Evita – Wien 2016

Evita – Argentiniens Nationalheilige zu Gast im Ronacher

Hello Buenos Aires!

Hello Buenos Aires!

Seit dem 09. März 2016 heißt es wieder „Hello, Buenos Aires“  in Wien. 1981 fand im Theater an der Wien die deutschsprachige Erstaufführung von EVITA in der Übersetzung von Michael Kunze statt (diese kommt nun ebenfalls wieder zum Tragen). Nun ist eines der frühen Werke des Komponisten-Duos Lord Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Text) in die Donaustadt zurückgekehrt.

Das Musical behandelt das Leben der argentinischen Präsidentengattin Eva Duarte de Perón, die in den 1930er und 40er Jahren vom armen, unehelichen Dorfkind zum Idol einer ganzen Nation aufsteigt (zum Inhalt).

Auf und hinter der Bühne wurde bei der Besetzung der Positionen nicht gekleckert, sonder wahrlich geklotzt.

DAS KREATIVTEAM

IMG_6131©NB2909-EVITA-Wien-2016-Medienprobe

Vincent Paterson und Intendant Christian Struppeck während der Pressekonferenz

Für die Regie im Ronacher wurde Vincent Paterson gewonnen. Der Amerikaner hat schon mit vielen Superstars des Musiktheaters und der Popwelt gearbeitet. Er inszenierte die Oper Manon mit Rolando Villazon und Anna Netrebko und war der Choreograph von Michael Jackson und Madonna – so verwunderte es nicht, dass er die Choreografien der Evita-Musical-Verfilmung übernahm. Er wusste, wie man Madonna am besten inszeniert. Da er im Ronacher ebenfalls die Choreographie übernommen hat, konnte man erst befürchten, dass diese der im Film sehr ähnlich sein würde, doch dem ist nicht so. Mehr dazu im Verlauf des Berichtes.

Das Bühnenbild kreierte der Wiener Bühnenbildner Stephan Prattes. Hier kommt die Drehbühne des Ronacher zum Einsatz, sowie viele Gerüste und verschiebbare Treppen, die von Mitgliedern des Ensembles über die Bühne bewegt und passend zu den einzelnen Bildern positioniert werden. Mal führen die Treppen zum Appartement von Peron, welches aus dem Bühnenboden in eine schwindelerregende Höhe gefahren wird. An den Seiten, vor allem an den Rängen, sind schwarze Gerüste mit Glühlampen montiert, die wie Ranken in das Publikum greifen. Sie erleuchten jedoch erst am Ende des Stückes. Die Grundfarbe ist generell dunkel gehalten. An den Seiten sind argentinische Flaggen zu sehen, später bei „Wach auf Argentinien“ kommen rote hinzu.

Spendengelder fliessen - in Bon-Bon-Bunt

Spendengelder fliessen – in Bon-Bon-Bunt

So richtig Farbe ins Spiel bringt „Spendengelder fließen“. Hier wird die Bühne so bunt wie bei einem Kindergeburtstag. Ein weiteres Mal wird es bei der „Regenbogen-Tour“ bunt.  Die Umrisse der Landkarten, die die Länder zeigen, die die Peron auf ihrer Europareise besuchte, sind mit Lichterketten bestückt, die in den jeweiligen Landesfarben aufleuchten.

DIE KOSTÜME

IMG_6340©NB2909-EVITA-Wien-2016-MedienprobeDie Kostüme geben den Zeitgeist der 40er Jahre wieder. Die Entwürfe stammen von Robert Schweighofer. Die Descamisados – also die Hemdlosen, das Volk, erscheint im typischen Stil der Arbeiterklasse. Obwohl der Wechsel vom Land in die Stadt schon etwas bunter daherkommt. „Buenos Aires“ erstrahlt in den bunten Farben der Großstadt, die Kleider der Frauen sind hier schon sehr viel bunter als auf dem Land. Selbst die Hemden der Männer sind hier ein großer farblicher Kontrast zu den tristen, grauen Landfarben.

