Interview mit „Professor Abronsius“ – 06.06.2018

Ein Nachmittag mit Victor Petersen

„Und dann gibt es da diesen einen Moment, in dem dir bewusst wird, dass es genau das ist, was du machen möchtest.“

(c) Jan Ammann
(c) Jan Ammann

Viele unserer Leser kennen den schrulligen, alten, ein wenig tatterig wirkenden Professor Abronsius aus dem Musical „Tanz der Vampire“. Schauen wir diesem ins Gesicht, fallen als erstes der dicke graue – fast weiße – Schnauzbart, ebensolche Augenbrauen und eine Frisur ins Gewicht, der man einen Friseur und einen Fön durchaus wünschen würde. Da gebrechliche Alte in der Musicalszene aber kaum noch auf der Bühne stehen, ist diese Verwandlung natürlich allabendlich eine mehr als einstündige Herausforderung für die Maskenbildner des jeweiligen Theaters.

(c) Christian Hartmann
(c) Christian Hartmann

Möchte man auf der Straße den unter der Kostümierung versteckten Darsteller erkennen, ohne jemals ein Bild von ihm gesehen zu haben, hat man ein nahezu unlösbares Problem, die Maske versteht ihren Job und leistet ausgezeichnete Arbeit. Denn sicherlich erwartet niemand, dass Victor Petersen, ein dynamischer und sportlicher junger Mann von gerade mal 29 Jahren ist. An einem sonnigen, warmen Nachmittag darf ich ihn in einem winzigen, aber sehr urigen Café in Köln treffen. Aus einem geplanten kurzen Interview entwickelt sich ein gemütlicher und lustiger Nachmittag, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Er lacht, als er mir erzählt, dass er sich eigentlich gar nicht in der Rolle dieses Wissenschaftsgreises gesehen habe und seine Bewerbung in die Gruft eher der Figur des Herbert, in der er sich passender fühlte, galt. Gegen Alfred habe er sich entschieden, da er der Meinung war, dass es dafür eigentlich „jünglinghaftere“ Kollegen als ihn gäbe. „Natürlich gehörte der Professor irgendwie zu meinen Traumrollen, aber ich hätte weder gedacht noch je zu hoffen gewagt, mit so vielen guten gleichaltrigen bis deutlich älteren Bewerbern konkurrieren zu können und erst recht nicht, dass die Verantwortlichen mich mit meinen damals gerade mal 27 Jahren in genau dieser Rolle besetzen würden.“ Er habe sich aber riesig gefreut und war unglaublich dankbar, als sich diese Chance dann doch ergab. Berührungsängste mit dem hohen Alter habe er aber keine gehabt. „Ich fand das nur total lustig, weil ich die Zusage zu einer Zeit bekommen habe, als ich noch in Berlin bei „Chicago“ war, wo ich eine großbusige Frau spielte und dann sollte ich mich als nächstes in einen so alten Mann verwandeln – das passte irgendwie so gar nicht zusammen. Allerdings nahm man mir die Angst zur Verwandlung über die Aussage, dass Maske und Kostüm einiges zu bewirken vermag.“

Relativ früh wurde ihm klar, dass er sein Arbeitsleben gerne auf den Brettern, die die Welt bedeuten, verbringen wollte. „Am Gymnasium in Lohne gab es eine relativ renommierte Musical-AG und da konnte ich in jungen Jahren „La Cage aux Folles“ sehen. Von da an war es eigentlich mein Wunsch, in diese Stadt zu ziehen und ebendiese Schule zu besuchen.“ Wie der Zufall es wollte, verschlug ihn ein familiärer Umbruch tatsächlich einige Zeit später dorthin. Bereits während seiner schulischen Laufbahn konnte er so in „Annie“, „The Scarlet Pimpernel“, „Mozart“ und „Anything goes“ mitspielen und der Berufswunsch nahm konkretere Formen an. „Mir wurde mit und mit klar, dass es mir gefallen könnte, auf der Bühne zu stehen. Durch diese Musical-AG wurden wir langsam an alles Dazugehörige herangeführt. Wir hatten Gesangsunterricht, Gesangscoaching, machten Szenen- und Choreografiearbeit, Orchestersitzproben und all diese Sachen, die zu einer Theater- oder Musicalaufführung einfach dazugehören, die dieses Berufsbild prägen. Wir lernten bereits damals was es wirklich bedeutet sich im Rampenlicht zu bewegen. Alles was ich gerne mag, bringt dieser Beruf zusammen – seit meinem fünften Lebensjahr spiele ich Klavier, ich habe immer schon gesungen und getanzt. Und dann gibt es da diesen einen Moment, in dem dir bewusst wird, dass es genau das ist, was du machen möchtest, das was alle Genres gleichwertíg zusammenbringt.“ In der Oberstufe schloss sich ein Auslandsjahr in Südafrika an und sogar dort bestand für ihn die Möglichkeit eine musisch-künstlerische Ausbildungsstätte zu wählen. „Meine Schwerpunktfächer dort waren Musik sowie Klavier und Gesang – mein Weg führte also quasi von Kindesbeinen an stetig in diese eine Richtung.“

