Im Interview mit Thomas Gehle

Thomas Gehle ist geschäftsführender Gesellschafter der Stage School Hamburg und Theaterintendant des schuleigenen First Stage Theaters. Am 22. Juli 2017 wurde im First Stage Theater Hamburg zur Premiere der „Best of 2017“, der Bühnenshow der zehn besten Absolventen der Stage School Hamburg, Deutschlands ältester Bühnenfachschule für Tanz, Gesang und Schauspiel, geladen. Bühnenlichter.de war dabei und durfte Thomas Gehle einige Fragen stellen.

Thomas Gehle

Ihre Schule betreibt seit März 2016 ein eigenes Theater, das „First Stage“. Haben sich Ihre Vorstellungen und Wünsche diesen Zweig betreffend erfüllt?

„Unsere Erwartungen in Bezug auf die Schule haben sich mehr als erfüllt. Wir konnten die Veranstaltungen, die wir in den vergangenen Jahren in anderen Theatern hatten, in das First Stage verlegen. Unsere Schüler sollen bereits während der Ausbildung so oft wie möglich auf der Bühne stehen, um einen reichen Erfahrungsschatz vorweisen zu können, wenn sie sich nach Beendigung der Ausbildung für Jobs bewerben. Genau das ist es nämlich, was die Produzenten und Intendanten von ihren Darstellern erwarten. Ein glücklicher Zufall bescherte uns, zu einem eigentlich unglücklichen Zeitpunkt, ein Exposé über eine Location, die sich als überaus geeignet heraus stellte. Ein altes Kino bildete ein sehr passendes Pendant zu Kampnagel, wo die bisherigen Abschlussveranstaltungen stattfanden, und wir wurden uns schnell einig. Alleine schon, dass unsere Schüler noch sehr viel besser werden, seit wir dieses eigene Theater besitzen, zeigt uns, dass sich die Mühen mehr als gelohnt haben. Der zum Beispiel diesjährige Abschlussjahrgang kann von sich behaupten, bereits über eine dreijährige intensive Bühnenerfahrung zu verfügen.“

Gibt es in Ihrem Theater nur Schüler der Stage School zu sehen, oder auch andere Künstler, auch solche, die nicht hier gelernt haben?

„Das First Stage ist ein ganz normales Theater, mit der Exklusivität, dass unsere Schüler hier auftreten. Wir bieten einiges an fremden Produktionen an, da man dieses Theater auch mieten kann. Gerade gab es zum Beispiel das englisches Musical „Paperhearts“, einer Londoner Produktionsfirma, im Oktober ist Helen Schneider hier mit einen Konzert zu Gast, es gibt aber auch Kinderproduktionen wie Dschungelbuch oder Peter Pan. Seit diesem Jahr bieten wir unseren ehemaligen Absolventen mit eigenem Programm, ein weiteres Format, die Stage Tage. Hier haben bereits einige ihr Kommen angekündigt. Mit dabei sind unter anderem Alex Melcher, Ralf Bauer, Laura Mann oder Caroline Kiesewetter. Dieses Format möchten wir gerne auch weiter fortsetzen.“

Auf Ihrer Homepage kann man lesen, dass Ihre Schüler nach einem eigenen, interdisziplinären Unterrichtskonzept in den Sparten Musik, Tanz und Schauspiel ganzheitlich und praxisorientiert auf eine Karriere am Theater, im Film-, TV- oder Musik-Business vorbereitet werden. Was unterscheidet Ihre Schule von anderen ihrer Art?

„Zum einen eben das zuvor erwähnte Theater. Unseren Schülern macht das Lernen eine Menge mehr Spaß, seit sie hier schon während der Ausbildung Bühnenerfahrung sammeln können. Wir lachen und weinen auch mal miteinander, das schweißt zusammen. Die Stage School ist jetzt das, was sie immer sein wollte, eine große Familie.

