Musical Melodies: Ein Abend mit viel Gefuuuhl

Theater Akzent, Wien
3.
Januar 2018

18622476_1349510715085155_8549498733367391181_n

Ob Bühnenprofis dazu in der Lage sind, auch leicht kränkelnd eine Konzertpremiere perfekt zu meistern, davon konnte sich das Publikum von Mark Seibert und seinen Gästen Marle Martens und Lukas Perman zu Jahresanfang im Wiener Theater Akzent überzeugen lassen. Alle drei Protagonisten hatten in den vorangegangenen Tagen mit den, der Jahreszeit oft eigenen Erkältungsviren zu kämpfen und, wie der Gastgeber augenzwinkernd erklärte, war die Probe am Vortag eine durchaus ein- bzw. erstmalige Herausforderung besonderer Art.

Die Auflösung dieser Frage sei hier bereits vorweg genommen: Seibert und auch seine Gäste stehen, zwar immer noch leicht angeschlagen, aber nichtsdestotrotz gut gelaunt auf der Bühne. Nur geschulte Ohren können die noch vorhandenen Probleme in ihren Stimmen erahnen. Sehr witzig und begleitet von vielen Lachern, erzählt Mark daher auch, was ihm einer seiner amerikanischen Ausbilder für das Singen unter Krankheit mit auf den Weg gab. „Lass die Technik in der Garderobe und sing einfach mit Gefuuuhl… über das Gefuuuhl bekommst du auch in Ausnahmesituationen die Zuschauer auf deine Seite.“ Er muss sich genau das für seine Karriere sehr zu Herzen genommen haben, denn er ist dafür bekannt und beteuert auch immer wieder gerne, dass er häufig die Technik einfach Technik sein lässt und seine Lieder lieber mit viel Gefühl darbietet. Mit dieser „Nicht-Technik“ gelingen ihm seine eigenen, beeindruckenden, herzerwärmenden und Gänsehaut provozierenden Interpretationen immer wieder überaus gekonnt.

© Svoboda
© Svoboda

Das Konzept für dieses Format entstand eigentlich durch Zufall wie er schmunzelnd bemerkt. Auf Anfrage plante er ein Solokonzert für seine Fans im asiatischen Raum, dessen Funktion er mit dieser ursprünglich nur einmalig in Wien zur Aufführung kommen sollenden Veranstaltung, vor einheimischem Publikum „überprüfen“ wollte. Dass daraus eine Serie von jetzt sieben Konzerten wird, war zunächst nicht geplant. Man kann hier nur sagen „Vielen Dank, Mark, dass du auf das recht eindringliche Bitten deiner deutschen Fans entsprechend reagiert und weitere Termine möglich gemacht hast“.

Die Songliste von „Musical Melodies“ birgt für fleißige Seibert-Konzert-Besucher nur wenig Neues, jedoch trägt dieses Wenige dazu bei, auch bei dieser Veranstaltung wieder Gänsehautmomente entstehen zu lassen. Mit unter anderem „Hallelujah“ (Leonard Cohen) oder „Your Song“ (Elton John) findet er harmonische, zu seiner außergewöhnlichen Stimme passende, Popstücke, die das Publikum an diesem Abend gefühlsmäßig in eine romantische, balladenlastige Welt abtauchen lassen. Bewies Mark noch kurz vor Weihnachten, dass er es durchaus mit einer Bigband aufnehmen kann, so gestaltet er diese Konzertreihe bewusst in dem von ihm bevorzugten intimen Rahmen. Begleitet wird er dabei musikalisch lediglich von Christian Frank am Klavier und der zauberhaften Linde Hertel am Cello. Mit Marle Martens und Lukas Perman holt er sich sehr passende gesangliche Pendants dazu, um ein abwechslungsreiches Programm zum Besten geben zu können.

© Svoboda
© Svoboda

Die Reaktion des Publikums, auf seine zunächst bis Ende Dezember verkörperte Rolle des Vampirgrafen von Krolock, zeigt große Zustimmung bei einer emotionalen Interpretation der „Totalen Finsternis“, allerdings gipfelnd in „Die unstillbare Gier“. Hier zeigt Seibert, wie steil bergan seine Entwicklung gerade in dieser Rolle seit seinem „ersten Mal“ gestiegen ist. Es gelingt ihm – eigentlich Tenor – seine Stimme gekonnt einige Töne tiefer zu schrauben und so einen überaus glaubhaften Grafen zu kreieren. Nach einem verdienten Urlaub kehrt er, ab Mitte Februar, noch einmal zu Umhang und Zähnen ins Wiener Ronacher zurück.