Victor Petersen wurde nicht nur im Bereich Musical an der Bayerischen Theaterakademie August Everding, wo er 2015 seine Diplomprüfung mit Auszeichnung ablegte, ausgebildet, sondern an der Hochschule für Musik und Theater München ebenfalls in einer Stimmlage, die es nicht häufig zu hören gibt und welche für die meisten Ohren vielleicht sogar sonderbar klingen mag – er ist ein Countertenor (Anm. der Redaktion: Als Countertenor wird ein männlicher Sänger bezeichnet, der mit Hilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimmen- bzw. Falsett-Technik in Alt- oder sogar Sopranlage singt, jedoch nicht mit einer Kastratenstimme, weder im Klang noch im Stimmumfang, gleichzusetzen ist). Mich interessieren die Beweggründe, einen solch ungewöhnlichen Ausbildungszweig zu wählen und er erläutert mir, dass ihm hierbei der Zufall zu Hilfe gekommen sei. „Ich habe als Kind eigentlich schon immer in Frauenstimmlage gesungen und das fühlte sich für mich rein intuitiv vollkommen richtig an.“

(c) Lioba Schöneck One Man Show "Eine Frau Schau" | Victor Petersen | 21.04.2015
(c) Lioba Schöneck
One Man Show “Eine Frau Schau” | Victor Petersen | 21.04.2015

Während seiner Zeit in der Musical-AG gab es natürlich keine Möglichkeiten in dieser Richtung zu arbeiten und 2011 habe er dann in München mit dem Studium begonnen. Nach dem zweiten Ausbildungsjahr mussten zur Vordiplomsprüfung Lieder vorbereitet werden, worunter sich auch eine klassische Arie finden musste. „Irgendwie konnte ich da aber, trotz Hilfe durch meinen Gesangslehrer, nichts Passendes finden, nichts hat sich auch nur irgendwie richtig angefühlt. Erst meine Pianistin, mit der ich auch „Eine Frau Schau“ mache, Oresta Cybriwsky, kam auf die Idee mir eine Kastratenarie vorzuschlagen. Das sind Arien, die früher für die Kastrati geschrieben wurden, die aber heute von Countertenoren gesungen werden, eine relativ hohe Countertenorpartie. Später überzeugte mich dann auch die Studiengangsleitung eben diese in der Prüfung vorzutragen. Alle waren wahnsinnig begeistert und Frau Prof. Gabriele Fuchs, eine Spezialistin auf diesem Gebiet, die in den letzten Jahrzehnten immer die Countertenöre, sofern es denn überhaupt welche gab, ausbildete, nahm mich in ihrer Klasse auf.“ Petersen konnte dann gleichzeitig beide Studiengänge parallel machen und zeigt sich heute sehr dankbar für die Chance.

Diese Stimmlage ist für einen Mann schon sehr ungewöhnlich und daher bin ich neugierig zu erfahren, wie man diese hohen Töne überhaupt erreichen kann. Eigentlich seien dafür zwei Komponenten verantwortlich, beschreibt er den Umstand, dass er zum einen Unterricht und Training, zum anderen aber auch die körperlichen Voraussetzungen für notwendig erachtet. „Der Körper gibt dir vor, was zu deiner Stimme angelegt ist.“, ist Petersen überzeugt. Allerdings gäbe es im deutschsprachigen Raum die Empfehlung, die Stimme nicht in dieser Form zu belasten. „Wirft man aber einen Blick nach Amerika, ist das alles kein Problem. Dort verschwimmen die Genres miteinander und es gibt dieses Schubladendenken nicht, was die hiesige Theaterwelt leider noch oft an den Tag legt.“

