Interview mit Maya Hakvoort

(c) Alex List
(c) Alex List

„Theater ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit!“

 

An einem Donnerstagnachmittag habe ich die Gelegenheit, mich mit Maya Hakvoort in Brunn am Gebirge zu einem Interview zu treffen. Die Luft ist energiegeladen, ein von Starkregen begleitetes Gewitter entlädt sich direkt über uns, doch das hält uns in keinster Weise davon ab, das Gespräch vor dem Theater – Schutz suchend unter einem großen weißen Sonnenschirm – zu führen. Warum ich dies vorwegnehme – nun ja, meine Interviewpartnerin an diesem Nachmittag wirkt mit ihrem unermüdlichen Elan und ihrem überschäumenden Tatendrang beinahe so energetisch wie das Wetter um uns herum, so dass doch alles zusammen eine Einheit bildet,  inmitten dieses malerischen kleinen Ortes.

Freundlich empfängt mich die gebürtige Niederländerin und steht mir sehr geduldig Rede und Antwort. Seit fast zwanzig Jahren liegt ihr Lebensmittelpunkt in Niederösterreich. Zwar ziehen Engagements sie immer wieder auch in die Schweiz und nach Deutschland, doch mit der Gründung ihrer Familie festigte sich die Entscheidung, ihrem Heimatland endgültig den Rücken zu kehren. Seit Anfang der 90er Jahre spielte sie die österreichische Kaiserin Elisabeth weit über 1000 Mal im gleichnamigen Musical, was ihren Bekanntheitsgrad immens steigerte. „Ich habe hier meine Familie mit meinen beiden Kindern, und darum versuche ich auch viel in Österreich zu arbeiten.“, erklärt sie und fügt hinzu „In Österreich ist mein Bekanntheitsgrad am Größten, also lassen sich meine eigenen Projekte hier natürlich am einfachsten umsetzen.“ Und eigene Projekte hat sie viele – seit 2004 existiert ihre Agentur „Maya Hakvoort Music Productions“, mit der sie eigene Konzertreihen und seit kurzem auch Musicals auf die Bühne bringt. Schon immer habe sie eigene Soloprogramme auf die Beine stellen wollen, was sie dann Silvester 2004 mit „Maya goes Solo“ auch getan habe. Zunächst mit nur einem Pianisten, später dann mit einer ganzen Band und Ensemble. „Ich habe zunächst drei Soloprogramme gemacht, „Maya Goes Solo“, „In My Life“ und „Mayas Musical Life“. Bei letzterem hatte ich auch ein Ensemble dabei, wurde aber nur am Piano begleitet. 2011 habe ich meine Soloprogramme dann mit „This Is My Life“ mit einer großen, zehnköpfigen Band weitergeführt. 2012 rief ich „The Voices“ ins Leben, zunächst mit neun Sängern, später sind wir mit vier auf Tour gegangen. Am Anfang hatten wir eine zehnköpfige Band, später auf Tour dann eine sechsköpfige und es kamen dann auch weitere Anfragen. Beim Stück hier in Brunn kam der Impuls von der Gemeinde, aber „Next to Normal“ im Mai habe ich selber gemacht. Ich wollte die Produktion aus Dortmund nach Österreich bringen und das habe ich persönlich auf die Bühne gebracht – es ist einfach ein zweites Standbein. Außerdem kann ich ja meine Soloprogramme nicht in großen Theatern produzieren, da muss immer gefragt werden, ob das geht und ich möchte nicht so viel fragen, ich möchte immer nur tun.“  Dass sie tatkräftig anpackt und die Zügel gern fest in der Hand hält, zeigt sie in ihrer aktuellen Produktion „Blutsbrüder“, in der sie als Mrs. Johnstone auf der Bühne steht. Sie beschreibt es als Herzensprojekt, wie alles, was sie macht. Resolut steht sie hinter ihrem Team, welches diesmal abgesehen von Licht, Technikern und Musikern völlig neu zusammengestellt wurde. „Es ist ein Marathon gleichzeitig zu produzieren und zu spielen. Wäre das kein Herzensprojekt, wäre es verrückt und Erfolg haben kann man nur, wenn man wirklich komplett dahinter steht.“ Dass sie genau das tut, wird aus jedem ihrer Worte deutlich. Maya Hakvoort brennt für ihren Beruf und kann auf eine unglaubliche Bandbreite an Rollen zurückblicken. Mit ihrem Erfahrungsschatz schöpft sie aus den Vollen und lässt ihr Team davon profitieren.

