Interview mit Jan Altenbockum

„Die Freilichtbühne in Tecklenburg ist meine berufliche Heimat.“

  

Auf der Bühne des Aachener Grenzlandtheaters spielte in der letzten Wintersaison das Musical „Irma la Douce“ – Ich durfte dieses Stück besuchen und einige der acht Hauptdarsteller treffen, um von diesen im Interview ein wenig mehr zu erfahren. Zu ihnen gehörte auch der im münsterländischen Lüdinghausen geborene und aufgewachsene Jan Altenbockum. Schon vor und während seiner Ausbildung, die er in Osnabrück absolvierte, war er häufig auf der Tecklenburger Freilichtbühne zu Gast und kehrt auch noch heute immer wieder gern dorthin zurück.

 

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Im Aachener Grenzlandtheater stand er hingegen – vor dieser Spielzeit – noch nie auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Sein erster Gedanke beim Anblick dieser besonderen Bühne sei dann auch „Oh, wow, dass wird spannend“, gewesen. Die kleine Spielfläche ist nicht wirklich tief und sei somit recht schwierig zu bespielen, aber auch darauf könne man tanzen. Hier an das Theater sei er durch seinen Kontakt zu Ulrich Wiggers gekommen, mit dem er schon in einigen Produktionen zusammenarbeiten durfte. „Irgendwann fragte er mich, was ich denn den Winter über so mache und nach Sichtung meiner Unterlagen hat das hier geklappt.“ Der begnadete Regisseur ist dafür bekannt, sich seine Darsteller über die ihm wohl eigenen magischen Fäden so zusammen zu spinnen, dass ein Vorsingen seltener nötig wird. „Nein, natürlich hat Uli mich jetzt bereits ein paarmal gesehen und konnte mich einordnen. Einige Kollegen haben hier wohl auch schon vorgesungen, zwar nicht für diese Produktion soweit ich weiß, sondern für die vorherige, aber es ist natürlich schon prima, wenn man das nicht muss und angesprochen wird.“

Mich interessiert, ob die Interpretation gleich zweier Rollen (er spielt den Zuhälter Roberto sowie den Priester) in einem Stück schwierig zu vereinbaren ist, was mein Gesprächspartner aber verneint. „Eigentlich nicht, also der Priester ist ja nur ganz kurz da, aber ich glaube, auch wenn es eine größere Position nebenbei gewesen wäre, bereitet man sich trotzdem auf jede Szene einzeln vor. Bevor man die Bühne betritt, geht man noch einmal kurz in sich, filtert was passiert und wer man zu sein hat. Daher besteht eigentlich keine Gefahr, dass man da etwas verwechselt.“ Man denke sich in den momentanen Teil der Geschichte hinein und versuche eben zu jeder Rolle andere Komponenten mit einzubringen. Letzten Endes mache dies auch die Übung und es funktioniere im Gesamten recht gut. „Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass ich verschiedene Sachen in einer Produktion mache. In Tecklenburg zum Beispiel ist es so, dass man meist in gleich mehreren Stücken auf der Bühne steht und dann in jedem womöglich auch noch in unterschiedlichen Rollen. Irgendwann geht einem das in Fleisch und Blut über und man switched automatisch zwischen den unterschiedlichsten Charakteren um.“

Für ihn sei es immer noch aufregend, dort oben zu stehen. Jeder Tag sei ein wenig anders und man versuche immer wieder aufs Neue sein Bestes zu geben, unabhängig von der eigenen Stimmung. „Wir versuchen halt immer unsere momentane Gefühlslage nicht unbedingt mit einzubringen, das irgendwie abzuschalten. Gerne dürfen Gefühle wiederkommen, wenn wir abgehen, aber auf der Bühne haben die eigentlich nichts zu suchen.“ Natürlich gäbe es Tage, an denen würde das besser klappen als an anderen, und solche an denen das Spielen anstrengender sei als an anderen, aber das gäbe es eben in jedem anderen Job auch. Auch gehöre es zu ihrem Beruf dem Publikum nicht zu zeigen, dass man vielleicht krank oder nicht vollständig auf dem Posten sei. „Wir geben jeden Abend 100 % dessen, was wir in der Lage sind zu leisten und dazu gehört eben auch die Kunst sich Unpässlichkeiten nicht anmerken zu lassen.“

