Jesus Christ Superstar in Magdeburg 2018

Premiere: 15. Juni 2018 – rezensierte Vorstellung: 04. Juli 2018

3 - Jesus Christ Superstar_Tobias Bieri, Ensemble_(c)Nilz Böhme_JCS-HPO_00718-189

„Hero“ – dieser riesige Schriftzug dominiert die Bühne beim Magdeburger „Jesus Christ Superstar“ -Domplatz Open Air. War Jesus ein Held? Oder ein Superstar? Oder ist letzten Endes beides dasselbe? Fragen, die sicherlich schon Andrew Lloyd Webber und Time Rice im Sinn hatten, als sie 1971 die Rockoper erstmals auf die Bühne brachten. Fragen, die das Musical seither zu einem zeitlos modernen Kultstück haben werden lassen. Fragen, mit denen sich jeder Regisseur, der „Jesus Christ Superstar“ inszeniert, auf seine ganz eigene Art auseinandersetzt. Und letztendlich Fragen, die jeder Zuschauer ganz individuell für sich beantwortet.

Sebastian Ritschel, Regisseur der Magdeburger Inszenierung, versteht den Begriff „Hero“ synonymisch zu „Superstar”. Das verrät er im Programmheft zum Stück. Für ihn ist „Jesus Christ Superstar“ am Ende die Geschichte dreier gefallener Helden – Maria Magdalena, Judas und natürlich Jesus selbst. Diese drei spielen die zentralen Rollen im Stück und somit erwartet man als Zuschauer von den Darstellern dieser drei Charaktere auch die stärkste Bühnenpräsenz – stimmlich und darstellerisch.

10 - Jesus Christ Superstar_Julia Gámez Martín_(c)Nilz Böhme_JCS-HPO_01287-285
Julia Gaméz Martin als Maria Magdalena

Julia Gámez Martin porträtiert die Maria Magdalena nicht als zartes, unterwürfiges Anhängsel eines strahlenden Messias. Vielmehr ist sie eine selbstbewusste, starke Frau, die einerseits Verzweiflung zulässt („Wie soll ich ihn nur lieben“), andererseits aber aus dieser Verzweiflung auch die Stärke zum Weiterleben zieht („Lass uns neu beginnen“). Gámez Martin überzeugt mit ihrer rockigen, so ganz und gar Musical-untypischen Gesangsstimme und passt damit perfekt in das Konzept einer Rockoper.

4 - Jesus Christ Superstar_Timothy Roller_(c)Nilz Böhme_JCS-HPO_00844-207
Timothy Roller als Judas

Gleiches gilt für Timothy Roller in der Rolle des Judas Ischariot. Er kann sowohl stimmlich als auch darstellerisch überzeugen und schafft es darüber hinaus emotional zu berühren. Zweifel, Wut, tiefe Trauer und letztlich Selbsthass bis zum selbstgewählten Tod spiegeln sich bei Roller in Gesang und Spiel deutlich wider. Eine schöne dramaturgische Idee von Sebastian Ritschel, den ersten und letzten Auftritt des Judas in den Publikumsrängen zu inszenieren.

12 - Jesus Christ Superstar_Tobias Bieri, Ensemble_(c)Nilz Böhme_JCS-HPO_01399-306
Tobias Bieri als Jesus Christ, Ensemble

Nicht überzeugen konnte (mich in der von mir besuchten Vorstellung) Tobias Bieri als Jesus Christ. Zumindest nicht als „Superstar“ oder gar als „Hero“. Er hatte die Rolle gesanglich durchaus im Griff, das bewies er vor allem bei „Gethsemane“, wo er auch die für viele Sänger kaum zu bezwingenden hohen Töne meisterte. Auch wenn er an manchen Stellen nicht gegen die Wucht des Orchesters ankam und so einige Textstellen etwas „vernuschelt“ im Auditorium ankamen, sang sich Bieri technisch sauber durch das Stück. Das war es dann aber leider auch schon. Denn sowohl im Gesang als auch – und das vor allem – im Spiel fehlte nahezu jegliche Emotion. Die Texte wirkten wie lediglich „heruntergesungen“, die erhofften und erwarteten Gänsehautmomente wollten sich nicht einstellen. Auch sein Spiel wirkte sehr zurückgenommen, da fehlten Passion und inneres Engagement für den dargestellten Charakter, wie sie z.B und wie bereits erwähnt, Timothy Roller bei seinem Judas zeigte. So blieb die Figurenzeichnung sehr an der Oberfläche, das dem Superstar Jesus zugesprochene Charisma und seine magische Wirkung auf die Menschen wirkte wenig glaubwürdig.

Das nahm der Vorstellung einiges von ihrer sehr stimmigen und positiven Gesamtwirkung, es fehlte sozusagen das Sahnehäubchen. Sebastian Ritschel hat seine Inszenierung perfekt auf die Spielstätte, vor allem auf den imposanten Magdeburger Dom, abgestimmt. Das Bühnenbild ist eher eine Rauminstallation, in der das alte Gemäuer den Hintergrund bildet, den die Zuschauer durchgängig im Auge haben. Davor eine riesige Treppe mit verschiedenen Plateaus, überstrahlt, fast erdrückt vom bereits erwähnten “Hero”-Schriftzug. Mehr Kulisse braucht es nicht, Ritschel lässt die Verbindung aus Dom, Bühne, Lichteffekten und Musik für sich sprechen.

