzuerkennen. Diese war vor gut zehn Jahren verschwunden. Brownlow schreibt an das Arbeitshaus, aus dem Oliver abverkauft wurde. Währenddessen wird der Junge bei einem Botengang von Nancy abgelenkt und in eine Seitengasse gezogen. Bill Sikes hatte sie dazu beauftragt und bringt den Jungen nun zurück zu Fagin – inklusive schickem, neuen Anzug, einer höheren Banknote und den teuren Büchern, die er zum Buchladen zurückbringen sollte. Die Bande hatte Angst, dass das Kind sie verraten würde und sie alle an den Galgen kämen. Doch Oliver hatte geschwiegen.

Nancy bereut ihr Verbrechen, fragt sich, was sie eigentlich bei diesem Mann hält, bleibt ihm aber bis zum Ende treu (As Long As He Needs Me – Solange Bill mich will). Jedoch sucht sie Mr. Brownlow zuhause auf. Sie macht mit ihm einen Platz aus, an dem sie den Jungen zurückgeben will.

Im Film nimmt Sikes Oliver mit auf eine Diebstour, bei der sie beinahe erwischt werden. Zurück im Stammlokal bringt Nancy die Gäste dort zum Singen, so dass Fagin und Sikes unaufmerksam werden. Sie fliegt mit dem Kind. Doch Sikes fällt das schon nach kurzem auf und er verfolgt sie. Kurz vor der Übergabe erwischt er Nancy und bringt sie um. Das macht ihn verrückt. Er greift nach dem Jungen und flieht mit ihm. Die Schreie der Frau waren jedoch zu hören und schon sind Polizisten und Leute von der Straße auf Sikes Spur. Er kommt auf der Flucht um. Oliver ist gerettet und kann nun in sein neues Zuhause zurück. Denn wie sich durch ein Gespräch mit Mr. Bumble herausgestellt hat, ist Mr. Brownlows Nichte Olivers Mutter.

page_1_thumb_large-oliverIm Musical ist Olivers Ergreifung das Ende des ersten Aktes. Der zweite beginnt in Nancys Bar mit dem Lied „Oom-Pah-Pah (Um-Pa-Pa)“, das Sikes und Fagin im Film ablenkt. Der Song ist eine Schunkel-Munkel-Nummer und lockert die Szenerie auf. Diese lustige und ausgelassene Stimmung wird von Bill Sikes unterbrochen „My Name (Bill Sikes)“. Düster und dunkel geht es nun weiter. Im Stück platzt Dodger in die Szene und erzählt von Olivers Festnahme. Wie zuvor bereits erwähnt, führt dies zur Auflösung der Band und Olivers neuem Leben.

Aber nicht nur Oliver beginnt ein neues Leben. Fagin hatte, nachdem Oliver vermeintlich verdächtigt wird, eine Brieftasche geklaut zu haben, schon einmal darüber nachgedacht, sich mit seinem angesammelten Schatz aus dem Staub zu machen und die Bande zu verlassen. Er ging jedoch wieder zurück. In der Nacht jedoch, als Sikes Nancy tötet, will er nun endgültig abhauen. Jedoch landet sein ganzer Schatz im Schlamm der Straßen Londons.

Am Ende wird wieder einmal gezeigt, wie viel Einfluss diese eigentliche Nebenrolle auf das Stück hat. Ab dem ersten Auftritt von Fagin, wird Oliver zur Nebenrolle, auch wenn er eigentlich die Hauptperson ist. Besonders eben halt dieser zwielichtige Typ und auch der junge Dodger bleiben einem am Ende im Kopf. In der Verfilmung haben sie sogar „das letzte Wort“. Nachdem Oliver wieder sicher bei seinem Großonkel angekommen ist, gehen Fagin und Dodger neue Wege (Reviewing The Situation (Reprise) – Überdenke ich meine Lage [Reprise]).

Zudem ist Fagins Gesicht in einigen Logos zum Musical wieder zu erkennen. Dort werden mit Hilfe des Schriftzuges „Oliver“ die Gesichtszüge des alten, jüdischen Hehlers dargestellt.

Alles in allem ist Oliver ein großer Musicalspaß. Zwar etwas entschärfter als die eigentliche Geschichte, aber bestens dazu geeignet, diesen Stoff lesefaulen Menschen darzubringen. Ebenfalls macht er es Kindern leichter, einen Zugang zu den Umständen zu schaffen, mit denen Kindern früher zu tun hatten.

