Wunder geschehen am 11.06.2018 im Ebertbad

„…Ich wünschte mir, ich würde wissen, wie man Zeit in eine Flasche füllt.“

IMG_5688_bearbeitet-1-c-Andrea-Ney-Wunder-geschehen-Jan-Ammann-2018

Der zweite Junimontag steht ganz im Zeichen von „Wunder geschehen“, auf dessen letztmalige Aufführung viele Fans hinfiebern, aber gleichsam auch wehmütig warten. Das im vergangenen Jahr von Sound of Music Concerts ins Leben gerufene Soloprogramm von Jan Ammann lockt unzählige Menschen in die schon legendäre Spielstätte. Hektische Betriebsamkeit herrscht dort schon vorab, um ein anderes – neues – Projekt, welches noch in den Kinderschuhen steckt zu realisieren, und ihm auf die Beine zu helfen. Mit Hochdruck arbeiten die Verantwortlichen daran, ehe es pünktlich heißt „Bühne frei und herzlich willkommen zu Wunder geschehen“. Nach dem Konzert ist eben tatsächlich vor dem Konzert, wie in unserem letzten Bericht bereits erwähnt, auch wenn es manchmal ein wenig länger dauert, bis sich die Protagonisten einer solchen gemeinsamen „Reise“ erneut auf der gleichen Bühne versammeln.

Ein Dreivierteljahr ist es her, dass der letzte Ton im September an genau dieser Stelle verklungen ist und man sich verzweifelt gewünscht hat, den Moment des nach Hause Gehens noch ein klein wenig länger hinauszögern zu können, wie das Bukett eines guten Weines, welches noch in der Luft liegt, auch wenn das Glas bereits geleert wurde. Erinnerungen blieben eine Weile lebendig und über Gespräche, Bilder und Berichte im Gedächtnis. Heute nun soll diesem wieder auf die Sprünge geholfen und die magische Pforte zu einer Traumwelt auf Zeit erneut aufgestoßen werden.

IMG_5680_bearbeitet-2-c-Andrea-Ney-Wunder-geschehen-Jan-Ammann-2018Schon vom ersten Moment an wird klar, dass dieser Abend voller Energie und Gefühl für alle Beteiligten vor und auf der Bühne werden wird. Ein gut gelaunter Gastgeber begrüßt sein Publikum, direkt emotional in die Vollen gehend, mit „Lieben trotzdem“, was musikalisch ein echter Ohrenschmaus ist, und für die ersten Gänsehautmomente sorgt. Mit dem Vorstellen seiner Gäste,  die das Programm teilweise vom ersten Konzert an begleitet haben, sorgt er für frenetischen Applaus. Dennis Henschel und Eve Rades, die beide auch auf dem Soloalbum „Wunder geschehen“ zu hören sind, dürfen selbstverständlich nicht fehlen, und das Trio wird an jenem Tag noch durch Stefanie Tschöppe ergänzt. Unterstützt durch die – wie immer – hervorragend harmonierende Liveband, bestehend aus Marina Kommisartchik am Flügel, Hannes Kühn an der Gitarre, Mathias Plewka an den Drums, Vasile Darnea an der Geige und Christian Niehues am Bass wirkt die Bühne nicht nur gut gefüllt, sondern es werden auch die Sänger überaus gekonnt durch den Auftritt getragen. Ungezwungen moderiert Ammann seine Blöcke an, plaudert hier und da aus dem Nähkästchen und lässt damit die Zeit beinahe wie im Fluge vergehen.

Die Stimmung vor der Bühne scheint mit jedem der Moderationsblöcke ein klein wenig höher zu kochen – beginnend mit „Beziehungsweise“, Liedern, die sich mehr oder weniger intensiv mit dem Thema der Beziehung auseinandersetzen, und diese von ganz verschiedenen Aspekten aus gesehen beleuchten. Besonders ist, dass jeder Gast in das Programm voll mit integriert wird, und damit eine bunte Mischung entsteht, bei der die Zuhörer definitiv auf ihre Kosten, selten aber zum Atem holen kommen. Ein Ausflug in das Musical „Next to Normal“, in welchem sich Eve Rades mit Dennis Henschel und Stefanie Tschöppe einen emotionalen Schlagabtausch liefert, muss an dieser Stelle einfach Erwähnung finden.

