Enrico De Pieri im Gespräch über den “Wahnsinn!” und über das Leben!

(c) Astrid Mohren
(c) Astrid Mohren

Der „Wahnsinn!“ schickt sich an, Köln zu erobern – das Musical mit der Musik von Wolfgang Petry geht vom 25. Dezember 2018 bis zum 26. Mai 2019 nach dem großen Erfolg im Frühjahr noch einmal für fünf Monate auf große Deutschlandtour. Unmittelbar nach Karneval 2019 gastiert es dabei für etwa sechs Wochen in der Domstadt, im Musical Dome direkt am Kölner Hauptbahnhof. Die Besetzung wird – bis auf eine Ausnahme – Markus Dietz ersetzt Detlef Leistenschneider als Karsten – dieselbe sein, wie sie schon zur Welturaufführung im Februar dieses Jahres in Duisburg auf der Bühne stand.

Das Publikum begleitet vier Paare, welche an unterschiedlichen Phasen ihrer Partnerschaften stehen, nicht nur durch Irrungen und Wirrungen aus Alltagstrott, Sehnsucht, Liebe und verpassten Träumen, sondern auch durch die Höhen und Tiefen der jeweiligen Beziehungen. Tobi und Gianna lernen sich gerade kennen und lieben. Karsten und Gabi, Tobis Eltern, stecken in der alltäglichen Mühle fest und versuchen zudem noch die künstlerischen Ambitionen ihres Juniors umzulenken. Dann sind da noch Wolf und Jessica, die sich vor Jahren über den Weg gelaufen sind, aber zu ihrer beider Bedauern durch Missverständnisse nie zu einem Paar wurden und sich auch nie wieder gesehen haben, sowie Peter und Sabine, die gerade vor den Scherben ihrer Ehe stehen.

Enrico De Pieri, geboren im norddeutschen Kiel, verkörpert Peter, den wohlhabenden Inhaber einer Speditionsfirma, der in so manche komische Situation gerät. Bei der Pressekonferenz zur „Wahnsinn!“-Tour in Köln durfte ich mich mit ihm unterhalten und den Künstler ebenso wie den privaten Mann hinter der Bühnenfigur ein wenig näher kennenlernen.

„So ein bisschen von dem, was Peter ausmacht, steckt auch in mir“, erzählt er mir auf die Frage nach Gemeinsamkeiten mit seiner Bühnenfigur frei heraus. „Ich glaube das Impulsive – er redet manchmal einfach los, anstatt zuerst darüber nachzudenken und ist oft ein wenig tölpelhaft – das kann mir auch passieren. Ich bin aber im wahren Leben nicht so aufbrausend und zünde eher keine Dixiklos an“, lacht er fröhlich. „Ich bin generell eher der ruhigere Typ, aber dieses verpeilte kommt mir schon auch recht nahe.“

Erstaunlich ist, dass auch De Pieri sich – wie scheinbar die meisten seiner „wahnsinnigen“ Darstellerkollegen – vorher eigentlich nicht wirklich mit der Musik von Wolfgang Petry beschäftigt hat. „Ich hatte eigentlich überhaupt keine Meinung dazu, Schlager war auch nie so meine Musikrichtung. Erst im Zuge des Stücks habe ich mich damit befasst.“ Erst nachdem er sich die Liveaufnahmen angehört habe, habe er gemerkt, wie schwer das eigentlich zu singen sei. „Das ist schon enorm hoch und man muss sich wirklich wundern, wie locker Petry das runter singt. Ich war echt positiv überrascht von seinen Liedern. Gerade die rockigeren Arrangements sind richtig cool und mittlerweile habe ich auch keine Vorurteile mehr. Die Songs machen Spaß und ich höre sie gern.“

