Alex Melcher „In der Musik ist alles möglich“

Vor einiger Zeit konnte ich in Hamburg das Musical „Hinterm Horizont“ von und über Udo Lindenberg besuchen. Da ich keinen der momentanen Darsteller kannte, informierte ich mich im Vorfeld, wen ich eventuell zu sehen bekäme. An dem Namen Alex Melcher, der die Rolle des Udo Lindenberg zu diesem Zeitpunkt verkörperte, kam ich nicht vorbei. Nach dem Besuch des Theaters und dem Glück, genau diesen Künstler in der Besetzung des Udo Lindenberg sehen zu dürfen, war ich begeistert. Es erfasste mich der Wunsch, Alex einmal für „Bühnenlichter.de“ genauer ‚unter die Lupe‘ nehmen zu können.

© Marc Stern

© Marc Stern

Diese Chance bekam ich nun, einige Zeit später, im First Stage Theater in Hamburg, in Form seines Solokonzertes „Im Bauch“. Ich durfte den Menschen Alex Melcher vor seinem Konzert, abseits der Musical- und Konzertbühne ein wenig näher kennen lernen und ihm einige Fragen stellen.

Alex Melcher hat das Handwerk des Musicaldarstellers an der Stage School Hamburg erlernt, zu welcher das schuleigene First Stage Theater seit nunmehr etwa zwei Jahren gehört. Ich möchte wissen, was ihn, als ehemaligen Absolventen der Stage School, immer noch mit seiner Ausbildungsstätte verbindet und wie es ist, mit einem eigenen Programm hierher zurückzukommen. Er schmunzelt und erklärt, dass ihn emotional sehr viel gerade auch mit der Stadt Hamburg verbindet. Das habe er sehr gespürt, als er hierher zurückkam. Für ihn begann mit der Ausbildung hier ein neues Leben, es war für ihn eine tolle Zeit mit vielen schönen Erinnerungen. Damals sei der Ausbildungsort noch ein ganz anderer gewesen. Die Schule, so wie sie heute ist, habe er selber erst vor einiger Zeit kennengelernt und war erstaunt, was sich alles verändert, ja verbessert habe. Zu seiner Zeit wäre die Stage School einfach so ziemlich die einzige Musicalschule in Deutschland gewesen, heute sähe das anders aus.

Auf meine Frage, von woher aus Deutschland er damals nach Hamburg gekommen sei, antwortet er, er sei gebürtig aus Karlsruhe und wohne jetzt mit seiner Lebensgefährtin Vera Bolten (die uns ebenfalls für ein kurzes Interview zur Verfügung stand) in Korschenbroich, in der Nähe von Köln/Düsseldorf. Als er zu „We will rock you“-Zeiten Vater wurde, sei er mit Vera und dem Kleinen dorthin, in die Nähe der Großeltern gezogen. Sie hätten dort ein Haus gebaut, welches für ihn einen Ort der Ruhe, einen ruhigen Hafen darstelle, an den er immer wieder gerne zurückkehre. Es sei eben sein zu Hause und von dort aus würde er zu den entsprechenden Theatern reisen.

Schlussapplaus nach der erfolgreichen Premiere des Musicals HINTERM HORIZONT im Stage Operettenhaus in Hamburg 10. November 2016. Photo: Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

Schlussapplaus nach der erfolgreichen Premiere des Musicals HINTERM HORIZONT im Stage Operettenhaus in Hamburg 10. November 2016.
Photo: Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

Wir kommen auf die Rolle des Udo Lindenberg in Hinterm Horizont zu sprechen. Mich interessiert, wie es sich anfühlt, sich so ‚große Schuhe‘ überzustreifen, sie ausfüllen zu müssen, einen Teil der Legende „Udo Lindenberg“ verkörpern zu dürfen. Nach kurzem Überlegen kommt seine Antwort zügig. Mittlerweile sei er unheimlich stolz darüber. Er durfte Udo in seiner frühen Hamburger Zeit durch eine Freundin, die dieser produzierte, kennen lernen. Tatsächlich konnte er Udo damals häufiger treffen und sie gingen zusammen weg. Er stellte fest, dass er ihn sehr mochte und immer noch mag. Er habe ihn sich genauso vorgestellt, wie dieser sich ihm gegenüber gab. Udo habe ihm damals seine relativ neu geschriebene Biografie, mit einer Widmung versehen, geschenkt, welche er dann erneut zur Hand nahm, als er das Angebot bekam. Das er genau mit dieser Rolle dann ausgerechnet zurück nach Hamburg kommen durfte, sei für ihn etwas ganz Besonderes gewesen. Er räumt ein, dass es ihn allerdings Jahre gekostet habe, wirklich auch den Mut zu finden, sich in der Rolle zu sehen, sich für diese Rolle zu bewerben. Er hätte die Rolle schon viel früher verkörpern können, aber damals habe er nicht die Möglichkeit gehabt, sie so einzuarbeiten, wie ihm vorschwebte, wie er der Meinung war, dass diese Rolle zu sein hatte. Irgendwann sei der Mut gekommen, er habe lange, lange studiert und überlegt, und diese – für ihn wirklich großen Schuhe – letzten Endes passend gemacht. Ohne Udo wirklich zu verstehen, seinen Spirit und sein Denken, sei für ihn eine überzeugende Darstellung nicht möglich und lediglich Imitation. Ohne zu verstehen wie Lindenberg tickt, würde ein Hineinschlüpfen in diese große Rolle nicht für ihn funktionieren. Die Resonanz auf ‚seinen Udo‘ sei überraschend gut gewesen, und motivierte ihn weiter an der Perfektion dieser Rolle zu arbeiten. Er wiederholt noch einmal, dass es ihn heute wirklich mit Stolz erfüllt, Udo Lindenberg verkörpern zu dürfen.

