“Ja, als Regisseur bin ich tatsächlich für so ziemlich alles verantwortlich!”

Ulrich Wiggers im Gespräch

„Wieso, weshalb, warum? Schon seitdem ich denken kann, wollte ich es immer ganz genau wissen und versuchen, Handlungen, Motive und Menschen zu verstehen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Später kam dann noch der Wunsch dazu, Geschichten zu erzählen, die die Menschen berühren.“
(Zitat: http://www.ulrichwiggers.de/)

Ulrich Wiggers (*1955) ist ein deutscher Schauspieler und Regisseur. Auf und vor allem vor der Bühne ist er eine Institution. Viele Darsteller sprechen in Ehrfurcht von ihm, schauen zu ihm auf, freuen sich, wenn sie mit ihm zusammenarbeiten und von ihm lernen können. Aber warum genau ist das so, was befähigt ihn, unvergessene Inszenierungen auf die Beine zu stellen, die selbst das Publikum aufhorchen und sich freuen lässt, wenn es seinen Namen hört?

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(c) Ulrich Wiggers

Mir wurde die große Ehre zuteil, mich mit Ulrich Wiggers, während der Probenzeit zu seiner neuesten Produktion „Cyrano de Bergerac“ [Schauspiel von Edmont Rostant – 14.03. (Premiere) bis 03.05.2018, die er am Grenzlandtheater auf die Bühne bringt], in einem Szene Café in Aachens Stadtmitte zu treffen. Kennenlernen durfte ich eine Persönlichkeit, die sich seines Stellenwertes im Genre durchaus bewusst ist, aber ehrlich mit beiden Beinen auf dem Boden steht und dem der Erfolg keineswegs unangenehme Flügel verliehen hat – kurzum einen „sehr netten, sympathischen Kerl – einen Menschen zum Anfassen“.

Seine Ausbildung absolvierte er an der Folkwang Universität in Essen innerhalb eines Schauspielstudiums. „Ja, richtig, damals gab es den Zweig Musical noch nicht, oder war das schon die Zeit von Starlight Express?“ gehen seine Gedanken zu den Anfängen seiner Karriere zurück. Da habe das Thema Musical gerade erst vorsichtig Fahrt aufgenommen, ab und zu gab es an Stadttheatern welche, aber an entsprechende Schulungsstätten sei noch nicht zu denken gewesen. Von Beginn an habe er sich zwar immer für den Bereich des Musiktheaters interessiert, an der Uni gab es zu dieser Zeit auch schon eine Tanz- sowie eine Opernschule, an welcher er sich für den Unterricht bewarb und diesen auch besuchen durfte. Auch ein Angebot von dem damaligen neuen Intendanten des Berliner Theater des Westens habe er erhalten, aber er habe sich weiter der Schauspielerei verschrieben gefühlt. „Ich habe nun einmal eine Schauspielausbildung und wollte einfach die Sprache von Schiller, Shakespeare, Goethe und all den Anderen in den Mund nehmen und irgendwann einmal auf der Bühne aussprechen dürfen.“ Er äußert sich ganz froh darüber, dass er konsequent geblieben ist und dies eben wirklich auch fast siebzehn Jahre gemacht hat – siebzehn Jahre reines Schauspiel.

Seine Berufung sei demnach auch nach wie vor die Schauspielerei und obwohl er mittlerweile als Regisseur nicht mehr auf der Bühne, sondern eher davor zu finden wäre, sei es immer noch sein größtes Bestreben, dass die Darsteller ihrer Figur jederzeit nachvollziehbares Leben einhauchen. „Mir ist es das Wichtigste, dass sie jederzeit wissen, was sie wieso, weshalb und warum genau so sagen, wie sie es sagen. Und wie ihre Haltung zu den Texten und den jeweiligen Personen ist “

