Menu
Kategorien
 
Interview mit Nicolai Schwab

“Ich schreibe schon sehr lange Musik und habe durch das Studium angefangen,
mich in Richtung Musical zu orientieren!”

Nicolai Schwab ist ein junger aufstrebender Künstler, den man nicht nur wiederkehrend auf den verschiedensten Bühnen des Landes – wie in diesem Jahr auf der Naturbühne in Tecklenburg – erleben kann, sondern der auch kreativ an eigenen Songs und Musicals arbeitet. Im Winter 2017/2018 stand er im Aachener Grenzlandtheater, als einer der Zuhälter in der dortigen Inszenierung von “Irma la Douce” auf den Brettern die für ihn die Welt bedeuten. Während seiner Spielzeit stand er mir für ein Interview Rede und Antwort.

copyright Nicolai Schwab privat

(c) Nicolai Schwab

Nicolai ist auf der kleinen Aachener Bühne kein Unbekannter. Bereits 2017 konnte man ihn hier in dem Musical „Love Story“ sehen. In diesem Jahr habe er das Glück gehabt, von Ulrich Wiggers, den er bereits von Tecklenburg kenne, direkt angesprochen worden zu sein – im letzten Jahr musste er für den Job noch vorsprechen. Bei eben dieser Audition damals, sei sein erster Eindruck von der Spielstätte noch Verwunderung gewesen. Einen so großen Namen wie ‚Grenzlandtheater‘ habe er weniger mit einem so kleinen, gemütlichen Bühnenraum in Verbindung gebracht, sondern eher eine Größe um die 2000 Sitzplätze erwartet. Dazu muss unser Leser wissen, dass sich dieses Theater unauffällig in ein größeres Einkaufszentrum eingliedert. Nicolais erste Intention sei demnach auch gewesen: „Ok, und wo ist jetzt hier das Theater?“. Beim Eintreten und seinem ersten Blick von der Bühne in den Zuschauerraum, wurde seine Verwunderung dann auch nicht wirklich weniger. Das Theater fasst lediglich ein wenig mehr als 200 Plätze auf gerade mal sieben Sitzreihen und er schmunzelt bei dem Gedanken an das, was ihm damals durch den Kopf gegangen sein muss. Heute mag er gerade diese besondere Atmosphäre sehr, erzählt er. Er fände es super schön, wie nah dran man am Publikum sei, da die Zuschauer ja quasi mit auf der Bühne säßen. Genau das wäre auch der Grund dafür, dass er gerne in diesem Jahr noch einmal wiedergekommen sei. „Diese kleine Bühne ist absolut besonders und es ist echt toll hier zu spielen. Es ist großartig zu sehen, was man alles aus so wenigen Quadratmetern machen kann. Die verschiedenen Funktionen so gekonnt hinzubekommen ist wirklich Wahnsinn.“

Es gäbe tatsächlich Kollegen, die es lieben würden, an Auditions teilzunehmen, er aber gehöre nicht dazu. „Wenn ich einen Elektriker brauche, frage ich den ja auch nicht zuerst nach einer Arbeitsprobe.“ Dieses sich immer wieder beweisen zu müssen, sei schon extrem anstrengend. Je länger man in diesem Beruf arbeite, desto mehr lerne man ein sich kontinuierlich vergrößerndes Netzwerk von Bekanntschaften zu schätzen. „Letztes Jahr hier in Aachen hat die Audition echt Spaß gemacht. Alle waren einfach nur sympathisch und nett, es war von Beginn an eine gemütliche und entspannte Stimmung – so macht auch das dann Freude.“ Wichtig sei ihm, mit Leuten zusammen zu arbeiten, die er kenne und damit eben auch ein wenig einschätzen könne. Auch bei eigenen Projekten würde er das merken. Wenn die Chemie stimmt, ist dies manchmal wichtiger, als die Begabung selbst.

Für ihn sei die ganz bunte, super toll konstruierte Story von „Irma la Douce“, auch wegen der Komik, die durch die Verwechslung entsteht, genau der Grund warum sich ein Besuch des Stückes unbedingt empfiehlt. „Der Zuschauer fiebert einfach mit der Geschichte mit. Es gibt so viele Irrungen und Wirrungen darin und man denkt sich: Huch, was war das denn jetzt? Es ist halt total das spannende Ding, zu sehen, wie die Story dann ausgeht.“ Aber nicht nur der Inhalt sei bunt und vielfältig, sondern auch die Kostüme und das Bühnenbild sowie die Musik und die Tänze. Und obwohl es halt nur eine solch kleine Bühne gäbe, würde dem Zuschauer sehr viel geboten.

