Interview mit Thomas Hohler

„Es ist wichtig, die work-life-balance im Auge zu behalten!“

Interview mit Thomas Hohler  am 09.05.2018:

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Im Zuge des zweiwöchigen Gastspiels des Wolfgang Petry-Schlager-Musicals „WAHNSINN!“, hatte ich die Gelegenheit, mich mit Thomas Hohler für ein kurzes Interview zu treffen. Gut eine Woche nach der gelungenen Berlin-Premiere stand er mir Rede und Antwort. Im Musical verkörpert er Tobi, eine der acht Hauptfiguren, die durch das Stück führen. Als erstes interessiert mich natürlich, wie er zu der Musik Petrys früher stand, und ob sich seine Einstellung nach intensiver Arbeit damit geändert habe. Auch wenn er bereits vieles gekannt habe, so habe er die Musik doch selbst für zu Hause eher nicht favorisiert, erklärt er mir.

Dennoch war und ist er nicht abgeneigt, die Songs zu später Stunde auf Partys zu hören, denn dann könne sie ohnehin jeder mitsingen und jeder könne die Texte. „Bei den Proben haben wir uns damit sehr auseinandergesetzt, sie mal nur mit Klavier gehört und viel daran rumgespielt, nur um sie am Ende wieder zu dem zu machen, was sie waren, so wie man sie kennt. – Es ist eben gutes Zeug!“, schätzt er das Grundmaterial ein, mit welchem er derzeit allabendlich auf der Bühne steht. Die Geschichte, welche sie mit viel Herzblut und Leidenschaft erzählen ist spaßig und unterhaltsam. Seiner Meinung nach, kann sich jeder ein Stück weit damit identifizieren, und das ist es, was den Stoff gesellschaftstauglich macht. „Es sind gute Pointen darin. Es ist jeder herzlich eingeladen, es sich anzugucken und einen spaßigen Abend zu erleben.“, erklärt er und überlegt einen Augenblick, ob der doch teilweise stark ruhrpottlastige Humor tatsächlich überall funktionieren kann.

Es sei dem Team nie darum gegangen, das Rad neu zu erfinden, doch Kreative, wie auch Darsteller haben sich viel Mühe gegeben, die Akzente so zu setzen, dass sie nicht überzogen wirken und wirklich eine große Bandbreite an Menschen ansprechen. Paare aus dem Leben gegriffen, mit ganz alltäglichen Nöten und Gedanken. Vor der zweiten Station in Berlin habe man ein wenig mehr Lampenfieber gehabt, weil eben schwer einzuschätzen war, wie das Berliner Publikum den Dialekt aufnimmt, doch zwei Wochen vor nahezu ausverkauftem Theater haben alle Wünsche erfüllt und auch München steht dem sicher in nichts nach. „Den Dialekt nutzen wir zum Verdeutlichen in den Familienszenen.“, erfahre ich, doch darauf fußt das Stück keinesfalls. Die Geschichte sei sehr regionalfrei, betont Thomas Hohler, und da der zweite Akt ohnehin an einem fiktiven Ferienort spiele, stelle sich die Frage nach der passenden Region nicht mehr. Gut gemachte Comedy könne überall funktionieren, dafür benötige es kein ausschließlich regionales Publikum. Er zum Beispiel möge Michael Mittermeier als Bayerischen Comedian, verrät er.

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Parallelen lassen sich überall ziehen, so auch in der nächsten Frage. Tobis Rolleneltern sehen es äußerst skeptisch, dass ihr Sohn als Künstler Karriere machen möchte. Wie es Thomas Hohler ergangen ist, interessiert mich in diesem Zusammenhang. Er habe es leicht gehabt, bemerkt er, da seine ältere Schwester ihm in dieser Hinsicht den Weg geebnet habe. Sie selbst sei Musicaldarstellerin gewesen, und mit diesem Vorbild habe er bereits erkannt, dass man auf Vieles verzichten müsse, und der Bühnenjob kein Zuckerschlecken sei. Im Gegensatz zu ihr, die aus privaten und familiären Gründen den Beruf an den Nagel gehängt habe, habe er sich dafür entschieden, den Weg weiter zu gehen.

Hohler selbst hat bereits in frühester Kindheit erste Bühnenerfahrung gesammelt. Neben Theateraufführungen in der Grundschule stand er später als Kinderhauptdarsteller Gavroche in „Les Miserables“ im Theater am Marientor in Duisburg auf der Bühne. Später gewann er Preise bei Jugend musiziert und dem Bundeswettbewerb Gesang. Wann hat er tatsächlich selbst den Wunsch verspürt, diesen Beruf zu ergreifen? Als Kinderdarsteller in Les Miserables habe er auf der riesigen Bühne gestanden und sei überwältigt gewesen, von dem was man dort erleben konnte. Es habe ihn auf eine besondere Weise geprägt, erzählt Thomas Hohler. „Ich glaube nicht, dass ich damals schon wirklich realisiert habe, was ich will, aber mir war klar, das mag ich, das liegt mir und das möchte ich unbedingt mal wieder machen.“, auch wenn ihm als Kind nicht Musicaldarsteller als erster Berufswunsch eingefallen sei.

