Jesus Christ Superstar in Oldenburg 2017/2018

Alles andere als eingestaubt – Ein Musical-Klassiker

Premiere: 29.10.2017 / Rezensierte Vorstellung: 09.12.2017

© Stephan Walzl

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„It’s finished!“ sind die letzten Worte von Jesus, bevor er, allein und von allen Freunden, Bewunderern, Fans und sonstigen Anhängern verlassen, körperlich geschunden und seelisch gedemütigt, nach seiner Mutter flehend und seinen Gott anklagend, qualvoll am Kreuz stirbt. Minutenlang hängt er dort, unübersehbar, im Zentrum eines Kreuzes aus Licht – Mahnung und Hoffnung zugleich.

Dieses Schlussbild der Produktion von „Jesus Christ Superstar“ am Oldenburgischen Staatstheater lässt einen als Zuschauer den Atem anhalten, brennt sich förmlich in Herz und Hirn ob seiner Intensität. Es ist emotionaler Schlusspunkt einer bewegenden, temporeichen Inszenierung auf musikalisch und gesanglich hohem Niveau.

© Stephan Walzl

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Auch wenn das erwähnte Schlussbild natürlich jenem der biblischen Kreuzigung Jesu gleicht, so ist die Rockoper von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice mitnichten ein bloßer musikalischer Abklatsch des Neuen Testaments. Und ebenso wenig ist es die Inszenierung von Erik Petersen in Oldenburg. Ganz im Gegenteil: Die Zuschauer begegnen Jesus und seinen Jüngern nicht während einer Messe oder einer Heilungssession, sondern backstage bei einem Rockkonzert. Jesus‘ Gefolgschaft ist eine Band mit Namen „The Prophets“. Jesus ist (natürlich) der Leadsänger, der umjubelte Superstar. Die Menschen lieben ihn bis hin zu hysterischer Götzenverehrung. Und Jesus selbst genießt die Bewunderung der Massen, den Kult um seine Person. Scheinbar, denn er scheint bereits zu ahnen, dass dies alles bald vorbei sein wird. Dass diese Ahnung sich erfüllt, zeigt der Verlauf des Stückes, bis sich am Ende die Anfangsszene wiederholt. Jedoch nur fast, denn statt Jesus steht Judas als Band-Frontmann am Mikrofon, durch die Wahl seiner Bekleidung eine Kopie seines Vorgängers Jesus. Dieser liegt derweil bereits geschunden und geschlagen vor den neu aufgestellten „Prophets“. Das Publikum blickt nun nicht mehr von hinten auf die Szenerie, sondern geradewegs frontal darauf. Ihm wurden die Augen geöffnet.
Mit dieser dramaturgisch gewählten Klammer zeigt Regisseur Erik Petersen, wie hochaktuell die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Propheten/Heilsbringers/Erlösers, oder wie auch immer man ein solch obsessiv verehrtes Idol nun nennen mag, auch heute noch ist. Die Person Jesus steht hier lediglich als Synonym für all diejenigen, die – durch welche Umstände und in welchen Zusammenhängen auch immer – hoch gestiegen und dann tief gefallen sind.

© Stephan Walzl

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Die Cast dieser Produktion wird angeführt von Oedo Kuipers in der Rolle des Jesus. Abgesehen davon, dass er für meinen Geschmack schon optisch die perfekte Besetzung für die Rolle ist, kann er auch stimmlich absolut überzeugen. Er berührt mit den kraftvollen, hohen Tönen genauso wie mit den leisen. Er findet für „Gethsemane“, einer der wohl am schwierigsten zu singenden Songs für einen Musicalsänger, seine ganz eigene, emotional aufwühlende Interpretation. Und selbst in den Momenten, in denen er nicht singt, ist Kuipers sehr präsent. Ebenso überzeugt hat mich Rupert Markthaler als Judas. Er ist ungemein spielfreudig, stimmlich stark und ein ebenbürtiger Counterpart von Oedo Kuipers. Neben den beiden Hauptparts haben mich auch noch besonders Mark Weigel in seinen Rollen als Pontius Pilatus und Annas sowie Paul Brady als durchgeknallter Herodes beeindruckt.

© Stephan Walzl

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Nicht überzeugen konnte mich leider die Charakterzeichnung der Maria Magdalena, die am Abend meines Besuches von Carolina Walker (alternierend Martyna Cymerman) gespielt wurde. Technisch zwar sauber gesungen, fehlte es mir hier jedoch deutlich an Emotionen, sowohl im Spiel als auch im Gesang. Die Charakterisierung Marias als starke Frau, die Jesus stützen möchte, ist gut und richtig, doch in diesem Fall wirkt diese Stärke ein bisschen zu sehr wie emotionale Kälte. So haben mich die doch eigentlich sehr gefühlvollen und auch von Verzweiflung gezeichneten Songs „I don’t know how to love him“ und „Could we start again, please“ nicht erreicht.

Musikalisch begleitet, unterstützt und getragen werden die Darsteller von der fünfköpfigen Band um den musikalischen Leiter Jürgen Grimm. Trotz der recht kleinen Besetzung schaffen die Musiker es, dem Stück die musikalische Kraft zu verleihen, die für eine Rockoper nötig ist. Eine sehr schöne Idee ist es, die Band nicht unsichtbar im Orchestergraben zu versenken, sondern gut sichtbar auf einer Empore über der Bühne zu platzieren. Schließlich ist die Musik in einem Musical die entscheidende Zutat, somit sollte sie ruhig nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen sein.

Alles in allem ist „Jesus Christ Superstar“ am Oldenburgischen Staatstheater eine durchgängig gelungene, moderne und sehenswerte Interpretation des Musical-Klassikers aus dem Jahr 1971.

© Stephan Walzl

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Kreativteam

Besetzung

Jesus Christ Superstar Band

Statisterie des Oldenburgischen Staatstheaters


Artikel von Karina