Interview mit Bodo Wartke

© Sebastian Niehoff
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Als jemand der selbst gern und seit früher Kindheit schreibt, hatte ich die für mich große Ehre, Bodo Wartke, am 24. Februar in Berlin zu einem kurzen Interview zu treffen. Der 1977 geborene Künstler ist Liedermacher und Klavierkabarettist in einem. Sowohl urkomisch und auf den Punkt pointiert, als auch ernst, bringt er mit seinen Liedern und Programmen das Publikum dazu, ihm an den Lippen zu hängen. Seit 1996 steht er mit eigenen Programmen auf der Bühne und unterhält gekonnt mit Charme und Wortwitz. Sein Repertoire beinhaltet Klavierkabarett wie „Klaviersdelikte“, oder „Was, wenn doch?“ und das Orchesterprogramm „Swingende Notwendigkeit“, aber auch sein Ein-Personen-Theaterstück „König Ödipus“ nach Sophokles, mit welchem es ihm gelingt, auch Kulturmuffel ins Theater zu locken.

Als Ort unseres Interviews wurde das Theater am Kurfürstendamm vorgeschlagen, welches zu den bekanntesten Privattheatern Berlins gehört und sich mit seiner Lage und seinem ganz eigenen Charme direkt ins Stadtbild einpasst. Doch so lang die Geschichte des 1921 eröffneten Hauses auch sein mag, so kurz ist dessen Zukunft. Bald werden sich die Türen für immer schließen, und das Haus der Abrissbirne zum Opfer fallen. Zahlreiche Künstler erweisen dem Theater nun zuvor noch einmal die letzte Ehre, hauchen ihm noch einmal Leben ein und spielen ein letztes Mal auf der großen Bühne und zumindest in Wartkes Fall vor ausverkauftem Saal, ehe der Vorhang im Sommer nach dieser Spielzeit ein letztes Mal endgültig fällt.

 © Sebastian Niehoff
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Da auf der Bühne noch technische Proben für den Abend laufen, nehmen wir im Foyer Platz und ich möchte gern in Erfahrung bringen, wie es sich anfühlt, für Viele ein Vorbild zu sein. Wartke ist einer der bekanntesten deutschen Liedermacher und immer wieder fällt bei unseren Gesprächen mit anderen Interviewpartnern sein Name, wenn wir die Frage nach einem Vorbild stellen. Einen Moment später antwortet er wohlüberlegt, dass er nicht glaube, übermäßig bekannt zu sein. Es gäbe immer Menschen, die sich für ein bestimmtes Genre an Kunst interessierten, und diese wüssten dann oft wer er sei. Daraus ergäben sich auch angenehme Gespräche, doch global gesehen flöge er noch „unter dem Radar“, was er auch nicht unbedingt ändern möchte. Dennoch sei es schmeichelhaft, Menschen eine Stimme zu verleihen und diese mit seinem Tun zu inspirieren. Bedauernd fügt er an, dass seine Art des Entertainments leider keine hohe Präsenz habe, da es in den Medien einfach zu wenig Raum für Liedermacher gäbe.

Die wenigen Sendungen, die noch im Radio ausgestrahlt werden, sind zum Beispiel auf WDR5 die Liederlounge und im Freien Radio Kassel die Liederleute. Zu empfehlen sind die Webseiten der Liederbestenliste (www.liederbestenliste.de) und Ein Achtel Lorbeerblatt (www.einachtellorbeerblatt.wordpress.com).

Der Bayerische Rundfunk überträgt seit vielen Jahren eines der größten Liedermacherfestivals aus Bad Staffelstein (Bayern) von der Klosterwiese vor dem Kloster Banz, die der Klavierkabarettist selbst von 2006 bis 2011 moderiert hat. Wartke erklärt, sein Vorbild, Reinhard Mey, trete hier auch regelmäßig öffentlich auf, weil er die Atmosphäre zu schätzen wisse.