Nach bisher zwei englischen Alben entstand nunmehr sein neues Programm in deutscher Sprache. Nachzulesen ist, dass Udo Lindenberg ihn dazu inspiriert habe. Lachend bemerkt Alex: „Ja, das hat er tatsächlich!“ Mit der Interpretation von Udos Musik habe er gemerkt, dass es ihm liege und auch gefalle Rock- oder Popmusik in Deutsch zu singen. Lange Zeit habe er Berührungsängste gehabt, vor allem mit deutschen Texten, aber es sei einfach die logische Schlussfolgerung gewesen, seinen künstlerischen Werdegang mit seiner Musik, mit deutschen Texten fortzusetzen. Er habe schnell bemerkt, dass es sich für ihn authentischer anfühle und besser funktioniere, in seiner eigenen Muttersprache zu singen und zu schreiben. Er sei mit der deutschen Sprache direkter an den Geschichten und vor allem an sich selbst. Den Anstoß dazu habe auch wieder Udo gegeben, der wie selbstverständlich davon ausging, dass er seine Texte in Deutsch verfasse. In seiner Euphorie habe er das bejaht und erst später darüber nachgedacht, dass er eigentlich erst ein Lied mit deutschem Text auf Lager hatte. Er solle mal „was rüberwachsen lassen“, Udo habe sehen wollen, was er so schreibe. Nachdem dieser diese Aufforderung ein zweites Mal wiederholte, habe er sich schnellstmöglich an die Arbeit gemacht. Er wollte den Kontakt und die Möglichkeit ihm seine Lieder zu präsentieren nicht schnell wieder verlieren, und ein drittes Mal würde ein Udo Lindenberg sicher nicht fragen. Er habe wie wild angefangen zu schreiben und Udo den Erfolg seiner Arbeit auch immer wieder zukommen lassen. Vom Prinzip sei so das heutige Programm entstanden. Ein paar andere Faktoren habe es sicherlich auch gegeben, zum Beispiel, dass er unbedingt noch während seiner Hamburg-Zeit im First Stage habe spielen wollen, aber damals habe er noch keine Ahnung gehabt, wie das zu bewerkstelligen sein könnte. Ein paar zusammenkommende Gegebenheiten haben ihm nun diese Chance hier am heutigen Tage eröffnet.

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Nach meiner Kenntnis, bekam er aber nicht nur den Kontakt zu Udo Lindenberg, sondern schon vorher, beim Casting zu „We will rock you“ die Möglichkeit die beiden Queen-Musiker Brian May und Roger Taylor kennen zu lernen und von seinen Qualitäten zu überzeugen. So bekam Alex nicht nur die Hauptrolle im Musical, sondern durfte auch bei einem Auftritt in der Fernsehshow „Wetten dass…“ als Frontman vor bzw. für Queen stehen. Was ihm ein solcher Auftritt bedeutet habe, möchte ich wissen. Alex führt aus, dass das für ihn zur damaligen Zeit einfach das Größte war. Er habe nie gedacht, als Musicaldarsteller tatsächlich mal neben den beiden Queen-Musikern auf der Bühne vor Millionen von Menschen zu stehen und deren Songs performen zu dürfen. Er empfand dieses tolle Erlebnis als große Ehre und einen Ritterschlag.