(c) Karim Khawatmi
Mary Sunshine (c) Karim Khawatmi

In den kommenden elf Monaten kehrt er Deutschland zunächst den Rücken und nutzt die Chance, für die Stage Entertainment Germany GmbH, bei der er bereits seit seiner Studienzeit unter Vertrag steht, die französische Produktion von „Chicago“ in Paris zu unterstützen. „Es gibt schon einige Möglichkeiten, in eine Countertenorrolle zu schlüpfen. In „Chicago“, die Mary Sunshine, ist eine der größten und zugleich auch die schwerste, wirklich für diese Stimmlage geschriebene Rolle im Musicalbereich. In „La Cage aux Folles“, „Hair“ und auch in noch einigen anderen Stücken gibt es welche, aber „Chicago“ ist von der Partitur her bei weitem die anspruchsvollste.“ Dieses Musical ist für ihn keine wirklich neue Herausforderung, da man ihn bereits während seiner Studienzeit als Mary Sunshine in Stuttgart, Berlin und München erleben konnte.  „Mein quasi gesamtes viertes Schuljahr war ich eigentlich gar nicht mehr an der Uni. Stuttgart war halt nicht so sehr weit und es passte von der Reisezeit, dass ich an meinen freien Tagen die ausgefallenen Unterrichtsstunden wenigstens teilweise nachholen konnte, um mich auf die Diplomprüfung vorzubereiten. Die Noten setzten sich aus Bewertungen der Dozenten, Noten, die wir für eine auszuarbeitende One-Man-Show bekamen und der Beurteilung einer Abschlussproduktion, für unseren Jahrgang war dies „The Drowsy Chaperone – Vier Hochzeiten und ein Musical“, zusammen. Diese fiel für mich aber aus, da ich ja bereits in Stuttgart spielte und so kamen die Dozenten damals einfach dort ins Theater, um sich eine Show mit mir anzusehen und mich dabei zu bewerten.“

Für den Prüfungsteil „One-Man-Show“ erdachte er eine Adaption auf „Der Kuss der Spinnenfrau“, welche er „Eine Frau Schau“ titelte und mit der er bis heute bereits mehrfach als Solokünstler in Theatern unterwegs sein durfte. „In der Prüfung war „Eine Frau Schau“ lediglich etwa 50 Minuten lang, die Statuten forderten mindestens 45 Minuten. Nachdem dann Theater auf mich zu kamen, die diese Show haben wollten, habe ich die Produktion noch einmal überarbeitet und ein abendfüllendes, heute etwa zwei Stunden langes Programm entworfen, die Dramaturgie überarbeitet und Texte hinzugefügt, um über einen spürbaren roten Faden die Geschichte etwas leichter verständlich zu machen und nicht so fragmentarisch wirken zu lassen.“

(c) Lioba Schöneck One Man Show "Eine Frau Schau" | Victor Petersen | 21.04.2015
(c) Lioba Schöneck
One Man Show “Eine Frau Schau” | Victor Petersen | 21.04.2015

„Der Kuss der Spinnenfrau“ handelt von zwei ungleichen Männern in einer Gefängniszelle, der eine homosexuell (Luis Molina), der andere politisch verfolgt (Valentin Arregui), der gefoltert wird. Molina kümmert sich um seinen Mitinsassen und erzählt diesem Geschichten, durch die sie, zumindest im Geiste, dem Gefängnisalltag entfliehen können. Allerdings wird er erpresst und soll, damit seiner Mutter nichts passiert, Informationen über die Regimegegner aus Arregui herauskitzeln – es entsteht ein Zweispalt. „Da es sich bei „Eine Frau Schau“ nun einmal um ein Soloprogramm handelt, musste ich mich auf eine dieser beiden Personen konzentrieren. Es sollte etwas Countertenor darin vorkommen, weshalb meine Wahl auf den ja quasi geschlechterlosen Molina fiel, den ich alleine in der Zelle platzierte. Um die Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen wählte ich einen Spiegel, in welchen dieser spricht, um damit quasi einen Bühnenpartner zu formen. Diesem imaginären Anspielpartner erzählt er seine Geschichten. Er steht quasi vor dem Spiegel und sieht zwar sich, einen Mann, fühlt sich aber ja eigentlich eher als Frau. Das gab mir die Möglichkeit sowohl Männer- als auch Frauenstücke, sowohl aus Musicaltheater als auch klassischem Gesang zu integrieren. Letzten Endes erzählt das Stück davon, dass Molina in dieser Gefängniszelle an seiner Einsamkeit zerbricht.“ In Planung, allerdings noch ohne konkreten Termin, erzählt Petersen, seien weitere Aufführungen dieses interessant klingenden Programmes in Stuttgart sowie eventuell auch in anderen deutschen Städten.

