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My Fair Lady – Bielefeld 2018/2019

Mein Gott, jetzt hat sie`s“

Premiere & rezensierte Vorstellung: 21.09.2018

Oberst Pickering (Kai Hufnagel), Eliza Doolittle (Theresa Christahl), Prof. Henry Higgins (Alexander Franzen), © Bettina Stöß

Oberst Pickering (Kai Hufnagel), Eliza Doolittle (Theresa Christahl), Prof. Henry Higgins (Alexander Franzen), © Bettina Stöß

„My Fair Lady“ ist ein Klassiker schlechthin in der Musicalszene. Uraufgeführt 1956 und thematisch aktueller denn je. Die Geschichte basiert auf Bernhard Shaws „Pygmalion“ (1913), welches dieser selbst als Romanze für die Bühne adaptierte. Das Ganze lässt sich als ein Plädoyer für die Rechte der Frau lesen und das wird auch in der Bielefelder Inszenierung von Thomas Winter immer wieder deutlich.

Die Saaltüren des Stadttheaters schließen sich und die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von William Ward Murta beginnen die Ouvertüre des Stückes zu spielen. Als Besucher kommt man in diesen Minuten an, entspannt und lauscht dem, was einen in den nächsten gut drei Stunden erwarten wird. Das Licht im Saal wird allmählich gedimmt, an der Deckenkonstruktion finden kleine Lichtspiele statt bis der Zuschauerraum verdunkelt ist.

© Bettina Stöß

© Bettina Stöß

Der Vorhang öffnet sich und Prof. Henry Higgins (Alexander Franzen) sitzt in seinem Arbeitszimmer an einem alten Grammophon. Er spult immer wieder eine Aufnahme einer jungen Frau zurück, die eine Lady in einem Blumenladen sein möchte. Im nächsten Moment tritt Higgins als Erzähler an den Bühnenrand, im Hintergrund dreht sich die Bühne und innerhalb weniger Sekunden befindet man sich vor dem Londoner Opernhaus „Covent Garden“.

Durch eine Verkettung von Missverständnissen wird das Blumenmädchen Eliza Doolittle (Theresa Christahl) zum Zankapfel zwischen Higgins und Oberst Pickering (Kai Hufnagel). Die beiden Wissenschaftler der Phonetik schließen eine Wette ab: Higgins behauptet Pickering gegenüber innerhalb von sechs Monaten Eliza von ihrem starken Dialekt zu befreien und mit Manieren zu versehen. Ziel soll der Diplomatenball sein, bei dem Eliza der High Society vorgestellt werden soll.

Alfred P. Doolittle (Dirk Audehm) & Eliza Doolittle (Theresa Christahl) © Bettina Stöß

Alfred P. Doolittle (Dirk Audehm) & Eliza Doolittle (Theresa Christahl) © Bettina Stöß

Das Bühnen- und Kostümbild von Ulv Jakobsen entführt einen nicht nur ins London von 1912, sondern schafft es, dass die gesamte Vorstellung wirkt als sei man am Broadway oder gar in einer Kinovorstellung. Die Möglichkeiten der Bielefelder Bühne überraschen einen immer wieder. Mit Hilfe der Drehbühne lassen sich geschmeidige Übergänge zu den verschiedenen Handlungsorten erzeugen. Beeindruckend sind aber auch die Möglichkeiten, wie die gesamten Bühnenelemente wie in einem Sog nach hinten gezogen werden und im nächsten Moment ein wunderschöner Kronleuchter die Bühne erhellt. Hier werden wirklich alle Register gezogen, die die Bühnentechnik hergibt.

© Bettina Stöß

© Bettina Stöß

Das Ensemble für „My Fair Lady“ hätte besser nicht besetzt werden können. Als Eliza Doolittle verzaubert Theresa Christahl das Publikum. Mit ihrer natürlichen Art haucht sie Eliza etwas Besonderes ein. Stimmlich überzeugt sie an diesem Abend von der ersten bis zur letzten Sekunde. Man möchte ihr gerne noch viel länger zuhören.

Alexander Franzen verkörpert in der Premiere Prof. Henry Higgins. Zuletzt beim „Molekül“ auf der Bielefelder Bühne gestanden, ist er nun wieder zurück und überzeugt auf ganzer Linie. Der ewige Junggeselle Higgins wird gekonnt in Szene gesetzt. Mit seiner warmen Stimme kann Franzen ebenfalls gesanglich punkten. Franzen teilt sich die Rolle mit Nikolaj Alexander Brucker, es gilt den Abendaushang zu beachten.

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Prof. Henry Higgins (Alexander Franzen) © Bettina Stöß

Neu am Theater Bielefeld sind Kai Hufnagel als Oberst Pickering und Dirk Audehm als Alfred P. Doolittle. Beide sind mit ihrem komödiantischen Talent nicht zu überbieten. Mimik und Gestik bringen beide so auf den Punkt, dass man selbst bei Kleinigkeiten, die im Hintergrund passieren, schmunzeln muss.

Vor allem Audehm kommt in den Genuss der tollen Choreographien von Thomas Klotz (in Zusammenarbeit mit Michaela Duhme), egal ob bei „Mit nem kleenen Stückchen Glück“ oder „Bringt mich pünktlich zum Altar“. Auch die weiteren Choreographien sind stimmig und passen zum Gesamtbild.

Lorin Wey verkörpert Freddy Eynsford-Hill und gibt damit sein Musical-Debüt in Bielefeld. Ein Hauch von Sinatra wehte durch den Theatersaal bei „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“. Ob sich Eliza am Ende für Freddy oder Higgins entscheidet, bleibt offen.

Freddy Eynsford-Hill (Lorin Wey) & Eliza Doolittle, © Bettina Stöß

Freddy Eynsford-Hill (Lorin Wey) & Eliza Doolittle, © Bettina Stöß

Die Herzen des Publikums flogen vor allem Monika Mayer als Mrs. Higgins zu. Jahrelang gehörte sie zum festen Ensemble in Bielefeld. Für „My Fair Lady“ ist sie zurückgekehrt und überzeugt auf eine ganz besondere herzliche Art und Weise.

Melanie Kreuter, die Allzweckwaffe in Bielefeld, wirkte in den letzten Spielzeiten so ziemlich in jedem Musical mit und schlüpfte so in die verschiedensten Charaktere. Nun steht sie als liebenswürdige Mrs. Pearce auf der Bühne und auch bei ihr sind es die vielen Kleinigkeiten, die die gesamte Inszenierung zu etwas Besonderem machen.

Nicht zu vergessen sind die Sängerinnen und Sänger des Bielefelder Opernchores, die vor allem ihre Stimmgewalt in den größeren Ensemble-Nummern, wie z.B. dem Pferderennen in Ascot, unter Beweis stellen können.

© Bettina Stöß

© Bettina Stöß

Fazit: Thomas Winter hat mit seinem Team eine ganz besondere „My Fair Lady“ auf die Bielefelder Bühne gebracht. Vor allem die Auftritte Higgins‘ als Erzähler, welcher teilweise schon philosophisch daherkommt, geben der gesamten Inszenierung einen neuen Touch. Am Ende ist es nicht nur ein Plädoyer an die Frau, sondern an das ICH eines jeden.

Termine und Resttickets gibt es unter www.theater-bielefeld.de


Artikel von Anna-Virginia

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