In der Vergangenheit durfte Alex Melcher schon in einigen großen Produktionen als einer der Hauptcharaktere mitwirken. Beispielhaft möchte ich hier den Alfred in „Tanz der Vampire“, Luigi Lucheni in „Elisabeth“, als Jesus und Judas in „Jesus Christ Superstar“, in „We will rock you“ in der Rolle des Galileo oder eben Udo Lindenberg in „Hinterm Horizont“ nennen. Mich interessiert, in welcher dieser Rollen am meisten Alex drin steckt, welche dieser Rollen seinem Charakter am nächsten kommt. Sein „rockiges“ Erscheinungsbild zumindest, hat jetzt – rein äußerlich – nicht wirklich viel mit z. B. einem Alfred aus Tanz der Vampire gemein. „Ja, dass stimmt“, schmunzelt er, aber auch in dieser Rolle sei Alex drin gewesen. Er gehe in jede Rolle rein, indem er zuerst nach Gemeinsamkeiten zwischen sich und der Rolle suche. Er denkt kurz nach, ist sich dann aber sicher, dass am meisten Alex in „We will rock you“ gewesen sei. Zumindest zu dem Zeitpunkt als er es gespielt habe. Heute sei er natürlich gereifter und älter – er lacht – aber gerade den Hauptcharakter Galileo habe er für sich auf eine bestimmte Art und Weise komplett nachvollziehen können, und sich dort zum ersten Mal als Rocksänger- und Musiker ausleben dürfen.

© Thommy Mardo

© Thommy Mardo

Das bringt mich direkt auf die nächste Frage, ob es eine Traumrolle gäbe, die er gerne noch spielen würde. Er wird nachdenklich. Was das betrifft habe ich tatsächlich mittlerweile ein riesengroßes Problem.“ Ihm fiele momentan keine Rolle ein, die er gerne noch verkörpern würde. Er habe so vieles gemacht, was ihn interessiert habe und er auch habe machen wollen, dass es jetzt nach Udo schwer werden würde. Es habe eine ganz besondere, große und schwierige Herausforderung dargestellt, jemanden zu spielen, den man nicht komplett neu erfinden könne. Es gäbe Udo ja schon, er existiere real und daher habe er an diese Rolle auch sehr vorsichtig heran gehen müssen. Er sei aber an allen neuen Projekten interessiert, die ihn weiter nach vorne bringen würden, auch künstlerisch, aber eine konkrete Idee habe er zum jetzigen Zeitpunkt nicht.

Das der Schulabschluss und Hauptrollen große Schritte im Leben sind, steht außer Frage. Ich möchte wissen, ob es auch kleine Meilensteine gibt, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Diese Frage ist für ihn zunächst unverständlich, aber nach einer kleinen Pause findet er auch dazu die passenden Worte. Er messe derartige Dinge nicht in groß oder klein, alles sei ihm gleichermaßen wichtig. Der ausschlaggebende Impuls könne von jemandem kommen, der einen großen Namen hat, oder aber auch von der eigenen Freundin, dem kleinen Sohn oder genauso aus einem Selbst heraus. Auch was seine Rollen anginge, mache er tatsächlich keinen Unterschied. Ihm sei wirklich alles gleich wichtig, ob er nun zum Beispiel im KATiELLi Theater vor etwa 120 oder vor 1000 Leuten in einer Großproduktion stünde. Eine Antwort, die meinen Respekt vor dem Menschen Alex Melcher nicht zum ersten und schon gar nicht zum letzten Mal an diesem Abend fordert.

Ob er einen „Plan B“ in der Tasche habe, was die Zeit nach einem möglichen Karriereende angeht frage ich ihn und bin einigermaßen überrascht von der Antwort. Nein, keine Ahnung…ich lass mich da mittlerweile – eigentlich schon eine ganze Weile – einfach treiben.“ In den ersten Jahren habe man immer wieder Angst, wie es beruflich weiter gehe, was danach komme. Aber es kam immer was und wir wissen nicht was passiert, was morgen sein wird.“ Alex lebt ganz bodenständig im Hier und Jetzt und genießt das, was er momentan macht. Natürlich möchte er gerne mit seiner Musik weiter kommen, der heutige Abend sei ein weiterer Versuch, in diese Richtung die Weichen zu stellen. Da es sich um ein komplett neues Programm handele, möchte er sehen, wie es ankommt und ob es Sinn macht, damit weiter zu gehen. Natürlich gäbe es auch Ideen in eine andere Richtung, vielleicht mal etwas selber zu inszenieren, vielleicht ein Stück selber zu schreiben. Seine Musik nähme aber momentan so viel Zeit in Anspruch, vereinnahme ihn so sehr, dass kein großer Platz für etwas anderes bestünde, zumal wenn er ‚so nebenbei‘ noch eine Rolle spielen würde.

