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Die Päpstin 2018 – Hinter hohen Klostermauern…
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© Spotlight Musicals

…spielt sich einiges ab – zumindest im Fuldaer Schlosstheater. Mit der Inszenierung von „Die Päpstin“ eröffnete das Theater seinen diesjährigen Musicalsommer, gefolgt von „Der Medicus“ und „Die Schatzinsel“.

Seit 2011 feiert Fulda mit offensichtlich immer größer werdendem Erfolg „ihre“ Päpstin. In diesem Jahr kann die Spotlight Musicals GmbH einmal mehr stolz auf sich sein, darf sie doch auf ein, für diese Produktion, restlos ausverkauftes Haus zurückblicken. Dabei fragt man sich, worin das Geheimnis des Erfolges liegt.

Die Bandbreite der Stoffe aus denen Musicals entstehen können ist groß und vielfältig. Viele haben Literatur als Grundlage, einige entstammen Filmvorlagen und wiederum andere sind einem bestimmten Sänger oder einer Gruppe gewidmet.

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Musicals, die kirchlichen Hintergrund besitzen sind – könnte man annehmen – weniger interessant für den Zuschauer. Der Glaube, der dort meist im Vordergrund steht, ist eben etwas Persönliches und wird von jedem individuell gesehen. Also nichts was die große Masse anzieht – diese Annahme ist nicht so ganz richtig, wie die die Besucherzahlen zeigen. Auch ist das Thema durchaus kein Exot in der Musicallandschaft. Inszenierungen wie „Moses“, die das Theater St. Gallen vor einigen Jahren zeigte, „Jesus Christ Superstar“, die immer wieder erfolgreich auf verschiedenen Bühnen zu sehen ist oder eben auch „Die Päpstin“ mit der das Fuldaer Schlosstheater in diesem Jahr in die Spielzeit startete, erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Ob es nun an der Komplexität des Gesamtthemas liegt, welches verknüpft mit dem geschichtlichen Hintergrund, durchaus spannende Geschichten zu bieten hat oder die Tatsache, dass der Einfluss des Klerus sich durch sämtliche Jahrhunderte zieht und somit gar nicht umgangen werden kann, wenn man in die Historie eintauchen möchte, bleibt ein Rätsel.

Vielleicht kann man hinter das Geheimnis des Erfolges kommen, wenn man die einzelnen Personen des Stückes einmal etwas näher beleuchtet.

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Johanna als Kind, © Spotlight Musicals

Da ist zum Ersten Johanna (Sabrina Weckerlin), um die es in der Hauptsache im Stück geht. Die Rolle beschreibt ihre Lebensgeschichte von Kindesbeinen an bis hin zu ihrem Tod. Sie wächst unter schwierigen Umständen auf, und muss schon früh lernen, dass in der damaligen Zeit eine Frau rein gar nichts wert ist. Vom Vater (Sebastian Lohse) nicht gewollt, weil sie ein Mädchen ist und zudem auch noch intelligent und ehrgeizig, wird sie von ihm als „Wechselbalg“ beschimpft. Ihre Mutter (Anke Fiedler), eine Heidin, kann sie auch nur bedingt vor ihm, dem Dorfpriester beschützen. Die Eskalation des Ganzen beginnt, als Aeskulapius (Reinhard Brussmann) ihren Bruder Johannes an die Domschule nach Dorstadt holen will und sie ihn mit ihrem Wissen so beeindruckt, dass er den Vater vor die Wahl stellt: entweder beide Kinder oder keines. Aber auch in der Schule bleibt sie eine Außenseiterin. Inzwischen herangewachsenen fühlt sie sich immer mehr zu ihrem Ziehvater Markgraf Gerold (Mark Seibert) hingezogen. Beide wissen, dass ihre Liebe keine Chance hat, zumal Gerold bereits verheiratet ist. Seine Frau Richild (Larissa Windegger) versucht die Rivalin auf geschickte Art und Weise loszuwerden. Als bei einem Normannenangriff auch noch ihr Bruder stirbt, entschließt sie sich fortan als Mann zu leben und ins Kloster Fulda zu gehen. Dort kann sie zwar ihren unbändigen Wissensdurst stillen, lebt aber ständig in Angst als Frau entlarvt zu werden. Als es beinahe tatsächlich dazu kommt, wird sie von Mit-Bruder Rabanus (Lutz Standop), der ihr Geheimnis lüftet, gerettet, flieht aber vorsichtshalber auf dessen Rat hin, dennoch von diesem Ort. Sie geht nach Rom und erlangt als Arzt des Papstes große Anerkennung. Damit macht sie sich allerdings nicht überall Freunde. Die Situation spitzt sich weiter zu, als sie nach vielen Jahren Gerold wiedersieht, der inzwischen zum Heerführer des Kaisers aufgestiegen ist. Auch Aeskulapius, der als Haushofmeister im Lateran tätig ist und Anastasius (Christian Schöne), den sie als Kind bei der Aufnahme in die Klosterschule zuletzt sah und der sich an sie zu erinnern glaubt, trifft sie wieder. Der Höhepunkt wird erreicht als sie vom Volk zum Papst ernannt wird. Sie nimmt es zunächst als Chance ihre Ziele durchzusetzen wird aber jäh ausgebremst als sie von Gerold, mit dem sie seit dem Wiedersehen mehr als nur befreundet ist, schwanger wird. Als dieser letztendlich von Gegnern ermordet wird, verliert sie vor den Augen des Volkes ihr Kind und muss sich als Frau zu erkennen geben. Dies ist der einzige, kurze Moment in ihrem ganzen Leben, wo sie sein darf was sie wirklich ist: eine Frau!

