65 wilde Jahre: Old Surehand feierte Premiere in der Geburtstagssaison der Karl May Spiele Bad Segeberg

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Der Startschuss für die Saison ist gefallen

Am 24.06.17 war es wieder so weit:  die Bad Segeberger Karl May Festspiele öffneten zum 66. Mal ihre Pforten in den Wilden Westen. Es war der Tag der Premiere von „Old Surehand“! Dieses Jahr hatte man wieder das Glück eines zwar kühlen, aber trocknen Wetters. Also konnte die Premiere ohne Unterbrechungen stattfinden. Im letzten Jahr musste wegen starken Regenfalls in der Pause abgebrochen werden.

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v.l.n.r. Geschäftsführerin Ute Thienel, Ministerpräsident a. D. Peter-Harry Carstensen und Bad Segebergs Bürgermeister Dieter Schönfeld

Wie in jedem Jahr wurde eine prominente Persönlichkeit ausgewählt, die den Startschuss zur Eröffnung der Saison abgeben durfte. Nachdem in den letzten Jahren der designierte Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Torsten Albig (er war noch bis zum 28.06.17 in dem Amt, übernahm aber keine öffentlichen Auftritte mehr), oder auch Schauspieler Reiner Schöne diese Ehre übernommen hatten, löste in diesem Jahr Ministerpräsident a.D. Peter-Harry Carstensen den Schuss aus. Zuvor bedankte er sich jedoch für die gute Arbeit bei der Geschäftsführerin der Kalkberg GmbH, Ute Thienel, und dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Bad Segebergs Bürgermeister Dieter Schönfeld.

Das Buch von Michael Stamp hat wieder einen guten Spannungsbogen. Auch dürfen bei ihm die komischen Momente nicht fehlen. Diese sind gekonnt gesetzt und drohen nicht in Richtung Slapstick abzurutschen. Die Figur des französischen Kochs Francois ist zwar erfunden, fügt sich aber gut in die Geschichte ein und wirkt in keiner Sekunde „lästig“, sondern sehr erfrischend.

Die Regie von Norbert Schultz jr. ist gut durchdacht und die Charaktere sind perfekt ausgearbeitet. Man hat jeden einzelnen Charakter erkennen können. Auch führt er seine Protagonisten zielstrebig zum großen Showdown hin.

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Der ehemalige Saloon von Mother Thick wird im Laufe des Stückes zu neuem Leben erweckt

Das Bühnenbild von Andreas Freichels ist sehr detailgetreu dem Wilden Westen nachempfunden. Er hat auch einige raffinierte technische Tricks verbaut, die der Handlung noch speziellen Flair geben. Mit dem „Devil´s Head“ wurde zudem die Möglichkeit des Einsatzes einer Drehbühne wiederbelebt wie sie in den 90er Jahren öfters genutzt wurde.

Die Kostüme von Dirk Zilken passen sich dem Bühnenbild an und geben dem Flair des wilden Westens eine weitere passende Note. Der gebürtige Hannoveraner arbeitete schon für die damalige Stella AG, die Musicals wie „Les Misérables“, den „Glöckner von Notre Dame“ und viele andere in Deutschland produziert hatte. In diesem Jahr gehört er zum ersten Mal zum Karl-May-Team und schafft es, mit seinen Entwürfen zu bezaubern. Mit viel Liebe zum Detail setzten die Damen der Schneiderei diese um.

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Selbst der Felsen in der Mitte der Bühne spuckt Feuer. Old Surehand und Apanatschka rüsten sich für ihren finalen Kampf.

Das Team der Preuss Effekte GmbH hat das Bühnenbild mit spannenden visuellen Effekten und Pyrotechnik komplettiert. Während des furiosen Finales knallt und zischt es aus allen Kanonen.

Der Choreograph Jean Marc Lebon hat mit seinen Tänzen jeweils den richtigen Ausdruck einer bestimmten Situation getroffen, so sind beispielsweise die Tänze im Salon oder die Ritualtänze der Indianer gekonnt in Szene gesetzt.

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Das Stuntteam um Dr. Steve Szigeti hat auch dieses Jahr einiges zu tun. Die Actionszenen sind gekonnt und präzise umgesetzt. Sei es als brennender Mann, bei Kämpfen in der Arena mit den Darstellern oder bei Stürzen von hohen Felsen, wie immer ist alles gekonnt umgesetzt. Ein Highlight in diesem Jahr sind sicherlich die Stunts rund um die Seilbahn, die quer über die Spielfläche gespannt ist und mit der nicht nur Fässer von links nach rechts transportiert werden. Die Flucht von General Douglas zieht sich zudem über drei Ebenen bis zur höchsten Stelle der Fortkulisse.