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(c) Alex List

Sie selbst hat unglaublichen Spaß daran, neue Rollen zu erarbeiten, und taucht stets tief in die Materie ein. Mit wachsender Begeisterung erarbeitet sie Profile für jede der Frauen, die sie auf der Bühne verkörpern darf. Dabei kommt es ihr gar nicht so sehr darauf an, ob es eine gänzlich neue Rolle ist, oder die Figur bereits existiert. „Ich möchte generell immer eine Rolle spielen, die eine schöne Psychologie hat.“, erklärt sie. Auch habe sie ganz genaue Vorstellungen von ihren Figuren, die sie dann gemeinsam mit dem Team umzusetzen versucht. Am Beispiel der Alten Gina, der sie bei „Don Camillo und Peppone“ Leben einhauchen durfte, erörtert sie das Vorgehen begeistert. Die Zusammenarbeit zwischen Maske und Kostümabteilung, aber auch ihren eigenen Impulsen ist in solchen Momenten sehr stark, und sie nutzt die Gelegenheiten, sich selbst einzubringen. „Das ist natürlich eine Reise und für mich schon überraschend, dass das so gut gelungen ist.“, verrät sie, und erzählt, wie sie von der Maskenbildnerin aus St. Gallen seinerzeit mittels Brush-Technik und Silikonteilen in eine 90jährige verwandelt wurde, ohne dass es auch nur eine Spur lächerlich wirkte. Es sei eine Gratwanderung, und man bestreite den Weg stets gemeinsam. Allerdings haben auch andere Rollen ihr Herz erobert – Evita, Mrs. Danvers und Norma Desmond aus Sunset Boulevard nehmen einen besonderen Stellenwert ein. „Es muss einfach ein Profil haben – ich suche in jeder Rolle immer die Tiefe und arbeite das Profil komplett aus. Die Psychologie hinter den Figuren interessiert mich, warum sind sie geworden wie sie sind? Das ist für mich viel faszinierender als einfach eine Karrierefrau zu spielen. Erst Herausforderungen machen das doch richtig interessant und zeigen, wie das Leben mit allem was dazu gehört, wirklich ist.“

Komödien spiele sie auch gern, allerdings falle es ihr noch manchmal schwer, die richtige Pointe zu  finden, wenn sie nicht in ihrer Muttersprache unterwegs sei. Aus diesem Grund bevorzugt sie auch die Kombination aus Drama und Heiterkeit, was auch bei ihrem aktuellen Stück „Blutsbrüder“ gut ankommt. „Für die tiefgründigen Rollen mache ich Theater, die Leute sollen immer mit einem Gefühl nach Hause gehen, am liebsten mit einem bewegten Gefühl…“ Als Mutter könne sie sich mit Mrs. Johnstone sehr gut identifizieren, auch wenn sie sich nicht vorstellen kann, jemals ein Kind wegzugeben. Große Emotionen habe sie bei „Next to Normal“ durchlebt. In der Rolle der Diana Goodman habe es sie persönlich interessiert einmal hinter die Fassade zu schauen, die Entwicklung der Menschen zu fühlen, die ein Trauma nicht oder nur schwer aufarbeiten können. „Ich finde das ist ein sehr wichtiges Thema. Es wird immer vieles unter den Teppich gekehrt, und ich versuche über Theater genau das an die Oberfläche zu bringen und Tabus zu brechen.“  Ab Herbst steht sie im Wiener Museumsquartier als Fräulein Rottenmeier in Michael Schanzes Musical „Heidi“ auf der Bühne.  „Das muss ich noch erarbeiten, schauen welche Parallelen es da gibt. Aber gut, sie ist fürsorglich, meint es im Grunde ja gut, ist ein wenig streng, aber ich bin auch ab und zu ein bisschen streng. So als Produzentin muss man ja auch immer schauen, dass man streng bleibt, sonst kriegt man ja nichts auf die Reihe.“, schmunzelt sie.

Am Meisten stecke von ihr jedoch in „ihrer“ Elisabeth, die sie am längsten verkörpern durfte, und der sie auch über die Landesgrenzen Österreichs hinaus ein Gesicht verliehen hat.  Bis ins Land der aufgehenden Sonne hat diese Rolle sie geführt, und augenblicklich beginnt sie bei der Erinnerung an ihre Zeit in Japan zu strahlen. „Eigentlich hatte ich mich von der Rolle schon verabschiedet, 2005 war die letzte Vorstellung im Theater an der Wien, aber im Folgejahr kam die Einladung nach Japan. Sag niemals Nie! Es war ein absoluter Traum, mit fast derselben Cast dort zu sein – 2006 für eine kurze Promotour und 2007 dann für die Tournee – Japan war die Krönung unserer Arbeit. Zu diesem Zeitpunkt bekam ich auch Anfragen, mein Soloprogramm dort zu machen, was ich dann auch getan habe. Es war einfach großartig. Ich hatte eine japanische Sängerin als Gast dabei, die den Franz-Josef gespielt hat. 2012 sind wir dann mit Elisabeth sogar noch einmal dort gewesen – fantastisch! Ich würde das auch jederzeit wieder machen, wenn sich die Möglichkeit bietet, der Kontakt mit dem damaligen Produzenten besteht nach wie vor.“