9 - Jesus Christ Superstar_Tobias Bieri, Paul Kribbe, Ensemble_(c)Nilz Böhme_JCS-HPO_01235-278
v.l.n.r.: Tobias Bieri (Jesus Christ), Paul Kribbe (Herodes), Ensemble

Die musikalische Leitung des Abends liegt in den bewährten Händen von Damian Omansen. Er und das vielköpfige Orchester der Magdeburgischen Philharmonie sind nicht zu sehen, denn sie sind in einem Zelt hinter dem Bühnenaufbau geschützt vor Wind und Wetter untergebracht. Dafür sind sie umso besser hörbar. Omansen nutzt alle Vorteile, die ein großes Orchester gegenüber einer gemeinhin üblichen Musical-Band bietet und macht die Inszenierung damit zu einem musikalischen Hochgenuss. An einigen Stellen hat Omansen behutsame Veränderungen an der Partitur vorgenommen, die dem Stück jedoch gut taten und sicherlich auch der Tatsache geschuldet waren, dass die Inszenierung in deutscher Sprache gesungen wurde und die Übersetzung an manchen Stellen etwas sperrig war und mit dem Fluss der Musik kollidierte.

Eine deutsche Version von “Jesus Christ Superstar” auf der Bühne zu sehen, stellt wohl eher die Ausnahme dar, auch in deutschen Theater entscheidet man sich meist für die Originalversion mit Übertitelung. Eine solche ist zugegebenermaßen bei einem Open Air schwer zu realisieren. Wohl deshalb entschied man sich in Magdeburg für die deutsche Version. Trotz der bereits erwähnten, an einigen Stellen aus musikalischer Sicht nicht ganz glücklichen Übersetzungen hat die deutsche Version gut funktioniert. Ich bin zugegebenermaßen eine große Verfechterin von Originalversionen und hatte im Vorfeld große Bedenken gegenüber einer deutschsprachigen Inszenierung. Jedoch gibt es in Ritschels Version von “Jesus Christ Superstar” so viel zu entdecken, dass ich die Sprache irgendwann einfach vergessen habe. Ein Höhepunkt der Inszenierung war – wie in den meisten Versionen des Stückes – der Auftritt des Herodes, wunderbar humorvoll und mit der nötigen Portion Ironie gespielt von Paul Kribbe. Ritschel lässt ihn mit einem großen Truck auf die Bühne kutschieren, auf der Ladefläche bringt er ein großes leuchtendes “DES” mit, das den “HERO”-Schriftzug auf der Bühne perfekt ergänzt. Kribbe liefert gemeinsam mit den Damen und Herren des Magdeburger Balletts eine perfekte, witzige und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißende Revuenummer ab, bei der er sogar übers Wasser geht.

8 - Jesus Christ Superstar_Tobias Bieri, Ensemble_(c)Nilz Böhme_JCS-HPO_01112-259

Einen starken Eindruck hinterlässt auch die Szene im Tempel, in der das Volk bei seinem “Hero” Heil sucht. Hier inszeniert Sebastian Ritschel die Hilfesuchenden als anonyme schwarze Masse, die sich bedrohlich um Jesus zusammenzieht und ihm schließlich so die Luft zum Atmen nimmt, dass er sie voller Panik aus dem Tempel wirft. Die Intensität dieser Szene überträgt sich auf den Zuschauer, man kann diese Panik förmlich mitspüren.

Wie aus den Magdeburger Musical-Inszenierungen gewohnt, gelingt auch bei “Jesus Christ Superstar” wieder eine perfekte Symbiose zwischen Gästen und Hausensemble. Einen besonders positiven Eindruck hinterließen Martin Mulders als wunderbar androgyner, stimmlich sehr überzeugender Annas, die Ensemblemitglieder Frank Heinrich (Chor) als Kaiphas und Johannes Wollrab (Solist) als Pontius Pilatus sowie Andreas Schneider als Simon. Stark auch der Chor, auch wenn in einigen Chorszenen die Liedtexte schlecht verständlich waren. Aber das war vermutlich eher ein Problem der tontechnischen Aussteuerung zwischen Chor und Orchester.

v.u.n.o.: Timothy Roller (Judas), Martina Mulders (Annas), Frank Heinrich (Kaiphas)
v.u.n.o.: Timothy Roller (Judas), Martin Mulders (Annas), Frank Heinrich (Kaiphas)

Insgesamt gingen 18 Vorstellungen des Open Airs über die Bühne auf dem Domplatz. Das Theater Magdeburg zog bereits eine vorsichtige Bilanz. Demnach hatten nach 15 Vorstellungen insgesamt 20.000 Besucher die Inszenierung besucht. Das entspricht einer Auslastung von 90 Prozent, teilt das Theater mit.

1 - Jesus Christ Superstar_Julia Gámez Martín, Tobias Bieri_(c)Nilz Böhme_JCS-HPO_00283-71

Damit setzt das Haus seine erfolgreiche Open Air Tradition fort. Ein schöner und vor allem für die Zukunft dieses etablierten und auch überregional anerkannten Formats wichtiger Erfolg, denn in Magdeburg flammte im Zuge der Vorstellungen zum wiederholten Mal die Forderung auf, das Domplatz Open Air zu beerdigen. Eine Vielzahl der Einwohner, darunter auch Vertreter des politischen Spektrums, stören sich daran, dass der Domplatz durch das Open Air mehrere Wochen im Sommer nicht genutzt werden kann. Nutzung bedeutet in diesem speziellen Fall vor allem den Betrieb von Wasserspielen, die vor einigen Jahren im Zuge der Sanierung des Platzes in den Boden eingelassen wurden. Nach der Sommerpause wird der Magdeburger Stadtrat zum wiederholten Mal darüber diskutieren, ob und wie das Open Air an einen anderen Platz in der Stadt ausgelagert werden kann.

Wie auch immer diese Diskussion in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, die sich um den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben will, auch ausgeht, das Open Air 2019 wird in jedem Fall auf dem Domplatz stattfinden. Dann gibt es “Chicago” in der Regie von Ulrich Wiggers.

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Artikel von Karina

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