Erst nach der sehr intensiven Zeit am Theater habe er damit begonnen, sich für ein anderes Genre zu interessieren. Zwar habe er auch damals schon ein wenig Erfahrung in der Regie sammeln können, aber seinen Weg sah er immer noch auf den Brettern, die für ihn wirklich die Welt bedeuten. „Ich hatte zwar schon ein paar Regieassistenzen und auch kleinere Inszenierungen gemacht, aber ich wollte unbedingt auf der Bühne stehen.“ Ganz im Gegensatz zu heute, wie er schmunzelnd zugibt. Er habe all das spielen wollen: „Ich wollte Goethe, Schiller und Shakespeare interpretieren und es war schon ein großes Geschenk dies auch tatsächlich alles gespielt zu haben.“ Die letzten fast neun Jahre, bevor er anfing „frei zu arbeiten“, habe er an einer der ersten Adressen, gerade was Schauspiel betrifft, verbringen dürfen, am Schauspielhaus Bochum. Nach dieser Zeit sei aber für ihn ein Punkt erreicht gewesen, wo er sich selber fragte, an welches Theater er noch hätte gehen sollen. Dann hatte er das Glück, von einem Regisseur, der ihn in einer Vorstellung sah, eine Hauptrolle in einem „Tatort“ angeboten zu bekommen „…und plötzlich war da ein neues Gesicht im Fernsehen und dann ging das halt so weiter mit Film- oder auch Serienrollen. Ich hatte irgendwie immer das Glück die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu treffen.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu, „Ich hätte wohl nie soviel drehen können, wenn ich nicht soviel Theatererfahrung gehabt hätte. Dieses Gefühl, wie man mit Texten umgeht, das habe ich wirklich erst in meinen langen Theaterjahren gelernt. Klar studiert man an der Schauspielschule eine Menge, aber richtig lernt man den Job erst durchs Machen – Learning by doing!“

Sein aktives Bühnendasein, hat Ulrich Wiggers, zwar bereits beendet, trotzdem sieht man ihn immer noch mal wieder auch als Darsteller auf derselben. „Nein, eigentlich sehe ich meine Zukunft auf jeden Fall ganz klar unten!“ Wenn, dann habe er sich eher unvorhergesehen noch einmal auf den Brettern wiedergefunden und zwar dann, wenn es bei seinen eigenen Inszenierungen Ausfälle gegeben habe und seine Zeit es zuließe, wie zum Beispiel in St. Gallen bei „Tanz der Vampire“. Dort konnte man ihn noch einmal als Gastwirt Chagal erleben, da der eigentlich besetzte Jerzy Jeske verletzungsbedingt ausfiel. Und kurz vor Weihnachten auf dem Weg nach Mallorca erreichte ihn ein weiterer Hilferuf vom Theater Magdeburg. Der dortige Darsteller des Mushnik in „Der kleine Horrorladen“ sei erkrankt. Trotz großer Bemühungen war ein Ersatz nicht zu bekommen und die Vorstellung am nächsten Tag komplett ausverkauft. Um diese nicht zu gefährden, stand seine Antwort auf die Frage: „Hast du mal darüber nachgedacht, ob DU das nicht spielen kannst?“ ganz schnell fest. „Ich habe nicht nein sagen können und bin dann wirklich ins kalte Wasser gesprungen. Meine eigene Inszenierung, ausverkauftes Haus, die Leute, die die Vorstellung spielen lieben das Stück – darum habe ich das ohne lange zu überlegen auch gemacht.“ Natürlich sei es noch einmal etwas anderes, ob von unten zu inszenieren, oder oben auf der Bühne zu stehen, zumal er diese Rolle vorher, im Gegensatz zu Chagal in St. Gallen, noch nie und schon gar nicht mit Orchester gesungen habe. In Magdeburg gab es auf der Bühne eine Position, wo er absolut nichts von der Band hörte. Er habe seinen musikalischen Leiter, Damian Omansen, beobachtet und gedacht: „Ok, ich höre zwar nichts, aber solange Damian da unten so entspannt ist, bin ich wohl tatsächlich mit der Musik.