IMG_5692-c-Andrea-Ney-Wunder-geschehen-Jan-Ammann-2018Etwas ruhiger, aber nicht weniger emotional geht es mit „LA LA LAND und L.A.“ weiter. Ein Rückblick auf das vorletzte Fantreffen und ein überaus gelungenes, selbstironisches Zwiegespräch mit sich auf der Bühne, lockert die Stimmung merklich auf, bevor es beinahe viel zu schnell in einen Liederblock mit Songs aus der „Päpstin“ über geht. In diesem Stück hat Ammann kürzlich für wenige Shows in Stuttgart auf der Bühne gestanden, und erklärt begeistert, wie sehr er sich während der Probenzeit bereits auf die Rolle des Gerold gefreut habe. Nun hat er den Staffelstab an seinen Bühnenkollegen Dennis Henschel weiter gegeben, der alternierend in der gleichen Rolle, allerdings in Fulda, auf den Brettern die die Welt bedeuten steht. Die umjubelte Premiere hat am Freitag stattgefunden, Henschels erste Show ist für den 20.06.2018 geplant. Dass sie es durchaus beide beherrschen und ihre „Johanna“ zu bezirzen vermögen, stellen sie beeindruckend unter Beweis, als sie kurzerhand „Wehrlos“ in ein Terzett umwandeln, und somit für Extraapplaus sorgen. Doch auch die Damen kommen keineswegs zu kurz und geben einen eindrucksvollen Überblick über die Highlights aus dem Musical. Den letzten Liederblock vor der Pause teilen sich Dennis Henschel und Jan Ammann gänzlich allein auf, handelt es sich hierbei doch um kein geringeres Stück, als das Erfolgsmusical „Ludwig²“, welches zur Zeit in Füssen aufgeführt wird. Vorab erfährt das Publikum, dass der Foggernsee vor dem Festspielhaus in diesem Jahr durch Bauarbeiten am Staudamm bedauerlicherweise kein Wasser führt, aber man diesen so zweckentfremden könne, um zum Beispiel mit dem Mountainbike hindurch zu fahren. Der Tenor lautet, man müsse ja jede Verrücktheit mal gemacht haben, wenn sich denn die Gelegenheit dazu bietet. So charmant Dennis Henschel als Gerold gewirkt hat, so kalt und berechnend gibt er die Schattenarie zum Besten, dass es den Zuschauern eine Gänsehaut über den Körper treibt. Mit „Kalte Sterne“ beschließt Jan Ammann den ersten Teil des Abends und lässt ein von Gefühlen überwältigtes, und noch lange Zeit stehend applaudierendes Publikum zurück.

IMG_5714-c-Andrea-Ney-Wunder-geschehen-Jan-Ammann-2018
Eve Rades (C) Andrea Ney

Allseits beliebt ist das Duett zwischen Sarah und ihrem Grafen aus dem „Tanz der Vampire“, mit welchem Eve und Jan den zweiten Teil des Programmes eröffnen und sofort wieder alle Aufmerksamkeit auf das Bühnengeschehen lenken. Am Ende von selbigem versinken sie in einem neckischen Kuss, denn die spitzen Zähne sind an solchen Abenden eher selten im Einsatz. Doch auch nachdenkliche und moralische Töne werden mit den nächsten beiden Titeln angeschlagen. Aus dem „Lächeln einer Sommernacht“ stammt „Wo sind die Clowns“, in welchem Stefanie an der Seite von Jan leise die symbolischen Gedanken über das Sein anstimmt. Sound of Music Concerts steht für Abwechslung in den Programmen und für eine sehr sorgfältige Titelauswahl. Ein Block mit Liedern von Udo Jürgens folgt und schlägt leisere, nachdenklichere Töne an, lässt die Gemüter ein wenig abkühlen, wenngleich auch die Aufmerksamkeit mit keiner Sekunde nachlässt. Sehr berührend ist das von Jan vorgetragene „Vater und Sohn“, welches von der Beziehung zwischen ebendiesen berichtet, und den Schwierigkeiten, die es oftmals in der Kommunikation zu geben vermag. Dennis und Eve folgen darauf mit „Immer wieder geht die Sonne auf“, einer Hymne daran, nie aufzugeben, und stets einen neuen Anfang zu sehen – ewige Dunkelheit ist niemandem vorherbestimmt und die Suche nach den schönen Dingen des Lebens macht es stets spannend. „Der gekaufte Drache“, über den Wert der Dinge lässt viele Zuschauer verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Dass Zeit das kostbarste aller Güter ist, und von materiellen Dingen nicht aufgewertet werden kann, erzählt dieses Lied sehr eindrucksvoll. Es kommt einem in den Kopf, dass man in diesem Moment ein kleines Stück dieses wertvollsten Geschenkes der Welt erhält, denn gemeinsame Erinnerungen kann einem niemand nehmen, wo doch Besitztümer sehr vergänglich sind.