Als eine Frau, die sowohl ihr Leben, als auch ihre Bühnenkarriere in vollen Zügen genießt, hat sie noch viele Wünsche, Träume und auch konkrete Pläne, die sie bereitwillig mit mir teilt. Sie freue sich schon jetzt sehr darauf, im kommenden Frühjahr in Bozen erneut in die Rolle der Norma Desmond in Sunset Boulevard schlüpfen zu dürfen. „Die habe ich vor drei Jahren in Tecklenburg gespielt, und bin damit noch nicht fertig. Ich bin ganz glücklich darüber, dafür noch einmal engagiert worden zu sein.“, strahlt sie. „Mrs. Johnstone stand auch auf meiner Liste, die darf ich jetzt spielen, was ich sehr genieße. „Hello Dolly“ würde ich gern mal machen, oder auch die Mutter im „Wunder von Bern“. Das Stück ist einfach fantastisch und die Rolle ein Traum!“, zählt sie weiter auf. „Es gibt da natürlich auch noch so ein paar andere Dinge, die mich reizen, zum Beispiel „Camille Claudel“ von Frank Wildhorn. Das lief bislang nur in Amerika, aber ist ein total spannendes Stück – für die Zukunft könnte ich mir auch das total gut vorstellen. Was noch nicht als Bühnenstück existiert, weil Barbara Streisand die Rechte dafür nicht freigibt, ist „Yentl“, aber auch das könnte ich mir prima vorstellen. Was nicht ist, wird hier hoffentlich irgendwann noch kommen. Ich brauche einfach immer etwas Neues, nach jeder Premiere werde ich rastlos und suche schon nach weiteren Herausforderungen. Jetzt gerade zum Beispiel bereite ich ein Konzert vor, welches ich am 28. September im Theater Akzent in Wien geben werde – ein neues Soloprogramm mit Máté Kamarás als Special Guest.“

Dass sie allerdings nicht nur träumt, sondern sehr wohl auch weiß ihre Gedanken und Pläne in die Tat umzusetzen, hat sich inzwischen auch in der Kommunalpolitik herumgesprochen. Maya Hakvoort engagiert sich schon sehr lange stark für wohltätige Zwecke und gibt sich in diesem Bereich immer noch kämpferisch. Sehr verbunden fühle sie sich mit muskelkranken Kindern. Viele Jahre sei sie auch bei der Harley Davidson Charity Tour dabei gewesen, da sie auch selbst leidenschaftliche Harley-Fahrerin sei. Aber auch für Kinder mit Down Syndrom und die Organisation Pink Ribbon, die zur Brustkrebsfrüherkennung aufruft, habe sie viel getan. „Außerdem habe ich mich für „Die Möwe“ eingesetzt, das ist ein Projekt über Gewalt an Schulen. Um diese abzubauen sagt man, dass unter anderem Sport sehr gut sei und ich stand natürlich für die Arbeit im Theater. Theater ist übrigens in meinen Augen kein Luxusprodukt, sondern eine Notwendigkeit! Man sollte schon Kindern in der Schule nahebringen, sich selbst zu entdecken, es ist schon in diesem Alter wichtig, die Emotionen zu suchen und über Rollenspiele zu erleben. Ich habe damals sehr forciert, das fix in die Schule zu bekommen – bisher ist mir das leider immer noch nicht gelungen, aber vielleicht geht es jetzt mit der neuen Politik besser.“ Für ihre ehrenamtliche Arbeit wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Goldenen Verdienstabzeichen der Republik Österreich, dem Goldenen Rathausmann der Stadt Wien und mit dem Großen Ehrenzeichen um Verdienste des Bundeslandes Niederösterreich.