Trotz all den Widrigkeiten des Lebens der damaligen Zeit geht sie ihren Weg in der Geschichte und hat neben vielen Feinden auch einige gute Freunde, die ihr uneigennützig zur Seite stehen.

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Sabrina Weckerlin hat nun schon zum wiederholten Male die Titelrolle in Fulda inne. Sie ist gewachsen mit der Rolle, aber auch die Rolle mit ihr. „Die Päpstin“ wurde und wird inzwischen auch auf anderen Bühnen gespielt. Jedoch tritt jede Darstellerin, welche diesen Part übernimmt, in mehr als große Fußstapfen. Die Leidenschaft mit der Sabrina die Johanna darstellt ist schwer zu überbieten. Ganz stark auch ihre Interpretationen der Soli bei denen sie sich von Mal zu Mal im Fortlauf des Stückes noch zu steigern vermag und die mit „Das bin ich“ den Höhepunkt erreichen.

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Markgraf Gerold (Mark Seibert) ist ebenfalls eine wichtige Figur im Stück. Er folgt nicht der allgemeinen Meinung, dass Frauen weniger wert sind als Männer und ist immer da, wenn Johanna Hilfe braucht. Seine Gefühle für sie kann er allerdings auch nur schwer unterdrücken. Er weiß, dass es falsch und für Johanna gefährlich ist, wenn er sich mit ihr einlässt, jedoch kann er nicht aus seiner Haut. Letztendlich bezahlt er diese Liebe genauso mit seinem Leben wie Johanna. Mark Seibert, der diese Rolle erstmalig übernommen hat, ist ein grandioser Gerold. Einfühlsam, als Ziehvater von Johanna; verletzlich und verzweifelt als es um die unerfüllte Liebe zu ihr geht, loyal seinem Kaiser gegenüber und ihr, Johanna, treu bis in den Tod. Seibert nutzt die ihm gegebenen Möglichkeiten der Rolle bis ins kleinste Detail aus und zeigt allein dabei soviel vom Facettenreichtum seines Könnens, dass man ihm stundenlang zuhören und -schauen möchte. Sein Duett mit Sabrina Weckerlin bei „Wehrlos“ erzeugt eine nicht enden wollende Gänsehaut, so gut harmonieren die beiden Stimmen. Aber auch sein Solo als ihm auf dem Schlachtfeld bewusst wird wie sehr ihm Johanna fehlt, ist für die Anwesenden „Ein Traum ohne Anfang und Ende“.

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Aeskulapius (Reinhard Brussmann) ist der ruhende Pol des ganzen Stückes. Er lässt sich durch keine Intrigen oder Aufstände dazu verleiten von seinem Weg abzuweichen. Nicht nur das Aussehen verleiht ihm eine gewisse Weisheit, sondern auch seine unglaublich angenehme, tiefe Stimme. Dabei hört man ihm einfach gerne zu, gleich ob er „Habemus Papam – wir haben einen Papst“ in den Saal ruft oder sie bei „Papsthymnus“ erklingen lässt. Das Gesangsduell bei der Reprise „Parasit der Macht“ zwischen Gerold, Johanna und ihm auf der einen Seite und Anastasius (Christian Schöne) und Arsenius (Daniele Nonnis) auf der anderen Seite ist an Dynamik kaum zu überbieten.

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Es ist gleichfalls wunderbar den Wandel von Anastasius und seinem Vater Arsenius im Laufe des Stückes mitzuerleben. Zuerst der ehrgeizige Vater, der nichts unversucht lässt seinen Sohn zum Papst ernennen zu lassen, währenddessen selbiger eher ängstlich daherkommt und mit Schrecken ansieht, zu welchen Schritten der Vater fähig ist um sein Ziel zu verfolgen. Denn auch vor Mord macht dieser nicht Halt – dies natürlich alles zum „Ruhme der Familie“.

Dann später: Arsenius ist es trotz aller gezogenen Fäden nicht gelungen, seinen Sproß auf den Papstthron zu setzen, wandelt sich langsam der Sohn Anastasius und gleicht sich dem Verhalten des Vaters an. Nun ist es plötzlich er, der über Leichen geht und letztendlich sogar seinen eigenen Vater aus dem Weg räumt. Hat man anfänglich vielleicht noch Mitleid mit dem verschreckten Sohn, und verteufelt den Vater für seine Taten, ist es gen Ende eher der Sohn, den man zum Teufel wünscht. Eine glänzende Leistung beider Darsteller, sowohl gesanglich als auch schauspielerisch.

