Irma la Douce – Premiere in Aachen

Kleine Bühne – große Inszenierung – größte Gefühle

Premiere: 15.12.2017 / Rezensierte Vorstellung: 15.12.2017

“Irma la Douce – Freut Euch schon jetzt auf unser jährliches Musical zur Weihnachtszeit in der Regie von Ulrich Wiggers!“ – so titelt das Grenzlandtheater der StädteRegion Aachen, gelegen im Dreiländereck Deutschland – Niederlande – Belgien. Als Besucher kann man sicher sein, dass einen dort eine wirklich interessante Inszenierung erwartet, urteilen doch die in den letzten Jahren abgegebenen Stimmen überaus eindeutig.

DSC09878-Irma-la-douce-aachen-2017-(C)-Astrid-Mohren

Das Grenzlandtheater wurde 1950 von dem Schauspieler Kurt Sieder als Privattheater gegründet und anfangs Zimmertheater genannt. Als erstes Stück brachte man „Die Macht des Schicksals“ von G. B. Shaw zur Aufführung. In Zusammenarbeit mit dem Landkreis Aachen und als späterem Finanzträger dem Land Nordrhein-Westfalen passte man es über die Jahre dem Wandel der Zeit an. 1962 erfolgte die Umbenennung in Grenzlandtheater Aachen. Es zählte zu den ersten Theatern, deren Träger ein Landkreis ist und wurde erst kürzlich – mit Unterstützung der Sparkasse Aachen – modernisiert und in seiner Umgebung auffälliger gestaltet. Es gibt heute ein einladendes, freundliches Foyer und deutlich bequemere Sitzgelegenheiten im Saal.

Der Veranstaltungsort liegt eingebettet in der Elisen-Galerie, einem Einkaufszentrum, mitten in der Kaiserstadt. Zum Foyer des Theaters gelangt man durch den Eingang eben dieses Centers. Der Saal ist klein, urgemütlich und in warmen Farben gehalten. Den Eindruck mittendrin statt nur dabei zu sein erhält das Publikum durch die halbmondförmige Bühne, die die komplette Saalbreite einnimmt. In gleicher Formation schließen sich, in der nur geringen Raumtiefe, die Zuschauerplätze an. Die Sicht von allen 218 Plätzen ist hervorragend.

„Irma la Douce“ zieht bereits seit seiner Uraufführung in Paris 1956 das Publikum in seinen Bann. Kurze Zeit später schaffte es den Sprung ans Londoner West End und sogar an den Broadway. Bekannt wurde die Geschichte des französischen Freudenmädchens durch die Verfilmung von Billy Wilder, mit Shirley MacLaine und Jack Lemmon in den Hauptrollen. Das Grenzlandtheater inszeniert das Musical von Alexandre Breffort und Marguerite Monnot (aus ihrer Feder stammen auch die Lieder von Edith Piaf) unter der Regie von Ulrich Wiggers und der musikalischen Leitung von Damian Omansen. Für das Bühnen- und Kostümbild zeichnet sich Leif-Erik Heine und für die Choreografie Marga Render verantwortlich.

Das Bühnenbild ist ebenso einfach wie genial. Hier sieht man klar, dass Bühne auch funktioniert, wenn man keinen großen Platz, keine große Technik zur Verfügung hat und die einzelnen Komponenten „in Handarbeit“ bedienen muss. Dargestellt wird eine Straße, in der man sowohl eine Bar, die Privaträume Irmas wie auch ihre Diensträume und – ohne die durch Klapp- bzw. Drehmechanismen herausgefahrenen besonderen Requisiten – eben einfach nur einen reinen Straßenzug sieht.

© Kerstin Brandt
© Kerstin Brandt

„Die Geschichte ist nicht unbedingt eine Geschichte für Kinder, sie handelt nur von Blutgier, Leidenschaft und Tod, alles drin. Es ist halt die Geschichte einer Ehe zu Zweit und Sie müssen zugeben, so etwas hört man heutzutage eher selten.“ Die Zuhälter nehmen ihren Mund zu Beginn der Vorstellung ziemlich voll und warnen die Eltern des vielleicht anwesenden minderjährigen Publikums vor der Thematik des Rotlichtmilieus. Zu Unrecht, kann man sich doch durchaus auch mit größeren Kindern in diese Inszenierung wagen, ohne bleibende Schäden zu riskieren. – Irma, von ihren  zahlreichen Verehrern „la Douce“ – die Süße – genannt, fristet ihr Leben als Freudenmädchen in einem Pariser Vergnügungsviertel, dem Milieu. Dort begegnet sie Nestor, einem aus dem Dienst entlassenen Polizisten, sie verlieben sich und ziehen zusammen. Die glückliche Zeit wird allerdings immer mehr getrübt von Nestors wachsender Eifersucht auf ihre Freier. Um diese zu verdrängen, entschließt er sich zu verkleiden und als reicher Monsieur Oscar Irmas Stammkunde zu werden. Es gelingt ihm und er kann ihre Sympathie gewinnen. Womit er aber nicht rechnet, ist die in ihm aufkeimende Eifersucht auf sich selbst. In seiner Verzweiflung bringt er sich quasi selber um, indem er seine/Oscars Verkleidung in der Seine versenkt und gerät damit ins Visier der Polizei. Irma vermisst ihren reichen Freier und Nestor wird des Mordes an ihm angeklagt. Ein Richterspruch bringt ihm und seinen vermeintlichen Helfern, den Zuhältern, einen Aufenthalt im Arbeitslager auf der Teufelsinsel ein. Von dort gelingt ihnen die Flucht und die Geschichte erfährt eine Wende….

