Forever Chagal – Ein Interview mit Nicolas Tenerani

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03. Januar 2018, Wien

Spontanität kann manchmal ein Vorteil sein, so entstand auch der Gedanke zu einem Interview mit Nicolas Tenerani, der gegenwärtig den Wirt und späteren Vampir Chagal im „Tanz der Vampire“ im Wiener Ronacher spielt, sehr unvermittelt. Keine 24 Stunden vergingen von der Anfrage, bis zum nächsten, sehr unverhofften Besuch im Theater. Im Gepäck hatten wir einige Fragen, auf die uns der sympathische Darsteller bereitwillig eine Antwort gab.

Lange Zeit hat Nicolas in Italien als Darsteller, Synchronsprecher und Sänger sein Geld verdient. 2013 kam er dann nach Deutschland, um zunächst in „Sister Act“, später in „Mamma Mia“ und zuletzt in „Tanz der Vampire“ zu spielen. Wie wir im späteren Verlauf des Gespräches noch erfahren, ist er ein Familienmensch, seine Eltern leben noch heute in Bologna. Er erzählt uns, wie es dazu kam, seine Wurzeln aufzugeben, und diesen beruflichen Schritt zu gehen.

In Italien habe er zuletzt „Shrek” gespielt, die Hauptrolle des grünen Oger, für die er sogar als „bester Darsteller in einer Hauptrolle“ nominiert wurde. Doch die Zeiten waren und sind bis heute, nicht gut, um sich in Italien als Darsteller weiterzuentwickeln. So hat er sich erst in Paris (er wuchs, neben italienisch-, auch französischsprechend auf) bei „Die Schöne und das Biest“ beworben, aber es hat nicht sollen sein und er weitete die Suche auf ganz Europa aus. In Deutschland stieß er schließlich auf eine Ausschreibung für „Sister Act“, was sehr lustig gewesen sei, wie er augenzwinkernd erzählt. Mit der Regisseurin, Carline Brouwer, habe er im gleichen Stück bereits in seiner Heimat zusammengearbeitet, und ihr vorab eine Mail gesendet um sich zu erkundigen, ob eine Bewerbung überhaupt Sinn mache. Ihre Antwort ging in Richtung seiner Deutschkenntnisse – zu diesem Zeitpunkt sprach und verstand er kein Wort – und so versuchte er sich auf das Vorsingen mit Hilfe von Freunden vorzubereiten. Er war selbst überrascht, dass es gelang und er am Ende mit einem Engagement belohnt wurde. Auf diese Weise startete für ihn das Abenteuer Deutschland. In Erinnerungen schwelgend erklärt er, „Einer meiner besten Freunde und ich haben das dann zusammen durchgezogen und wir sind nach Deutschland gegangen. Eigentlich war es anfangs aus der Not heraus geboren, denn ein Leben ohne Bühne kann ich mir nicht vorstellen. Es war schwer für mich darüber nachzudenken, etwas anderes zu machen aber die Leidenschaft und der Wille zu spielen waren so stark, dass ich mir sagte, es gibt keine Hindernisse.” Bis heute sei er im deutschsprachigen Raum geblieben, da er die Möglichkeiten, die er hier bekommt, sehr schätzt und dankbar annimmt. In seinen bisherigen Rollen konnte er unglaublich viel Bühnenerfahrung sammeln, ganz nebenbei die Sprache erlernen und Talente werden, egal ob in Deutschland oder Österreich, immer gefördert.

Fließend wechselt er während unseres Interviews immer wieder vom Deutschen ins Englische, auch nutzt er seine Hände um einige Punkte zu verdeutlichen. Seine Augen leuchten vor Begeisterung, als er uns von seinem Werdegang erzählt.

Er erläutert, dies sei sein erstes Interview in Wien und er fände es toll, dass er es ausgerechnet für ein deutsches Onlineportal geben darf. Unsere Spontanität habe ihm gefallen woraufhin wir das Lob gerne zurück geben und wissen möchten, ob er denn auch im wahren Leben wenig zögert und welche Eigenschaften ihn außerdem beschreiben.

Grinsend erklärt er, dass er gerade damit, dass er sehr impulsiv und spontan sei, bei vielen Menschen anecke. Die meisten Leute planen lange Zeit voraus und möchten Termine festlegen, er sei jemand, der es nimmt wie es kommt und meint sehr locker, „Spontan ist toll! Wenn du spontan bist, ist das voll cool und lustig!“

Allerdings sei er auch ein sehr ehrlicher Mensch. Er trenne Bühne und das reale Leben und könne in letzterem absolut nicht verbergen, wenn ihm etwas missfalle. Man könne es ihm dann direkt im Gesicht ablesen und er sage Dinge, die nicht jedem gefallen.