Aber wie macht man beides gleichzeitig – Regie zu führen und als Darsteller im Rampenlicht zu stehen? Er erklärt mir, dass er in diesen Fällen ja lediglich eingesprungen sei. Zwar steckten sie beim „Horrorladen“ schon in den Proben, als er in St. Gallen einsprang, aber dann würde man eben mittags fliegen, abends spielen und am nächsten Morgen wieder Retour – in der Zwischenzeit fänden dann musikalische oder choreografische Proben statt. An den Wochenenden gab es sowieso nie Probleme, von daher habe das ganz gut zusammengepasst. Als er beim „Horrorladen“ eingesprungen sei habe er zudem frei gehabt. Zwar hätte er den Wirt in „Tanz der Vampire“ auch noch weiterspielen können, aber da war er in den Endproben zum „Horrorladen“, und darum war es für ihn nicht möglich weitere Vorstellungen in St Gallen zu spielen. Frank Winkels übernahm dann die Rolle des „Chagal“ für die restlichen Vorstellungen.

Was war der Grund von AUF der Bühne VOR die Bühne zu wechseln? Die berühmte und sicher spannendste Frage nach dem Warum muss einfach gestellt werden. Auch hier bekomme ich eine Antwort, die an Ehrlichkeit kaum zu überbieten scheint. „Ich hatte viele Musicals gespielt und immer wieder festgestellt, mir „FEHLT WAS“, eine genaue Personenregie fand oft nicht statt – natürlich gab es auch da Ausnahmen. Eine solche war zum Beispiel Paul Garrington, der Regisseur von „Mamma Mia“. Unter seiner Regie habe man alles nach und nach entwickelt. „Obwohl alles was ich auf der Bühne gemacht habe, genauso auch in London oder New York gespielt wurde. Aber ich hatte immer das Gefühl diese Rolle neu zu entwickeln. Paul war in der Beziehung ein großes Vorbild.“ Allerdings gab es eben auch die andere Seite der Medaille. „Und irgendwann stand ich dann auf der Bühne und hab mir so gedacht: Nee, das mache ich jetzt nicht mehr mit. Jetzt gehe ich nach unten und versuche dort einen guten Job zu machen. Natürlich war das ein ziemliches Risiko, da ich ja vorher hauptsächlich auf der Bühne gestanden hatte. Gott sei Dank hat das dann aber schnell funktioniert und eine bedeutende Fachzeitschrift schrieb ‚Ein neuer Stern am Musicalhimmel‘. Ich hatte Glück, dass es damals so gut los ging und es ist heute tatsächlich immer noch so.“

Der Erfolg gibt Ulrich Wiggers Recht, seine Inszenierungen sind großartig, was nicht nur dem Publikum aus dem Gesicht abzulesen ist. In diesem Jahr dürfe er „Les Miserables“ in Tecklenburg inszenieren, worüber er sehr glücklich sei. Eine Menge Fans warten händeringend darauf, dass dieses große Stück den Weg zurück nach Deutschland findet. In Berlin habe er vor Jahren die Rolle des Thenadier gespielt, aber leider konnte diese Show nicht die gewünschten Zuschauerzahlen einbringen. „Trotz der tollen Aufführung und der fantastischen Cast kamen leider einfach nicht genügend Zuschauer!“ Nun darf er seine eigenen Ideen und Gedanken zu „Les Mis“ verwirklichen und muss sich nicht an die Vorgaben der Londoner Produktion halten. Natürlich sei seine Interpretation genauso historisch wie die Londoner, aber seine Sicht auf die Figuren sei eben trotzdem eine andere. Er orientiere sich sehr an dem Roman und auch an der Verfilmung, auch wenn diese, ebenso wie andere Musicalverfilmungen, keinen großen Anklang finden konnte. Genau wie vor der Berlin-Zeit, habe er nochmals alle Bände Victor Hugos Trilogie gelesen und sich verinnerlicht, wenngleich derzeit mit dem Focus auf allen Charakteren, im Gegensatz zu damals mehr Thenadier. Alles was sein Hirn und seine Fantasie anfüttere, habe er in der Roman-Vorlage durch unzählige Eselsohren und Anmerkungen kenntlich gemacht und herausgeschrieben, um so später diese wunderbare Geschichte auf die Bühne zu bringen. Im letzten Jahr habe er schon mit „Shrek“ eine andere Herangehensweise an die Vorlage gefunden. Alles was er bis dahin gesehen habe, hätte seiner Vorstellung von Humor nicht wirklich entsprochen. „Und am Ende war es dann richtig klasse, etwas Eigenes daraus geschaffen zu haben“. Die Inszenierung aus 2016, „Artus“ sei für ihn mit eine seiner Schönsten gewesen, daran könne „Les Miserables“ in diesem Jahr gerne anschließen.