In der Premierenbesetzung sind zu sehen

  • Irma la Douce – Maxine Kazis
  • Nestor/Oscar – Oliver Urbanski
  • Bob/Richter – Olaf Meyer
  • Jojo/Inspektor Lefèvre/Finanzbeamter – Robert Meyer
  • Hyppolyte – Ricardo Frenzel Baudisch
  • Persil – Stefan Schmitz
  • Bonbon – Nicolai Schwab
  • Roberto/Priester – Jan Altenbockum

Die Cast bedient schauspielerisch alle Charaktere ohne Ausnahme sehr überzeugend. So spielen die verschiedenen Zuhälter intrigant und schleimig, aber an den richtigen Stellen gelingt es ihnen, das Publikum mit der durchaus gewollten Situationskomik zum schallenden Lachen zu bringen. Als eine nicht nur fantastisch gespielte, sondern auch technisch genial umgesetzte Szene, muss hier die Flucht von der Teufelsinsel Erwähnung finden. Die Gefängniszellen sperren die Gefangenen nicht nur einzeln ein, sondern liefern später ebenso das Floß, auf welchem letzten Endes die mehr oder weniger sichere (und vor allem für die Zuschauer sehr lustige) Heimreise gelingt.

DSC09865-Irma-la-douce-aachen-2017-(C)-Astrid-Mohren

Olaf Meyer glänzt in seiner Rolle als Bob ebenso, wie als Richter, mit der durch eine Perücke schnell hergestellten Verwandlung. Jan Altenbockum versteht es sowohl in der Rolle des Zuhälters Roberto als auch in der des Priesters zu glänzen. Robert Meyer hat den größten Umzugsaufwand zu betreiben, erlebt man ihn sogar gleich in drei Rollen. Seine harmonische, warme, sanfte und zugleich kraftvolle Musicalstimme bleibt auch bei den nur kurzen Soli, neben seinem großartigen Spiel, in besonderer Erinnerung. Oliver Urbanski spielt seine Doppelrolle mit großem Geschick und ihm gelingt der Umschwung zwischen beiden Rollen überzeugend und ohne Mühe. Absolut hervorzuheben ist seine Darstellung des Zwiegespräches Nestor/Oscar, bei welchem man ebenso mitleidet, wie jedes Wort glaubt. Bleibt nur noch Maxine Kazis zu erwähnen, die Irma trotz ihres verruchten Berufes mit der passenden Portion Unschuld ausstattet und ihre Rolle lebt. Davon zeugt nicht nur ihr sehr emotionales „Milord“, welches nicht nur sie zu Tränen rührt. Ihr Spiel ist klar und rein, ebenso wie ihr Gesang, der jedem sicherlich noch lange im Ohr bleibt.

DSC09874-Irma-la-douce-aachen-2017-(C)-Astrid-Mohren

Über den Gesang aller Protagonisten kann man überhaupt nur sagen, dass die Stimmen sich harmonisch ergänzen, die Rollen unterstützen, sehr klar und in Kombination sehr stimmig klingen. Es gelingt gekonnt, die Musik aus der „damaligen“ Zeit mit der Moderne zu verbinden, nichts klingt angestaubt oder gar alt, alles passt hervorragend in die Kulisse, in das Stück und in die heutige Zeit. Ulrich Wiggers hat seine Cast perfekt ausgesucht und zusammengestellt. Die tänzerischen Darbietungen erfreuen, belustigen und gelingen auf der sehr kleinen Bühne hervorragend, alle Ensemble-Darsteller begeistern ebenfalls und tragen durch die einzelnen Nummern. Die Musik ist  handgemacht und kommt nicht aus der Konserve, die Band versteckt sich – teilweise durchschimmernd – hinter der Kulisse und ist sehr präsent ohne jedoch die Sänger zu übertönen.

DSC09880(1)-Irma-la-douce-aachen-2017-(C)-Astrid-Mohren

Theaterintendant Uwe Brandt lobt zurecht in seiner abschließenden Rede nicht nur sein Team auf der Bühne, sondern ebenso jenes unsichtbare hinter den Vorhängen. Er führt aus, dass dieses Stück auch sehr von der Kulisse lebt, „ein Adventskalender, bei dem man immer neue Türchen entdecken und öffnen kann.“ Es brauche in dieser „Sardinenbüchse“, wie er das sehr intime Theater liebevoll nennt, jemanden, der mit dem geringen Platz umzugehen versteht. Auch der Choreographin gebührt großes Lob, schafft sie es doch ausgeklügelte Ensemble-Tanz-Nummern auf den, an der tiefsten Stelle nur etwa vier Meter messenden Brettern, gekonnt zu integrieren. Keineswegs vergessen sollte man hier aber den Intendanten selber, der immer wieder Mut beweist, wenn er für dieses kleine Theater auch ungewöhnliche Stücke auf die Bühne bringt.

Wer nun Lust bekommen hat, sich dieses sensationell umgesetzte Musical nicht entgehen zulassen, sollte sich beeilen. Das Grenzlandtheater bietet Vorstellungen noch bis zum 22. Januar 2018 vor Ort an – anschließend bis zum 7. Februar 2018 noch als kleine Tour durch ausgelagerte Spielstätten. Eine Zusatzveranstaltung ist – auf Grund des großen Interesses – bereits für den 23. Januar 2018 am Standort angesetzt. Karten sind noch für alle Termine auf der Internetseite des Veranstalters www.grenzlandtheater.de zu erhalten.


Artikel von Astrid