Ein Abend, an dem die Seele fliegen lernt

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05.11.2017 – Admiralspalast Studio Berlin

Zum bereits zweiten Mal in diesem Jahr lud Sound of Music Concerts mit „The Gentlemen of Musical“ in das Studio des Berliner Admiralspalastes ein. An diesem verregneten Novembersonntag jedoch mit dem Zusatz „Winter-Special“, was eine kleine inhaltliche Änderung des bekannten und durchweg beliebten und stets ausverkauften Konzert-Formates ankündigte. Drei Termine umfasst ebendiese Wintertour, die ihren Auftakt am 5. November in Berlin fand und in Filderstadt fortgesetzt wird, ehe sie Ende November in Oberhausen ihren Abschluss finden wird. Den Verkaufszahlen und Karten gesuchen nach zu urteilen, für viele Liebhaber von Jan Ammann und Kevin Tarte noch lange nicht genug.

Der Herbst zeigt sich an diesem Abend nicht von seiner besten Seite und treibt das Publikum, zahlreich mit eingezogenen Köpfen, über den historischen Innenhof des Theaters. Immer wieder ist dieses mit seiner besonderen Bühne und Bestuhlung ein interessanter Ort für ein Konzert. Mit 450 Plätzen vergleichsweise klein, doch sehr, sehr steil ansteigend, bietet es von jedem Platz aus einen guten Überblick auf die ebenerdige Bühne. Mit der die Zuschauer umfangenden Wärme des Saales, verfliegt auch das draußen noch empfundene Unbehagen. Der Moment, in dem Marina Komissartchik, liebevoll, wie auch stets bewundernd, als „One-Woman-Orchester“ bezeichnet, die Bühne betritt und ihren Platz hinter dem Flügel einnimmt, ist auch jener, in dem das Gemurmel verstummt. Mit den ersten Tönen von „You’re nothing without me“, aus City of Angels betreten auch die Protagonisten des Abends die Bühne und werden mit großem Beifall empfangen. Sie liefern sich ihren atemlosen musikalischen Schlagabtausch, und begrüßen, wie es sich für echte Gentlemen gehört, schließlich nach nur zwei Songs zunächst das Publikum und anschließend ihre zauberhaften Gäste

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Jan sinniert darüber, dass ein Auftritt im Admiralspalast stets etwas Besonderes sei, weil man diese Form der Bühne eher selten zu sehen bekäme. Es fehlt die Abgrenzung zum Publikum und man sei wesentlich näher dran und damit steige auch die Nervosität. Kurzerhand wandeln beide Herren einen Teil ihrer Nervosität geschickt um, indem sie das verblüffte Publikum in der ersten Reihe mit einem kräftigen Händedruck begrüßen. Ein Lachen löst die Anspannung – nicht nur auf einer Seite. Charmant moderieren sie weiter und kündigen die noch fehlenden Damen in ihrer Herrenrunde an.

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Carin Filipčić, die österreichische Sängerin, die man aus unzähligen Musicals kennt und ins Herz geschlossen hat, steht an diesem Abend an der Seite der beiden auf der Bühne. Neben ihr tritt Michaela Schober, gerade erst wieder auf die Bühne zurückgekehrt, nachdem sich ihr Lebensmittelpunkt mehr in Richtung Familie verschoben hatte, auf. Auch sie kennt man aus zahlreichen Konzerten und Musicals, zuletzt stand sie beim Mitternachtsball in Essen mit auf der Bühne. Die Herren räumen sehr höflich das Feld und überlassen den Damen die Bühne, die mit „Ich hab geträumt vor langer Zeit“ ihren musikalischen Einstieg in den Abend geben.

