Hamlet in der Royal Academy of Dramatic Arts

Eine emotionale Achterbahnfahrt

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© Johan Persson

Noch ein Hamlet in London? Das fragten sich viele, als die Royal Academy of Dramatic Arts (RADA) Anfang August verkündete, dass im September für nur drei Wochen am schuleigenen Jerwood Vanbrugh Theatre mit nur 160 Zuschauerplätzen Shakespeares Stück gezeigt werde. Dass die Tickets begehrt wie Goldstaub waren, lag dann wohl auch weniger am Stück selbst, sondern eher an den beteiligten Personen. Verantwortlich für die Regie ist Sir Kenneth Branagh (allseits bekannter Regisseur und Schauspieler sowie Präsident der RADA) und in der Rolle des Dänenprinzen ist Tom Hiddleston (bekannt vor allem als „Loki“ aus Marvels „Thor“-Filmen und der Miniserie „The Night Manager) zu sehen. Die Karten wurden in einer Art Lotterie vergeben, für die sich jeder anmelden musste. Der Erlös aus dem gesamten Run geht an die RADA, um nicht so gut betuchten jungen Menschen das Studium an der Schauspielschule zu ermöglichen.

Ich hatte das Glück, eines der ca. 3.600 verfügbaren Tickets zu ergattern und machte mich also auf nach London. Und ich war, das muss einfach mal gesagt werden, extrem gespannt und aufgeregt. Aufgeregt, weil ich großer und bekennender Fan von Branaghs und Hiddlestons Arbeit bin, gespannt, weil das nunmehr meine dritte Begegnung mit „Hamlet“ innerhalb eines Dreivierteljahres war. Ich hatte mir Benedict Cumberbatch in dieser Rolle bei der National-Theatre-Übertragung im Kino angeschaut und im Sommer war ich in London, um Andrew Scott in Robert Ickes Inszenierung zu sehen. Nun also Tom Hiddleston. Und ich war wirklich neugierig, wie diese Inszenierung im Vergleich zu den beiden anderen abschneiden würde.
Vorausgeschickt sei, dass ich Scotts Version sehr beeindruckend fand, modern, gar nicht angestaubt und toll gespielt. Ich fand sie deutlich besser als die Inszenierung mit Benedict Cumberbatch.

© Johan Persson

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Was jedoch während der Vorstellung im RADA mit mir (und vielen, vielen anderen Zuschauern) passierte, hatte ich so nicht erwartet. Vermutlich war es die Mischung aus einer brillanten Regie, herausragenden schauspielerischen Leistungen der gesamten Cast, der außergewöhnlichen darstellerischen und vor allem stimmlichen Präsenz von Tom Hiddleston und der Intimität des kleinen Theaters – man wurde als Zuschauer förmlich in das Stück hineingesaugt und das machte das Zuschauen in ungewöhnlicher Weise intensiv und extrem emotional.

© Johan Persson

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Die drei Zuschauerreihen im Parkett waren wie ein „U“ aufgebaut, am offenen Ende eine Wand mit Türen und Porträts, gespielt wurde in der Mitte. Dazu gab es eine kleine Galerie, nur knapp über Kopfhöhe der Schauspieler, mit nochmals zwei Zuschauerreihen. Als Ausstattung gab es nur noch einen Tisch, ein Sofa, einen Teppich und eine Kampfbahn für den finalen Fechtkampf zwischen Hamlet und Laertes – alles war jedoch nur temporär auf der Bühne.