„Ich versuche höchstens vier bis fünf Produktionen in einem Jahr zu machen, mehr nicht, weil ich Vorbereitungszeit für neue Projekte brauche, und auch etwas Freizeit haben möchte.“ Zu einer Inszenierung gehöre für ihn eine intensive Vorbereitungszeit und er gehe ungern unmittelbar von der Einen in die Nächste. Wichtig sei dazwischen runter zu kommen und durchzuatmen, um den Kopf für neue Ideen frei zu bekommen und sich darauf konzentrieren zu können. „Ich mache das zwar auch schonmal…“, bei „Der kleine Horrorladen“ und „Irma la Douce“ sei das so gewesen, „…Samstag war in Magdeburg Premiere, Sonntag sind Damian, Leif (Leif-Erik Heine – Bühnenbild – Anm. der Red.) und ich dann nach Aachen gefahren und Montagmorgen begannen dort die Proben. Das war schon nicht ohne und wir haben alle ein paar Tage gebraucht um sowohl an der neuen Spielstätte, als auch im neuen Stück überhaupt anzukommen.“

Die Aktiven begleite er bis zur Premiere und ginge auch später noch oft in Vorstellungen, um sich diese anzuschauen. In St. Gallen sei er vor der Wiederaufnahme noch in der letzten Aufführung der ersten Spielzeit gewesen und habe dann die Punkte, welche ein wenig verrutscht seien, zu Beginn der neuen Proben angegangen. Für eine solche erneute Aufnahme sei die gemeinsame Zeit extrem reduziert, lediglich drei bis vier Tage müssten ausreichen. Das wäre aber in der Regel kein Problem, da häufig die Darsteller die gleichen blieben. Wenn ein Neuer hinzukomme, dann habe dieser das Stück bereits über ein Video studiert und man müsse ihm nur noch „den Feinschliff“ verpassen. In Magdeburg beim „Horrorladen“ hatte Wiggers einen Regieassistenten und geht für die geplante Wiederaufnahme davon aus, dass dieser sie begleiten wird. „Sascha macht das toll, aber auch da schaue ich mir die Vorstellungen an und bespreche das was ich sehe mit ihm, damit er dies entsprechend weitergeben kann. Es ist ganz normal, dass „Dinge“ verrutschen und da ist es gut und wichtig nochmal „Weichen zu stellen.“