Während der Ausbildungszeit möchte die Stage School auch für ihre, in der Regel sehr jungen, um die 17 bis 19jährigen Schüler, eben genau diese Familie sein. Sie erleben hier bei uns eine Menge Dinge, die ihren Charakter, ihr ganzes Wesen zum Teil grundlegend verändern. Junge Leute, die während der Workshops die Gelegenheit nutzen, sich das erste Mal zu präsentieren und für eine Aufnahme an die Schule zu bewerben, machen einen deutlichen Wandel durch, den wir begeistert bei den Abschlussprüfungen sehen. Die Veränderung in den drei Schuljahren könnte deutlicher nicht sein. Diese Entwicklung ist immer wieder aufs Neue unfassbar. Das macht uns sehr stolz und ist genau das, was uns an diesem Beruf Spaß macht.

Über unsere Ehemaligen, die sich immer noch sehr mit unserer/ihrer Schule verbunden fühlen, gibt es auch schon mal besondere Aktionen. Nehmen wir zum Beispiel mal Alex Melcher. Alex spielt momentan in Hinterm Horizont, hier in Hamburg, die Rolle des Udo Lindenberg. Letztens sind wir mit etwa 200 Schülern in einer seiner Vorstellungen gewesen und konnten ihn hinterher noch zu einem Meet and Greet treffen. Ein Highlight für unsere Schüler und ebenfalls ein weiterer wunderbarer Stage School Familienmoment.“

Eben fiel das Stichwort Workshops. Wer kommt zu diesen Kursen? Sind das nur Leute, die schon etwas können, sei es gesanglich oder mit anderen Vorkenntnissen, oder kommen da auch Interessierte, die noch ganz unvoreingenommen in dieser Richtung sind?

„Zu unseren Workshops können wir jährlich etwa 1.500 Teilnehmer begrüßen. Diese jungen Leute teilen sich auf in drei Gruppen. Diejenigen, die hauptsächlich aus Spaß an der Freude kommen und für die das dann auch ein Spaß bleibt, zum Zweiten dann solche Interessenten, die aus Spaß kommen, dann aber feststellen, dass sie das zu ihrem Beruf machen möchten, und dann gibt es die dritte Gruppe, die sich mit der Teilnahme eben ganz konkret um einen Ausbildungsplatz bewerben möchten. Bei einem solchen Workshop haben wir die Möglichkeit, die jungen Leute zwischen drei bis sieben Tage, je nach gebuchtem Kurs, zu beobachten. Sie zeigen uns ihr soziales Verhalten und ihre Teamfähigkeit. Eine normale Aufnahmeprüfung besteht lediglich aus zwei zu singenden Liedern, einer kurzen Schauspielszene und ein bisschen tanzen. Wenn uns Bewerber bei den Workshops positiv auffallen, bekommen sie am Ende eben ein entsprechendes Angebot.”

Für viele Eltern hat der Künstlerberuf ja leider immer noch einen faden Beigeschmack. Man steht oft nicht Vollzeit unter Vertrag, muss ständig ums Überleben kämpfen und drückt zuweilen auch die Wartebänke der Arbeitsämter.

„Eigentlich ist es total schade, dass dieser Eindruck immer noch besteht. Tatsächlich ist es nämlich so, dass unsere Absolventen bereits während der Ausbildungszeit in Jobs vermittelt werden. Teilweise ist das sehr tragisch, weil diesen jungen Leuten dadurch oft die Chance zum Abschluss genommen wird, bzw. sie selbst entscheiden, den Abschluss zu Gunsten des Engagements sausen zu lassen. Wir können zwar, wie überall anders auch, keine Garantie für einen späteren Job übernehmen, wissen aber, dass unsere Schüler alle arbeiten können, wenn sie denn wollen und auch dafür kämpfen. Durch die Größe unserer Schule ist es sogar so, dass einige Produzenten und Caster Auditions extra an unserer Schule, exklusiv für unsere Schüler durchführen, und dabei sehen, wer von ihnen eventuell für welches Musical geeignet wäre. So ist zum Beispiel die Castingabteilung von Stage Entertainment in Räumlichkeiten unserer Schule gezogen. Stage Entertainment führt jährlich etwa 200 Auditions durch. Unsere Schüler haben durch die räumliche Nähe das große Glück, mit den Verantwortlichen in ständiger Verbindung zu stehen.“

Mit Stolz verabschieden Sie nun diese zehn jungen Ausnahmetalente aus Ihrer Obhut auf die Bretter, die von nun an ihre Welt bedeuten. Auch wenn Sie sich um Nachwuchs vielleicht keine Sorgen machen müssen, gibt es etwas, das Sie gerade jungen Bewerbern mit auf den Weg geben möchten?