Aber ist es nicht verdammt schwierig auf der Bühne den Strahlemann zu spielen, wenn man sich vielleicht hundeelend fühlt, verlangt es mich zu erfahren. „Also ich musste, toi toi toi, noch nie so wirklich krank spielen. Wenn, dann hatte ich mal eine Erkältung und die schlaucht dann schon ganz schön, aber dass ich mich wirklich krank auf die Bühne hätte schleppen müssen, den Fall hatte ich Gott sei Dank noch nicht.“

Wie bereits eingangs erwähnt, war Jan schon vor Beginn seiner Ausbildung auf der Tecklenburger Freilichtbühne zu finden und ist es in den Sommermonaten noch immer. Seine Worte, mir den Reiz gerade an dieser Spielstätte tätig zu sein zu beschreiben, ähneln denen vieler Kollegen. „Also ich weiß grad nicht wo ich anfangen soll. Irgendwie ist es wie ein nach Hause kommen.“, sinniert er über den Ort, der Jahr für Jahr viele tausend Besucher anlockt. Er habe dort, von ein bisschen Tanz und Gesangsunterricht vorher mal abgesehen, seine ersten Schritte unternommen, es sei das gewesen, was er direkt nach dem Abitur gemacht habe. Erst zwei Jahre später habe er dann mit der Ausbildung begonnen. „Durch einen Zufall wurde ich dort ins Ensemble aufgenommen. Das war alles so herzlich, mein ganzer Anfang dort war einzigartig, dass Alles dort – mal ganz abgesehen von der sowieso bombastischen Bühne.“ Im letzten Jahr konnte man ihn dort als Richter Horrigde in „Rebecca“ sehen, was ihm richtig Spaß gemacht habe, sowie als Hauptmann der Wache in „Shrek“. „Irgendwie ist es dort einfach ein echt tolles Arbeiten und die Verantwortlichen schaffen es immer wieder wunderbar harmonierende Leute zusammen zu trommeln. Dort herrscht eine große Gemeinschaft, man hat – da man ja meist in mehreren Produktionen spielt – viel zu tun, es gibt immer großartige Stücke, die Einfälle sind genial und das Feedback ist klasse.

Auch gefalle ihm die Atmosphäre in diesem kleinen, verwunschenen Ort, aus dem viele der Anwohner mit auf der Bühne stehen. Durch den großen Chor, der immer mit eingebaut würde und des Engagements der Anwohner aus der Region rund um Tecklenburg, seien die Massenszenen bombastisch besetzt. Sehr spannend sei ebenfalls, dass man dort nicht die technischen Möglichkeiten habe, wie man sie an einem festen Haus fände. „Dazu ist man witterungs- und tageslichtabhängig. Es ist ein ganz anderes arbeiten als in einem Theater. Jeder Tag ist absolut neu, wir proben sehr viel und es ist eine anstrengende Zeit.“ Aber dadurch, dass sich das ganze Team so wunderbar verstehe, sei es gar nicht schlimm, wenn man, bedingt durch die unterschiedlichen Stücke, auch mal drei Probenzeiten aneinandergehängt zu bewältigen hätte. „Wir scherzen und lachen miteinander, haben eine sehr innige Zeit und dabei einfach viel Spaß!“ Da es quasi nur eine Straße in Tecklenburg gäbe, würde man dort auch immer wieder von den Besuchern erkannt und angesprochen. Wie es ist, vom Publikum angesprochen zu werden, wenn man eigentlich nur ein wenig durch den Ort schlendern möchte, interessiert mich weiter. „Ich kann da ganz gut mit umgehen und es ist noch nicht so weit gekommen, dass es mich nerven würde. Wie andere das sehen, kann ich nicht sagen. Sicherlich gibt es auch extreme Fans, aber eigentlich freut es mich, wenn ich gegrüßt werde. Meistens bleibt es ja auch dabei oder man wird höchstens noch gefragt wie es einem geht und was man gerade so macht, aber das finde ich immer sehr schön.“