Musik und Gesang habe ihn stets begleitet, wenn es auch in den späteren Jahren vorerst in den Hintergrund gerückt sei und erst kurz vor dem Schulabschluss erneut eine Phase gekommen sei, in der er wirklich aktiv geworden war. „Meine damalige Gesangslehrerin hat mich stark ermutigt, an Wettbewerben teilzunehmen. So habe ich bei Jugend musiziert teilgenommen und bin da direkt durchmarschiert bis zum Bundessieger. Auch beim Bundeswettbewerb Gesang in Berlin habe ich den Förderpreis bekommen und das alles innerhalb eines Jahres, kurz vor meinem Schulabschluss. Und als das alles so funktioniert hat, ist dann letztendlich auch die Entscheidung gefallen.“, verrät er mir.

IMG_5174_b-c-Andrea-Ney-2018-Thomas-Hohler-interviewDass das eine gute und richtige Entscheidung war, sieht man daran, dass Hohler ein gefragter Darsteller ist, und ein breites Portfolio vorweisen kann. Stetig erweitert er es um neue Rollen, die er mit großem Talent ausfüllt. Bescheiden erzählt er, dass er es als großes Glück ansieht, dass immer wieder Intendanten, Regisseure oder Produktionen auf ihn zukommen und ihm eine Zusammenarbeit anbieten. Zwar lese er Stellenausschreibungen, zweifle aber auch hin und wieder an, ob er auf die dort angebotenen Rollen passen würde, sei es in Bezug auf Alter oder auch seiner Erfahrung. Manches interessiere ihn schlicht nicht, gibt er offen zu. Denn eine Rolle müsse für ihn stets einen spannenden Faktor haben, auch persönlich. Dies können ganz unterschiedliche Dinge sein. Sei es, dass er die Lieder immer schon einmal gern singen wollte, ihn die Figur oder Geschichte reize, oder schlicht die Kollegen sympathisch seien, mit denen er zusammenarbeiten dürfe.

Ehe ich mich nach einer Traumrolle erkundige, die fast jeder Darsteller irgendwo im Herzen trägt, möchte ich etwas ganz anderes wissen. Er hat derart viele unterschiedliche Charaktere bereits gespielt und sich intensiv mit ihnen befasst, dass mich interessiert, welchem dieser Rollencharaktere er drei Tage lang in seinem Privatleben eine Chance geben würde, wenn er dazu gezwungen wäre, das Kostüm und die Eigenschaften mit nach Hause zu nehmen. Dazu überlegt er eine ganze Weile, lässt sich offenbar Zeit, sie vor seinem inneren Auge Revue passieren zu lassen, ehe er sich für Mozart entscheidet. Die Frage nach dem Grund für seine Wahl beantwortet er folgendermaßen, „Weil diese Figur jemand ist, der mit sehr offenen Augen durchs Leben gegangen ist. Er hat viele Dinge beobachtet, die ihn dann sehr beschäftigten. Das äußert sich bei der Musicalfigur Wolfgang natürlich ganz anders als bei mir, Thomas Hohler. Ich bin da sehr viel besonnener, mir fallen solche Sachen nicht auf, sondern ich habe ganz andere Fertigkeiten. Aber irgendwie ist es diese Figur, die das Herz auf der Zunge trägt und eine unglaubliche Auffassungsgabe hat, alles um sich herum aufsaugt, auf Details achtet, und versucht abzuwägen, was diese bedeuten. Diese Figur finde ich unfassbar spannend und würde sie, glaube ich, aus dem Bauch heraus am liebsten mit nach Hause nehmen.“ Er lacht, als ich ihn darauf aufmerksam mache, dass Mozart, mit seiner Art das Leben zu nehmen, durchaus eine Schneise der Verwüstung hinterlassen habe und meint, dies zu ertragen sei dann halt das Los der Anderen.

