Garderoben-Gespräch mit Max Meister

Von Rebecca

Kurz vor dem großen Castwechsel am 30. Juli durfte ich noch einmal ein wunderschönes Wochenende in der Schwabenstadt Stuttgart verbringen und habe es mir natürlich nicht nehmen lassen, den Vampiren im Stage Palladium Theater einen letzten Besuch abzustatten. Während diesem Besuch hatte ich die Chance, Herbert-Darsteller Max Meister für ein Interview zu treffen.

Zwischen den beiden Shows am Samstag empfängt er mich, halb in Maske, und lädt mich in seine Garderobe auf die gemütliche rote Couch ein. Bei sommerlichem Wetter sprechen wir über seinen bisherigen Werdegang als Darsteller, seine Rolle bei „Tanz der Vampire“ und spätere Zukunftspläne.

Max Meister als Herbert in Tanz der Vampire (Foto: Stage Entertainment / Jan Potente)

Max Meister als Herbert in Tanz der Vampire
(Foto: Stage Entertainment / Jan Potente)

Nach einem kurzen Kennenlernen, stelle ich Max die Frage der Fragen, wann wusste er, dass er diesen, nicht unbedingt alltäglichen Weg gehen will, Musicaldarsteller zu werden. Wie bei vielen Anderen Kollegen, war es für Max jedoch nicht der eine große Moment, der alles veränderte, sondern viel mehr eine Reihe von vielen kleinen Erlebnissen, die ihm über die Jahre passiert sind. „Den Wunsch hatte ich schon sehr lange, schon seit ich im Schulchor gesungen habe. Und irgendwann hatte ich dann den Wunsch, das Ganze nicht mehr nur hobbymäßig zu machen!“ Trotzdem hörte er zuerst mal auf seine Vernunft und machte noch eine Ausbildung zum Maschinenbauingenieur. Das kreative Hobby ließ ihn jedoch nie los, immer wieder zeigten ihm Auftritte mit dem Schulchor oder später mit einer Musical AG, dass die Bühne unausweichlich für ihn ist. In Verbindung mit der Musical AG kann er mir dann doch einen besonderen Moment nennen, wobei dieser nur noch das Zünglein an der Waage war, um sich ernsthaft für diesen Weg zu entscheiden „Wir haben Mary Poppins aufgeführt und das war unglaublich toll, es hat so viel Spaß gemacht. Wir haben zum ersten Mal eine komplette Show gemacht und das war für mich dann der Auslöser: Ja, das könnte ich mir beruflich vorstellen!“

Seinen Traum wahr gemacht hat er dann an der „Joop van den Ende Academy“ in Hamburg, bei einer intensiven 3-jährigen Ausbildung, die einen Menschen natürlich verändert, doch laut Max nur im besten Sinne. Man lernt sehr viel. „Klar bin ich an sich noch derselbe Mensch, aber man lernt einfach sehr viel über sich selbst, lernt seine Grenzen kennen und wie man darüber hinaus geht. Man erreicht Dinge, die man sich niemals hätte träumen lassen. Auch die Sicht auf den Beruf Musicaldarsteller veränderte sich im Laufe dieser Jahre und man entwickelt eine Art Respekt, zu sehen, was alles dahinter steckt…“

Viele schuleigene Projekte und Aufführungen kamen im Laufe dieser Jahre auf Max und seine Kollegen zu, welche er alle als komplett unterschiedlich bezeichnet. Er erzählte mir von Shows, die sie selbst als Schüler komplett alleine auf die Beine gestellt haben, kleinere Prüfungen in großen Gruppen, bis hin zu einer 40-minütigen Solo-Show, bei der die gesamte Verantwortung bei ihnen lag. „Man lernt dadurch, dass wir alles selber machen mussten, was alles dahinter steckt, bis so eine Show wirklich steht und funktioniert!“ Andererseits standen dann auch Produktionen an wie die große Abschlussshow, bei der sie bezüglich Bühnenbild, Kostümen, Choreographie und Regie Unterstützung von Profis bekommen haben und sich somit selbst nur auf das Spielen ihrer Rolle konzentrieren konnten. „Da hat man am meisten darüber gelernt, wie man im Beruf arbeitet. Das war am ähnlichsten zu den Engagements. Ich habe am meisten dabei dazugelernt, mich am meisten vorbereitet.“ Doch jede Produktion bringt etwas Neues, denn mit jeder Rolle konnte er etwas anderes lernen, so war der Bäcker aus „Into the Woods“ eine große schauspielerische Herausforderung, alleine durch die enorme Zeit auf der Bühne, beim Stück „Sherlock Holmes“ waren es hingegen die Choreographien, die wieder eine neue Hürde darstellten.