Das Stück beginnt mit Musik. Hiddleston spielt Klavier und singt ein todtrauriges Lied, mit dem er – mit Tränen in den Augen – den Tod seines Vaters betrauert. Dieses Lied begegnet uns im weiteren Verlauf des Stückes noch einmal, denn auch Ophelia singt es, wenn sie, bereits der Depression verfallen, ebenfalls um ihren von Hamlet versehentlich ermordeten Vater trauert. Mit dieser Eingangsszene und ihrer späteren Reprise wird bereits deutlich, dass Kenneth Branagh die Figur der Ophelia und ihre Verbindung zu Hamlet anders deutet als viele andere Inszenierungen. Kathryn Wilder zeigt uns eine Ophelia, die nicht einfach Opfer einer unerfüllten Liebe ist, sondern eine selbstbewusste und starke junge Frau, die bedingungslos liebt, aber doch am Ende am Verlust der beiden geliebten Männer, ihres Vaters Polonius und ihrer großen Liebe Hamlet, zugrunde geht.
Natürlich sind Liebe und der Verrat an ihr die zentralen Inhalte des Shakespeare-Stücks, aber Branagh arbeitet in seiner Inszenierung vor allem die Aspekte des Ringens um die Liebe und des Kampfes gegen den Verrat heraus. Und so passt es durchaus ins Bild, dass Hamlet während seines Gesprächs mit Polonius in einem Buch mit dem Titel „Reasons to stay alive“ liest. Bei diesen Kämpfen nehmen die Darsteller die Zuschauer mit auf ihre emotionale Achterbahnfahrt, allen voran Tom Hiddleston. Er wechselt innerhalb von Sekunden von fast schon hyperaktiver Fröhlichkeit über rasende Wut hin zu verzweifelter Traurigkeit, Tränen inklusive. Und wenn er seine Monologe spricht, sucht er ganz bewusst den Augenkontakt mit den Zuschauern. Dabei beschränkt er sich nicht etwa auf bloßes „Über die Gesichter schweifen“, sondern hält den Augenkontakt über lange Zeit. Dank meines Sitzplatzes in der Mitte der ersten Reihe auf der Galerie erwischte mich so ein Blick während seines ersten größeren Monologes nach dem Erscheinen des Geistes seines Vaters. Und ich hatte sofort das Gefühl, er spricht direkt zu mir.

© Johan Persson

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Dieser direkte Kontakt und die Nähe zum Publikum ist es wohl vor allem, was diese Inszenierung zu einem ganz besonderen und lange nachwirkenden Theatererlebnis macht. Plus einer grandiosen Ensembleleistung, bei der mich neben Tom Hiddleston und Kathry Wilder vor allem Sean Foley als Polonius, Nicholas Farrell als Claudius und Ansu Kabia in seinem Dreifachauftritt als King Hamlet/Player King und Totengräber beeindruckt haben. Doch auch die Darstellerinnen haben Tolles geleistet, haben drei von ihnen doch eigentlichen Männerrollen ein ganz neues Gesicht und damit dem ganzen Stück einen neuen Blickwinkel gegeben. Kenneth Branagh hat Horatio, Rosencrantz und Güldenstern nämlich zu Horatia, Rosacrantz und Güldastern gemacht und von Frauen verkörpern lassen.

Es gäbe noch viel zu diesem „Hamlet“ zu sagen, denn es waren viele kleine, aber wirkungsvolle Regieeinfälle, die mir eine ganz neue Sichtweise auf die Geschichte ermöglicht haben. Zusammengefasst kann ich aber sagen, dass ich noch keine gleichzeitig derart lustige wie auch traurige emotionale Achterbahnfahrt beim Anschauen dieses Shakespeare-Klassikers erlebt habe.
Und darum kann ich die eingangs gestellte Frage, wie sich diese Inszenierung gegenüber den Versionen mit Cumberbatch und Scott schlägt, für mich ganz klar beantworten: Sie war ganz klar mein Favorit unter den dreien, weil sie es geschafft hat, mich im tiefsten Innern zu berühren und regelrecht aufzuwühlen.

© Johan Persson

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Wirklich schade ist es, dass diese fantastische Inszenierung nur von so wenigen Menschen gesehen werden kann. Doch laut RADA ist weder der Umzug in ein größeres Theater geplant noch ein Mitschnitt für Kino oder DVD, obwohl sich das viele Fans wünschen. So sehr ich jedoch selbst dieses Stück noch einmal sehen würde, glaube ich, dass sowohl in einem größeren Theater und erst recht beim Anschauen eines Mitschnitts sehr viel von der tiefen emotionalen Wirkung verloren gehen würde. Diese funktioniert aus meiner Sicht nur in der Intimität dieses kleinen Theaters.


Artikel von Karina