Ich bitte meinen Gesprächspartner unseren Lesern ein wenig über die Arbeit eines Regisseurs im Allgemeinen zu erzählen. „Zunächst bekomme ich ein Angebot, eine Anfrage, ob ich Lust hätte ein Stück zu inszenieren. Das Stück muss mich interessieren, im Idealfall kommen mir schon beim Lesen, und beim Hören der Musik die ersten Ideen. Das ist dann immer ein untrügliches und positives Zeichen für mich!“. Die Vorbereitungszeit dauere meist etwa ein Jahr, und diese Zeit sei nötig und wichtig. „Schließlich habe ich keinen Schalter, den ich umlegen und sagen kann: Fantasie geh los, gib mir Input für zum Beispiel „Irma“, ich brauche Ideen zur Bühne oder den Kostümen.“ Ein Regisseur ist also wirklich für alles verantwortlich, was der Zuschauer später auf der Bühne sieht? „Ja, ich bin tatsächlich für so ziemlich alles verantwortlich.“ Mit dem Choreografen bespricht er seine Sicht der Choreografien, dem Bühnenbildner versucht er seine Ideen, die manchmal am Anfang noch gar nicht vollkommen ausgereift sind, zu erklären um dann in vielen Gesprächen einen gemeinsamen Weg zu finden, genau wie mit dem Kostümbildner. Die unterschiedlichen Gegebenheiten der Häuser würden dann ja auch differenzierte Anforderungen stellen, ob es große Bühnen mit vielen, oder Kleine mit begrenzten Möglichkeiten seien. Parallel hierzu beginne die weitere, und vor allem intensivere Auseinandersetzung mit dem Text. Da fielen auch schon mal Sätze weg, auch Songs würden gekürzt, oder wie z.B. bei „Die Drei von der Tankstelle“, kämen neue Songs hinzu. In diesem Fall habe er zusammen mit der Tochter des Komponisten Werner Richard Heymann, Elisabeth Trautwein-Heymann, im Vorfeld Gespräche geführt und sich die Erlaubnis eingeholt, andere Lieder von ihrem Vater einzufügen. Die Begeisterung von Elisabeth Trautwein-Heymann nach der Premiere sei dann auch für alle Beteiligten überwältigend gewesen. „Als Regisseur hast du ein Bild des ganzen Stücks im Kopf, und dieses Bild musst du allen Beteiligten vermitteln, so dass wir alle an einem Strang ziehen. Jederzeit muss ich Rede und Antwort stehen. Man erwartet von mir Input, und am Ende kommt dann – hoffentlich – (er lacht – Anm. der Red.) ein stimmiges Gesamtbild heraus.“ Anschließend beginne seine größte und wichtigste Arbeit – die mit den eigentlichen Hauptpersonen, den Darstellern. „Sie dürfen, sollen und müssen Fragen stellen. Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als wenn man auf der Bühne Dinge sagen oder tun muss, wovon man nicht weiß was sie bedeuten, oder warum man dies so machen soll!“

Natürlich habe er auch ein Mitspracherecht bei der Darstellerauswahl. Er setze sich mit seinem musikalischen Leiter zusammen, um zu überlegen, wen sie besetzen könnten. „Wir kennen so viele Aktive, die dann gezielt zu einer Audition eingeladen werden. Beim Vorsingen sitzen dann noch Dramaturgie, Besetzungschef/in und Intendant/in dabei und zusammen beratschlagen wir. Letzten Endes heißt es dann aber meist: Du musst mit ihnen arbeiten, sag wen du möchtest.“ Es gebe aber auch oft gesetzte Zwänge, wer z.B. von dem Ensemble an einem Stadttheater besetzt werden müsse. „Aber auch da hatte ich bisher Glück. Ich besetze Rollen gerne mit Leuten, die diese noch nicht gespielt haben „Ich brauche jemanden, der die Rolle neu denkt, die Rolle neu entwickelt, sie mit mir neu entwickelt.“

Zu frischen Absolventen habe er eine besondere Verbindung, was sicher durch seine eigene Tätigkeit als unterrichtender Dozent an der Universität der Künste in Berlin sowie an der Joop van Ende Akademie in Hamburg zu erklären ist.

Was mich sofort zu der nächsten Frage kommen lässt: Sind die Vorgaben des Regisseurs „in Stein gemeißelt“, hält er die Fäden ausschließlich alleine in der Hand und dirigiert seine Leute, oder haben diese auch ein Mitspracherecht bezüglich ihrer Figuren? „Ich glaube der Regisseur muss den Faden sowohl in der Hand behalten, als ihn auch lockerlassen können.“ Er fände es wichtig, dass der Faden auch mal nach rechts oder links dehnbar wäre und die Darsteller testen könnten, wie weit dies gehe, bevor sie vielleicht von selber wieder auf den Weg zum geraden Faden zurückfänden. „Ich probiere grundsätzlich aus, was man mir anbietet und finde es deswegen auch schön wenn die Leute meine Ideen ausprobieren. Es ist enorm wichtig, dass die Darsteller mit ihren eigenen Vorstellungen kommen und diese auch einbringen. Bevor wir mit den szenischen Proben beginnen, also bevor es „auf die Bühne geht“, rede ich immer sehr gerne ausführlich mit den Darstellern über die Figuren. Jeder soll seine Gedanken und Meinungen einbringen, und so entstehen in großer Runde schon oft neue Gedankengänge, neue Möglichkeiten, Figuren auch anders sehen zu können usw. Das ist ein unglaublich spannender Prozess für alle. Ich erarbeite Rollen einfach gerne gemeinsam mit Darstellern. Alle sind extrem glücklich darüber, wenn man nicht nur sagt: Du kommst von rechts, gehst nach links und das Bild ist dann so und so.“