Während der Kommunikation mit seinem „ziemlich guten Freund“ Lukas zeigt sich in jedem einzelnen Wort, dass sie dies wirklich sind – ziemlich gute Freunde -, übrigens der Titel des ersten gemeinsamen Konzerts der Beiden Anfang Juni diesen Jahres. Nicht nur die Beiden auf der Bühne lachen und witzeln, auch die Zuschauer werden mitgenommen und erleben sehr heitere Minuten. Perman zeigt sein großes Können sowohl im Duett mit Mark „Don’t let the sun go down on me“ (Elton John) oder „Moon River“ (Frank Sinatra), als auch solo mit „Für Sarah“. Nicht zuletzt erntet er, für einen Song aus seinem derzeitigen Engagement, der allerdings eigentlich der weiblichen Hauptdarstellerin vorbehalten ist, „I am from Austria“, frenetischen Applaus. Beim Musical „I am from Austria“ – momentan ansässig im Wiener Raimund Theater – handelt es sich um ein Stück mit Liedern des österreichischen Liedermachers Reinhard Fendrich. Lukas, begleitet von seinem besten Freund auf der Gitarre, gelingt es trotz einheimischem Dialekt, nicht nur die Innigkeit des Songs ins Publikum zu übertragen, sondern sie schaffen es ebenso, die Zuhörer, unter denen sich sogar Fans aus Fernost – Shanghai – befinden, zum Mitsingen zu bewegen.

© Svoboda
© Svoboda

Nach der Pause zeigt der Gastgeber, dass er nicht nur seine Stimme als Instrument einsetzen kann, sondern auch einige selbige beherrscht. Beim Eröffnungssong zum zweiten Akt begleitet er sich selber auf einer Sitztrommel und nimmt später auch mehrfach seine Gitarre zur Hand. Einen verdienten Platz räumt er dem Pianisten des Abends ein, der ein Klavierarrangement, bestehend aus einem Medley von neun Popsong-Anfängen, zum Besten gibt. Christian Frank wurde an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien ausgebildet und ist als musikalischer Leiter, Dirigent, Arrangeur, Komponist und Bandleader tätig. Er war bereits für viele Musicals, Kammerspiele, Theater oder Revuen zuständig und begleitet einige Künstler bei ihren Soloprogrammen. Des Weiteren komponiert er Bühnenmusik, produziert Playbacks und leitete 2014 am Salzburger Landestheater das Mozarteumorchester. 2017 war er für die musikalische Leitung und die Arrangements der Erfolgsproduktion “Hair” in Amstetten verantwortlich. Heute kann er das Publikum eindrucksvoll überzeugen und hinterlässt großes Staunen – sicherlich ein unerwarteter Konzert-Höhepunkt.

© Svoboda
© Svoboda

Weitere tolle Momente sind ein überaus emotionales „Bring him home“, ein aggressiv-verzweifeltes „Wie kann es möglich sein“, vorgetragen vom Gastgeber sowie das vorerwähnte wunderschön-romantische „I am from Austria“ von Lukas. Das es – zwar nicht viele – aber auch heitere Duette gibt, beweisen die Protagonisten mit „Träum groß“, gesungen von Marle und natürlich Mark, der als Erstbesetzung zu Spielzeiten „Schikaneders“ der namengleichen Titelrolle Leben einhauchen durfte. Ebenso hinterlässt „Letzter Vorhang“ eine Träne nicht nur in den Augen der Fans, die das frühe Absetzen dieses großartigen, interessanten Stücks doch sehr bedauern. Als weiterer Höhepunkt muss „Moon River“ genannt werden. Die beiden Freunde erläutern, dass sie dies für die erste CD Seiberts eingesungen hätten, danach allerdings nie wieder zusammen performten. Mit der heutigen Interpretation allerdings, können sie einen herausragenden Schlusspunkt setzen.

© Svoboda
© Svoboda

Mark Seibert zeichnet mit diesem zwar nicht neuen, aber gelungenen Programm einen Bogen über einige seiner bisherigen Engagements und lässt auch einen Blick auf den kommenden Sommer zu, wo er als Gerold in „Die Päpstin“ an der Spielstätte Fulda zu sehen sein wird. Ein weiteres Engagement führt ihn nach Baden in Österreich, wo man ihn in “Bonnie & Clyde” erleben darf. Da „Musical Melodies“ durchaus auch mit „musikalische Melodien“ übersetzt werden kann, haben in diesem Programm auch die eingefügten Popsongs – neben der eigentlichen Passion des Gastgebers, den Musicalsongs – einen berechtigten Platz und peppen das Programm eindeutig auf.

Die Zuhörer werden bestens unterhalten und die Waage zwischen tiefen emotionalen Momenten, sowie heiteren Augenblicken bleibt stets im Gleichgewicht. Das Konzertformat beweist, man muss das Rad nicht neu erfinden, um seine Besucher zufrieden in die Wiener Nacht zu entlassen. Manchmal genügt es mit den richtigen Gästen die passende Mischung zu finden und dies mit genug Gefuuuuhl zu präsentieren.

© Svoboda
© Svoboda

All diejenigen, die an der Premiere in Wien nicht teilnehmen konnten, erwartet an den weiteren Stationen von „Musical Melodies in Concert“ ein Klangerlebnis, welches, nach Seiberts eigener Aussage, im Inhalt – sicherlich den unterschiedlichen Gästen geschuldet – durchaus variieren kann. Das Konzert wird neben einem weiteren Mal in Wien auch in Köln, gleich zwei Mal in Hamburg und ebenso zwei Mal in Shanghai – dem eigentlichen „Schuldigen“ für die Entstehung dieses Formates – zu hören sein. Für lediglich ein Hamburger Konzert (20.5.) sind noch wenige Restkarten verfügbar, zu erhalten unter www.firststagehamburg.de


Artikel von Astrid und Andrea

unser TourAbschlussBerichtMark Seibert – “Musical Melodies in Concert“-Tour 2018