(c) Astrid Mohren
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Mich interessiert, was das Stück für ihn so besonders macht, warum sich seiner Meinung nach unsere Leser unbedingt in diesen „Wahnsinn!“ stürzen sollten. Er schmunzelt, als er kurz überlegt, teilt dann seine Gedanken aber zügig mit mir. „Die Leute werden in ihrem wahren Leben abgeholt und auf eine Gute-Laune-Reise mitgenommen. ,Gute-Laune-Musical‘ – unser Untertitel – trifft den Nagel ziemlich genau auf den Kopf. Ich bin ja eigentlich kein Fan von diesen Marketingsätzen, aber man geht sowohl als Darsteller, wie auch als Zuschauer tatsächlich mit richtig guter Laune aus dem Abend raus – und das geht nicht nur den eingefleischten Fans so, sondern gilt vor allem auch für die Menschen, die vorher nichts mit Wolfgang Petry anfangen konnten. Die Geschichte ist für sich selbst gültig und die Musik innerhalb dieser Geschichte selbsterklärend – jeder kann sich mit mindestens einer der Figuren identifizieren und auch uns macht das Stück einfach nur Spaß und Freunde.“

Das er nicht direkt von Beginn seiner Ausbildung an auf Musical festgelegt war, hat mir die Recherche im Vorfeld gezeigt. Enrico De Pieri studierte von 1997 bis 2005 Lied und Oratorium – einen klassisch-kirchlichen Zweig – an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. „Ja…“, erklärt er mir, „…ich habe Oper studiert und diesen Zweig kann man an der Hochschule in Hamburg nicht gleich von Anfang an belegen. Zuerst macht man im Grundstudium Lied und Oratorium und dann kommt man anschließend in die Opernklasse. Lied und Oratorium heißt das eigentlich nur, weil man da noch keinen szenischen Unterricht hat.“ Er sei zwar studierter Opern-, Kirchen- und Konzertsänger, aber schon unmittelbar nach dem Studium habe ihn sein Weg ans Musicaltheater geführt. „Ich mache halt gerne Spaß und habe gleich gewusst, dass meine Zukunft nicht vor einem Altar, sondern eher auf der Unterhaltungsbühne liegt.“

Genau wie jeder andere, muss auch De Pieri mit seinem Beruf seine Brötchen verdienen, aber das sei nicht unbedingt das ausschlaggebende Kriterium, um seine Rollen auszusuchen. „Klar muss ich mit meinem Job zumindest meine Miete und meinen Lebensunterhalt verdienen und alles was darüber hinaus geht ist natürlich noch besser, aber ich entscheide mich nie des Geldes wegen für den einen oder den anderen Job.“ Wichtig seien ihm eher die netten Kollegen, mit denen er gegebenenfalls die Tage verbrächte, vielleicht ein für ihn neuer Komponist oder Regisseur, oder aber auch eine neue Form von Rolle, die es zu spielen gelte. Bei den „Drei Musketieren“ habe er einen rumpeligen Typen gegeben, bei „Sekretärinnen“ den unsicheren Büroboten, dann habe er noch im Hape Kerkeling Musical „Kein Pardon“ gespielt, was auch wieder eine komplett neue Erfahrung gewesen sei. Hinzu kämen noch Onkel Fester, der schräge, dunkle Typ aus der „Addams Family“, die Transe in „Bussi – das Musical“, der Dschinni in Disneys Aladdin oder eben jetzt ein leicht verpeilter Brummifahrer. „Ich glaube, das ist genau das, was mich an unserem Beruf so reizt. Man hat diese unglaubliche Bandbreite, auch von der Musikrichtung her – einmal machst du Pop, dann Schlager und dann wieder etwas klassisch Angehauchtes. Das finde ich interessant und danach suche ich meine Rollen eigentlich auch aus – ich brauche einfach ein gutes Gefühl dabei.“ Eigentlich würde er immer für die lustigen Rollen gecastet, erläutert er weiter. „Die letzten fünf Jahre“ sei einmal ein nicht so lustiges Stück gewesen. „Damals habe ich gemerkt, dass die klassische Liebesgeschichte nicht so wirklich mein Ding ist. Ich mag schon, wenn etwas einen Witz und guten Humor hat.“