Das Ulrich Wiggers seinen Job gut macht, sehr strukturiert und geplant vorgeht, steht außer Frage. Aber wie steht es um den privaten Menschen? „Oh, ja. Privat bin ich ganz oft ohne wirklichen Plan.“ Erzählt er mir schmunzelnd. „Ich kann, wenn alles im Job geschafft ist, auch extrem gut wirklich mal faul sein.“ Lachend erinnert er sich an seine Mutter, die sagen würde „Dich kann die Arbeit anspringen und du siehst sie nicht.“ Das stimme, aber das sei ihm dann egal. „Natürlich sehe ich die Arbeit liegen, aber die liegt da auch noch in drei oder vier Tagen, und dann kann ich die immer noch anpacken. Ich kann wirklich gut faul sein, bin dann aber wieder extrem diszipliniert, wenn es darauf ankommt – und ich arbeite gut unter Druck.“

Meine Frage nach ihn beschreibenden Charaktereigenschaften beantwortet er schnell, spontan und sicher. „Ich glaube das ich ein ganz netter Kerl bin, ich bin fleißig und ich habe Respekt vor Menschen.“

Es gäbe nichts für ihn, was er aus heutiger Sicht in seinem Leben hätte anders machen sollen. „Gerade was meinen Job betrifft, bin ich extrem happy. Natürlich gibt es in meinem privaten Leben Dinge, wo ich sage, da hätte ich drauf verzichten können, aber in meinem Job, so wie der Weg war und ist, da wo ich jetzt stehe, darüber bin ich mehr als dankbar und glücklich.“ Er habe das große Glück gehabt, die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen, dass der richtige Kritiker in der richtigen Vorstellung gesessen habe und eine gute Kritik dabei herausgekommen sei. „Ich wurde gesehen – wenn man nicht gesehen wird, dann ist man auch nicht vorhanden. Und ich darf wirklich glücklich und zufrieden mit meinem Leben sein.“

Meine eigentliche Schlussfrage, die nach einem eventuellen Lebensmotto, nimmt er mir vorweg, als er davon erzählt, was ihm im Leben wichtig ist. Lächelnd geht sein Blick zu dem kleinen wuscheligen Fellbündel, das die ganze Zeit geduldig zwischen uns auf der Bank gelegen hat und bereits seit sechzehn Jahren sein Begleiter ist. „Mein Hund, meine Mimi, ist mir sehr wichtig, dass es der Kleinen gut geht – UND…”, ihm kommt eine Szene aus „Cyrano de Bergerac“ in den Sinn, die er gerade heute geprobt habe und die ihn, wie er denkt, ziemlich gut beschreibe, das beschreibe wonach er versuche zu leben.

„…Und insgeheim sich sagen: Na, mein Kleiner,
So kannst Du König sein in Deinem Reiche,
und bist Du weder Buche noch auch Eiche:
Hoch hinaus hast Du es nicht geschafft,
aber ganz allein aus eigner Kraft!“

Ein – wie ich finde – wirklich passendes Schlusswort für einen bewundernswerten Menschen. Vielen Dank, Ulrich, dass du dir so viel Zeit genommen hast und mir eine Sichtweise auf manche Dinge eröffnet hast, die mich nachhaltig beeindruckte.

 

Interview von Astrid (05.03.2018 in Aachen)