Ladies und Gentlemen – ob’s euch passt oder nicht! – Hedwig auf Tour

Hedwig And The Angry Inch

Admiralspalast Studio Berlin (10.08.2018)
und
Volksbühne am Rudolfplatz Köln (12.08.2018)

(c) OFF-Musical Frankfurt
(c) OFF-Musical Frankfurt

 

„Ladies und Gentlemen – ob’s euch passt oder nicht! – Hedwig“

 

Hedwig kommt rum – sie rockt, sie schockiert und polarisiert, sie verstört und zieht die Menschen wo immer sie auftaucht dennoch zweifelsohne in ihren Bann. Zuletzt an diesem Wochenende im Studio des Berliner Admiralspalastes und der Volksbühne am Rudolfplatz in Köln. Mit ihrer abgewrackten Band, „The Angry Inch“ und ihrem Mann Yitzhak gab sie kurze Gastspiele in den beiden Metropolen und scharte dort jene Menschen um sich, die bereit waren, ihrer Geschichte zuzuhören, einer Geschichte im Schatten des Mauerbaus, Ost vs. West, Unterdrückung vs. Freiheit, Top vs. Bottom, Mann vs. Frau.

So oder ähnlich könnte man eine Rezension über „Hedwig And The Angry Inch“, hier von Off-Musical Frankfurt auf die Bühne gebracht, beginnen. Vorweg genommen sollte hier noch erwähnt werden, dass es nicht leicht fällt, das knapp zweistündige Bühnengeschehen, welches ohne Pause auf den Zuschauer einprasselt, überhaupt in Worte zu fassen.

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(c) OFF-Musical Frankfurt

Allen voran steht Michael Kargus, der der Kunstfigur nicht nur seine Stimme, sondern auch ein ganz eigenes Wesen verleiht. Kathrin Hanak an seiner Seite verkörpert Yitzhak, Hedwigs Mann – steht allerdings bis zu einem sehr lauten und anrührenden Finale eher still im Schatten der Protagonistin.

Doch worum geht es eigentlich – diese Frage wird immerhin versucht während der Laufzeit des Stückes zu beantworten. Es ist mehr das Große, Ganze, als ein Inhalt oder das Schicksal einer einzigen Person. Worum geht es im Leben? – wahrscheinlich, so das Fazit, zu dem zu stehen, was man ist, und sich dies zu vergegenwärtigen, seine Träume zu leben, statt ihnen hinterher zu jagen und dabei zu erkennen, dass das Glück oft nur einen Steinwurf weit entfernt liegt.

Hedwig ist als Hänsel in Ost-Berlin aufgewachsen. Vom Vater, einem GI zu sehr, von der Mutter zu wenig geliebt, hatte er alles andere als eine normale Kindheit. Schon früh beginnt er sich nach Dingen zu sehnen, die in jener Zeit unerreichbar scheinen. Doch die zarte Statur des Jungen lässt ihn in den Fokus eines Mannes geraten, der bereit zu sein scheint, ihm neue Wege zu eröffnen. Schon früh ist Hänsel auf der Suche nach seiner anderen, vermeintlich besseren Hälfte, und da er sich nicht einmal vorzustellen vermag, ob es eine Frau oder ein anderer Mann sein könnte, in welcher Form ihm diese begegnet, ist er bereit, erst einmal jedem Gehör zu schenken, der es gut mit ihm zu meinen scheint. Vielleicht wartet die Chance, diese andere Hälfte, die ihn komplettiert, auf der anderen Seite der Mauer zu finden. Sein „Sugardaddy“ Luther verspricht ihm das Blaue vom Himmel, wenn er einer Heirat zustimmt –hieran sind jedoch einige Voraussetzungen geknüpft. Die größte ist wohl, dass sich Hänsel einer Geschlechtsumwandlung unterziehen muss. Sinngemäß heißt es, müsse er einen Teil von sich zurücklassen, wenn er gehen wolle. Er lässt sich darauf ein, aber die Operation misslingt, so dass er am Ende weder Mann noch Frau ist und nach weniger als einem Ehejahr in einem heruntergekommenen Trailerpark vor den Trümmern seiner Ehe steht. Eine Odyssee der Selbstfindung beginnt, in der er als Hedwig Jobs annimmt, um sich über Wasser zu halten. Seine Liebe zur Musik, die er – jetzt eine sie – seit frühester Jugend hegt, ist ungebrochen und sie lernt im Sohn einer Familie, für die sie babysittet, einen Verbündeten kennen. Tommy Speck ist es, mit dem sie beginnt ihre Träume zu leben und real werden zu lassen. Sie sehnt sich nach seiner Liebe, er hingegen entwickelt sich zu einem egoistischen Eigenbrödler, der unter dem Künstlernamen Tommy Gnosis Karriere macht, während sie auf der Strecke bleibt.

