Mark Seibert und Lukas Perman

 „ZIEMLICH GUTE FREUNDE“

Raimundtheater Wien – 4. Juni 2018

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Mitten im 6. Wiener Bezirk, „Mariahilf“, liegt das historische Raimundtheater mit seinen gut 1.250 Sitzplätzen. Musicals gelangen hier dienstags bis sonntags zur Aufführung, an Montagen ist in der Regel spielfrei und so könnte die heute vor dem Theater versammelte Menschenmenge für leichte Verwirrung sorgen. Dafür, dass dieses große Haus nämlich an solch einem eigentlich ruhigen Tag bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, und dieser Zustand beim Vorverkauf nach noch nicht einmal 24 Stunden erreicht wurde, sind zwei Herren verantwortlich, die sich selbst als „Ziemlich gute (wenn nicht sogar beste) Freunde“ bezeichnen. Die Rede ist von Mark Seibert und Lukas Perman, die bereits seit ihrer gemeinsamen Studienzeit am Wiener Konservatorium nicht nur kollegialen sondern ebenso guten privaten Kontakt pflegen.

Künstlerisch lesen sich ihre Lebensläufe zwar zunächst unterschiedlich, aber bei genauerem Hinsehen lassen sich durchaus einige Berührungspunkte, wenn auch nicht immer zeitgleich in den selben Produktionen, finden. Im vergangenen Jahr wurde dann folgerichtig – beide Protagonisten spielen zurzeit oder spielten kürzlich in ihrer Wahl-/Heimatstadt – aus einem lang gehegten Traum endlich ein konkreter Plan, welcher in einem traumhaften Konzert an eben diesem lauen Frühsommerabend gipfelt. Auf der Bühne vor vollbesetztem Haus stehen zwei gut gelaunte Gastgeber, unterstützt durch eine achtköpfige Bigband und drei Backingsänger/innen und wirken auf den ersten Blick beinahe ein wenig nervös. Bereits der begeisterte Empfang durch das Publikum löst die Anspannung jedoch fast augenblicklich auf und mit „Strangers like me“ aus dem Disneymusical „Tarzan“ und „I wanna be like you“ finden sie sofort den richtigen Einstieg in ihr selbst erarbeitetes Programm, mit dem sie die Zuschauer mit auf eine Reise durch ihre bisherige Zeit nehmen.

(c) Madeleine Weiß
(c) Madeleine Weiss

Der Konzerttitel „Ziemlich gute Freunde“ lässt wenig Fragen offen und spinnt sich als roter Faden über den gesamten Abend sowie durch die letzten 15 Jahre der beiden Künstler – beginnend beim Studium am Konservatorium und der gemeinsamen Produktion, „Romeo und Julia“, bei der sie seinerzeit Hauptrollen bekleideten, Perman als Romeo und Seibert als dessen Gegenspieler Tybalt. Zusammen mit ihrer damaligen Bühnenkollegin und heutigem ersten Gast des Abends, Marjan Shaki, die mittlerweile die Frau an Lukas Permans Seite ist, geben sie dem wie gebannt an ihren Lippen hängenden Publikum eine Kostprobe ihres Könnens.

Bei einem Konzert stehen die Darsteller ohne schützendes Kostüm auf der Bühne, sie können sich nicht hinter einer Rolle verstecken. An einem solchen Abend hilft einem im Zweifel nicht einmal der beste Freund weiter, der unter Umständen prekäre Fotos einblenden lässt, oder peinliche Geschichten aus der Kleiderkammer zum Besten gibt und damit die Lachmuskeln des anwesenden Publikums aufs Äußerste reizt.

Dass es mit Daten und der Rechnerei so eine Sache ist, und Zeit überhaupt ein sehr dehnbarer Begriff, bekommt Lukas in der überaus heiteren Moderation immer wieder zu spüren. Einmal versprochen, wird den ganzen Abend immer wieder auf diesem kleinen Fauxpas herumgeritten, was stets für neue Lacher sorgt. Das Zauberwort dieser zwar vorbereiteten, aber nicht wirklich auswendig gelernt wirkenden Moderation lautet Authentizität – die man den Beiden bei jedem Wort vollends abnimmt.

(c) Madeleine Weiß
(c) Madeleine Weiss

Verstecken lässt sich auch nicht wirklich die große Zuneigung von Lukas Perman und Marjan Shaki, die in wenigen Monaten ihr zweites gemeinsames Kind erwarten. Als Bühnenpaar harmonieren sie perfekt miteinander und so scheinen die Liebesduette dieses ersten Aktes, aus denen jedes Wort und jeder Blick ungekünstelt und ehrlich zu sprechen scheint, wie gemacht für sie. „Liebe“, „Ohne Sie“ und nicht zuletzt die Ballade „Weus’d a Herz hast wie a Bergwerk“ aus „I am from Austria“, passen inhaltlich hervorragend zum Ehepaar Perman, welches nicht nur durch ihre Interpretation, sondern eben auch durch diese kleinen versteckten Gesten, das Publikum direkt zu Beginn mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt nimmt.