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Nach einigen weiteren Songs, die man gut aus dem eigentlichen Repertoire der Gentlemen-Konzertreihe kennt, übernehmen die beiden Herren die Ankündigung eines neuen Liederblocks, der für die dunkle Jahreszeit wie gemacht scheint. Dass 2017 der Frieden und die Liebe ein wenig zu kurz gekommen seien, bedauern beide. Aber sie sind sich auch einig, dass es immer wichtig sei zu hinterfragen, warum etwas nicht gut läuft und darüber noch einmal nachzudenken. Dass alles seine Zeit habe, und man vor allem den nötigen Mut aufbringen muss, darüber zu diskutieren. Ein Liederblock, der vollgepackt ist mit Emotionen, Hoffnungen und Sehnsüchten, Songs die mutig sind und auf ihre Weise sehr viel Liebe ins Publikum transportieren folgt nun und rührt an, macht nachdenklich, verleiht der Seele Flügel.

Auffällig hier ist, dass zwei der vorgetragenen Lieder aus der Feder von Udo Jürgens stammen. Mit seinen durchweg gefühlvollen und sehr harmonischen Texten transportiert er auch nach seinem Tod noch die Botschaften in die Herzen der Menschen. „Ich würd es wieder tun“, wird von Carin vorgetragen, „Eisblumen“ von Michaela. Beide Songs, so unterschiedlich sie auch sind, erzählen von Mut und Sehnsüchten der Menschen. Carins Titel ist durchweg mutig, seinen eigenen Weg zu finden, Stolpersteine als gegeben zu nehmen und nicht umzukehren. Es macht stärker, auch einmal zu verlieren und nicht immer den ebenen Weg zu gehen. Die eigenen Erfahrungen sind es, an denen der Mensch wächst, nicht nur im Guten, sondern auch das Scheitern hat immer wieder seinen Sinn. Michaelas Titel hingegen ist sehr sehnsüchtig, nach der Geborgenheit und Leichtigkeit der Kindheit, der Träume, und Fantasien, die Kinder der Realität bisweilen vorziehen. „Eisblumen“ wachsen im Winter an den Fenstern und Schnee hat immer eine Wirkung, die Jung und Alt auf seine Weise verzaubert. Irgendwann verliert sich dieser Zauber, doch auch er kann zurückkommen und die Fantasien und Träume neu entfachen, wenn man nur etwas findet, was diesen Traum eben neu erweckt. Oft ist die Geburt eines Kindes ein Auslöser dafür, dass man die Welt wieder mit anderen Augen sehen kann. So wie kürzlich ja auch in ihrer eigenen Familie geschehen.

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Einen großen Stellenwert nehmen auch Titel ein, in denen die Liebe im Vordergrund steht. So gesteht Jan, dass er unsterblich in den Mond verliebt sei, dieser aber einem Stern den Vorzug gebe und lässt auch seine Klavierkünste nicht außen vor. Im Duett zwischen Kevin und Carin, „So in love“, ursprünglich von Cole Porter, knistert es gewaltig und ebenso stimmt eindeutig die Chemie bei „Vivo per lei“ zwischen Jan und Michaela, und lässt das Publikum die Taschentücher spätestens zu diesem Zeitpunkt zücken, wenn es bis hierhin noch nicht geschehen ist. Eine Gänsehaut ist bei diesen großen Gefühlen garantiert. Weihnachtlich angehaucht schmettert Kevin ein atemberaubendes „Believe“, aus dem Polarexpress, der Inbegriff der Weihnachtsfilme und Symbolbild dafür, dass mit Mut zum Träumen alles möglich sein kann.

Der letzte Liedblock vor der Pause ist erneut den Musicals gewidmet, Cats, Der Graf von Monte Cristo und das Phantom der Oper sorgen dafür, dass die Stimmung erhalten bleibt. Die Auswahl ist treffend, passen sich die Songs doch perfekt in die Linie des gesamten ersten Teils des Abends ein. Sie erzählen von Sehnsüchten und Träumen, von Erinnerungen und Wünschen. Egal, ob es das schmeichelnde „Memory“ von Carin Filipčić ist, oder das große Versprechen, welches sich Jan Ammann, Kevin Tarte und Michaela Schober abwechselnd in „Niemals allein“ geben, die Intensität der Aussagen ist beinahe greifbar und das Publikum nimmt diesen Block mit hingebungsvollem Applaus an.