© Doris Spiekermann-Klaas

© Doris Spiekermann-Klaas

Mit seiner Lebensgefährtin Vera Bolten teilt Alex den gemeinsamen Beruf des Musicaldarstellers. Sicherlich schön, wenn man sich austauschen kann, aber das kann auch Probleme aufwerfen, gerade in Bezug auf Familie und Kinder. Welche Probleme eine längere räumliche Trennung oder auch das ständige zusammen sein, wenn man in der gleichen Produktion spielt, aufwerfen, davon weiß Alex zu berichten. Allerdings sieht er das grundsätzlich anders als ich dachte und gibt mir einen Denkanstoß in eine differenzierte Sichtweise. Er habe Vera gerne um sich, so dass das Spielen in derselben Produktion das geringere Problem darstellen würde, erklärt er. Was die Distanz und die dazu nötige Organisation mit den Kindern anginge, sehe er das anders. Für ihn und Vera gäbe es keine Probleme, weil sie da zusammen hineingewachsen seien. Ferner gibt er zu bedenken, dass sie sich an qualitativer Zeit gar nicht weniger oder mehr sähen wie ‚normale‘ Familien, nur sei ihre Zeiteinteilung halt eben eine andere. „Mal sieht man sich eine Zeit lang nicht und dann wieder eine lange Zeit sehr häufig.“ Seine Kinder seien halt eben Theaterkinder, die häufig auch mit im Theater seien und mit diesem Leben einfach aufwachsen. Sie sähen ihn zwar vielleicht mal zwei Wochen nicht, dafür dann anschließend aber eventuell auch mal ein halbes Jahr den ganzen Tag. In ‚normalen‘ Familien sähen die Väter die Kinder meist auch nur kurz nach der Arbeit beim Abendessen und dann sei Bett-Zeit. Wirklich Zeit könnten diese auch nur am Wochenende mit der Familie verbringen. Man gewöhne sich halt an diese Besonderheiten.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf das heutige Konzert, den heutigen Abend, zu sprechen kommen. Alex wird uns sein neues Programm vorstellen, Lieder mit deutschen Texten, die er selbst geschrieben hat. Ich frage nach der Bedeutung, die diese Musik für ihn hat, wie viel Alex in diesen Texten steckt. Er zögert mit einer Antwort, erklärt dann aber, dass in diesen Texten, in diesen Liedern heute Abend, zu 100 Prozent Alex steckt. Seit er auf Deutsch singe und sich alles einfach viel mehr auf die Musik, als auf die Rock-Show konzentriere, seien es wirklich gänzlich seine Gedanken und Erfahrungen. Früher war für ihn die Attitude ‚Frontman‘, jetzt beschränke sich alles viel mehr auf die Musik. Er sei ein melancholischer Mensch, was auch an der Musik des heutigen Abends zu hören wäre. Wir dürften keine „Party-Trallala-Rockveranstaltung“ erwarten, auch habe er sich mit dieser neuen Musik nicht selber in eine Schublade gedrückt. Natürlich habe er seine Einflüsse, aber ob es sich letzten Endes um Rock- oder Popmusik handele, sei weniger wichtig.

Warum er sein Konzert „Im Bauch“ genannt habe, ist die Frage, die mich anschließend noch beschäftigt. Sind die Stücke tatsächlich im Bauch bzw. aus dem Bauch heraus, aus einem Gefühl entstanden oder entstehen solche Lieder nach einem erlernten Schema. „In der Musik ist tatsächlich alles möglich.“ Allerdings habe er nie wirklich das Schreiben erlernt, sondern es sich autodidaktisch beigebracht. Daher seien diese, seine Lieder, tatsächlich im oder aus dem Bauch, aus seinem eigenen Gefühl heraus, entstanden. Ein Song zum Beispiel, der Titelsong, sei eine Metapher. In diesem Song ging es darum im Bauch eines Wals zu stecken. Es ginge um einen Jungen, der sich seinem Weg verschließen möchte, weil er sich nicht wirklich entscheiden kann. Dieser Text würde sein Wesen wiederspiegeln, gibt er zu. Er könne sich immer schwer entscheiden, weil ihn gewisse Ängste zweifeln ließen, obwohl er seinen Weg eigentlich immer klar vor sich sehe.

Ich bedankte mich herzlich bei Alex, für die ‚geliehene‘ Zeit vor dem Konzert, seine ausgestrahlte Ruhe und seine interessanten Antworten. Ich konnte einen bodenständigen, selbstbewussten und doch teils nachdenklichen Menschen kennen lernen, dessen Sichtweisen auch mir ein paar unbewusste Impulse bescherten. Diese nette Begegnung wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben.


Interview von Astrid