Um das Programm abwechslungsreich zu gestalten und nicht in eine ausschließlich rührselige Stimmung kippen zu lassen, sorgen die Protagonisten immer wieder mit geschickt eingewobenen Popsongs für das dringend benötigte Gleichgewicht. Trotz teilweise überraschender stilistischer Brüche wirkt das gesamte Programm durchweg stimmig und durchdacht.

(c) Madeleine Weiß
(c) Madeleine Weiss

In den Genuss eines kleinen Gastauftrittes kommt eine überraschte Zuschauerin, die kurzerhand als Ansingpartnerin für Perman auf die Bühne eingeladen wird. Dieser bringt gekonnt einen Ausblick auf seine zukünftige Rolle des Dr. Roger Fleuriot in der Operette „Meine Schwester und ich“ von Ralf Benatzky zu Gehör, die er vom 6. April (Premiere) bis 13. Mai 2019 an der Volksoper Wien verkörpern wird. Nach anfänglicher Unsicherheit kokettiert selbst die Dame mit dem Darsteller und hat sichtlich Spaß an dem kurzen Intermezzo.

Es fällt schwer, einen Höhepunkt dieses ersten Aktes zu benennen, aber sicherlich gehören die glamouröse Interpretation des Dean Martin-Songs „Sway“, welchen Seibert swingend und von der Band wunderbar begleitet auf die Bühne bringt, sowie dessen „Unstillbare Gier“ dazu, mit der er das Publikum zunächst buchstäblich in den Sitz singt, nur damit es im nächsten Augenblick frenetisch jubelnd auf die Füße springt und das Konzert für Minuten unterbricht.

Einen weiteren Abstecher macht Perman zu „Tanz der Vampire“, in welchem er selbst einst Alfred verkörperte – sein intensives „Für Sarah“ klingt bei den Zuschauern noch lange nach. Dass er dem jungen Wissenschaftsassistenten jedoch zwischenzeitlich entwachsen ist, und durchaus das Potential hat auch einen Grafen zu geben, zeigt sich im Finale dieses ersten Aktes, als die Freunde zusammen in der „Totalen Finsternis“ um den roten Lebenssaft von Wirtstochter Sarah buhlen. An diesem Abend endet dies einmal nicht mit dem obligatorischen Biss, sondern mit einer Reihe freundschaftlicher bis zärtlicher Küsse.

Nach einer nicht nur für die Zuschauer erholsamen Pause, kommen die Künstler rockend mit „Eye of the Tiger“ auf die Bühnenbretter zurück und begrüßen im Anschluss ihren zweiten Gast, Ana Milva Gomes. Diese präsentiert ihre gefühlvolle Stimme sowohl im Duett mit Mark, mit dem sie „Sind die Sterne gegen uns“ aus dem Musical „Aida“ anstimmt, als auch solo mit „Gold von den Sternen“ aus „Mozart“, welches sie in verschiedenen Ländern und Sprachen bereits spielen durfte, und erntet euphorisches Feedback.

(c) Madeleine Weiß
(c) Madeleine Weiss

In der Moderation geht es zwischenzeitlich um Misserfolge während des Berufslebens – Augen auf, bei der Berufswahl – wie es so schön heißt. Perman habe eine Absage erhalten, weil sein Tanztalent nicht genüge, und das, obwohl er für die angestrebte Rolle lange Zeit hart gearbeitet und trainiert habe. Dem letzten Endes erfolgreichen Kollegen sei es gegönnt, erfährt das Publikum, denn eines machen sie an jenem Tag immer wieder deutlich: Auch wenn der Job hart ist, so herrsche – zumindest zwischen ihnen – wenig bis gar kein Konkurrenzkampf, was den völlig unterschiedlichen Charakteren beider geschuldet sein wird. Hilfreiche Tanztipps erhielt Perman in der Vergangenheit auch immer wieder von seinem besten Freund, der in seiner Jugendzeit auf eine Tanzkarriere im latein-amerikanischen Showtanz – wenn auch nicht gerne – zurückblicken kann. Nach Aufforderung geben sie einen kleinen Einblick in ein solches ‚personal Training‘ und fügen den vielen vorangegangenen Anekdoten eine weitere an, die – wie Seibert bereits während der Ausführung lachend bemerkt – ihm sicherlich von nun an auch wieder einige Jahre nachhängen werde. Sie tanzen einen Walzer, in welchem dieser die Führungsposition abgibt und durchaus galant in die Damenrolle schlüpft.