IMG_5659sw-c-Andrea-Ney-Wunder-geschehen-Jan-Ammann-2018
Dennis Henschel (C) Andrea Ney

Noch gar nicht ganz erholt setzt Dennis mit „Gib mir deine Angst“, einem überaus gefühlvollen Stück noch einen drauf und bringt damit, mit dem Ende der Liedfolge, das Publikum noch einmal dazu große Gefühle zu durchleben. Die insgesamt sehr eigene, aber dennoch mit viel Fingerspitzengefühl entwickelte Interpretationsweise von Jürgens‘ Texten geht immer wieder tief unter die Haut und ist schon einige Jahre von den Setlisten der SoM Familie kaum noch wegzudenken.

IMG_5706-c-Andrea-Ney-Wunder-geschehen-Jan-Ammann-2018
Stefanie Tschöppe (C) Andrea Ney

Bedauerlicherweise neigt sich jeder schöne Abend auch einmal dem Ende zu, dieser tut es viel zu schnell mit dem abschließenden Thema, in dem sich der Gastgeber noch einmal an seine Spielzeit bei „Rebecca“ in Stuttgart und dann im vergangenen Jahr auf der Freilichtbühne in Tecklenburg erinnert. Kurz zieht er das Resümee, dass man sich, egal wo man sich auf eine Produktion einlasse, stets der Herausforderung zu stellen habe, die die Umgebung mit sich bringt. Sei es die täglich immer wieder geforderte Perfektion im Ablauf bei festen Häusern, oder eben sich immer wieder neu zu finden, wenn das Wetter Kapriolen schlägt. Dass auch die Rolle des Maxim de Winter nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist, beweist er mit „Zauberhaft natürlich“, was den Einstieg in diesen letzten Block dieses Konzertes gibt, und jeden gebannt dem Spiel auf der Bühne zusehen lässt. Es bedarf keiner großen Kulissen, sondern lediglich der musikalischen Untermalung, der richtigen Betonung und kleinen Gesten, um das Bild von Manderley lebendig werden zu lassen. Hier stehen ihm auch seine Gäste in nichts nach, die in die Rollen von Mrs. Danvers (Stefanie Tschöppe) und Ich (Eve Rades) schlüpfen. Bei „Zeit in einer Flasche“ kommt ein wenig Wehmut auf, da die Gedanken zwangsläufig auf das nahende Ende des Konzertes gelenkt werden, und man sich wünscht, diese gerade erlebten Augenblicke bewahren, um sie bei Bedarf immer wieder auspacken und neu erleben zu können. Die Rolle des verwegenen Jack Favell übernimmt wieder einmal meisterlich Dennis Henschel und intoniert sie brillant, so dass man ihm kaum böse sein mag auf den Erpressungsversuch, den die Figur im Stück unternimmt. Die Höhepunkte des Musicals reihen sich in schneller, fast atemberaubender Folge an einander und gipfeln schließlich in „Ich hab geträumt von Manderley“, wo alle Protagonisten sich noch einmal auf der Bühne versammeln.

IMG_5693-c-Andrea-Ney-Wunder-geschehen-Jan-Ammann-2018Die Überraschung, dass dieser Traum doch noch nicht ausgeträumt ist, verkündet der Gastgeber selbst freudestrahlend noch vor den Zugaben. War dieses Konzert am 11. Juni als Finale der Wunder geschehen-Reihe angekündigt, so wird die Neuigkeit in den Raum gestellt, dass einen letzten Zusatztermin im Herbst 2018 an genau dieser Stelle geben wird, bevor Jan Ammann im Januar 2019 mit seinem neuen Programm „A Musical Love Story“ auf Tour geht. Der genaue Termin bleibt noch abzuwarten, wird aber bereits jetzt bejubelt und sehnsüchtig erwartet. Manchmal geschehen kleine Wunder eben auch im Alltag, wenn man fest daran glaubt. Und so endet das doch nicht ganz letzte Konzert mit dem Titellied, wobei erneut das Publikum in den Refrain mit einsteigen darf. Andreas Luketa, der hinter der Bühne als Veranstalter die Fäden in der Hand hält, hat mit seinem Team an diesem Tag großes geleistet, und vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Doch wie heißt es so schön in der Schlusszeile des namensgebenden Titels „Wenn jeder macht, was er nur kann, geschieht was wunderbares, glaub‘ mir, irgendwann.“ Im Falle dieser Veranstaltung ist es ein Stück geschenkte Zeit, in der die Zuschauer eine Achterbahnfahrt der Gefühle durchleben dürfen. Glück, und Schmerz liegen an diesem Abend ebenso nah bei einander, wie Wehmut und Wut, Charme und Witz, Verzweiflung und Leichtigkeit, die auf einer großen Künstlerpalette, unterstrichen von akzentuiert aber nicht übertriebener Lichttechnik und gut abgemischtem Ton zu einem Gesamtbild verschmelzen, welches ein Gefühl namens Freude sichtbar auf die Gesichter zaubert, und somit ein Lächeln in die Welt trägt.

Text & Bilder: Andrea