Im weißen Rössl

…im Renaissance-Theater Berlin

Wem der Sommer in diesem Jahr zu heiß ist, und die Urlaubskasse zu knapp gefüllt, um eine Reise ins originalgetreue Hotel an den Wolfgangsee zu unternehmen, dem sei ein Abstecher ins Berliner Renaissance-Theater, dem einzig vollständig erhaltenen Art-Deco-Theater Europas, empfohlen. Der historische Bau lädt rein äußerlich zum Staunen und Verweilen ein, und im Inneren läuft vorerst noch bis zum 5. August 2018 „Im weißen Rössl“, das meistgespielte Musiktheaterstück aller Zeiten.

Unter der Regie von Torsten Fischer kommt das Singspiel mit neun Darstellern in beinahe doppelt so vielen Rollen auf die kleine Bühne und begeistert mit der Musik von Ralph Benatzky an jedem Spieltag immer wieder hunderte Zuschauer. Doch was macht eigentlich den Zauber aus, was hält ein Stück über mehr als ein Jahrhundert auf der Bühne und lässt es zum musikalischen Dauerbrenner werden? Die Antwort findet sich auch für Erstbesucher ganz schnell – es ist das Gefühl für knapp drei Stunden dem Alltag zu entfliehen und in eine Urlaubsidylle einzutauchen, die sonst nur mit viel Geld und langem Reiseaufwand zu erreichen ist.

Die Geschichte ist schnell erzählt, und ebenso witzig wie verwirrend. Im Weißen Rössl, am idyllischen Wolfgangsee gelegen, ist die Welt noch in Ordnung. Wie in jedem Sommer fiebert man dort den Gästen entgegen und bemüht sich darum, den besten Service zu bieten. Allen voran Wirtin Josepha Vogelhuber und ihr Zahlkellner Leopold, der sechste in einer langen Reihe vor ihm, dessen Herz seiner Chefin unweigerlich zu Füßen liegt. Es könnte so schön und einfach sein, würde diese seine Zuneigung erwidern, doch da gibt es schließlich noch Rechtsanwalt Dr. Siedler aus Berlin, der bereits seit Jahren sein Sommerquartier an diesem Ort bezieht und schon sehnsüchtig erwartet wird.

Mit der Fähre reisen weiterhin Tricotagenfabrikant Wilhelm Giesecke nebst Tochter Ottilie aus Berlin an. In seiner Unzufriedenheit wird er nicht müde immer wieder zu betonen, dass er doch viel lieber nach Ahlbeck gefahren wäre, oder dass Berlin doch auch sehr schön sei. Das Essen ist ihm zu fremd, die Kleidung zu unpraktisch und dass Dr. Siedler, der ausgerechnet seinen ärgsten Konkurrenten in einem Rechtsstreit gegen ihn vertritt auch noch hier absteigen soll, ist ihm erst recht zuwider. Lediglich die Briefträgerin hat es ihm angetan, und so lässt er doch den ein oder anderen Blick über deren üppiges Dekolleté schweifen.

Der sparsame Professor Dr. Hinzelmann und seine Tochter Klärchen steigen ebenfalls im Weißen Rössl ab, und mit ihnen erreicht, um das Chaos perfekt zu machen auch Sigismund Sülzheimer, jener Konkurrent Gieseckes den Kurort. Man schmiedet Pläne und Intrigen, verliert Herz und Kopf, und schließlich bekommt doch jeder was, oder besser wen er verdient.

Kurz und bündig, ein Verwirrspiel der unterhaltsamsten Art beginnt und gipfelt darin, dass sich kurz vor Ende noch der eigentlich längst verstorbene Kaiser in Josephas Träumen ziemlich real ankündigt, um im Rössl abzusteigen. Sein väterlicher Rat bringt die strenge Wirtin zum Nachdenken und erst langsam beginnen sich die Fäden zu lösen, die während der zweieinhalb Stunden gesponnen werden.

Musikalisch hat das Stück einige Ohrwürmer zu bieten, und verleitet das Publikum dazu, selbst aktiv mitzusingen und zu schunkeln. Es fühlt sich beinahe an, wie Urlaub für die Seele und auch die Lachmuskeln bleiben nicht verschont. Gekonnt werden altbekannte Lieder und Szenen mit neuen Elementen und Ideen aufgepeppt, und ein wenig moderner Zeitgeist mit ins Spiel gebracht. So verfügt man inzwischen auch auf dem Berggipfel über eifrig genutzte Mobiltelefone, und der Herr Anwalt führt eine moderne Campingausrüstung vor, indem er sein Wurfzelt auf die Bühnenmitte schleudert, in dem er kurzerhand mit Ottilie zu einem Schäferstündchen verschwindet.

Selbstverständlich ist man mittlerweile auch auf große Reisegruppen – vorzugsweise aus Fernost – eingestellt, die Speisekarte gibt es inzwischen in allen nur erdenklichen Sprachen, so auch auf Chinesisch, was beim Vorlesen für besondere Erheiterung sorgt. Doch auch musikalisch bietet der Abend einige Überraschungen, so adaptiert man „Rock me Amadeus“ von Falco und versieht es mit neuem Text für den Kaiser. Seine Hoheit hat auch nicht weniger als das verdient.