Mich interessiert, in welchen Rollen sich Nicolai selber in den nächsten Jahren gerne einmal sehen würde und er ist sofort Feuer und Flamme, als er mir von seinem absoluten Lieblingsmusical „Next to normal“ erzählt, die Rolle des Henry sei eine seiner Traumrollen. Es sei ein schauspielerisch wie musikalisch doch sehr schweres Stück und er fände es toll, wie die Inszenierung es schaffe dieses harte, schwierige Thema so facettenreich darzustellen. „Es gibt auch Momente, trotz der schwierigen Thematisierung einer solchen Krankheit, die sehr tragisch ist, in denen man lachen kann. Ich finde es unglaublich, wie die Produktion es schafft diese hochemotionalen, aber auch alltäglichen Probleme durch die Musik rüber zu bringen.“

Seine Rollenangebote seien natürlich durch seine Körpergröße und sein Aussehen erst einmal eingeschränkt, dadurch passe er eben auf manche haargenau, auf andere aber wieder gar nicht. Das sei aber gerade auch das Gute an ihm, dass er einige Figuren ausfüllen könne, für die andere nicht geeignet seien. „Wonach ich meine Rollen aussuche?… Wenn ich die Musik toll finde, oder mir die Geschichte gefällt, dann ist das ein großes Kriterium.“ Ob er „lustige“ oder „böse“ Rollen bevorzugen würde, könne er sich nicht wirklich festlegen. „Meine Stärke sind eher komödiantische und energetische Rollen, aber ich würde auch ganz gerne einmal einer der „Bösen“ sein. Ich gehe aber nicht davon aus, dass ich auf solche Rollen – auf Grund meiner Größe und meines Aussehens – oft eine Chance bekomme. Außerdem tanze ich auch sehr gerne.“

Auf der Freilichtbühne in Tecklenburg konnte man ihn 2017 als „Pinocchio“ in „Shrek“ sowie im Ensemble von Rebecca sehen. Den Reiz dieses kleinen Ortes beschreibt er mit der besonderen Stimmung dort. Die Mitwirkenden arbeiten und leben über die Monate ständig zusammen und würden in diesem Zuge einfach zu einer „Familie“ zusammenwachsen. Tecklenburg sei ein wunderschöner, schnuckeliger Ort, der fast wie ein Urlaubsort anmute, die Kollegen hätten zueinander gepasst und diese tolle Truppe habe im letzten Jahr sehr viel Spaß gehabt. Für ihn war es auch die erste Erfahrung vor einem solch großen Publikum. Gerade die Atmosphäre bei Rebecca, mit über 2000 Zuschauern, sei schon etwas ganz Besonderes gewesen, eine Stimmung, die er so schnell nicht wieder vergessen würde. Dies sei für ihn, wie auch für viele seiner Kollegen, ein Grund in diesem Sommer dorthin zurück zu kehren. 2018 wird er wieder in beiden „Erwachsenen“-Produktionen, „Les Miserables“ und „Spamalot“, sowie in der Hauptrolle des Familienstücks „Peter Pan“ auf der Bühne stehen. Über die kleinen und großen Tücken auf der Freilichtbühne sprechen wir ebenfalls, und er erinnert sich zurück, worauf es ankommt.

Natürlich müsse man in dem Bewusstsein dort hingehen, dass man eben ohne Überdachung spiele und so den Wettereinflüssen ungeschützt ausgesetzt sei. „Bei ‚Rebecca‘ hatten wir das Glück, viel Kleidung tragen zu können und eben auch viel drunter packen zu können. Bei ‚Shrek‘, als Pinocchio, hatte ich halt nur diesen Strampelanzug an, unter den nichts drunter passte. Dass war dann teilweise eben sehr kalt.“ Tatsächlich sei aber der Regen das größte Problem, allerdings nicht unbedingt wegen des selber nass Werdens. Vor allem, der Holzteil der Bühne sei dann so glitschig, dass das Tanzen an dieser Stelle nahezu unmöglich gewesen sei und man unglaublich habe aufpassen müssen. Für diese Momente gab es dann wirklich einen „Plan B“. Kleinigkeiten wurden so umgestellt, dass dieser Bühnenteil bei Regen nicht bespielt wurde, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Schlimmer seien diese Wetterkapriolen eher für das Publikum, welches ruhig sitzen und sich nicht, wie die Darsteller auf der Bühne, bewegen könne. Gerade die Bewegung mache warm und man würde wenig von Kälte und Regen merken. Wenn man doch einmal krank werden sollte, fände jeder Darsteller wohl seine eigenen Wege, damit umzugehen und seine Rolle stimmschonender als sonst darzubieten. „Da ziehe ich jetzt auch einfach mal vor einigen Kollegen den Hut, wie sie – trotz der Krankheit – noch so professionell spielen konnten. Wenn man es nicht gewusst hätte, hätte man es ihnen nicht angemerkt.“

