Mark Seibert – Herbsttöne

Shanti-Surprise Konzert  

4. November 2018

 

(c) Agentur Shanti
(c) Agentur Shanti

Die Agentur Shanti – indisch für Frieden/Ruhe – das Studio für Stimme, Körper und Geist, befindet sich in einem Keller im Kölner Stadtteil Nippes. Musicalbegeisterten ist sie jedoch weniger durch die dort angebotenen Yoga-Kurse bekannt, als vor allem wegen der dort regelmäßig stattfindenden Gesangs- oder Schauspiel-Workshops und kleineren Konzerte mit Wohnzimmercharakter. „Shanti-Surprise“ nennt Agenturinhaber und Initiator Ratan Julian Jhaveri diese Event-Reihe. Für den vielseitigen Jhaveri ist die Agentur neben seiner eigentlichen Tätigkeit in der Musicalwelt – man findet ihn beispielsweise als Supervisor, Dirigenten sowie musikalischen Leiter bei vielen auch großen Produktionen – ein zweites Standbein. Es gelingt ihm immer wieder, bekannte und beliebte Namen der Szene in seinen magischen Keller zu holen, die mit Fans, Einsteigern oder Studenten arbeiten, um ihnen einen Einblick in den Beruf des Darstellers zu gewähren, ihnen gesangstechnische Grundlagen zu vermitteln oder sie gar im Beruf oder auf dem unmittelbaren Weg dorthin zu unterstützen.

(c) Astrid Mohren
(c) Astrid Mohren

An einem sonnigen und sogar noch überaus warmen Sonntag Anfang November beehrt bereits zum wiederholten Male einer der größten und bekanntesten Musicaldarsteller in Deutschland und Österreich diesen besonderen „Keller in Köln-Nippes“. Mark Seibert schafft es mühelos, große Säle zu füllen und wie immer, wenn der Name Seibert in Verbindung mit dem Wort Konzert fällt, sind die überaus begehrten Eintrittskarten innerhalb nur weniger Minuten vergriffen. In diesem Fall habe es gerade mal 1 Minute und 37 Sekunden gebraucht, um etwa 400 Maileingänge zu verzeichnen, wie Jhaveri stolz und ergriffen, aber auch staunend und ungläubig berichtet. Knapp 50 Personen dürfen sich glücklich schätzen, das Konzert „Herbsttöne“ zu erleben, und dementsprechend aufgeregt sammeln sich die wenigen Teilnehmer schon weit vor Beginn vor dem Hoftor, um sich die besten Plätze zu sichern. Diesmal habe es noch eine weitere Besonderheit gegeben und zwar ein Zusatzkonzert am Tag vor diesem eigentlichen Konzert, eine Generalprobe, wie schmunzelnd bemerkt wird, in welchem es allerdings ebenfalls knapp 50 Gästen gegeben habe.

Der Raum empfängt die wenigen Zuschauer in seiner bekannt behaglichen Atmosphäre. Alle Alltagssorgen geraten unmittelbar in Vergessenheit, man fühlt sich geborgen, die Sinne werden geschärft und eine helle Vorfreude auf das Kommende liegt in der Luft. Es ist angenehm dunkel, im hinteren Garderobenbereich scheint eine kleine Lampe – ansonsten flackern lediglich drei rote Kerzen elektrisch auf Olga, dem mahagonifarbenen Flügel, der eine Hauptrolle in Jhaveris Leben und den bei ihm stattfindenden Konzerten spielt. Neben dem Flügel steht die weiße Ledercouch mit ihren aufliegenden und mit dem Studiologo bestickten weißen Kissen, die das „Om“ dieser besonderen Location nicht nur spür-, sondern auch sichtbar machen – den Bühnenmittelpunkt aber bestimmt heute die Cajon, die Sitztrommel Mark Seiberts.

(c) Astrid Mohren
(c) Astrid Mohren

Schnell finden alle Anwesenden einen Platz und Applaus brandet auf, als sich Jhaveri, ganz in schwarz gekleidet, an sein Instrument begibt und leise, fast testweise Töne aus „Tarzan“ anstimmt. Kaum einer bemerkt den Protagonisten, der – ebenfalls ganz in schwarz – von hinten seinen Gesang anstimmt und langsam den Weg nach vorne beschreitet, als am Flügel „Strangers like me“ erklingt. Augenblicklich wird es still und jeder saugt die zum Song passende fröhlich klingende Stimme förmlich in sich auf.