Weitere der während dieses Konzertes kaum zu zählenden Highlights, setzen die Künstler mit ihren Songs aus „Les Miserables“, aus welchem sie zwar noch keine Figuren mit Leben füllen durften, man sich dies aber durchaus wünschen würde. „Dunkles Schweigen an den Tischen“, sehr berührend von Perman intoniert, sowie „Bring him home“ mit welchem Seibert wieder einmal mehr sein Talent für die hohen Töne unter Beweis stellt, lassen das Publikum endgültig zu den schon mehrfach bereitgehaltenen Taschentüchern greifen.

(c) Madeleine Weiß
(c) Madeleine Weiss

Abgerundet wird der Abend durch den dritten und letzten Gast, Roberta Valentini, sowie den Block „Elisabeth“. Valentini brilliert mit ihrer Interpretation des Titelsongs „Ich gehör nur mir“ und erntet ebenfalls, wie zuvor bereits ihre Mitstreiter, Szenenapplaus und stehende Ovationen.

(c) Madeleine Weiß
(c) Madeleine Weiss

Als letzten Akt des Abends zeigen die Künstler ihre Zuneigung für „ihr“ Land noch mit der inoffiziellen Nationalhymne Österreichs, „I am from Austria“, aus dem gleichnamigen Musical, geschrieben und bekannt geworden durch Lokalmatador Rainhardt Fendrich. Während Perman zu Recht das Lied in seinem Heimatdialekt anstimmt und die erste Strophe vorträgt, sinniert Seibert, dem die Vertonung der Endpassage überlassen ist, über die Unsinnigkeit seines Mitwirkens als gebürtiger Deutscher. Kurzerhand befördert er einen zusammengefalteten, ziemlich zerknitterten Zettel aus der Hosentasche, welchen er verstohlen glattstreicht, während er verkündet, dass auch er sich so seine Gedanken zu dem Lied und seiner Einstellung seiner Wahlheimat gegenüber gemacht habe. „I am from Austria“ steht als Synonym dafür, dass das Zuhause dort ist, wo das Herz ist und nicht wo sich die ursprünglichen Wurzeln befinden. Mit seinen selbstgeschriebenen Zeilen gibt er ein Statement und rührt das Publikum mit der Offenbarung seiner für ihn zu Österreich und Wien an Bedeutung gewonnen Verbundenheit zu Tränen „… Zieht es mich fort, in ferne Weiten, komm ich doch stets, ein jedes Mal zurück. Da kann man machen was man will, die Heimat ist nur ein Gefühl, egal wo unser Ursprung war, wir schlagen Wurzeln Jahr für Jahr. Ich geh mit Dir durch Freund und Schmerz, und trag dich fest in meinem Herz! …“

Ein überaus gelungener Abend neigt sich viel zu schnell dem Ende entgegen. Wie ein Wimpernschlag geht dieses erste Konzert „Ziemlich gute Freunde“ in die Geschichte ein und hinterlässt für die Gastgeber das quasi direkt greifbare Fazit, dass dieses von ihnen selbst erdachte und erarbeitete Konzept voll ins Schwarze treffen konnte. Ebenso gleichsam wie klar lautet das Fazit für die Fans: „nochmal – nochmal – bitte nochmal“. Sie haben gelacht und geweint, den Abend auf der Gefühlsachterbahn sichtlich genossen und freuen sich darauf, würde das Konzept Bestand haben und weitere Male auf die Bühne kommen.

(c) Madeleine Weiß
(c) Madeleine Weiss

Fast drei Stunden lang stehen die beiden Künstler durchweg selbst auf der Bühne, zeigen mit wohl gewählten Gästen, dass sie ein Geschick für Dramatik und große Gefühle haben und lassen mit ihrer sympathischen Art das Publikum förmlich an ihren Lippen kleben. In Erinnerung bleiben sicherlich noch lange die kleinen Nähkästchenplaudereien wie „Hast du einen guten Freund auf der Bühne, bleibt nicht verborgen, welche Geräusche du in deiner Schiffskabine von dir gibst, und zu welchen Ergebnissen sie führen“, ebenso wie die Stories vom „über die Stränge schlagen“ mit ungewünschten Ende im Krankenhaus, oder von vergessenen Texten. Mit den ehrlich wirkenden Einblicken in das Privat- und Künstlerleben haben die beiden Hauptakteure sowohl die Lacher als auch die Herzen der Zuschauer auf ihrer Seite.

Mark Seibert und Lukas Perman gelingt mit „Ziemlich gute Freunde“ ein Geniestreich. Der Abend hält das Publikum von der ersten Minute an, nicht nur durch die ausgewählten – erfreulicherweise auch mal nicht so üblichen – Lieder, sondern auch über die erfrischend spritzige Moderation, gefangen. Der Sound wirkt rund und voll, perfekt abgestimmt unterstreichen auch Licht und Ton dieses berauschende Konzerterlebnis und machen große Lust auf mehr.

Text: Astrid
Bilder: Madeleine Weiss