Über einen kurzen Ausflug zur „Addams Family“ gelangte er nach seiner Ausbildung quasi direkt in die Figur des Professor Abronsius, in welcher er vorerst zum letzten Mal am 30. Juni dieses Jahres auf der Bühne stand. Mich verlangt zu wissen, wie man die Stimme dieses Professors anlegt, die nicht Fisch nicht Fleisch ist, weder seiner normalen Musicalstimme noch seiner Countertenorstimme entspricht. Er würde genau dies häufiger gefragt, bemerkt er und erläutert mir, dass sich die Stimmlage des schrulligen Alten immer genau auf dem Bruch zwischen seinen beiden Stimmlagen bewegt. „Man experimentiert da einfach ein bisschen mit den Räumen und das wars. Wichtig ist natürlich zu sehen, dass ich das acht Mal die Woche effektvoll und vor allem gesund für mich hinbekomme.“ Das Tempo in den Songs hingegen, sei nicht so wahnsinnig kompliziert wie es sich anhöre. „Das ist einfach Übung – “Wahrheit“ kannte ich eh und musste es zur Audition vorbereiten. Wie ich das entsprechende Material dazu bekam, habe ich einfach geübt, dann funktionierte das recht schnell.“, schmunzelt er.

(c) Eventpress-Stage
(c) Eventpress-Stage

Auch den etwas komplizierten, aus Wortaneinanderreihungen bestehenden Text hätte man irgendwann einfach drin, vergessen habe er ihn noch selten. „Das ist mir bisher sehr selten passiert, einmal war es auch für mich schwierig, was allerdings keiner bemerkt hat, außer Tom (van der Ven – Alfred) natürlich. Der stand mir genau gegenüber und musste unheimlich lachen, weil ihm wohl die Panik in meinen Augen aufgefallen ist.“ Wenn einem der Text allerdings mal bei „Bücher“ entschwinde, sei dies ein größeres Problem, da sei es schon ein Akt, wieder in den Textfluss rein zu kommen. Wenn es ihm mal passiere, dann täte es ihm immer wahnsinnig Leid für das Publikum, aber wirklich etwas machen könne er dann auch nicht mehr. Noch eine weitere Anekdote kann Victor mir erzählen. Bei der Szene auf der Brücke konnte Tom ihn nicht ausklinken und hat dies dann auch kundgetan. „Das Orchester spielte und spielte und ich kam einfach nicht hoch. Das Publikum hat gegrölt vor Lachen und wir haben dann diesen Moment einfach ausgelebt, das war so lustig. Es dauerte eine Weile, aber dann hatte Tom mich befreit.“, gesteht er und grinst bei dieser Erinnerung.

„Ja, ich habe Lampenfieber, aber das ist positiv für den Auftritt.“, so oder so ähnlich lautet bald jede Antwort auf die Frage nach dem Vorhandensein eben dieses Gemütszustandes – nicht so bei meinem heutigen Gesprächspartner. Aber wie sieht das genau bei Victor Petersen aus? Quält ihn die Aufregung kurz vor der Show oder gar den ganzen Abend? „Das ist bei „Chicago“ deutlich schlimmer als bei den Vampiren.“ Als Professor komme er zu Beginn als Eis Figur auf die Bühne, die auf dem Rücken von Alfred in die laufende Szene im Wirtshaus getragen wird. Da seien sie ja nicht alleine, sondern zusammen mit der nahezu kompletten Cast. Es ginge langsam los und man komme so nach und nach in den Spielverlauf. „Tom und ich, wir könnten die Show blind spielen, wir sind ein wirklich großartiges Team, jeder Handgriff sitzt, wir unterstützen uns gegenseitig und tragen den anderen auch mal durch einen schwereren Spieltag.“ Anders sehe das bei „Chicago“ aus, da müsse er sofort mit der schwersten Kadenz und alleine auf der Bühne beginnen. „Das ist schon eine ganz andere Hausnummer, wenn du da so ganz allein oben auf der Treppe hinter dem Vorhang auf deinen Auftritt wartest. Da werde ich tatsächlich ganz hibbelig und denke „gleich geht’s los, gleich geht’s los!“ und dann muss der erste und auch komplizierteste Ton direkt sitzen „bämm“! Da ist es natürlich schwerer, das Lampenfieber hinter sich zu lassen. Aber wenn ich dann auf der Bühne bin, ist alles sofort vergessen, ich bin im Stück, es läuft und alles ist gar nicht mehr so schlimm.“