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(c) OFF-Musical Frankfurt

Bei dem kleinen, schlechtbesuchten Konzert, welches sie gerade gibt, erzählt sie den Zuschauern genau diese Geschichte: von ihr, von Tommy und Luther, von Yitzhak und ihrem Weg sich selbst zu finden. Zur selben Zeit gibt Tommy ebenfalls ein Konzert, allerdings in einer großen Arena im selben Ort –dieses wird natürlich live übertragen und immer wieder hört sie auf Geheiß ihres Mannes einigen Sequenzen daraus zu. Die Verbitterung Hedwigs auf den Ich-bezogenen Tommy und ihr eigenes vergeudetes Leben steigt stetig. Erst zum Ende hin wendet sich das Blatt, als Gnosis ein Lied von ihr zum Besten gibt. Ein für die Zuschauer wahrhaft emotionaler Moment entsteht, als sich mit jenem vorletzten Stück, dem Höhepunkt der ganzen Geschichte, eine für alle deutlich sichtbare Wandlung in der ungehobelten Hedwig vollzieht. Plötzlich tritt ihr wahres „Ich“ zum Vorschein und unter der rauen Schale bricht ein weicher Kern hervor, den man nicht für möglich gehalten hätte. Buchstäblich lässt sie die Hüllen fallen und steht zu dem, was sie selbst ist. Der Prozess vollzieht sich langsam, qualvoll und doch befreiend. Der eigentliche Höhepunkt aber ist, dass der bisherige Nebenschauplatz, ihre Beziehung zu Yitzhak, genau in diesem Moment in den Mittelpunkt gerückt wird. Auch dieser darf nun der sein, der er wirklich ist. Zwei Hälften finden ungesucht zu einander und werden durch einen abwesenden Egoisten vereint, der nicht einmal ahnt, was er gerade vollbringt.

(c) OFF-Musical Frankfurt
(c) OFF-Musical Frankfurt

„Hedwig And The Angry Inch“ ist ein Stück, welches an jeder nur erdenklichen Stelle polarisiert und dem Zuschauer eine ganze Menge abverlangt. Es fällt schwer, die Kunstfigur zu mögen, dennoch kann man sich ihrer Geschichte nicht entziehen. Sie wird auf tragische, raue und ungeschönte Weise dargestellt, dabei wird auf sprachliche Schönheit keinen Wert gelegt. Michael Kargus gelingt es meisterlich, diese Gratwanderung zu vollziehen und seiner Bühnenfigur eine bedrückende Sympathie zu verleihen – er singt und schauspielert auf höchstem Niveau. Es ist die Problematik des Stücks an sich, mit dem es sich nur schwer anfreunden lässt, so weit entfernt und doch einer möglichen Realität gänzlich zugeneigt.

Durch den improvisierten Soundcheck zu Beginn der Shows fällt es schwer einen Einstieg ins Stück zu finden, was gehört dazu, was nicht, was ist gewollter und was ungewollter Einblick ins Vor- Bühnengeschehen. Die Band harmoniert hervorragend mit den beiden Sängern und doch bleibt am Ende der verstörende Gedanke und die Frage, „Hat es gefallen?“, eine Frage, die sich für uns nicht eindeutig beantworten lässt. Nimmt man die einzelnen Komponenten, so ist es ein klares „Ja“, es ist empfehlenswert, „Hedwig“ wenigstens eine Chance zu geben, aber man sollte besser wissen, worauf man sich einlässt. Ein weiteres Mal werden wir uns das Musical nicht ansehen, dafür genügen uns die Sympathiepunkte der Kunstfigur nicht ganz.


Text: Andrea und Astrid