Musiktheaterregisseur Erik Petersen im Interview

Alles begann mit einem Klavier

“Schau mal Opa, das schöne Klavier.” Dies war der erste Satz, den Erik Petersen auf einer Theaterbühne gesprochen hat – bei einem Loriot-Abend des Theaters Magdeburg. Damals war er zehn Jahre alt und musste während des gesamten Sketches Bienenstich essen. “Ich hasse Bienenstich – bis heute”, gesteht Erik Petersen, als er sich an seine Anfänge auf den Theaterbrettern zurückerinnert.

ErikPetersen

Heute, über 20 Jahre später, ist der gebürtige Magdeburger dem Theater immer noch treu. Doch steht er selbst nicht mehr auf der Bühne, sondern hält als Regisseur die Fäden seiner jeweiligen Inszenierungen in der Hand. “Wer hätte damals schon gedacht, dass aus dieser Kleinstrolle einmal mein Beruf wird? Ich nicht”, gibt Petersen unumwunden zu. Denn zu seiner ersten Rolle und zum Theater überhaupt ist er gekommen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde. “Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort”, erzählt er. Es war Zufall, dass er nach einem Konzertbesuch (sein Onkel spielte im Polizeiorchester von Sachsen-Anhalt) im Theater auf die damalige Leiterin der Statisterie traf. Ein paar Tage nach diesem Aufeinandertreffen kam ein Anruf und Erik hatte seine erste Rolle.
Von da an ging es Schlag auf Schlag. Typische Statistenrollen in Opern und Operetten, später Kleinstdarstellerrollen (z.B. Berlin Alexanderplatz) bis hin zu kleinen Sprech- und Tanzrollen in Musicals wie “Linie 1” oder “Fame”. Und ganz langsam entwickelte sich bei dem inzwischen jungen Mann, der, wie er selbst sagt, aus keiner besonders theateraffinen Familie stammt, eine tiefere Liebe zu den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch vorerst blieb das Theater nur ein Hobby. Petersen lernte an der Stadtbibliothek Magdeburg den Beruf des Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste, leistete seinen Zivildienst ab und zog dann nach Hamburg, um dort an einer Bibliothek zu arbeiten und an den dortigen Theatern zu hospitieren.

Im Jahr 2010 kam dann wieder der Zufall ins Spiel: Erik Petersen traf den Regisseur Nico Rabenald wieder, in dessen Magdeburger Inszenierungen er einige Jahre zuvor auch als Statist mitgewirkt hatte, und dieser holte ihn als Regieassistenten für “Carmen – ein deutsches Musical” zu den Bad Hersfelder Festspielen. Im Jahr darauf assistierte er Gil Mehmert bei “Sunset Boulevard”. “Gil Mehmert wurde mein Mentor und durch ihn habe ich mein Handwerk erlernt”, erzählt Erik Petersen. Ihr gemeinsamer Weg führte sie schließlich 2013 in Petersens Heimatstadt. Hier inszenierten sie “Les Misérables” für das Domplatz Open Air. Auch hier war Petersen Mehmerts Assistent. Doch als der Regisseur 10 Tage vor der Premiere wegen eines Unfalls quasi ausfiel, übernahm er die Endproben dieses Mammutwerkes vor heimischer Kulisse. „Das war schon eine ganz besondere Situation“, verrät er. „Schließlich kenne ich viele der beteiligten Künstler und Theatermitarbeiter schon seit meiner Kindheit, das war schon eine ganz besondere Energie. Aber in solchen Momenten merkt man, was eine Gemeinschaft ausmacht.“

Nach diesem Sommer entschied sich Erik Petersen für die Laufbahn des freischaffenden Regisseurs. „Das war anfangs nicht immer einfach“, erzählt er, „denn ich habe ja weder Regie noch Theaterwissenschaften oder ähnliches studiert. Aber ich habe jede Menge praktische Erfahrungen.“ Diese Erfahrungen wissen augenscheinlich viele Intendanten zu schätzen, denn Erik Petersen ist inzwischen ein gefragter und gut gebuchter Musiktheater-Regisseur. Seine besondere Liebe gilt dem Musicalgenre. Er inszenierte u.a. „Footloose“ und „Evita“ in Darmstadt, „Jesus Christ Superstar“ in Oldenburg, „Der kleine Horrorladen“ Oper Bonn und in seiner Heimatstadt Magdeburg „Crazy for you“ und „Hair“ als Domplatz Open Air. Doch auch Opern („La Cenerentola“, Uraufführung „Geisterritter“) und Operetten („Frau Luna“, „Nacht in Venedig“) gehören zu seinen Produktionen. Die „Nacht in Venedig“ inszeniert er wieder in seiner Heimatstadt Magdeburg. Am 10. Februar 2018 ist Premiere.

"Nacht in Venedig" am Theater Magdeburg © Nilz Böhme
“Nacht in Venedig” am Theater Magdeburg © Nilz Böhme

Wie lange er braucht, um sich ein neues Stück zu erschließen? „Das ist von Stück zu Stück unterschiedlich, mal kommen die Ideen schneller, manchmal dauert es etwas länger“, so Petersen. Doch ein bis anderthalb Jahre von der ersten Idee bis zur Premiere sei kein ungewöhnlicher Zeitraum und er verrät: „Meine Methode ist es, das Stück komplett abzutippen. Dann erschließt es sich mir inhaltlich und auch sprachlich erst komplett.“ Er hat auch keine Probleme damit, sich andere Inszenierungen des Stückes anzuschauen und sich inspirieren zu lassen. Jedoch: „Ich bin noch jung und ich gehöre zu einer Generation von Theatermachern, die Neues ausprobieren möchte, vielleicht auch Ungewöhnliches wie z.B. Crossover-Projekte zwischen Musical und Oper. Aber dazu braucht es Mut, auch von Seiten der Verantwortlichen in der Theaterlandschaft, und daran fehlt es oft noch.“

Erik Petersens Anspruch ist es, seine Inszenierungen auch für jüngeres Publikum zu erschließen, ohne dabei jedoch die jahrelangen Theatergänger zu vergraulen. „Ich versuche, Frische in meine Stücke zu bringen, ohne sie durch übertrieben viel Moderne zu entstellen. Ich möchte Humor, aber keinen Klamauk. Und ich wünsche mir, Theater für die ganze Familie zu machen.“

Die Chance dazu hat er gleich im Anschluss an die Premiere der „Nacht in Venedig“. Dann inszeniert er die Familienoper „Pinoccio“ am Landestheater Coburg.


Interview: Karina