Wie begegnet man gerade auf so einer Freilichtbühne in einer Sommerproduktion den unterschiedlichsten Wetterkapriolen… Sonne – Regen, Hitze – Kälte …ist eine Frage, die ich mir persönlich immer wieder stelle. Jan erklärt dies mit der Kunst sich entsprechend anzuziehen. Während der Probenzeit seien sie häufig im Winteroutfit dort – dicke Jacken, Schal, Mütze, Handschuhe, vielleicht sogar mehrere Hosen übereinander. „Man friert zwar trotzdem, auch wenn man was tut, aber man merkt es kaum, weil man so in seine Rolle abdriftet, und wenn man abends dann noch zusammen einen Tee trinken geht, dann ist das einfach nur schön.“ Jeder wisse natürlich am besten, was ihm guttue oder wie er sich fit halten könne. Es käme immer wieder mal vor, dass man auch ein bisschen krank würde, aber dann sei es halt so und man spiele trotzdem (in Tecklenburg gibt es keine Zweitbesetzungen – Anm. der Red.). „Tatsächlich war es bei Marie Antoinette einmal so, dass die eigentliche Besetzung auf der Bühne – mangels Stimme – nur gespielt und wer anders von der Seite bzw. aus dem Publikum gesungen hat.“

Da Jan bereits Erfahrung als Regieassistent sammeln konnte, möchte ich von ihm wissen, ob es ein Worst Case Szenario gibt, wenn ein Darsteller, aus welchem Grund auch immer, mitten in der Spielzeit ausfalle. „Im Normalfall spielt man jede Vorstellung, egal was ist. Vermutlich wäre bei einer solchen Geschichte die größte Herausforderung die wohl sehr kurze Reaktionszeit. Dann heißt es zu schauen, wer kennt die Figur und wer hat überhaupt Zeit. Die Rolle muss mit dem Ersatzmann/-frau durchgegangen werden und letzten Endes läuft wohl einer außerhalb der Bühne mit, um denjenigen zu seiner nächsten Position zu bringen. Gott sei Dank musste ich das noch nicht erleben, aber das sind dann so Dinge, die die ganze Sache wieder unheimlich spannend machen.“

In bereits drei Stücken konnte er sich in der Regieassistenz beweisen und nun möchte ich wissen, was denn überhaupt die Arbeit einer solchen Hilfe ausmacht. „Gemacht habe ich das bisher für das Kindermusical „Aladin“, für die „Drei Musketiere“ und für „Robin Hood“.“ Dazu gehöre zuhören und mitschreiben was der Regisseur sagt, Auf- und Abgänge zu notieren, spontane Textänderungen festzuhalten, Probenpläne aufzustellen und Proben zu organisieren. „Der Assistent ist die Verbindung der einzelnen Abteilungen zum Regisseur – er sorgt für einen reibungslosen Ablauf des Ganzen.“ Momentan stelle die Regie als zweites Standbein allerdings noch keine Option für ihn dar, auch wenn ihm die Arbeit mit Hakan (Hakan T. Aslan – Regisseur und Choreograf – Anm. der Red.) sowie die organisatorischen Aufgaben sehr viel Spaß machten. Augenzwinkernd bemerkt er abschließend: „Aber… man weiß ja nie!“

Den Grund dafür, dass er im letzten Sommer gerade bei Aladin die Regieassistenz übernommen hat, erklärt er ganz einfach. „Hakan hat mich vor vier Jahren das erste Mal gefragt, ob ich Lust hätte ihm zu helfen. Letztes Jahr wollte er mich wieder und war dann eben beim Familienstück der Regisseur.“  Schon während der Ausbildung habe er in zwei Kinderstücken auf der Freilichtbühne des beschaulichen Ortes gestanden. „Es macht einfach sehr viel Spaß mit so vielen Kindern zu arbeiten. Ihre Freude und Auffassungsgabe zu sehen ist wahnsinnig schön und faszinierend.“ Nach den Vorstellungen des Familienstückes kommen die Hauptdarsteller noch einmal in Kostümen auf die Bühne, das Publikum dürfe hinzu und eifrig Fotos und Autogramme sammeln. Man wolle so den Kindern die Möglichkeit geben, den Rollen nochmal nahe zu sein und eine schöne Erinnerung an einen noch schöneren Tag mit nach Hause zu nehmen.