Tierische Darsteller der Lüfte

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„Winnetou“ Jan Sosniok mit Schreiseeadlerdame Mali

Des Weiteren darf natürlich auch dieses Jahr „Ko-inta, das Feuerauge“, dargestellt von der afrikanischen Schreiseeadlerdame „Mali“, die in der Show auf dem Arm von Winnetou landet, nicht fehlen. Wie jedes Jahr geht in diesem Moment immer ein ehrfürchtiges Raunen durch die Menge. Warum wird nicht ein Weißkopfseeadler für die Auftritte eingesetzt, mag sich nun manch einer fragen? Schreiseeadler sind wendiger und können sich den Gegebenheiten so einer Freilichtbühne besser anpassen.

In diesem Jahr hat sie Unterstützung von einem Wüstenbussard der bei einem indianischen Ritual seine Runde über die Arena dreht und punktgenau landen soll. Während der Premiere wollte das leider nicht so klappen, was wieder einmal zeigt, dass die Tiere ihren eigenen Sinn haben. „Herkules“, so sein Name, wollte partout nicht auf dem Arm von Schauspieler Ben Bremer landen, sondern zog es vor, einen der Lautsprechermasten als Ziel zu nehmen

Die Cast ist wieder mit bekannten Darstellern besetzt

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„Winnetou“ Jan Sosniok und „Old Surehand“ Alexander Klaws warten auf ihren Einsatz um für das Gute zu kämpfen

Alexander Klaws, bekannt aus DSDS, Let’s Dance, sowie Musicals wie „Tanz der Vampire“ oder „Tarzan“, spielt den Old Surehand. Er hat ein sehr gutes Rollenverständnis für den Charakter entwickelt, sodass er den mit einem persönlichen Geheimnis behafteten Westmann und Scharfschützen sehr authentisch spielt. Man fiebert die ganze Zeit mit ihm mit. Zum Feuerwerk am Premierenabend ließ er es sich nicht nehmen, seinen Song „Free like the Wind“ selbst vorzutragen.

Jan Sosniok ist bekannt aus Film und Fernsehen und spielt bereits zum 5. Mal den Apachen Winnetou: Er ist die perfekte Besetzung für die Rolle. Seine ruhige und angenehme Stimme ist sehr ausdrucksstark und lässt bei seinem Monolog am Schluss das Publikum gebannt an seinen Lippen hängen. Aber auch in den Aktionszenen zeigt er, dass er ein starker und ausdrucksvoller Kämpfer ist. Somit erfüllt er die Rolle voll und ganz! Während der Premiere hatte er leider das Pech, das genau bei seinem ersten Auftritt sein Mikrofon ausfiel. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich folgend sehr nah an seine Kollegen zu stellen, damit man ihn mit Hilfe deren Mikros verstehen konnte. Dies erregte zu Beginn Gelächter, wurde dann aber mit ausreichenden Applaus und Jubel bedacht. Nun gut, es ist nicht schön, wenn etwas schiefgeht, aber gerade auch das gehört zu dem, was den Flair dieser Festspiele ausmacht.

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Sila Sahin als „Lea Tshina“ und Ben Bremer als „Tibo Taka“

Sila Sahin, bekannt aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, spielt die Comanchin Lea-Tshina:  Bei ihrem ersten Auftritt merkt man noch ihre Aufregung, die sie aber dann schnell ablegt und sich in  eine gefühlvolle aber auch starke Frau verwandelt. Auch sie spielt ihre Rolle sehr authentisch. Während einer der Zeremonien der Indianer sieht man Sila Sahin tanzend auf der Bühne – belegte  sie doch im Jahr 2013 bei „Let‘s Dance“ den zweiten Platz. Hier darf sie nun von ihrem Können etwas einbringen.

Ben Bremer spielt „Tibo-Taka“, den autoritären Medizinmann, der nur auf seine eigene Vorteile bedacht handelt, mit sehr viel Intensität. Auch als seine Rolle sehr fanatisch wird, ist es keinesfalls überspitzt und wenn sich dann noch eine überraschende Wende vollzieht, kann man es ihm voll und ganz abnehmen. Er hat seinen Charakter jederzeit unter Kontrolle. Es ist schön, den Klang seiner Stimme, die einer tiefen Glocke gleicht, wieder zu hören. Sie lässt den gesamten Kalkberg erbeben.

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Mathieu Carrière als „General Douglas“ und Joshy Peters als „Old Wabble“ begutachten einen Fund, der der Inbegriff ihrer Begierde ist: einen Rohdiamanten

Mathieu Carrière, auch bekannt aus Film und Fernsehen, spielt den General Douglas: Optisch ein passender General. Die Darstellung bleibt jedoch leider ein wenig eindimensional. Man kann die Facetten des hinterlistigen Schurken und Gegenspielers Old Surehands nicht erkennen. Während seines ersten Auftritts legte ihm Autor Michael Stamp passend zur Situation im Stück folgenden Satz in den Mund: „Was? Ein mieser Charakter im weißen Haus? Wer glaubt denn sowas?“ – ein Schelm, der Böses dabei denkt.  (Es geht um einen Friedensvertrag, den der General erst den Indianern aushändigen will, wenn diese ihm die Lage eines geheimen Ortes mit einer Diamantmine verraten).