Langsam wendet sich unser Gespräch dem Menschen hinter der Karrierefrau zu. Als was für einen Menschen sie sich selbst beschreiben würde, möchte ich gern wissen. Ohne zu zögern gibt sie mir einen sehr offenen Einblick hinter ihre Maske. „Zunächst einmal bin ich sehr fürsorglich – ich möchte immer, dass es allen gut geht.“, beschreibt sie sich selbst und erklärt, dass es ihr sowohl im Privatleben, als auch im Beruf ein stetes Anliegen sei, Probleme jeder Art lösungsorientiert anzugehen. „Ich stehe immer zu einhundert Prozent hinter meinem Team und höre mir auch immer alle Meinungen an. Es ist selten, dass ich im Streit auseinander gehe, lieber versuche ich alles auszudiskutieren.“ Für ihre Kinder, denen sie immer versucht ein Vorbild zu sein, würde sie durchs Feuer gehen und begleitet sie auf ihrem Lebensweg soweit es möglich ist. „Ich bin sehr abenteuerlich und möchte immer was erleben – das finden meine Kinder meistens lustig. Außerdem reise ich unglaublich gerne, aber besuche im Urlaub nie einen Ort zweimal.“ Außerdem, betont sie, sei sie sehr glücklich darüber, geboren worden zu sein und liebe es daher, ihren Geburtstag zu feiern. „Ich bin sehr eifrig, singe sehr gerne, und ich gebe mein Geld lieber für Andere aus, als für mich selbst – Luxus wird meiner Meinung nach überbewertet, ich brauche das gar nicht so sehr.  Das Einzige, wofür ich gern mal etwas mehr Geld ausgebe sind Kleider, die ich dann auch auf der Bühne trage, das hat dann aber schon wieder etwas mit meinem Beruf zu tun.“ Alles in allem zeigt sie sich mit dieser sympathischen und offenen Antwort sehr bodenständig, was mich direkt zu meiner nächsten Frage, was ihr im Leben wichtig sei, und was sie für verzichtbar hält, verleitet. „Auf meine Familie und mein Singen kann ich gar nicht verzichten.“, kommt die Antwort kaum dass die Frage endet. Nach kurzem Überlegen schiebt sie hinterher, „Ich hänge nicht so sehr an Materiellem fest und könnte sonst überall glücklich sein.“ Auf Neid und Missgunst hingegen könne sie sehr wohl verzichten. Fair höre sie sich gern jede Argumentation an, sei diese allerdings nicht ehrlich, würde das Gespräch auch nur sehr kurz ausfallen. „Ich gönne jedem seinen Erfolg, und das wünsche ich mir auch von anderen.“ 

(c) Fabian Böhle
(c) Fabian Böhle

Neben dem Reisen, was als kleine Leidenschaft schon durchgeklungen ist, spielt Maya gern Tennis, geht joggen oder hört Musik. „Motorrad fahre ich nicht mehr ganz so viel wie früher.“, erzählt sie. Alte Leidenschaften wie Fallschirmspringen und Rafting habe sie inzwischen an den Nagel gehängt, doch in ihrem Sommerurlaub im August wird sie noch einmal den Boden unter den Füßen verlieren und eine Ballonfahrt machen. Darauf freue sie sich schon sehr.

Ob sie auch Heimweh hat? Österreich hat sie mit offenen Armen empfangen, und sie verneint augenblicklich, verweilt aber bei dem Gedanken an ihre Heimat. „Manchmal denke ich schon darüber nach, wie es gewesen wäre, wenn ich in Holland Karriere gemacht hätte, aber das ist nicht passiert. Ich habe mich dafür entschieden ins Ausland zu gehen, und das war richtig so.“ Sie scheut den Gedanken daran, irgendwo bei Null anzufangen und das, was sie in vielen Jahren hart erarbeitet hat, aufzugeben. „Genau das wäre in Holland oder auch am Westend der Fall – wobei, wenn man mir dort eine tolle Rolle anbieten würde, würde ich bestimmt die Kinder einpacken und nochmal ins Ausland gehen.“, grinst sie unbeschwert. „Ich habe vor alt zu werden.“, erklärt sie resolut und bringt zum Ende unseres Gespräches noch einmal auf den Punkt, was unterschwellig schon immer herauszuhören war. Es gibt keine Probleme, nur Lösungen. „Ein ‚Nein‘ funktioniert bei mir nicht. Wenn das jemand zu mir sagt, dann überlege ich schon, wie ich das ‚Ja‘ doch noch bekomme. Ich finde mich nicht gern damit ab, wenn jemand meint dass ich etwas nicht tun sollte oder es nicht könnte. So lange ich innerlich diese Kraft und Energie habe, will ich so weiter machen. Mein Lebensmotto ist, dass man versuchen sollte seine Träume zu verwirklichen, schließlich lebt man nur einmal!“

Ich danke Maya Hakvoort für das sympathische Gespräch im Niederösterreichischen Gewitter und ihre Zeit und Geduld meine Fragen zu beantworten.


Text: Andrea