Die Königs vom Kiez

Besuchte Vorstellung: 23.11.2017

Regie: Corny Littmann
Buch: Martin Lingnau, Heiko Wohlgemuth, Mirko Bott
Komposition & Musikalische Gesamtleitung: Martin Lingnau
Songtexte: Heiko Wohlgemuth

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Beworben wird „Die Königs vom Kiez“, als Musical mit Herz und Promille. Das Stück, welches im Schmidt Theater am Hamburger Spielbudenplatz, dem direkten Vergnügungsviertel läuft, könnte dort kaum besser platziert sein. Das Theater ist mit seinen 432 Plätzen eher klein, aber allabendlich gut besucht und urgemütlich. Die Atmosphäre in dem kleinen Verzehrtheater ist herzlich und warm. Die dominierende Farbe ist ein warmes Dunkelrot, welches sich neben den Sesseln und Böden auch im schweren Samtvorhang wiederfindet.

Mit einer angekündigten, und wohl für das Theater üblichen Verspätung von etwa zwanzig Minuten, startet das Stück unter lautem Jubel des Publikums.

Martin Lingnau, Heiko Wohlgemuth und Mirko Bott haben mit ihrem Buch hier ganze Arbeit geleistet und beinahe jedes Kiez-Klischee bedient, welches einem nur einfallen kann. Die Königs, eine siebenköpfige Familie, die am Existenzminimum lebt, halten zusammen wie Pech und Schwefel. Sie umfassen im Einzelnen die Zwillinge Benny und Björn, von denen einer schwul ist, der andere Gras anbaut, die jüngste Tochter Pamela, welche selbst bereits einen Säugling in den Armen hält, eine bettlägerige Oma sowie die älteste Tochter Marie, die erstaunlich geradlinig ihren Weg geht und versucht das Chaos zu zähmen. Familienoberhaupt ist Vater König, von allen nur Käptn genannt. Letzterer ist zu nichts zu gebrauchen, ständig volltrunken findet er stets Wege, das Familieneinkommen noch weiter zu dezimieren und in Bier umzusetzen. Ferner begleiten die Familie in ihrem Tagesablauf Tochter Maries Freund, Alex, der wohlweißlich seinen Beruf versteckt, ist er doch Polizist, ein Drogendealer und Abnehmer der vom Sohn gezüchteten Pflanzen sowie des Vaters bester Freund, der Wirt seiner Lieblingskneipe.

Mit einigen Irrungen und Wirrungen beginnend erfährt das Publikum von den finanziellen Schwierigkeiten der Familie, der zunächst der Strom abgedreht wird. Erfindungsreich zapfen sie das Treppenlicht an, nicht ganz legal, aber die Pflanzen brauchen Licht, wie auch das Baby warme Milch. Der Zweck heiligt die Mittel. Man redet sich schön, was nicht legal ist, und das ist vieles, was die Familie so tagsüber treibt. Als dann auch noch ein Schreiben die Zwangsräumung in wenigen Tagen androht, steht fest, dass unter allen Umständen Geld her muss. Die Wege sind hier fast egal. Jeder versucht es auf seine Weise und so treten der Dealer, einige mögliche Väter von Baby Brutus, die nun Alimente zahlen sollen und ein Priester mit Gewissensschuld auf den Plan. Nachbarin Berta verfolgt ganz eigene Ziele, ihre Lust gilt eher dem Käptn und der Überlegung, wie sie ihn am besten verführen kann.

Jeder hat sein Päckchen zu tragen und die Last auf den Schultern der Familie wird immer größer. Schließlich kommt ihnen nicht nur der Zufall in Form einer Lottofee zur Hilfe, wobei es auch hier gilt einige im Wege stehende Schwierigkeiten galant zu umschiffen, sondern auch die Menschlichkeit auf dem Kiez, wo letzten Endes ja doch irgendwie alle eine große Familie sind und zusammenhalten.

 „Die Königs vom Kiez“ ist an Wortwitz und Situationskomik kaum zu übertreffen. Man merkt den nur sieben Darstellern in fast doppelt so vielen Rollen an, dass sie selbst jede Menge Spaß miteinander und am Spiel haben. Die Stimmung im Publikum heizt jene auf der Bühne an und umgekehrt. Das Stück geht sprachlich wie inhaltlich teilweise weit unter die Gürtellinie, eben weil es sich großzügig an allen erdenklichen Klischees bedient und gesellschaftliche Tabuthemen tangiert. Es jedoch auf diese Weise umzusetzen und immer wieder die Kurve zu bekommen, es nicht abrutschen zu lassen, beherrscht Corny Littmann meisterlich. Man ist eben auf dem Kiez und genau dort funktioniert die Geschichte auch. Klare Empfehlung für all diejenigen, die einfach einen Abend Spaß haben möchten, kurzweilige Unterhaltung und denen es egal ist, wenn Lachtränen aufgrund derber Späße laufen.

Sehr familiär ist auch die Verabschiedung am Schluss, im Foyer gibt es Livemusik und das Publikum wird zum Bleiben eingeladen. An der dortigen Bar erscheinen die Darsteller schließlich noch, um gemeinsam mit ihren Gästen den Abend ausklingen zu lassen.

Wem das noch nicht genug war, der kann sich ein wenig von dem Gefühl noch mit nach Hause nehmen, und dabei ganz nebenbei sogar noch etwas Gutes tun. Die CD „Die Königs vom Kiez“, kann für 12 Euro im Theater erworben werden. Da der Zusammenhalt und auch der Charity-Gedanke gerade in Hamburg besonders groß geschrieben werden, haben die Künstler auf ihre Gagen für die Aufnahme verzichtet, und die Erlöse hierfür gehen an das Hamburger Hospiz Leuchtfeuer.

Käptn: Götz Fuhrmann
Pamela König: Johanna Haas
Marie König: Franziska Lessing
Alex/Wirt: Jörn Linnenbröker
Benny und Björn König: Christian Petru
Berta Possehl/Frau Dr. Winkelmüller: Maraile Woehe
Ranjid/Dealer/Priester/Bofrostmann: Heiko Wohlgemuth


Artikel von Astrid und Andrea