Trotz allem unterscheidet sich die Arbeit in einer großen Produktion wie „Tanz der Vampire“ von den Shows, die Max während seiner Ausbildungszeit gemacht hatte. Auch wenn man die Schüler bereits mit professionellen Produktionen für ihren späteren Weg vorbereitete, der Sprung in den Beruf ist dennoch ein weiterer Schritt. „Hier wird von mir verlangt, auch wenn es in der Ausbildung auch schon vorkam, dass ich Dinge, die mir nicht klar sind, selbst in die Hand nehme. Es lässt einen auch hier keiner fallen, doch die Gedanken muss man sich selbst machen. In der Schule hakten die Dozenten im Ernstfall nach, hier hast du viel mehr Eigenverantwortung…“

(Foto: Stage Entertainment / Jan Potente)

(Foto: Stage Entertainment / Jan Potente)

Mit der Rolle des Herbert in „Tanz der Vampire“ spielt Max nun also nach seinem Abschluss 2017 seine erste große Rolle. Der Start dieser Reise war für Max allerdings eine Achterbahn der Gefühle und auch ein großer Zufall. Mit verletztem Knie saß er zuhause und musste das Bett hüten. Als der Anruf kam, realisierte er die frohe Botschaft erstmal gar nicht, erst Recht, da er sich für Stuttgart gar nicht beworben hatte. „Ich dachte zuerst, sie meinen bestimmt als Cover Herbert oder im Ensemble und Cover oder vielleicht irgendwann in der Zukunft. Für Stuttgart habe ich gar keine Audition gemacht, sondern für Wien und sie haben mich dann durch diese Audition für Stuttgart gefunden, deshalb auch der schnelle Anruf.“ Diese Nachricht musste er erstmal verdauen und als er dann merkte, dass es tatsächlich wahr und kein Traum war, rief er – natürlich um Stillschweigen bittend – seine Familie an, um die gute Neuigkeit zu verkünden. Doch obwohl er sich riesig gefreut hatte, konnte er seiner Freude gar nicht freien Lauf lassen, zu sehr beeinträchtigten ihn noch der verletzte Fuß und die Schmerzen. Es war also ein Wechselbad der Gefühle und es dauerte eine Weile, sich daran zu gewöhnen, doch nur knappe 2 Wochen nach dem Anruf begannen bereits die Proben für Stuttgart.

„Herbert, der Scene Stealer“, oder zumindest ist er in den Fan-Kreisen als solcher bekannt, ist eine Figur, die nicht sehr oft oder lange auf der Bühne zu sehen ist. Trotzdem ist die Figur des Herbert mehr als beliebt und zieht den Fokus des Publikums auf sich, eine Tatsache, die für Max mehrere kleine Gründe haben könnte „Das Wichtigste, glaube ich, ist die Tatsache, dass er komplett anders ist als die anderen Vampire.“ Allein das Auftreten von Herbert durch schicke Klamotten und schönes Make-up lassen ihn auffallen, auch wenn Max der Meinung ist, dass seiner Figur etwas mehr Schmuck gut tun würde. „Ich bin der Meinung, Herbert sollte ein Krönchen tragen!“ Man sollte sich zwar schon bis zu einem gewissen Grad vor ihm fürchten, jedoch die Offenheit und die Unterhaltsamkeit des Charakters begründen, warum man ihm einfach gerne zusieht. Er bedient den Witz und die komische Szenen der Show und bringt die Leute zum Lachen im Ausgleich zum dunklen, bösen sonstigen Thema des Stückes. Die Diva-Momente liebt Max besonders, in der seine Figur sich präsentiert und gerne im Mittelpunkt steht. „Ich habe auch einmal den Moment im Stück, wenn Sarah im Tanzsaal fällt und ich zur Seite gehe und meine Fingernägel lackiere oder poliere. Da hab ich einen richtigen Diva-Moment in mir drinnen, auch wenn es vielleicht manchmal ein bisschen zu viel ist. Für Herbert ging es lange genug um Sarah, es könnte jetzt langsam wieder um ihn selbst gehen…“ So holt sich seine Rolle immer wieder besondere Momente, ohne den Fokus von den Hauptrollen zu lenken, denen Max auch deren Präsenz zugesteht und gar nicht mit einer Nebenrolle dem Grafen oder Sarah die Show stehlen möchte.