Magaldi trägt Nadelstreifen, in weiß wie in schwarz – passend zum Tangosänger. Peron ist in den Militäruniformen sehr einfach gestrickt, mal weiß, dann wieder schwarz – zur Gala bei der er und Evita sich zum ersten Mal begegnen, trägt er Frack.

Katherine Mehrling im "Wein nicht um mich Argentinien" - Dress zusammen mit Drew Sarich in seinem Grundkostüm bei der Pressekonferenz

Katharine Mehrling im “Wein nicht um mich Argentinien” – Dress zusammen mit Drew Sarich in seinem Grundkostüm bei der Pressekonferenz

Che´s Grundkostüm gestaltet sich im Look der Arbeiterklasse  – darauf, ihn so aussehen zu lassen wie eben halt jenen Che Guevara (der er vermeintlich ist) wurde dieses Mal verzichtet  – dafür gibt es ein Bühnenbild, welches diesen darstellt. In seinen anderen „Rollen“ (er ist wie wir wissen, der begleitende Erzähler) trägt er mal ein Jackett mit lila Futter, mal die typisch rot-weiße Weste mit Kreissäge auf dem Kopf, wie man das so oft bei Jahrmarktstandsbesitzern sieht. Ein anderes Mal kommt ein langer Ledermantel zum Einsatz.

Peróns Geliebte ist gekleidet wie sämtliche andere Mädels der Zeit.

Evita selbst ist natürlich eine Herausforderung, aber erlaubt auch Experimente, denn sie hat fast in jedem Bild ein anderes Kostüm an – vom Dorfmädchen zur Präsidentin ist alles dabei – nur das Ballkleid, welches bisher in vielen Inszenierungen bei der Balkonszene verwandt wurde, kommt nicht zum Einsatz. Hier haben wir eine der Ähnlichkeiten zur Verfilmung. Dort trug Madonna zwar das Kleid, aber nach der Balkonszene – während „Jung, schön und geliebt“ (High Flying Adored). In der Wiener Neuinszenierung sind Evitas Kostüme eher Business-Style und dem der damaligen Filmikone Lauren Bacall angepasst (im englischen Originaltext heißt es an einer Stelle: „Lauren Bacall me“).

ETWAS ALLGEMEIN ÜBER DIE DARSTELLER

Viele Einzelrollen gibt es nicht zu besetzen – EVITA lebt größtenteils vom Ensemble. Es gibt zwar fünf Extra aufgeführte Rollen, jedoch sind nur drei Darsteller durchgehend in ein und derselben Rolle auf der Bühne zu sehen. Katharine Mehrling als Evita, Thomas Borchert als Perón und Drew Sarich als Che – obwohl letzterer, wie schon erwähnt in seiner Funktion als Erzähler, verschiedene Figuren darstellt.

Ganz rechts: Taryn Nelson, die Peróns Geliebte spielt

Ganz rechts: Taryn Nelson, die Peróns Geliebte spielt

Taryn Nelson ist hauptsächlich im Ensemble vertreten, darf jedoch die Geliebte von Perón spielen, deren Platz Eva einnimmt und die sie aus dem Schlafzimmer wirft. Am Anfang klang sie noch etwas sehr hell, aber mittlerweile hat sie sich eingesungen.
Sollte Taryn einmal nicht auf der Bühne stehen können, übernimmt Sina Pirouzi die Rolle der Geliebten. Aber nicht nur das: Sollte Frau Mehrling als Evita einmal verhindert sein, ist Sina in der Lage, diese Rolle ebenfalls zu übernehmen.