Nicolai schreibt – neben seiner darstellerischen Tätigkeit – auch Songs für das Genre Musical und feiert damit bereits Erfolge. So erhielt er mehrfach Auszeichnungen wie zum Beispiel den StudyUp Award der Hochschule in Osnabrück, an welcher er studierte. Dieser Zweig sei ihm extrem wichtig und stelle bereits jetzt ein zweites Standbein für ihn dar, erläutert er mir enthusiastisch. „Ich schreibe schon sehr lange Musik und habe durch das Studium auch angefangen, mich in Richtung Musical zu orientieren. Dieses Genre ist super vielseitig und birgt tolle Inspirationen.“ Schnell habe er bemerkt, dass seine Musik – vor allem die der Musical-Richtung – guten Anklang fände und sogar von Kollegen geschätzt würde. „Es ist nun mal so, dass Musical in Deutschland nicht so weit entwickelt ist, dass es da viele Komponisten gibt, die regelmäßig auch gute Sachen schreiben. Von daher ist dies mit Sicherheit ein Zweig, den ich auch weiterhin stark verfolgen möchte.“ Es mache ihm einfach eine Menge Spaß zu sehen, dass seine Musik ankomme, und gerade das wäre fantastisch.

Seine Augen glänzen, als er mir von einem kleinen Videodreh in Tecklenburg erzählt, bei dem er mit Dominik Hees und Roberta Valentini seinen Song „Toms Welt“ ausprobieren konnte.

Leider gäbe es noch kein fertiges Musical von ihm, aber vor zwei Jahren habe er begonnen an einer Musicaladaption des Filmes „500days of Summer“ (hierzu gehört auch das vorgenannte Stück) zu schreiben. Ein Drittel der Musik sei zwar fertig, aber leider habe er sich die Rechte dafür nicht sichern können.

Solokonzerte könne er sich momentan noch nicht wirklich vorstellen, viel lieber würde er zusammen mit Freunden oder Kollegen auf der Bühne stehen, oder, was eher „sein Ding“ wäre, seien Konzerte, bei denen eben Diese seine Kompositionen vorstellen würden. Allerdings stand er im Januar solo auf einer kleinen Jazz-Bühne in Aachen. 2017 habe er dies zusammen mit einigen Ensemblemitgliedern des Theaters gemacht und wurde für dieses Jahr vom dortigen Intendanten alleine angefragt. Dieses Konzert ging – lt. seiner Beschreibung – mehr in die Chanson/Jazz-Richtung, fasste aber auch einige seiner eigenen Lieder.

Natürlich interessiert es mich, mit was für einem Menschen ich es – außerhalb der professionellen Bühnen – gerade zu tun habe. „Mir sind Familie und Freunde unheimlich wichtig.“ In seinem Beruf sei es, bedingt durch die vielen Ortswechsel, schwierig seine sozialen Kontakte zu den Freunden in seiner Heimat (er wuchs in der Nähe von Karlsruhe auf, in einem kleinen Dorf namens Graben-Neudorf) und zu denen, die er in Osnabrück, während seiner Studienzeit hinzugewonnen habe, hinreichend zu pflegen. Er versuche nicht immer nur darauf zu hoffen, dass ihn seine Freunde mal besuchen kämen, sondern sich in seiner spielfreien Zeit auch öfter mal selber auf den Weg in ihre Richtung zu machen. Er fände es unglaublich wichtig, den Weg auch anders herum zu suchen. „Ich finde es nicht gut, immer nur zu sagen: Hey, kommt doch mal zu mir, ich kann grad nicht! – damit kann man auf Dauer keine Freunde halten.“

Ansonsten mache er – neben seinem Beruf – auch in der Freizeit wahnsinnig gerne Musik mit Freunden und Kollegen. Erst am Vortag habe er mit Celine Vogt, die er in Tecklenburg kennen lernte, ein mini kleines Konzert in einem Café in Köln gegeben – wenn dies auch eher für sich. Sie hätten einfach Lust darauf gehabt und auch nur solche Musik gespielt, die sie lieben. Genau das wären Dinge, die ihn einfach unglaublich bereichern.