(c) Astrid Mohren
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De Pieri ist aber nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne anzutreffen – seit einigen Jahren liegt einer seiner Schwerpunkte auf der Lehrtätigkeit. Er unterrichtet an der Joop van den Ende Academy oder ist als Gesangscoach auch bei großen Musicalproduktionen – beispielsweise bei „Tanz der Vampire“, „Elisabeth“ oder „Wicked“ – zu finden. Als Coach der RTL-Show „Die singende Firma“ flimmerte er sogar über die Bildschirme in die Wohnzimmer. „Das Unterrichten ist für mich ein super Ausgleich zum Singen. Im Spielbetrieb steht man morgens auf, guckt wie es einem geht, was die Stimme macht. Man fragt sich schon zu diesem Zeitpunkt, ob man abends die Show spielen kann und ist sehr auf sich fokussiert. Das Unterrichten gibt mir die Möglichkeit mal auf andere zu achten, für andere da zu sein, den Fokus auf etwas anderes richten zu können. Ich finde, wenn man sich nicht immer nur um sich selbst kümmert, ist das auch für Herz und Kopf sehr gesundheitsfördernd – diese Kombi aus Beidem finde ich absolut perfekt.“ Nur zu unterrichten sei für ihn auch denkbar, aber ihm würde dann die Bühne sehr fehlen. „Im Moment kann ich mir noch nicht vorstellen die Bühne ganz zu verlassen. Wie das vielleicht in zehn Jahren aussieht, weiß ich nicht, aber im Moment ist das noch keine Option.“

Gerne spanne ich in meinen Interviews einen Bogen und spüre ein wenig dem realen Menschen hinter der Maske nach. „Was ich für ein Mensch bin – was mir im Leben wichtig ist?“ Er überlegt kurz und antwortet dann frei und offen: „Familie und Freunde, Liebe und Geborgenheit sind mir sehr wichtig – genau das, was vermutlich für viele andere auch an erster Stelle steht.“

Spontan wäre er schon, bemerkt er grinsend auf meine Frage und harrt gespannt der Dinge die ich nun für ihn vorgesehen habe. Als ich ihn bitte, die einzelnen Buchstaben seines Vornamens zu nehmen und zu jedem eine ihn beschreibende Charaktereigenschaft zu finden, überlegt er trotzdem zu einigen eine kleine Weile, stellt sich der Herausforderung dann aber zügig. „E wie empathisch, N wie neurotisch…“ bringt er lachend hervor und man merkt ihm den Spaß an dieser Frage deutlich an. „…R wie richtig bekloppt, I wie ideenvoll, C wie charmant und O wie ohne Plan“, kommen ihm in den Sinn.

(c) Astrid Mohren
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Ohne langes Überlegen, wirklich spontan und schmunzelnd schießt er mir allerdings seine Antwort entgegen, welche seiner bisherigen Rollen er für ein paar Tage mit nach Hause wählen würde, sollte ihn eine Fee verzaubern. „Das ist leicht…“, strahlt er „…Dschinni! Wer würde denn nicht einmal ein paar Tage mit oder als Dschinni verbringen wollen?“

Sein Wissen und seine Erfahrung von heute hätten nichts an seinem bisherigen Weg geändert, gibt er mir zu bedenken. Er würde alle Kreuzungen genauso gehen wie zuvor, aber etwas Bedeutendes, um das seine Gedanken drehen, gesteht er mir trotzdem. „Ich hätte mir gerne weniger Sorgen und Gedanken gemacht und mir weniger den Kopf zerbrochen. Ich hätte gerne nicht ständig so hohe Erwartungen an mich selbst und an mein Leben gehabt, hätte alles mehr auf mich zukommen und geschehen lassen und mit dem Ergebnis dann einfach zufrieden sein sollen. Gerne hätte ich früher gemerkt, dass es nichts bringt, sich selbst unter Druck zu setzen, hätte gerne ein bisschen sorgloser gelebt, ohne alles immer perfekt machen zu wollen. Ich denke heute, dass Kreativität und Erfolg aus einer Lockerheit und Entspanntheit heraus einfach passieren und Perfektionismus eher destruktiv als konstruktiv ist.“

Eine nette Unterhaltung mit einem sehr bodenständigen und scheinbar wenig komplizierten Menschen neigt sich viel zu schnell dem Ende entgegen. Vielen Dank, Enrico, für deine geschenkte Zeit und Offenheit. Wer Enrico De Pieri in seiner Rolle als Peter auf einer der Tour-Bühnen besuchen möchte, kann Tickets bereits bei allen bekannten Vorverkaufsstellen erwerben. Lassen Sie sich in den „Wahnsinn!“ Leben entführen und vergessen Sie wenigstens für ein paar Stunden die Alltagslasten.


Text und Fotos: Astrid