Wem ebenfalls niemand die Show stiehlt, ist das Stück „Tanz der Vampire“ selbst, eines der beliebtesten Stücke im deutschsprachigen Musical überhaupt. Es gibt einen regelrechten Hype um diese Geschichte. Doch warum das alles? Eine Frage, die Max mir zwar zu beantworten versucht, jedoch denkt, dass man es gar nicht so genau benennen kann. „Das wurde ich schon mal gefragt und ich habe mir auch schon mal Gedanken darüber gemacht. Ich weiß nicht genau, warum, aber für mich ist es die Kombi von einer Grusel-Horror-Story mit gefährlichen Vampiren und viel Mystik und dazu diese starke Rockmusik. Das sieht man so nicht unbedingt so häufig. Es ist gute Unterhaltung von Anfang bis Ende!“ Auch die Art wie das Stück gemacht ist, fasziniert Max auch jetzt noch, wo er ein Teil davon ist. Seien es die Kostüme, das Bühnenbild, oder die Choreographien, gerade vor den Tänzern zieht Max ebenfalls den Hut, denn was seine Kollegen jeden Abend leisten, findet er einfach nur großartig.

Seit Ende Februar spielt er also den Herbert, nahezu täglich und bis zu achtmal pro Woche, nicht nur anstrengend sondern auch herausfordernd. Es soll keine Routine entstehen, die Rolle darf niemals einschlafen. Hierbei hilft vor allem die Interpretationsfreiheit und so versucht auch Max, in seiner Darstellung des Herbert die Rolle immer wieder neu zu färben. Auch der eigene Gemütszustand trägt meist viel dazu bei, die Rolle vielleicht etwas fröhlicher, dann mal etwas ernster zu gestalten. „Mein Schulleiter hat mir damals einen Rat gegeben, den ich auch ein bisschen übernommen habe, dass man sich fünf Eckpunkte für die Figur sucht und sich diese während der Show immer wieder vor Augen ruft. Diese Punkte kann man dann auch immer wieder im kleinen Rahmen verändern, damit sich auch die Rolle immer wieder verändert.“ Auf diese Punkte baut er dann auf, so nennt er mir als Beispiele unter anderem „Wer war ich, bevor ich zum Vampir wurde?“ und „Wie stehe ich zu den verschiedenen Charakteren, zu denen ich eine Beziehung habe?“ und diese Haltung verändert er immer wieder und schafft so jeden Abend einen etwas neuen Herbert, der auch mal ein bisschen anders ist. Eine Eigenschaft, die mir persönlich und auch dem Publikum immer sehr gut gefällt, ist, eben zu sehen, wie die Darsteller ihre Rolle jedes Mal neu kreieren und damit immer ein vollkommen neues Erlebnis bescheren. Auch Max gefällt das sehr gut. Es ist gut, wenn es den Menschen auffällt.

Und diese Interpretationsfreiheit gab es von Anfang an für Max, er durfte sich sehr viel ausprobieren, lediglich bei einzelnen Szenen gibt es natürlich Richtlinien, wie zum Beispiel in der „Herbert Walzer“ Szene, die aufgrund des Spiegelbildes komplett durch choreographiert ist, interpretatorisch ist jedoch auch hier sehr viel Freiraum vorhanden. Im Tanzsaal hingegen schwärmt mir Max von „komplett freier Hand“ vor, denn außer seiner fixen Position auf der Bühne ist es sehr, sehr frei, was er tun möchte. „Da habe ich meiner Fantasie dann auch freien Lauf gelassen. Zum Beispiel wenn Sarah gebissen wird, durchlebe ich immer ein paar Dinge. Wenn Krolock auf der Treppe erscheint, spüre ich schon bevor er auftritt, dass er jetzt da ist, aufgrund der Verbindung, die Vampire zu ihrem Schöpfer haben. Mir wurde aber eben nicht gesagt, was ich machen muss, sondern lediglich gesagt…das könnte Herbert sein, er könnte aber auch so und so sein…“ Unsicher macht ihn diese Freiheit jedoch nicht, denn wie schon erwähnt, helfen ihm die 5 Punkte, sich durch das Stück zu bringen und sollte mal noch etwas fehlen, denkt er sich ein weiteres Standbein aus oder zur Not kann man natürlich auch immer den Regisseur fragen, was er aber lieber nicht tut, denn er ist doch er ein Fan des Ausprobieren. Vor allem die kurze Probenzeit ließen ihn das Ganze auf diese Art und Weise sehen, denn er hat sich quasi auf der Bühne warm gespielt.