Hier versucht Magaldi, Evita von den Versuchungen der Großstadt fernzuhalten - doch sie hat viel vor

Hier versucht Magaldi, Evita von den Versuchungen der Großstadt fernzuhalten – doch sie hat viel vor

Vladmir Korneev als „Magaldi“ singt „Diese Nacht ist so sternenklar“ so wunderbar schräg – es ist die reinste Freude. Er hat später noch drei Auftritte in dieser Rolle. Einmal wird er von Eva aus ihrer Wohnung geworfen und von Che weggefegt. Mit der letzten Zeile seines Tangoliedes tritt er bei der Spendengala von Peron auf und er taucht in Evitas Erinnerung am Ende des Stückes noch einmal auf. Ansonsten wirkt er tatkräftig im Ensemble mit. Als Zweitbesetzung des „Magaldi“ ist Mischa Kiek zu bewundern. Er singt das Lied zwar nicht so schräg wie Vladimir es tut, aber setzt andere Akzente und macht Magaldi ein klein wenig schleimiger. Ebenfalls wunderbar.

Thomas Borchert als Staatschef Perón

Thomas Borchert als Staatschef Perón

Die Rolle des Perón gibt nicht viel her – sie wird eigentlich nur gebraucht, weil Evita ohne diesen Militär wahrscheinlich nicht so hoch auf der Karriereleiter gekommen wäre. Borchert spielt den Staatschef jedoch souverän. Beim „Das Handwerk des Möglichen“ muss er sich, zusammen mit einigen anderen aus dem Ensemble, in einer Schießbude zum Abschuss freigeben. Die Choreographie dazu ist sehr eigenwillig, lässt einen aber doch schmunzelnd zurück.  Bei „Ich wäre wirklich sehr gut für Dich“ trifft er zum ersten Mal persönlich auf Eva. Laut Überlieferung soll es zwischen den Beiden wirklich die große und wahre Liebe gewesen sein. Ihr erstes Aufeinandertreffen erscheint jedoch eher wie ein weiteres Techtelmechtel.
Fernand Delosch ist hier der Zweite, der Perón darstellt.

In diesem Bild träumt Evita davon, nun endlich Vize-Präsidentin zu werden

In diesem Bild träumt Evita davon, nun endlich Vize-Präsidentin zu werden

Katharine Mehrling feiert mit „EVITA“ ihr Debüt in Wien. Es war ein Wunsch von Vincent Paterson, der schon mit ihr in Berlin in Cabaret gearbeitet hatte, dass sie in seiner Inszenierung die Hauptrolle übernimmt. Sie ist eine ungewöhnliche Evita, an ihre Stimme muss man sich erst gewöhnen. Letzten Endes passt diese ungewohnte Stimme zu dem Wahnsinn von Evita, den sie durch ihren Ausdruck in der Rolle zu Tage fördert. Besonders in dem Bild, wenn sie ihrem Mann mitteilt, dass sie Vizepräsidentin werden will. Oder bei „Wein nicht um mich Argentinien“. Ganz so wie es in der biografischen Verfilmung Faye Dunaway in der Hauptrolle gezeigt hat. Dort wurde zudem noch gezeigt wie die Peron die Gesten und die Betonungen ihrer Reden mit einem Schauspiellehrer eingeübt hat – eben halt so wie eine der vielen Rollen, die sie in ihren Filmen gespielt hatte.

Bedenkt man, dass die echte Evita nur die wirklich noch nicht sehr ausgereifte Tontechnik der 40er Jahre zur Verfügung hatte, um gegen das jubelnde Volk anzukommen, passt die Stimme von Frau
Mehrling bestens zur Figur. In manchen Passagen klingt sie doch ziemlich schrill, was mit dem Hintergrund aber wieder passt. Evita ist nicht leicht für eine Sängerin. Man muss erst mal eine finden, die den stimmlichen Umfang erfassen kann, die die Rolle erfordert. Das ist nicht immer einfach. So hieß es jedenfalls bei der letzten EVITA-Inszenierung in Lübeck. Die Rolle ist eine Herausforderung und den Sängerinnen, die sich dieser stellen, sollte man schon Respekt zollen, selbst wenn man persönlich die Stimme nicht mag.

Drew Sarich ist Ché, der Rebell - oder wie er es ausdrückt: "Ich bin der Einzige, der den Tsunami kommen sieht."