Joshy Peters, bereits im 30. Jahr bei den Festspielen dabei, spielt den Old Wabble: Wieder zeigt er, dass er die unterschiedlichsten Rollen spielen kann. Dieses Mal spielt er einen Indianer mordenden, höchst ungeduldigen, geldgierigen und nicht nachdenkenden Westmann. All diese Facetten zeigt er sehr authentisch und man möchte ihn am liebsten persönlich vom Pferd holen und zurechtweisen. Maskenbildnerin Pia Norberg sorg dafür, dass der Schauspieler im wahrsten Sinne des Wortes richtig alt aussieht. In Karl Mays Roman wird die Figur als rüstiger über 90jähriger Mann beschrieben – und so sieht er, dank der Maske, letztendlich dann auch aus.

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Alexander Klaws, Simone Ritscher und Max König

Max König, bekannt aus der Fernsehserie „In aller Freundschaft“, ist neu am Kalkberg und spielt Apanatschka, den Sohn des Medizinmanns der Comanchen: Die Entwicklung vom rachedurstigen jungen wilden Indianer hin zum erwachsenen, verantwortungsbewussten Häuptling gelingt ihm mühelos. 2014 und 2015 spielte er bereits bei den Karl May Spielen im österreichischen Winzendorf. Seit 1993 hat er als Zuschauer regelmäßig die Bad Segeberger Festspiele besucht. Er weiß also ganz genau, worauf es auf so einer Freilichtbühne ankommt und das setzt er in die Tat um. Er ist stimmlich, darstellerisch und auch in den Kampfszenen wahrlich ein Gewinn für die Bühne.

Simone Ritscher, bekannt aus Film und Fernsehen, spielt Kolma Puschi, das Schwarze Auge. Schon ihr erster Auftritt zeigt eine starke, geheimnisvolle Ausstrahlung, sowie eine gewisse Mystik. Aber auch die Frau, die nach einem harten Schicksalsschlag auf der Suche nach ihren Kindern ist, bringt sie glaubhaft dem Publikum näher.

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Stephan Tölle („Pitt Holbers“), Patrick L. Schmitz („François“ und Harald Wieczorek („Dick Hammerdull“ mit der „Bomb Surprise“

Patrick L. Schmitz ist François. Er spielt den aus Frankreich stammenden Koch mit einem sehr authentischen Akzent. Sein Charakter ist für die meisten komischen Momente zuständig. Diese setzt er perfekt und gekonnt in Szene. Er sorgt für die Gesangseinlage im Stück, die nicht fehlen darf. Auch ein paar kleine Kämpfe bleiben für ihn im Stück nicht aus. Hier schlägt er sich mit Baguette und Bratpfanne gekonnt durch die feindlichen Reihen und serviert sogar eine „Bomb Surprise“ – eine wirklich überraschende Tortenkreation für die bösen Buben im Fort Terrel.

Stephan Tölle spielt Pitt Holbers, den Westmann, der immer gut für ein Fettnäpfchen ist, setzt er gekonnt in Szene. Auch er hat die komischen Momente in seiner Rolle, die er auch perfekt an das Publikum bringt. Sein Talent, jedwede Dinge gekonnt zu jonglieren, darf er hier auch wieder zeigen. Zusammen mit Harald Wieczorek begleitet er Francois bei dessen Eskapaden im Wilden Westen. So bilden sie das Trio, das für den kleinen Spaß am Rande sorgt.

Harald Wieczorek ist schon 5 Jahrzehnte dabei und in diesem Jahr gleich in zwei Rollen zu sehen: Zum Einen als Vupa Umugi, der große Donner (eine der vielen Rollen, in der er die Bühne mit den Füßen zuerst verlässt), und als Dick Hammerdull (hier darf er sich von seiner komödiantischen Seite zeigen). Beide Rollen werden von ihm mit den richtigen Charaktereigenschaften gespielt und dem Publikum näher gebracht.

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Als Erzähler wurde erneut Reiner Schöne engagiert. Der Schauspieler stand 1996 und 2002 selbst auf der Bühne des Freilichttheaters und ist dem Stammpublikum noch in guter Erinnerung. Die Sicherheitsansage wird wieder von Marek Erhardt übernommen. Der Hamburger gehörte 2011 als „Der Ölprinz“ im gleichnamigen Stück mit zum Ensemble und machte Winnetou eine Saison lang das Leben schwer.

Die Kleindarsteller, Reiter und Tänzer sind super besetzt und man sieht ihnen die Spielfreude an. Dem gesamten Karl-May-Team ist wieder einmal eine tolle Westerngeschichte für Jung und Alt gelungen!

„Old Surehand“ ist noch bis 03. September zu sehen. Donnerstag bis Samstag 15 Uhr und 20 Uhr, Sonntag nur 15 Uhr.

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Wer Spaß an Karl May und seinen Geschichten hat, sollte sich das keinesfalls eingehen lassen. Bad Segeberg ist immer eine Reise wert!

Text: Michaela
Bilder: Nathalie