„Die jungen Leute müssen auch nach Beendigung der Ausbildung mit Disziplin am Ball bleiben, weiterhin jeden Tag trainieren und lernen. Auch und gerade wenn es zur Zeit keinen Job zu erfüllen gilt. Sich auf die faule Haut zu legen und nichts tun, keinen Sport mehr zu treiben und nicht mehr zu lernen, rächt sich auf vielfältige Art und Weise. Körper und Geist verändern sich sehr schnell zum negativen. Ebenso heißt es ‘in aller Munde’ zu bleiben. Premierenparties besuchen, Verantwortliche treffen, einfach Verbindungen pflegen. Verbindungen sind auch in diesem Bereich – wie überall anders – das A und O um einen Job zu ergattern, Disziplin benötigt es, ihn zu halten.“

Finden sich Ihre Absolventen später mehrheitlich in einem Genre wieder oder ist hier die Bandbreite weit gefächert?

„Unsere Schüler werden, anders wie zum Beispiel an einer nur Schauspiel- oder nur Gesangsschule, in einer großen Bandbreite ausgebildet. Sie lernen gleichermaßen Gesang, Schauspiel und Tan und sind nach dem Abschluss in der Lage in allen Sparten Fuß zu fassen oder aber auch flexibel zu agieren. Die Chance auf einen Job ist ungleich größer. Wenn sich in dem eigentlichen Genre mal nichts ergibt, können sie, auch mal vorübergehend, etwas anderes machen. Auch für unsere Absolventen ist es selten, sofort eine Hauptrolle zu bekommen, aber auch das gab es schon. Da unsere Schüler auf den Bereich Musical ausgebildet werden, finden sich natürlich später viele auch dort wieder.“

Gibt es Absolventen der Stage School, die inzwischen auch einem breiten Publikum bekannt sind?

„Im Bereich Musical werden die Darsteller nicht so gehypt, wie zum Beispiel im MusikBusiness. Hier ist dem breiten Publikum eher das Stück geläufig, und nur einige wenige Fans spezialisieren sich auf die Darsteller an sich und folgen diesen. In so ziemlich jedem Theater in Deutschland sind ehemalige Schüler der Stage School vertreten. Bekannte Absolventen sind zum Beispiel Anna Loos oder Ralf Bauer im Bereich Schauspiel. Thomas Borchert, Alex Melcher, Kevin Köhler oder Elisabeth Hübert sind ein wenig bekanntere Namen im Bereich Musical oder Lucy von den No Angels könnte ich im Musik-Business jetzt so aus dem Stehgreif nennen. Es gibt inzwischen auch noch viele mehr, deren Namen

Interessierte gerne auf unser Homepage www.stageschool.de nachlesen können.“

Sie kommen aus dem kaufmännischen Bereich. Wie kommt man da auf die Idee, an eine Bühnenfachschule zu wechseln?

„Ich hatte mit dem Bereich Bühnenfach früher nicht das Geringste zu tun. Ein Zufall brachte mich in Kontakt mit Volker Ullmann, dem Gründer der Stage School. Er suchte Hilfe, mir gefiel die Tätigkeit, ich habe mich auch in seiner Familie wohl gefühlt und dann letzten Endes den Job angenommen. Später bin ich einfach dabei geblieben und so Leiter der Schule und Intendant des First Stage geworden.

Der Bereich Ausbildung wäre für mich persönlich nichts. Die Lehrer der Schule – wie die jeder anderen Schule auch – bekommen den Lohn, die Anerkennung, für ihre Arbeit erst dann, wenn die Schüler im Berufsleben stehen. Dort wird ihnen früher oder später vor Augen geführt, was sie in der Ausbildung nicht verstehen konnten oder vielleicht auch nicht verstehen wollten. Damit könnte ich nicht wirklich umgehen. Ich bin im kaufmännischen Bereich daher bestens aufgehoben.“

Das Team von Bühnenlichter.de bedankt sich herzlich bei Thomas Gehle, für dieses ausführliche Interview.


Interview von Astrid