(Foto: Stage Entertainment / Jan Potente)

(Foto: Stage Entertainment / Jan Potente)

Besonders galt mein Interesse natürlich der Beziehung zum Grafen von Krolock und wie Herbert sein Sohn wurde. Warum hat sich der Graf unter all seinen Opfern Herbert ausgesucht? „Ich glaube, er wurde ganz klassisch gebissen und ich spüre auch manchmal meine Bisswunden, wenn Sarah im Tanzsaal gebissen wird. Der Graf hat in Herbert was gesehen, das menschliche Bedürfnis, welches Krolock vielleicht auch noch hat, dass er etwas in der Welt hinterlassen möchte, wenn er einmal nicht mehr ist. Er hat in Herbert eine Art Erben gefunden, er bringt viel mit und hat eine starke Persönlichkeit, die ihn fasziniert.“ So stellte er sich gerne den Hofkompositeur von Ludwig XIV. vor, eine so starke Persönlichkeit, dass er sogar den König kontrolliert und Einfluss auf seine Politik hat und so kreativ, arrogant und stark sieht er auch Herbert in der Beziehung zu Krolock. Herbert könnte in Max’ Augen unter anderem das Menuett geschrieben haben, welches im Tanzsaal gespielt wird.

Zu „Tanz der Vampire“ kam Max als einziger „Neuer“ Ende Februar zu der bereits bestehenden Cast, doch Probleme, sich einzufinden kamen keine auf ihn zu. „Man findet seinen Weg und die Cast ist wirklich toll und ich hatte echt gar keine Probleme, da Anschluss zu finden.“ Trotzdem ist jeder Mensch ein bisschen anders diesbezüglich, obwohl Max sich selbst als sehr offenen Menschen bezeichnet, ist er nicht sofort nur mehr mit den Leuten zusammen, mit denen er spielt. Er genießt es auch, Zeit für sich zu haben. Gerade in diesem Beruf braucht er auch immer wieder seine Ruhe und unternimmt so ganz gerne etwas alleine, sieht sich die Stadt an, liest ein gutes Buch oder macht für sich Sport.

Foto: Thomas Leidig

Foto: Thomas Leidig

Wie schon erwähnt, stand nun allerdings wieder, diesmal ein sehr großer, Castwechsel an und auch Max wird leider ab August nicht mehr Teil der Show sein. Doch obwohl er uns noch nicht genau sagen kann oder darf, was demnächst auf seiner beruflichen Liste steht, gibt es natürlich, wie bei fast jedem Darsteller, auch auf Max‘ Wunschliste zwei bestimmte Rollen beziehungsweise Stücke, die er unbedingt mal spielen möchte und für die er sogar auf eine Hauptrolle verzichten würde, Hauptsache mitspielen. „Ich würde gern mal Bert bei Mary Poppins spielen und es ist auch echt toll, dass es gerade gegenüber im anderen Theater gespielt wird. Ich habe es mir auch schon öfter angeguckt seit ich hier bin und es ist wirklich eine absolute Traumrolle. Und mein erstes Musical, das ich gesehen habe, war „Die Schöne und das Biest“ und da wäre ich als alles Mögliche glücklich, auch als Löffel in der letzten Reihe, ich wäre nur unglaublich gerne mal bei dem Stück dabei.“ Doch auch viele andere unterschiedliche Shows, die Max während seiner Studienzeit kennengelernt hat, findet er großartig, obwohl einige davon noch nicht den Weg auf die deutschen Bühnen gefunden haben. Max hingegen, denke ich, wird seinen Weg auf der Bühne gehen und uns hoffentlich noch mit vielen unterschiedlichen Rollen bewegen und erfreuen…

Lieber Max, ich danke dir für deine Zeit, um mit mir dieses Interview zu führen. Danke, dass ich einen kleinen Einblick in deine Arbeit und dein Leben werfen durfte und die Person hinter Herbert etwas besser kennen lernen konnte. Ich wünsche dir alles Gute für deine berufliche und private Zukunft und bedanke mich noch einmal für den schönen Nachmittag.