Der zweite Teil nach der Pause eröffnet mystisch und ganz im üblichen Stil der Gentlemen of Musical Konzertreihe. Mit Tanz der Vampire steigt die ohnehin sehr gute Stimmung im Publikum um noch einige Grad an, zumal sich zeigt, dass Michaela Schober alles andere als „leicht zu haben“ ist, und damit ihre beiden Grafen ein wenig aus dem Konzept zu bringen scheint. Kurz verweilen sie im Vampir-Genre bei Dracula, ehe sich in der nächsten sehr einfühlsamen Moderation von Kevin zeigt, dass auch dieser zweite Teil überarbeitet und durch und durch neu überdacht wurde. Er definiert Weihnachten als Familienfest und die Zeit als Besonders. Es sei ein Geschenk, in eine große Familie hineingeboren zu werden, die einen behütet und schützt und ebenso ist es an jedem selbst, dies zu bewahren. Doch viele Menschen definieren Familie in diesen Zeiten anders, Strukturen verändern sich und auch das sei in Ordnung, wenn sich in dieser Zeit die Menschen nur etwas näher rücken. Es fehle generell an Wärme und Liebe und ein jeder solle für sich doch einmal in einer ruhigen Minute darüber nachdenken, welche Prioritäten er setzt. Gedanken, die frei fließen und aus dem tiefsten Inneren zu kommen scheinen, sie klingen spontan und uneinstudiert, was diese Moderation mehr als sympathisch wirken lässt und selbstverständlich zum Nachdenken anregt.

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Der Liederblock ist sehr speziell und spricht die Familie thematisch an. Sei es „Gute Nacht“, „Er spricht mit seinem Engel“ oder „Ne Prise Zimt“. Jeder Song reiht sich inhaltlich wie Perlen auf einer Kette an einander und wird mit so viel Wärme und Intensität vorgetragen, dass das begeisterte Publikum stets bemerkt, mit wie viel Herzblut die vier Sänger bei der Sache sind. Sie tragen an diesem Abend nicht einfach vor, sie leben die Musik auf der schmucklosen Bühne.

Nach einem kurzen und durchaus erheiternden Zwischengeplänkel zwischen den beiden Gentlemen, in dem sie sich über die schöne gemeinsame Zeit auf der Bühne in Füssen unterhalten und einige Anekdoten zum Besten geben, folgt ein kurzer Block aus Ludwig², der begeistert angenommen wird. Nach diesem folgt noch je ein Solo, „Das ganze schrecklich schöne Leben“ von Jan und „Into the West“ von Kevin, bevor sie mit „Hallelujah“ gemeinsam den Abend beschließen und sich von ihrem Publikum verabschieden. Stehende Ovationen sind der Dank für eine überaus emotionale Reise, die den grauen Herbst für fast drei Stunden verbannt hat.

Für eine Zugabe lassen sie sich nicht lange bitten und stehen letztendlich für ganze drei Titel noch einmal gemeinsam mit Carin und Michaela auf der Bühne „Weil das mein Leben ist“, „That’s what friends are for“ und „Smile“, bevor das Licht im Saal endgültig aus geht und die Bühne im Dunkeln liegt. Es scheint, als wäre selbst die Zugabe ein eindringlicher Appell dessen, was wichtig ist. Zwar ist der Abend vorbei, der letzte Ton verklungen, aber in den Köpfen und den Herzen des Publikums klingt es noch lange nach und hinterlässt ein wohliges Gefühl der Wärme und Zusammengehörigkeit. Musik vermag die Menschen zu verbinden und Frieden zu bringen. Was also am Anfang als fehlend erkannt wurde, bringen sie selbst mit jedem Konzertabend ein klein wenig in die Welt hinaus. So wie jeder Einzelne ein Stück weit dazu beiträgt, seine Welt zu einem besseren Ort zu machen.


Artikel von Andrea