„Chicago“ in Paris – das wirft die Frage auf, wo er seine Zukunft sieht. Eher im Ausland oder doch weiterhin in Deutschland, in Berlin, wo er sein Heimatzelt aufgeschlagen hat. Sein Statement hierzu fällt deutlich und klar aus: „Ich lebe gerne in Deutschland, ich lebe gerne in Berlin! Ich hatte das große Glück durch meinen Beruf auch viele andere Großstädte kennen zu lernen, aber ich brauche eine feste Heimat. Ich lebe nicht gern aus dem Koffer, wie ich es hier in Köln jetzt auch mache.“ Den elfmonatigen Ausflug in die französische Hauptstadt sieht er als Bereicherung und Chance, international mit einer Rolle, die er mag und mit einer Produktion aufzutreten, die eine große Marke weltweit ist. Natürlich würde er auch sofort ans Westend oder an den Broadway gehen, welcher Künstlerkollege möchte das nicht, wenn sich diese Gelegenheit ergäbe, „Man darf ja mal träumen!“ lacht er, generell aber sieht er Deutschland als seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt. „Ich habe mich auch nicht gegen die Vampire entschieden, es spielten vielerlei Faktoren eine Rolle, aber nach jetzt gut 2,5 Jahren wollte ich gerne mal wieder was anderes machen. Das heißt aber nicht, dass ich nie mehr als Professor zurückkehre.“

One Man Show "Eine Frau Schau" | Victor Petersen | 21.04.2015
One Man Show “Eine Frau Schau” | Victor Petersen | 21.04.2015

Professor Abronsius war eine seiner Traumrollen, auch wenn er zu einem so frühen Zeitpunkt seiner Bühnenkarriere nicht damit rechnete, sie spielen zu dürfen. Gibt es sonst noch Figuren dessen Verkörperung er sich einmal wünschen würde? „Ja, natürlich habe ich Traumrollen.“ antwortet er sehr spontan. „Den Conférencier in „Cabaret“ würde ich gerne einmal spielen und in Stücken des Komponisten Jason Robert Brown (The Last Five Years/Parade).“ Am 12. Juli dieses Jahres kann man Victor Petersen konzertant zusammen mit seiner Kollegin und Freundin Janne Marie Peters in Hamburg im Theater im Zimmer sehen. „Da machen wir ein kleines Konzert „Broadway im Zimmer – Unsere Lieblingslieder“, bei welchem wir auch unbekannte Stücke von eben diesem Komponisten zeigen werden. Wir mögen ihn beide sehr und es ist einfach schade, dass man meist immer nur die bekannten Lieder zu hören bekommt. Natürlich machen wir das auch, aber eben nicht ausschließlich. Das ist unser Konzertabend und da machen wir dann auch größtenteils die Songs, die wir mögen.“ (Karten für diese Veranstaltung gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen)

Eine nächste Frage schleicht sich in meinen Kopf. Was macht für ihn eine Rolle eigentlich aus, nach welchen Gesichtspunkten sucht er aus? „Oh, da gibt es ganz viele Faktoren. Schön wäre natürlich, gäbe es einen Katalog aus welchem man sich einfach so aussuchen könnte, was man als nächstes spielen möchte.“, schmunzelt er, wird dann aber schnell wieder ernst. „Zunächst einmal muss mir die Musik und natürlich das Stück und die Rolle an sich gefallen. Vergessen darf man aber auch nicht, dass wir hier einem Beruf nachgehen und eben einfach auch Geld verdienen müssen. Käme jetzt eine interessante Rolle und ich müsste draufzahlen, dann macht das wenig Sinn. Ich muss jeden Monatsersten genau so meine Miete bezahlen können, wie jeder andere auch.“ Für die nächsten Monate ist sein Auskommen gesichert – was danach käme könne er heute eben noch nicht sagen und er müsse auch nach diesen Aspekten aussuchen. „Es kommt auf die Produktion, auf die Rolle, aber eben auch auf diese ganzen kleinen Dinge drumherum an.“

„Bereut habe ich noch nie, diesen Weg eingeschlagen zu haben, nein, überhaupt nicht! Ich bin kein Typ, der aufgibt, sondern habe gelernt mich durchzubeißen und aus allem auch die positiven Dinge mitzunehmen, der Rest ist nur Ballast. Damit fahre ich eigentlich auch ganz gut.“ Sowohl in seiner Studienzeit, wie auch in seinem noch nicht allzu langen Berufsleben habe er bisher großes Glück gehabt. Noch nie sei er dazu gezwungen gewesen ans Aufgeben zu denken. „Ich bin froh und dankbar über die vielen Dinge, die ich durch die ganzen Engagements geboten bekam, es läuft gerade einfach zu gut um jetzt zu sagen ich würde nicht mehr wollen.“