Die Titel und in ihrer Reihenfolge…

im Musical:

  • Food, Glorious Food (Brot, herrliches Brot) – Jungs im Arbeitshaus
  • Oliver! (Oliver!) – Bumble, Mrs. Corney, Oliver Twist und die Bande
  • I Shall Scream (Oh, ich schrei) – Corney and Mr. Bumble
  • Boy For Sale (Ein Bub zum Verkauf) – Bumble
  • That’s Your Funeral (Das ist Ihr Problem) – Sowerberry, Mr. Bumble und Mrs. Sowerberry
  • Where Is Love? (Wer liebt mich?) – Oliver Twist
  • Consider Yourself (Komm, fühle dich ganz zuhaus)– The Artful Dodger, Oliver Twist und das Ensemble
  • You’ve Got To Pick A Pocket Or Two (Mach die krummen Finger schön lang) – Fagin, Oliver Twist und die Bande
  • It’s A Fine Life (Das ist Leben) – Nancy und Bet
  • I’d Do Anything (Ich tu was Du willst) – The Artful Dodger, Nancy, Oliver Twist, Bet and Fagin
  • Be Back Soon (Kommt gut heim) – Fagin, The Artful Dodger, Oliver Twist and Boys
  • Oom-Pah-Pah (Um-Pa-Pa) – Nancy und das Ensemble
  • My Name (Bill Sikes) – Bill Sikes
  • As Long As He Needs Me (Solange Bill mich will) – Nancy
  • Where Is Love? (Reprise) (Wer liebt mich? [Reprise]) – Mrs. Bedwin
  • Who Will Buy? (Wer will kaufen?) – Oliver Twist und das Ensemble
  • It’s A Fine Life (Reprise) (Das ist Leben [Reprise]) – Bill Sikes, Nancy, Fagin and Boys
  • Reviewing The Situation (Überdenke ich meine Lage) – Fagin
  • Oliver! (Reprise) (Oliver! [Reprise]) – Mr. Bumble und Mrs. Corney
  • As Long As He Needs Me (Reprise) (Solange Bill mich will [Reprise]) – Nancy
  • Reviewing The Situation (Reprise) (Überdenke ich meine Lage [Reprise]) – Fagin
  • Quelle: diverse CDs
in der Verfilmung:

  • „Overture“ – The Orchestra
  • „Food, Glorious Food“/“Oliver!“ – Mark Lester/Harry Secombe
  • „Boy for Sale“ („Ein Kind zum Verkauf“) – Harry Secombe
  • „Where Is Love?“ („Hat mich jemand lieb?“)– Mark Lester
  • „Pick a Pocket or Two“ („Aus fremden Taschen holst es auch du“)– Ron Moody
  • „Consider Yourself“ („Komm´fühl dich bei uns zuhaus!“) – Mark Lester/Jack Wild
  • „I’d Do Anything“ („Ich tu jederzeit“)– Mark Lester/Ron Moody/Shani Wallis/Sheila White/Jack Wild
  • „Be Back Soon“ („Kommt gesund zurück“) – Ron Moody
  • „As Long as He Needs Me“ – Shani Wallis
  • „Who Will Buy?“ – Mark Lester
  • „It’s a Fine Life“ („Lasst uns feiern“) – Shani Wallis/Sheila White
  • „Reviewing the Situation“ („Es gibt noch Chancen)“) – Ron Moody
  • „Oom-Pah-Pah“ – Shani Wallis
  • „Finale“ („Where is Love?“/“Consider Yourself“) – Ensemble/The Orchestra
  • Quelle: Soundtrack CD/DVD

Die Darsteller im Film

  • Mark Lester: Oliver Twist
  • Ron Moody: Fagin
  • Shani Wallis: Nancy
  • Oliver Reed: Bill Sikes
  • Harry Secombe: Mr. Bumble
  • Jack Wild: Artful Dodger
  • Hugh Griffith: Magistrate
  • Joseph O’Conor: Mr. Brownlow
  • Peggy Mount: Mrs. Bumble (im Musical Mrs. Corney – sie und Mr. Bumble bändeln erst an)
  • Hylda Baker: Mrs. Sowerberry
  • Leonard Rossiter: Sowerberry (im Film kommt er auf die Idee mit dem Leichenbegleiter)
  • Kenneth Cranham: Noah Claypole (der Geselle beim Bestatter)
  • Megs Jenkins: Mrs. Bedwin (Mr. Brownlows Haushälterin)
  • Sheila White: Bet (Nancys Freundin)
  • Wensley Pithey: Dr. Grimwig
  • James Hayter: Mr. Jessop
  • Elizabeth Knight: Charlotte (Angestellte beim Bestatter)
  • Norman Mitchell: Polizist
  • Quelle: OLIVER! DVD

Text: Nathalie