© Spotlight Musicals

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Rabanus (Lutz Standop) kann man einfach als Sympathieträger bezeichnen. Ob er sich an Stelle von Johanna von Abt Ratgar züchtigen lässt, sie bei ihren Studien unterstützt oder ihr Geheimnis bewahrt, wo es ihm möglich ist, steht er ihr zu Seite. Gleichwohl noch im Glauben, einen Priester vor sich zu haben, als auch später wissend, dass Johannes eigentlich Johanna ist. „Hinter hohen Klostermauern“ drückt genau das aus. Trotzdem, dass er Priester aus Überzeugung ist, kann und möchte das Verhalten seiner Mit-Brüder nicht immer verstehen.

Weniger sensibel ist Fulgensius, der ebenfalls von Lutz Standop dargestellt wird. Er nutzt den Schutz der Kirche eher um sein Liebesleben und seine Partylust zu befriedigen. Entscheidungen jeglicher Art sind ihm daher lästig, was ihn jedoch nicht davon abhält diese dann eben intuitiv zu fällen.Trotzdem hat er das Herz am rechten Fleck.

Die Tatsache, dass der Vater von Johanna und der Papst beide von Sebastian Lohse dargestellt werden, bemerkt man beinahe erst nach dem zweiten Hinsehen. Unterschiedlicher können Rollen kaum sein. Während der Vater unzufrieden, zornig und schon fast böse ist, weil er glaubt nur ein „Wechselbalg“ untergeschoben bekommen zu haben, bringt der Papst durch viele kleine Gesten und ausdrucksvoller Mimik das Publikum eher zum Schmunzeln. Manchmal hart an der Grenze zum lächerlichen, lockert die Figur des Papstes das stellenweise etwas düstere Stück auf.

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Gleichfalls wie Sebastian Lohse ist Anke Fiedler ein einer Doppelrolle zu sehen. Sie ist sowohl die Mutter von Johanna als auch Marioza, die das Etablissement für leichte Damen in Rom unterhält.

Fiedler darf ebenfalls ihre Vielfältigkeit in den Rollen ausleben in denen sie zu sehen ist, was ihr ohne Zweifel bravurös gelingt.

Als heidnische Mutter von Johannes und Johanna, die selbst unter den cholerischen Ausbrüchen ihres Mannes zu leiden hat, kann sie ihre Kinder nur bedingt vor ihm beschützen. Während Johannes, seinem Vater bereits versucht gedanklich nachzueifern, nimmt Johanna mit ihrem Wissensdurst eigentlich die ihm vorgegebene Rolle im Leben ein. Anke Fiedler und ihre Bühnentochter sind eine kleine verschworene Gemeinschaft. Johanna hat sich in ihrem Glauben noch nicht festgelegt und hofft unbedarft auf den Schutz der von Wotan gesandten „Boten der Nacht“ in Form der beiden Raben Munin und Hugin.

Diese beiden haben weder Sprech- noch Gesangsrollen, dominieren aber mit jedem ihrer Auftritte das Bühnengeschehen. Ihre fantastischen Kostüme sind einfach nicht zu übersehen. Aber das möchte man auch gar nicht. Sie sind ein Augenschmaus in jeder Szene in der sie sich zeigen.

Marioza ist das heimliche Zünglein an der Waage der Entscheidungen. Für den entsprechenden Obolus verstehen sie und ihre Mädchen es, die Herren, die ihr Etablissement aufsuchen, von der Meinung derer zu „überzeugen“ die ihr den Lebensunterhalt ermöglichen. An Selbstbewusstsein fehlt es ihr dabei nicht. Bei „Die Cäsarin von Rom“ macht sie dies auch jedem unmissverständlich klar.

Es scheint schon fast System zu sein, dass Doppelrollen schauspielerisch so konträr besetzt werden, was dem Stück noch zusätzliche Würze verleiht.

© Spotlight Musicals

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Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass der Spotlight Musicals GmbH ein sehr guter Wurf damit gelungen ist, „Die Päpstin“ in diesem Jahr genau so zu besetzen wie sie es getan haben.

Hier und da gäbe es sicher an der Gesamtinszenierung noch Potential kleine Änderungen vorzunehmen, endet der 1. Akt doch ziemlich abrupt. Auch wenn der Break inhaltlich durchaus stimmig ist, könnte man eventuell darüber nachdenken den Übergang in die Pause etwas sanfter zu gestalten. Insgesamt ist dies allerdings auch „Jammern auf hohem Niveau“.

Für die nächste Spielzeit, für die es bereits Karten im Vorverkauf gibt, wäre es wünschenswert, genau dieses Niveau mit dieser Besetzung im Fuldaer Schlosstheater wiederzusehen.


Gastbeitrag von Iris H. für Bühnenlichter.de! Vielen Dank!

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