Wir sprechen über seine eigenen Programme und Texte, und darüber, dass man Bodo Wartke nicht „einfach nebenbei“ hören kann. Die Texte sind inhaltlich genau auf den Punkt gebracht, häufig thematisieren sie Liebe oder Alltägliches, manchmal aber auch sehr aktuelle politische Ansichten. Egal womit er gerade auftritt, als Zuschauer oder Zuhörer kann man einfach nicht weghören. „Ich würde vermuten, das ist die Aufrichtigkeit. Man spürt, dass es mir ein Anliegen ist und dass ich etwas zu teilen und mitzuteilen habe. Es ist mir einfach ein Bedürfnis, mein Publikum gut zu unterhalten.“, erklärt er. Er verfolge mit dem was er tue keinerlei Kalkül, kommerzielle Fragen kämen erst gar nicht auf, wie es in anderen Musikbranchen üblich sei. Diesen Anspruch an sich selbst erfüllt er in vollem Maße, so dass man in jedem Fall auf seine Kosten kommt. Bodo Wartke steht hinter dem was er schreibt und sagt, und genau das möchte er auch. Dass er auch über den Tellerrand der Alltagsbegegnungen hinausschaut, beweist er eindrucksvoll damit, dass er sich mit der Hochkultur beschäftigt und solch durchaus antiquierten Stoff, wie König Ödipus von Sophokles, gesellschaftsfähig macht. Doch warum tut er das, und wie gelingt es ihm, die Menschen damit ins Theater zu locken? Schmunzelnd gibt er zurück, dass wir uns da im Grunde alle ähneln. Die Meisten lesen dieses Stück als Schüler und fänden es langweilig, da sie trotz der Übersetzung die Sprache nicht verstünden, und diese auch mit der eigenen Lebenswirklichkeit kaum etwas gemein habe. Bereits als 15jähriger habe er dies ebenso empfunden und begonnen, sich darüber Gedanken zu machen. „Die Geschichte ist eigentlich total spannend und hochaktuell, es ist wirklich ein tolles Stück Literatur.“ , überlegt er laut, und erläutert, dass er seinerzeit zu dem Schluss kam, das Stück umzuschreiben – und zwar so lange, bis es ihm Spaß gemacht habe. „Dadurch erleichtere ich nicht nur mir den Einstieg in den Stoff, sondern auch meinem Publikum. Zu mir kommen Leute ins Theater, die sonst nie einen Fuß ins Theater setzen würden und haben total Spaß – die Hütte ist voll. Dort zeige ich halt, dass Hochkultur auch Spaß machen kann. Ich vermittle, so nannte das mal jemand, „Bildung im Vorbeigehen“. Wenn man das Stück dann gesehen hat, und das trifft auf König Ödipus wie auf Antigone gleichermaßen zu, weiß man halt eben auch Bescheid. Dann hat man das Stück verstanden, und sich den ganzen Abend über glänzend unterhalten gefühlt.“

Für Schulklassen gäbe es Rabatte, damit auch sie in den Genuss dieser wirklich einzigartigen Inszenierung kämen. Schultheater spielten seine Version nach, Musik- und Deutschkurse behandelten den Stoff im Unterricht, mit dem Vergleich beider Versionen, Sophokles‘ Original und seiner Neuinterpretation. Bodo Wartke, der selbst Musik auf Lehramt studiert hat, sei nun also tatsächlich so etwas wie ein Lehrer geworden, nur außerhalb des Klassenraumes. Er sei stolz auf diese Entwicklung, die er so gar nicht geplant habe, wie er zugeben muss.

© Sebastian Niehoff
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Bei König Ödipus spielt er alle 14 Rollen allein, unterstützt lediglich durch wenige Requisiten, die die unterschiedlichen Figuren leichter zu identifizieren machen. Derzeit arbeitet er mit seiner Kollegin Melanie Haupt an Antigone, was als „Der Tragödie zweiter Teil“ beschrieben werden kann. Hier werden sich die beiden Bühnenaktiven den Abend gleichberechtigt teilen. Jeder wird mehrere Rollen übernehmen, so wird Melanie Haupt als Antigone zu sehen sein, er selbst als Kreon, ihr Gegenspieler. Doch auch alle anderen Figuren des Stückes werden nicht zu kurz kommen, und es ist ein Wiedersehen mit alten Bekannten geplant, die man aus König Ödipus bereits kennt. Da er in seinen Programmen stets einen neuen Aspekt integrieren möchte, den er so noch nicht hatte, wird er dieses Projekt mit seiner Kollegin, die sonst häufig als Spezialgast seine Konzerte bereichert, gemeinsam auf die Bühne bringen. Es erschien ihm reizvoller als ein weiteres Ein-Personen-Theaterstück. Die Premiere von Antigone steht kurz bevor, im April wird die Tour im Hamburger Schmidt-Theater beginnen.