„Oh, ja! Auf das viele Reisen könnte ich durchaus verzichten.“, gibt er auf die Frage nach den Schattenseiten seines Jobs zu und bemerkt während unseres Gespräches nicht zum ersten Mal, dass es ihm nicht sonderlich gefalle, oft monatelang aus dem Koffer leben zu müssen. Auch fände er es schade, dass er seine Freunde selten sehe, da er im eigentlichen Sinne ja auch keine Wochenenden habe. „Immer dann, wenn ich frei habe, müssen meine Freunde arbeiten, oder umgekehrt. Wir können uns nur ganz selten mal sonntags zum brunchen treffen, gemeinsam durch einen Park spazieren, einen Flohmarkt besuchen oder ins Kino gehen. Außerdem liebe und brauche ich mein Zuhause, meine Küche, mein Bett und meinen Schrank, das ist Heimat für mich.“

(c) Christian Hartmann
(c) Christian Hartmann

Mich interessiert, ob es ein wenig realen Victor auch in seinen Bühnenfiguren gibt und er überlegt genau, bevor er antwortet: „Ich denke, dass ganz viel von mir, ganz viel eines jeden Darstellers in der gespielten Figur steckt. Beim Professor gehe ich da allerdings ziemlich technisch vor – alleine vom körperlichen ist er ganz weit von mir weg. Ich habe gelernt mich wie ein alter Mann zu bewegen und setze in seiner Comedy und Slapstick einiges ein, wobei ich mich an meine Großeltern zurückerinnere, an das Zittern oder die Haltung ihrer Hände, an das nach Worten suchen, an das schusselig sein. Da steckt halt wirklich viel Technik und eben ein paar Kleinigkeiten Victor drin.“

Immer wieder gerne gehe ich bei meinen Gesprächen vom eigentlichen Bühnenmenschen, vom eigentlichen Künstler weg und möchte etwas mehr über den privaten, den realen Menschen hinter der Maske erfahren. „Ich treffe mich sehr gerne mit meinen Freunden, auch mit Nicht-Kollegen, weil ich meine Arbeit auch gerne mal in den Hintergrund stelle. Es müssen nicht immer Gespräche über meine momentane Produktion und die Arbeit sein, sondern ich rede gerne auch einfach mal über andere, für meine Freunde normale Dinge.“, zeigt er sich bodenständig zu dem, was er gerne in seiner freien Zeit unternimmt. „Ich verreise gerne – war mit Kollegen kürzlich erst in Amsterdam, was wahnsinnig viel Spaß gemacht hat. Aber uns bleibt ja nicht viel Zeit, da wir immer nur einen freien Tag in der Woche haben.“ Musik höre er privat eher weniger und wenn, dann auch meist solche, die nichts mit seinem Beruf zu tun habe. Bei klassischer Musik, Arien oder Musical höre ich zu sehr hin, ob das ein Stück für mich sein und zu mir passen könnte. Ich kann aber auch ganz gut Stille um mich herum haben.“

„Ich bin organisiert, zielstrebig und meine Freunde würden sicher sagen, ich sei lustig.“, nennt er mir drei ihn beschreibende Eigenschaften und schließt unmittelbar damit an, was ihm im Leben am wichtigsten ist: „Vertrauen in meine Freunde ist mir extrem wichtig, eine liebevolle Familie und gewissenhafte Arbeit. Viele sagen von mir ich sei ein Planungsfreak, aber ich glaube, dass gerade das in unserem Beruf ausschlaggebend ist. Ich bin eher geplant, als planlos – wenn man seine Sachen nicht richtig unter Kontrolle hat, dann gibt es irgendwann große Probleme!“

Ein langes, informatives Gespräch neigte sich tatsächlich viel zu schnell dem Ende entgegen. Mit Victor Petersen durfte ich einen ebenso ernsten wie lustigen, selbstbewussten wie sympathischen jungen Mann kennenlernen, der mir einen wieder anderen Einblick in das Leben eines aufstrebenden Künstlers und gleichsam auch normalen privaten Menschen geschenkt hat. Vielen Dank, Victor, für diesen unvergesslichen Nachmittag.

Interview: Astrid