Auch Anspielungen auf die Zauberflöte und die Bohemian Rhapsody werden wie selbstverständlich integriert. Es gelingt dem musikalischen Leiter Robert Gilbert überhaupt sehr gut, den Liedern einen frischen Anstrich zu verleihen, auch wenn ihr Grundtenor nie verloren geht, was besonders das ältere Publikum zu schätzen weiß, und man am Ende mit dem ein oder anderen Ohrwurm nach Hause entlassen wird.

Das Bühnenbild ist schlicht, schön und sehr zweckmäßig. Bietet sich auf ebendieser kaum genug Platz für alle neun Darsteller nebst der Band, die ebenfalls – abgesehen vom Schlagzeuger – in das Geschehen integriert werden, so wird durch eine geschickte Illusion im Hintergrund der Eindruck vermittelt, dass man direkt auf den Wolfgangsee und die beeindruckende Bergkulisse schauen kann. Sehr stimmig stellt eine Drehtür am hinteren Bühnenende den Eingang zur Pension dar und vergrößert den doch sehr engen Raum optisch.

Die Band mit einzubeziehen, und mit ihren Kostümen ein Teil des Geschehens werden zu lassen zeugt von Einfallsreichtum und Fingerspitzengefühl, denn es wirkt an keiner Stelle überladen, sondern stets auf den Punkt gebracht. Darstellerisch ist „Im Weißen Rössl“ überaus geschickt besetzt.

Winnie Böwe verkörpert die resolute Josepha Vogelhuber, die mit starker Hand und am Ende viel zu weichem Herz, und dem großen Traum das „Kaff“ endlich einmal verlassen zu können, die Pension leitet. Ihr Kellner Leopold wird von Andreas Bieber verkörpert. Stets charmant, witzig und zwischenzeitlich beinahe schon aggressiv versucht er das Herz seiner Chefin zu gewinnen, indem er alles tut, was dafür nötig ist und dabei sogar seinen Job aufs Spiel setzt. Der liebeskranke Kellner steht ihm gut zu Gesicht und er überzeugt auf ganzer Linie. Selbst als er beginnen muss Intrigen zu spinnen, um seinem Ziel näher zu kommen, kann man ihm nicht böse sein, sondern hängt gebannt an seinen Lippen.

Boris Aljinovic, der auch das Plakat für die Inszenierung entworfen hat, spielt den griesgrämigen Fabrikanten aus Berlin. Stets nörgelig, unzufrieden und gar nicht gewillt, seinen Urlaub zu genießen ist es seine Figur Giesecke, auf deren Konto die meisten Lacher des Abends gehen. Annemarie Brüntjen, die in die Figur seiner Tochter Ottilie schlüpft, überzeugt durch ihre liebreizende Art. Stimmlich wie auch in der Leichtigkeit ihrer Bewegungen zeigt sie ein unbeschwertes junges Mädchen, welches das Leben genießt und deren erste Liebe sofort auf fruchtbaren Boden fällt.

Dafür hat ja auch Tonio Arango als Rechtsanwalt Dr. Siedler seine Finger im Spiel, der sie mit Leichtigkeit um selbige wickelt und mit seiner Art eher wie ein ehrgeiziger Ausdauersportler, denn wie ein Anwalt daher kommt. Dennoch zahlt sich auch für seine Rolle der Ehrgeiz am Ende aus. Ralph Morgenstern als Sigismund Sülzheimer – aus Sangershausen, das muss ja mal gesagt werden – verkörpert mit herrlich komödiantischem Geschick den Gegenspieler Gieseckes und hat die Lacher mehr als einmal auf seiner Seite, vor allem weil er ja für seine Schönheit nichts kann, was das Publikum begeistert intonieren lässt, und ihm eine unerwartete (Gesangs)-Pause einbringt.

Nadine Schori als Klärchen, die Tochter des Professors und Neu-Geliebte Sülzheimers, macht auf der Bühne die größte Entwicklung durch. Es ist eine wahre Freude ihr zuzusehen, wie sie aus dem Mädchen mit Sprachfehler am Ende eine selbstbewusste junge Frau zeichnet, die alle Grenzen überwindet und ihre Bedenken über Bord wirft. Chapeau! Walter Kreye als Professor Dr. Hinzelmann und später auch Kaiser Franz Joseph II, hat die Gelegenheit sein schauspielerisches Geschick gleich in mehrerlei Hinsicht unter Beweis zu stellen.

Unterschiedlicher könnten dessen Rollen kaum sein, und der mahnende Zeigefinger des Kaisers bleibt allen noch nachhaltig im Gedächtnis. Zuletzt, aber keinesfalls an letzter Stelle ist Angelika Milster zu erwähnen, die ebenfalls gleich in mehrere Rollen schlüpft. Sie wirkt authentisch und stimmlich wie immer sehr dominant. Vor allem das Jodeln scheint ihr eine besondere Freude zu bereiten. Als Briefträgerin findet auch sie zu ihrem Glück.

Alles in Allem sind die Rollen durchweg meisterlich besetzt, jeder ein Original und zusammen bringen sie es fertig, die Zuschauer mit auf eine Urlaubsreise zu nehmen. Auch ohne Mikrofon sind sie bis in die letzten Reihen der Ränge mühelos zu verstehen. „Im Weißen Rössl“ ist ein großer Spaß für Augen und Ohren. Für dieses Jahr ist es mit der Idylle am Wolfgangsee leider am Wochenende bereits vorbei, doch der Vorverkauf für die Wiederaufnahme vom 15. August bis zum 7. September 2019 hat bereits begonnen.


Text: Andrea

Video: Renaissance Theater Berlin