Doch egal, ob ältere oder neue Programme, zeitweise tourt er mit mehreren gleichzeitig und füllt an aufeinander folgenden Abenden mit diesen unterschiedlichen Inszenierungen große Theatersäle in derselben Stadt. Viel Text gilt es sich da zu merken – sowie zahlreiche Abfolgen und mich interessiert, wie man es schafft, dabei nicht durcheinander zu kommen. Ich erfahre, dass es ihm leichter falle, sich seine eigenen Texte zu merken, da er sich die Programme selbst ausdenke und seine Bühnensprache eben auch seine normal genutzte sei, sehe man von der Reimform einmal ab. Das auswendig lernen sei Training, Übung und Disziplin. Wenn er etwas länger nicht aufgeführt habe, müsse auch er selbstverständlich noch einmal üben, um nichts zu vergessen. Doch der Spaß am Aufführen, und dem Publikum den Inhalt näher zu bringen, motiviere ihn. Mehrere Auftritte mit diversen Programmen nacheinander an einem Ort haben für ihn beinahe schon so etwas wie Eventcharakter, denn es animiere die Menschen, auch für mehrere Tage in dieser einen Stadt zu verweilen.

Im vergangenen September stand er bei der Deutschen Musicaltheaterpreisverleihung im Berliner Wintergarten als Laudator für die besten Liedtexte auf der Bühne. Er erinnert sich, dass er sich sehr gefreut habe, dass auch die Musicalszene Notiz von ihm nehme und ihn wertschätze. Mit der Wahl als Laudator für die besten Liedtexte, fühle er sich geehrt, und habe gleichzeitig auch gespürt, dass dies ein Thema sei, zu dem er etwas zu sagen habe. Seine Erfahrungen in eben diesem Bereich und das Sendungsbewusstsein hätten ihm hier weitergeholfen. In seiner damaligen Rede amüsierte er das Publikum mit seinen Ausführungen zu Mozarts Zauberflöte. Für ihn seien Musical oder auch Oper, wenn man alles unter dem Oberbegriff Musiktheater zusammenfassen würde, das Beste aus allen Künsten – im günstigsten Fall. Theater, Schauspiel, Musik, Bewegung, Tanz und Gesang in einem seien genial, wären da nicht die Texte, die in vielen Fällen leider oft hinten runter fielen. „Auch bei den wirklich bekannten Opern ist der Text ganz oft lausig, das weiß nur keiner, weil man den eh nicht so richtig versteht und das finde ich jammerschade.“ , schmunzelt er. Gerade guter Text könne so vieles bewirken und es sei gar nicht so schwer, einen solchen zu schreiben. Er verstehe nicht, dass so viele Texter die Flinte ins Korn würfen, weil sich ihnen Hindernisse in den Weg stellten. „Man findet immer eine Lösung, man muss nur für möglich halten, dass es geht.“ , ist er überzeugt.

Da ein Interview mit einem Liedermacher für unsere Seite durchaus nicht alltäglich ist, frage ich ihn nach seinen Gedanken, zu unserem Namen „Bühnenlichter“. Auf Knopfdruck zu reimen oder ein Wortspiel zu liefern liege ihm nicht, doch ein Feedback könne er dennoch geben. Vieles definiere sich über Sprache, denn diese transportiere eine ganze Menge. Gute Texte würden lebendig und erzählten Geschichten, die jeder dann für sich selbst vor Augen habe. Bei „Bühnenlichter“ käme ihm spontan „poetisch“ in den Sinn. „Ich habe sofort ein Bild im Kopf, sofort sehe ich Bühnenlichter! – einen Scheinwerfer, der den Saal beleuchtet – den Lichtkegel, sofort entsteht ein Kinofilm und genau das finde ich super. Wenn so etwas mit wenigen Worten gelingt, ist das toll, euch gelingt es mit nur einem Wort! Chapeau, dem habe ich nichts hinzuzufügen.”

Ich bedanke mich für das freundliche Gespräch und die Zeit, in einem überaus straffen Zeitplan vor dem abendlichen Auftritt.


Interview geführt am 24. Februar 2018 – 15:30 Uhr – Theater am Kurfürstendamm Berlin; von Andrea