Ansonsten ist Nicolas überaus positiv eingestellt und steckt seine Mitmenschen damit an. Häufig würde er gefragt, woher seine ständige gute Laune rührt, worauf er nur antworten könne, er habe den besten Job der Welt, er sei ein glücklicher Mensch und warum solle er das Glück und die gute Laune dann nicht teilen? „Ich bin glücklich. Ich stehe abends auf der Bühne, habe wunderbare Kollegen, arbeite in einem atemberaubenden Theater… Warum sollte ich nicht freundlich und nett sein?“

Wir erkundigen uns danach, ob es in seinem Leben etwas gibt, was er gerade vermisst und worauf er auf gar keinen Fall verzichten kann. Letztere Frage beantwortet er sehr spontan und leidenschaftlich. Es sei das Bühnenleben, das Adrenalin an jedem Abend und die Chance jeden Tag etwas zu kreieren und in die Augen der Kollegen zu sehen. Im Augenblick könne er sich ein Leben ohne die Bühne nicht vorstellen. Und genau daran knüpft jenes an, was er vermisst, ein Privatleben. Mit dem Beruf habe er freiwillig ein Leben gewählt, in dem “…ich viel unterwegs bin”. Er sehne sich nach einem Ort, den er sein zu Hause nennen könne und nach einem Menschen an seiner Seite, mit dem er all das Glück teilen könne, was ihm zu Teil würde. Es sei ein großes Opfer für ihn, diesen Ort und diesen Menschen noch nicht gefunden zu haben, doch er sei dankbar, dass seine Familie ihn tatkräftig unterstütze. So erzählt er, dass sie zu seinen Premieren in Deutschland kommen konnten und mit ihm gemeinsam seinen 40. Geburtstag, einen Tag vor der Premiere von „Tanz der Vampire“, in Wien gefeiert haben. Das habe er sehr genossen. Überhaupt, und darauf besteht er, sollen wir ruhig davon erzählen, wie alt er sei. „Ich fühle mich besser denn je. Ich bin ein Mann, ich weiß was ich will! Jetzt ist die beste Zeit meines Lebens!“, strahlt er.

Dann kommen wir auf seine aktuelle Rolle zu sprechen. Man kommt nicht umhin, denn diese Rolle begleitet ihn seit mehreren Jahren, erst in Deutschland und jetzt hier in Wien. Außerdem trägt er an diesem Tag eine Jacke, auf der unter seinem Namenszug „Forever Chagal“ eingestickt ist. Die Frage ist natürlich, welche Details ihm an den einzelnen Versionen besser gefallen, sowie der Grund dafür, und ob oder wie sich das auf seine Rolle auswirkt. Er gerät sofort ins Schwärmen, als er beginnt, die Vorzüge der aktuellen Wiener Version aufzuzählen.

„Es ist toll mit Cornelius Baltus zu arbeiten. Er macht die Regie seit fast 20 Jahren, dennoch versucht er immer etwas Neues zu finden, uns neue Impulse zu geben. Ich hatte die Chance von der deutschen Inszenierung zur österreichischen unterschiedliche Facetten festzustellen. Es könnte langweilig werden, wenn man Tag für Tag das Gleiche macht. Aber man kann auch variieren, hier zum Beispiel etwas anders auslegen, finsterere Farben einbringen. Zum Beispiel bei „Eine schöne Tochter ist ein Segen“… Das ist in Deutschland völlig anders als hier. In Österreich wird mit uns daran gearbeitet, die schmutzige Bedeutung zu erkennen und auch tatsächlich zu meinen. Hier zu spielen gibt mir auch die Chance für die VBW (Vereinigte Bühnen Wien) zu spielen, was toll ist und zum ersten Mal in meinem Leben spiele ich mit einem 24-köpfigen Orchester. Das ist großartig! Es ist eine große Verantwortung. Du bist darauf angewiesen, eng mit dem Dirigenten zusammenzuarbeiten. Es ist Teamwork, es ist Adrenalin pur, wenn 24 Leute mit dir spielen. Das genieße ich an dieser Show besonders.“

Ein wenig sentimental wird er, als er sich an die Arbeit in Deutschland erinnert. Er erzählt, dass die Arbeit mit den dortigen Kollegen unglaublich gewesen sei, was nicht zuletzt daran gelegen habe, dass sie für die gesamte Probenzeit in Mannheim – für mehr als anderthalb Monate – zusammen im gleichen Hotel gewohnt hätten. Jeden Schritt gemeinsam zu gehen, jede Mahlzeit gemeinsam einzunehmen und auch die Proben gemeinsam abzuhalten, sei sehr teambildend gewesen. Das vermisse er in Wien ein wenig, wo natürlich viele aus der Stadt sind, jeder sein eigenes Appartement habe und nach den Proben seine eigenen Wege gehe. Die Deutsche Cast sei so etwas, wie ein Stück Familie für ihn geworden, was ihm auch den Abschied besonders schwer gemacht habe. Das Wir-Gefühl und der Zusammenhalt haben ihm besonders gefallen, so dass er an seinem letzten Tag dort mit den Tränen zu kämpfen hatte.