An so eine Rolle im Kinder-/Familientheater ginge man auch nicht anders heran, als an Rollen in den großen Produktionen. Die Inszenierung sei ausschlaggebend und bestimme, wie eine Rolle auszusehen habe. Er bemerkt, dass man gerade diese Stücke genau so ernst nehmen müsse und solle, als wenn man für die ältere Generation spiele. „Man darf Kinder nicht unterschätzen, sie sind sehr aufmerksam und die größeren Kritiker als so mancher Erwachsene. Kindermund tut Wahrheit kund – ein Kind sagt was es denkt und daher muss man alles genau so ernst nehmen, als spielt man für Erwachsene.“

Mit jedem seiner Worte wird mir als Zuhörer mehr bewusst, dass Jan Altenbockum mit der tecklenburger Spielstätte sehr verwurzelt zu sein scheint. „Ja, das bin ich wohl, ich spiele jetzt bereits den vierzehnten Sommer dort und bin immer wieder sehr gerne zurückgekehrt. Es ist wirklich quasi Heimat für mich – die berufliche Heimat. Ich sage immer, ich komme in den Ort und es riecht nach Tecklenburg. Man sieht nicht nur die Personen, die dort am Theater arbeiten, wieder, sondern auch die Menschen im Ort und man erntet viele Lächeln – das ist einfach herrlich.“

In diesem Jahr sehen wir ihn wieder in seiner „Heimat“, wo er dieses Mal in den Produktionen „Les Miserables“ den Claquesous/Lesgles, sowie in Spamalot gleich eine Vierfach-Rolle als Historiker, Der-noch-nicht-tote-Fred, französische Wache und Zauberer Tim übernommen hat.

Wie immer interessiert mich auch die Persönlichkeit hinter der Bühnenmaske. Was für ein Mensch ist Jan Altenbockum so ganz privat, was ist ihm wichtig in seinem Leben? „Puuuh, was bin ich für ein Mensch. Das ist eine Frage, die man sich selber eher selten stellt und ist daher gar nicht so leicht zu beantworten. Ich bin relativ zurückhaltend, besonnen und denke sehr viel über Dinge nach, bevor ich sie mache. Ich kann zwar auch spontan sein, bin aber eher der Kopfmensch. Auch wenn ich gerne mal für mich bin, bin ich ein Familienmensch – mir ist die Familie schon sehr wichtig. Ich mag es, wenn es anderen Leuten gut geht, wenn Leute sich wohl fühlen und zufrieden sind. In erster Linie meine ich damit meine Familie und Freunde, aber natürlich auch meine Kollegen – eben die Menschen, die nah um mich herum sind.“

Zu benennen, welchen Wunsch ihm eine gute Fee erfüllen dürfte, fällt ihm ebenfalls nicht leicht. „Im Grunde habe ich eigentlich keine großen Wünsche. Wenn alles so weiter liefe wie bisher, das wäre schön und wenn vielleicht die Lücken zwischen den Jobs manchmal ein wenig kürzer wären. Ansonsten bin ich eigentlich sehr zufrieden mit dem, was ich habe und wie es gerade so ist.“ Dass es in seinem Beruf auch mal Situationen gibt, in denen man nicht wisse, wie und wann es weiter geht, dessen müsse man sich bewusst sein. „Irgendwie geht es zwar immer weiter, aber manchmal überrascht es einen trotzdem, wenn man vielleicht mal ein paar Wochen untätig zuhause rum sitzt.“

Mit seiner Antwort zu meiner Frage nach einer Traumrolle, die er unbedingt einmal spielen wolle, liefert er mir ein passendes Schlusswort, welches mir vor Augen führt, dass es sich bei meinem Gesprächspartner um einen durchaus zufriedenen, in sich ruhenden Menschen handelt.

„Welche Rolle ich noch spielen möchte? Das kann ich so eigentlich gar nicht sagen. Ich war und bin immer froh, wenn ich arbeiten darf und ich war und bin zufrieden mit dem, was ich bisher alles machen durfte.“

Vielen Dank, Jan, dass du mir einen Teil deiner kostbaren Freizeit geopfert und mir im Gespräch einen so sympathischen, ehrlichen Einblick in dein Leben gewährt hast.


Text und Foto: Astrid