Wesentlich unkomplizierter scheinen in der Tat seine Traumrollen zu sein, die er ohne zu zögern mit Jesus und Judas, sowie Jekyll/Hyde benennt. Dies seien Meilensteine, die er sich irgendwann zu erreichen wünscht, aber auch andere Rollen würden ihn reizen und es kämen täglich neue hinzu. Was ihm mehr liege, oder gefalle möchte ich in Erfahrung bringen. Ist er jemand, der die Helden den bösen Charakteren vorzieht? Mein Interviewpartner hält kurz inne und überlegt seine Antwort gut. Bislang habe er eher die guten Charaktere verkörpert. Allerdings habe es ihm stets unglaublichen Spaß gemacht, auch die Gegenseite auszuprobieren und wünscht sich dies auch in der Zukunft vielleicht noch einmal wiederholen zu dürfen. „Ein böser, zynischer Luccheni zu sein, ist etwas ganz Wundervolles. Da fängt für mich auch der Theatermoment an, der Moment selber Kunst schaffen zu können. Wir können den Raum als künstlerische Freiheit nutzen, Menschen etwas zu erklären. Man darf böse sein, um Leute aufzuwecken. Und ein Luccheni darf im Bühnenstück zynisch mit dem Finger auf andere zeigen. Das finde ich eine ganz wertvolle Aufgabe, dafür mag ich Bösewichter. In der Dramaturgie belegen sie ganz wichtige Schlüsselpositionen und wichtig sein möchten wir doch alle irgendwie.“

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Wichtig ist er vor allem für eine Person in seinem Leben, für seine Frau Sophie. Auch sie ist Darstellerin und wenn beide Partner in diesem Beruf arbeiten, hält der Alltag so einige Tücken bereit. Kinder hätten sie noch keine, erzählt er. Dennoch sei es ein unglaublich hoher Organisationsaufwand, eine solche Beziehung zu führen. Man müsse jeden Schritt rechtzeitig anfangen zu planen, was schon damit beginne, wann und wo man sich sehen könne. Man müsse über alle Dinge viel reden und das funktioniere bei ihnen sehr gut, verrät er ruhig. Man müsse sich dessen bewusst sein, dass es für eine Beziehung eine besondere Herausforderung sei und sich dieser auch stellen. Manchmal bedeute das für ihn selbst auch zurückzustecken und auf ein Engagement zu verzichten, wenn seine Frau für längere Zeit beschäftigt sei. „Dann nehme ich mir Zeit für meine Frau, meine Familie und Freunde. Es ist wichtig, die work-life-balance im Auge zu behalten!“, unterstreicht er seine Aussage. Zum jetzigen Zeitpunkt würde er als Elternteil einem Kind auch eher von dem Beruf des Darstellers abraten. „Ich glaube, im Moment wäre ich eher der Karsten Remling [derzeitiger Rollenvater seiner Figur] der sagt, „Nein Junge, das machst du auf gar keinen Fall, mach mal was Vernünftiges!“, schmunzelt er.

Sollte seine bühnenaktive Zeit einmal ein Ende finden, stehen auch hierfür auch bereits geschmiedete Pläne parat. Derzeit bildet sich Thomas Hohler in der Gesangspädagogik weiter und hat sich als Ziel gesetzt, irgendwann Gesang zu unterrichten. Eine Zeit lang würde er auch zweigleisig fahren, doch vorerst steht noch kein Ende seiner aktiven Bühnenkarriere auf dem Plan. Dennoch scheint es auch ihm sehr wichtig, an die Zukunft zu denken. Das passt auch gut zu jenem bodenständigen Menschen, der mir geduldig Rede und Antwort steht, obwohl die Zeit für Soundcheck und Maske bereits drängt. Er beschreibt sich selbst als stark harmonieliebenden Menschen, Streit missfalle ihm ebenso, wie ein schief hängender Haussegen. Er lässt noch ein klein wenig tiefer hinter sich blicken und verrät, dass er versucht, auch privat seine Hobbies beizubehalten. Oft gestalte sich dies allerdings schwierig, vor allem, wenn noch andere Menschen involviert seien. Der Beruf sei schön und er liebe ihn, doch sei sein Rhythmus anders als jener bei Menschen mit Berufen, deren Arbeitszeiten unter der Woche vormittags lägen. Er möge es, sich mit Freunden bei seinem Onkel zum Fußball schauen zu verabreden und dort auch mal ein Bier zu trinken. Obwohl ihm Fußball gar nicht so wichtig sei – es sei eher das Beisammensein. Auch liebe er es, Fahrrad zu fahren. „Mit dem Mountainbike über die Alpen.“, strahlt er und sinniert weiter, „Ich koche unfassbar gern“, worüber sich vor allem seine Frau freue, wenn er denn dafür Zeit fände. Die Abwechslung sei es, die er benötige, um nicht irgendwann zu glauben, der Beruf – so sehr er ihn auch schätze – sei sein einziges Hobby.

Ob er mit dem Wissen von heute, irgendetwas in seinem Leben anders machen würde, möchte ich abschließend wissen. Seine Antwort ist spontan. „Nein! Definitiv nicht!“ Alles, was er erlebt habe, jede Entscheidung die er getroffen habe und ebenso jeder Fehler, habe ihn zu jenem Menschen gemacht, der er heute sei. Um gewisse Erfahrungen zu sammeln, sei all dies nötig gewesen, und insofern bereue er nichts.

Ich bedanke mich bei Thomas Hohler für seine geschenkte Zeit und das überaus sympathische Gespräch.

Interview: Andrea

Bilder:  Andrea & Astrid