Sich selber einzuschätzen, ist gar nicht so leicht, wie auch er bei meiner nächsten Frage feststellen muss. Nach einigem Überlegen, kommen aber auch hier seine Antworten sicher und bestimmt. Ich bitte ihn, uns für die einzelnen Buchstaben seines Namens eine passende Beschreibung seiner Persönlichkeit zu nennen.

N I C O L A I

N = natürlich… Ich bekomme genau das oft als Rückmeldung auf mein Spiel gesagt – ich besitze wohl eine sehr natürliche Ausstrahlung.

I = idiotisch… Ich kann ziemlich albern sein und mache einfach auch gerne viel Quatsch.

C = clownesk… Ich spiele tatsächlich gerne lustige, humorvolle Rollen, die in die ‚Clown-Richtung‘ gehen… Und chaotisch, weil der Beruf halt ein wenig chaotisch ist – dieses mal hier, mal dort sein und nichts ist wirklich planbar.

O = oho… Klein aber oho… Ich denke, das passt, das bekomme ich auch oft als Rückmeldung. Ja, klein und fein, aber wenn man mich dann auf der Bühne erlebt, höre ich häufig, dass man mich dort eben als das genaue Gegenteil erkennt. Witzig ist, wenn ich aus der Vorstellung komme, so mit Mütze und Schal, dann werde ich nicht wirklich erkannt. Hier in der zweiten Vorstellung war meine Familie da. Ihr müsst wissen, dass sich mein Bruder und ich ziemlich ähnlich sehen. Da kam jemand auf meinen Bruder zu und meinte ‚Hey, du warst super auf der Bühne, ganz toll‘.“ Die Erinnerung treibt ihm ein Schmunzeln ins Gesicht. „Ein weiteres Mal saß ich mit meinem Onkel hier in der Galerie beim Essen. Auch er sieht mir ein bisschen ähnlich, ist aber schon älter. Eine ältere Dame zeigte mit Daumen hoch auf meinen Onkel und suggerierte ihm ‚toll gemacht‘. Mein Onkel löste es auf und meinte ‚Nein, er war’s!‘, während er auf mich zeigte. Sowas finde ich dann immer total lustig.

L = leidenschaftlich… Ich gehe sehr in meinem Beruf und der Musik auf und mache das wirklich leidenschaftlich.

A = Allrounder… Ich werde öfter gefragt, wo ich meine Stärken sehe. Ich denke ich kann von vielen Sachen so einen Teil. Ich begreife und lerne schnell und kann viele Dinge ausführen. Das meine ich jetzt nicht nur im musikalischen Bereich, sondern durchaus auch privat. Ich habe zum Beispiel lange Fußball gespielt, spiele Tischtennis und habe in der Schule sogar Musik abgewählt, um mich für Kunst zu entscheiden. Ich habe halt breit gefächerte Interessen, und das ist eigentlich auch der Grund, warum ich mich gerade für diesen Beruf entschieden habe – die Vielfältigkeit.

I = idealistisch… Ich habe einen sehr hohen Anspruch an die Dinge, die ich mache. Nicht nur auf der Bühne, auch wenn es um meine eigene Musik geht, die ich mit Freunden ausprobiere. Ich möchte das alles was ich mache, besonders gut wird – deshalb idealistisch.

Seine Gedanken, zu einem Lebensmotto befragt, drückt er mit der Zeile eines Liedes aus, die aus seiner eigenen Feder stammt: „Egal was passiert, wir machen das Beste daraus!“ Das sei etwas, was er sich ganz oft sage. Man käme halt auch mal in Situationen, in denen man traurig oder deprimiert sei, oder aber auch gar keinen Ausweg mehr fände. Er frage sich dann immer, was er vielleicht besser hätte machen können, oder ob es eben einfach mal keinen anderen Weg gegeben hätte. „Ich frage mich also immer wieder, wie ich das Beste daraus machen kann. Was passiert ist, ist passiert, aber letzten Endes geht es darum, was man daraus macht.“

Ich bedanke mich bei Nicolai für dieses interessante und offene Gespräch.

Text: Astrid

 

*
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.

Copyrighted Image