Drew Sarich ist Ché, der Rebell – oder wie er es ausdrückt: “Ich bin der Einzige, der den Tsunami kommen sieht.”

Ach ja, da war noch wer. Der Erzähler, der durch die Jahre führt und die Übergänge zwischen den größeren Ereignissen bildet. Im Programm wird er als „Che“ benannt, was eigentlich „He du“ oder auch „Junge“ bedeutet, wird aber im Stück nie so gerufen oder benannt. „Che“ ist omnipräsent, nur in wenigen Bildern nicht auf der Bühne zu sehen. Nun kommt es immer darauf an, was man aus den Rollen macht. In Wien kommt man nicht umhin, zu sagen, dass man ganz und gar vergisst, dass das Stück „EVITA“ heißt. Die Rolle ist hier diejenige, die das Stück dominiert. Egal wie man versucht ihm zu entkommen, es geht nicht. Zumal er dem Publikum sehr nahe kommt. Im wahrsten Sinne des Wortes. In mehreren Bildern bewegt er sich durch die Gänge des Zuschauerraumes und nimmt das Publikum hautnah mit ins Geschehen.

Drew Sarich ist die Erstbesetzung dieser Tage in Wien. Sucht man in dieser darstellerischen und gesanglichen Perfektion Fehler, wird man nur in den seltensten Fällen fündig. „Ich bin der Wissenschaftler, der als einziger den Tsunami kommen sieht!“ – so beschreibt er seine Rolle. Er überzeugt von der ersten bis zur letzten Minute. Ohne Zweifel ist „Che“ in dieser Wiener Inszenierung der Sympathieträger. Wie man es auch dreht und wendet: Beim wiederholten Besuch des Musicals muss man sich wahrlich zwingen, sich nicht von ihm in den Bann ziehen zu lassen. Ich brenne jedoch förmlich darauf, in den Genuss zu kommen, die Zweitbesetzung der Rolle, Fabio Diso, einmal sehen zu dürfen.

IMG_6303©NB2909-EVITA-Wien-2016-MedienprobeVor 1998 durfte ich meine erste EVITA-Inszenierung sehen und dort waren „Che“ und „Evita“ gleichwertig. In der zweiten Inszenierung glänzte nur Evita, in der dritten wiederum keiner der Beiden, es war ein totales Ensemblestück. Selbst in der Inszenierung der Magdeburger Domfestspiele aus dem Jahr 2010, in der Drew Sarich ebenfalls als „Che“ zu sehen war, wirkte diese Figur gänzlich anders. Gänzlich muss ich aber sagen, dass diese Wiener Inszenierung für mich, neben meiner ersten am Theater Lübeck, die Beste ist. Nicht einmal die Tournee-Produktion des Londoner Westends, die vor einigen Jahren durch Deutschland tourte, konnte mich mehr überzeugen.

IMG_6169©NB2909-EVITA-Wien-2016-MedienprobeBesonders in der aktuellen Inszenierung muss man das Ensemble erwähnen. Die Leistung, die von diesem erbracht wird, ist grandios. Sie sind überall zugegen, tanzen was das Zeug hält und begeistern einfach nur unheimlich. Je öfter man das Stück sieht, desto mehr bekommt man mit, wer wie was im Einzelnen macht und man kann einfach nur begeistert sein.
Und natürlich auch vom Orchester, obwohl mich dessen Klang schon mal mehr zum Beben gebracht hat. Bei Evita sitzt halt nicht das 31-köpfige Orchester im Graben, sondern ein um die Hälfte reduziertes, wie man vom Rang aus sehen kann.

Ende Juni geht das Ronacher in die Sommerpause. Am 15. September wird  „Evita“ wieder in den Spielplan aufgenommen. Bisher ist nur bekannt, das Drew Sarich der Rolle des „Che“ treu bleibt. Die neue Dernière ist für den 31.12.16 angesetzt.

von Nathalie Brandt für Bühnenlichter.de

EVITA-Bildergalerie (copyright Nathalie Brandt)
(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Vereinigten Bühnen Wien)