Auch Seibert zeigt sich bei diesen Kellerkonzerten von einer anderen Seite – sehr nah, gelöst und frei, eben sehr ungeschminkt, wie er selbst bemerkt. Dies ginge aber auch nur in einer solch familiären Umgebung. Die Konzerte hießen nicht umsonst „Surprise“, sie seien immer wieder eine Überraschung auch für ihn. Es würde nicht viel geprobt – teilweise seien es Lieder, die er mit Jhaveri schon einmal gespielt habe, aber diesmal unter anderem auch für Beide gänzlich Neue, die er mit seiner Liste eingereicht habe. Seine „Herbsttöne“ legt er fast ausschließlich auf eine sehr intensiv-gefühlsbetonte Schiene und verwirrt und begeistert seine Gäste gleichermaßen mit unglaublich großen Emotionen, die er immer wieder neu durch seine Umsetzungen zu transportieren versteht. Es fällt schwer zu beschreiben, was alles besonders an diesem Konzert ist, da Seibert absolut jeden Song zu einem Highlight formt, aber ein Besonderes liegt im ersten Akt auf seiner ungewöhnlichen Interpretation vom „Traum ohne Anfang und Ende“ aus dem Musical „Die Päpstin“, in dem er die Rolle des Gerold in diesem Sommer in Fulda verkörpern durfte.

Immer wieder gelingt es den beiden Bühnenprofis durch ihre authentisch und frei wirkende, offene und lustige Moderation die Stimmung im Keller nicht ins rein Emotionale abdriften zu lassen. Sie schaffen es, die Besucher wieder aus den intensiven Gefühlen zu befreien, die sie gefangen halten, auch wenn sie sie dann mit dem letzten Lied vor der Pause – „Draußen“ aus „Der Glöckner von Notre Dame“ – durchaus in einem Rausch der Gefühle stecken lassen.

(c) Astrid Mohren
(c) Astrid Mohren

Zurück aus der Pause – die Erholung sei bitter nötig für das nun Kommende, witzelt der Pianist unablässig – steigert sich die Stimmung zum absoluten Höhepunkt des Konzertes. Es benötige, um sich an bestimmte Interpretationen zu wagen, durchaus auch mal einige Zeit, wie er sie beispielsweise gebraucht habe, um „Jesus Christ Superstar“ oder dem Grafen von Krolock aus „Tanz der Vampire“ gerecht werden zu können, erklärt Seibert geduldig und Jhaveri kündigt nachfolgend eine Welt-Arie an, an der Generationen von Sängern gescheitert seien. Entsprechend anmutig und groß intoniert Seibert mit schwebenden Worten und ausladenden Gesten „Bunt sind schon die Wälder“, ein wohl jedem bekanntes Kinderlied, und erntet tränenlachende Gesichter aus den Reihen des Publikums. Wie im Köln-Nippeser Keller so üblich, endet dieser Spaß mit dem Shanti-All-Stars-Chor und gipfelt in der Verteilung von kleinen herbstlichen Leckereien durch den Protagonisten höchstpersönlich.

Auch im zweiten Akt folgt ein Highlight dem nächsten und Seibert jagt seine Gäste mit einem Tempo durch eine Achterbahn der unterschiedlichsten Gefühle, die ihresgleichen sucht. Sein „Dunkles Schweigen an den Tischen“ aus „Les Misérables“ hinterlässt die eindeutige Frage, warum man diesen Song noch nie vom ihm gehört hat und schürt weiter die große Hoffnung, ihn doch irgendwann einmal in diesem großartigen Musical auf der Bühne erleben zu dürfen, oder wenigstens das ein oder andere Lied zusätzlich zum immer präsenten „Bring Him Home“ daraus auf seinen Konzerten zu Gehör zu bekommen. Zum krönenden Abschluss eines hochgefühlvollen Nachmittages intoniert er „Letzter Vorhang“ aus Schikaneder in unmittelbarer Verbindung zu eben diesem „Bring him home“ und zeigt mit dieser Kombination vielleicht auch ein bisschen seiner eigenen Emotionen – und wenn nicht, dann hinterlässt er diesen Eindruck jedoch gekonnt in seinem Publikum. Noch weit nach Verklingen des letzten Tones hält eine atemberaubende Stille an, die wenig später in frenetisch-tosendem und anerkennendem Jubel endet.

(c) Astrid Mohren
(c) Astrid Mohren

Zu hoffen bleibt, dass er solchen kleinen Wohnzimmerkonzerten weiterhin einen großen Platz in seinem ohnehin schon vollen Terminkalender gönnt, an Ideen zumindest mangelt es Jhaveri und ihm nicht. Im nächsten Jahr wird er solomäßig „mal anders“ zu sehen sein. Die von ihm selbst geschriebenen Songs, die er dann präsentieren wird, werden auf Deutsch zu hören und der Pop-Schiene angenähert sein. Damit erweitert er sein Repertoire in eine neue, wirklich mal andere Richtung und hinterlässt mit großer Spannung angereichert seine wartenden Fans.

Seibert legt mit seinem „Herbsttöne“ seinen eigenen Konzertstandard wieder einmal ein weiteres Stück nach oben. Man fragt sich jedes Mal aufs Neue, wie er es hin bekommt, immer noch besser in seinen Interpretationen zu werden, ganz davon abgesehen, dass er es meisterlich schafft, Emotionen in seine Gäste zu transportieren. Er präsentiert sich einmal mehr als Ausnahmekünstler, als großartiger Musiker und unglaublich emotionaler Sänger.


Text: Astrid