Ob Nicolas einmal mit einem seiner Kollegen das Kostüm tauschen möchte, oder schlicht – ob es denn eine oder sogar mehrere Traumrollen für ihn gäbe, fragen wir nach. Ohne zu zögern nennt er Graf von Krolock. Seine Wahl begründet er schmunzelnd damit, dass die aktive Bühnenzeit kaum mehr als 25 Minuten betrage, aber die Rolle für ihn unglaublichen Tiefgang habe, ebenso könne man dort so viel einbringen und hinein interpretieren. Romantik, Gefahr und auch die Sexualität, die eben alles und nichts ist, ganz wie es dem jeweiligen Darsteller beliebt. Ein Farbenspiel auf einer breit gefächerten Palette, und in jedes einzelne Wort könne man eine Menge an Bedeutung hinein legen, außerdem liebe er das Finale des ersten Aktes. Er nennt es seine Lieblingsstelle, weil man nie müde würde sie anzusehen, man wisse nie, ob sich von Krolock nicht doch irgendwann einmal anders besinnt und Alfred beißt, es sei wunderschön, intensiv und man fiebere immer wieder aufs Neue dem Ende entgegen. „Es ist einfach eine interessante Rolle, bei der nichts in Stein gemeißelt ist, so dass man seine eigene Interpretation hineinlegen kann.“ Als Baritenor habe er sich in den Proben, wenn der amtierende Graf gerade nicht zugegen war, schon des Öfteren an den Liedern versucht und immer mehr festgestellt, wie sehr ihn gerade diese Rolle reize und fasziniere.

Außerdem nennt er Frollo in „Notre Dame de Paris”, oder auch in „Der Glöckner von Notre Dame“. Seine Erklärung hierfür ist einfach. Nicolas Tenerani liebt die „bösen Rollen“, sie haben für ihn mehr Tiefgang und seien interessanter als die Heldenfiguren. Würde ihn jemand vor die Wahl stellen, so würde er von Krolock jederzeit Alfred vorziehen, und Frollo dem Quasimodo.

In der Vergangenheit hatte Nicolas in Italien ein eigenes Soloprogramm, mit welchem er erfolgreich im Blue Note, einem der größten Jazz Clubs weltweit, aufgetreten ist. Gern würde der Sinatra-Fan auch in Deutschland oder Österreich hin und wieder Solokonzerte geben, wenn er den richtigen Ort dafür finden würde. Irgendwann und irgendwo werden wir ihn ganz sicher auch hier mit seiner eigenen Show auf einer Bühne erleben können.

Momentan kann er sich zwar ein Leben ohne die Bühne nicht vorstellen, doch ist auch er nicht davor gefeit, dass dieser Augenblick vielleicht irgendwann kommen wird. Ob es schon Pläne für die Zeit danach gibt, interessiert uns. Eine feurige Rede über seinen Jugendtraum, den er dann verwirklichen möchte, ist die Antwort. Als Darsteller zu arbeiten habe er sich nicht immer vorstellen können. Als  Junge aus einem 3500 Seelen Ort schon gar nicht. Daher habe er einen sehr bodenständigen Beruf angestrebt, mit dem jedoch seine Eltern alles andere als glücklich waren. Bereits im Alter von 14 Jahren stand für ihn fest, er wird eine Lehre als Koch anfangen, um später ein mal ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Mit dem Argument, es sei ein harter Beruf, in dem man keinen Abend, kein Wochenende und keinen Feiertag frei habe, sowie auch an Weihnachten und Silvester arbeiten müsse, hat er sich damals davon abbringen lassen. Grinsend – welches nach dieser Schilderung nicht nur in seinem Gesicht steht – meint er, dass sein jetziger Job sich von den Arbeitszeiten also kaum von seinem anderen Traum unterscheide, er aber dennoch unglaublich glücklich sei.

Wenn es mit der Bühne einmal nicht mehr klappen sollte, möchte er diesen Traum verwirklichen. Zum Einen, weil Kochen neben der Bühne seine zweite große Leidenschaft sei, und zum Anderen, weil er der Ansicht ist, dass sowohl Deutschland als auch Österreich „richtige italienische Restaurants“ brauchen würde. „Die Leute müssen verstehen, wie gut und einfach unser Essen ist. Das ist mein Plan B.“

Bevor die Zeit für das Interview zu Ende ist, und Nicolas sich auf die Vorstellung vorbereiten muss, stellen wir ihm noch eine allerletzte Frage. Was ist sein Lebensmotto und aus welchem Grund hält er daran fest?

„Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht, musst du lernen zu schwimmen. Das hat meine Mutter immer gesagt. Ich habe nie darüber nachgedacht, in Deutschland zu spielen aber als ich keine Möglichkeit mehr hatte, zu Hause Geld zu verdienen, habe ich mir das zu Herzen genommen und es hat funktioniert. Wenn du wirklich etwas tun willst, dann gibt es keine Grenzen. Dann tu es! Nichts ist unmöglich.“

Wir bedanken uns für das spontane und freundliche Gespräch!


Interview von Astrid und Andrea