Der Vetter aus Dingsda

Im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen

Premiere & rezensierte Vorstellung: 09.Februar 2018

MiR_Der Vetter aus Dingsda_Gudrun Schade, Cornel Frey, Anke Sieloff_©Pedro Malinowski

Das Musiktheater im Revier (MiR) lud am 9. Februar 2018 zur Premiere von “Der Vetter aus Dingsda”, einer Operette von Eduard Könneke. Die Produktion wird im “kleinen Haus” des großen, sich im Herzen von Gelsenkirchen befindlichen Theaters, auf die Bühne gestellt. Dieser kleinere Saal fasst – im Gegensatz zum großen Bruder – lediglich etwa 300 Besucher, welche in Parkett und Rang, mit bester Sicht von allen Sitzplätzen, untergebracht sind. Die Bühne besteht aus einer, in Richtung des Publikums leicht geneigten, kreisrunden Spielfläche, welche für diese Produktion mit einem modernen Bodenmuster belegt ist.

Beim Betreten des Zuschauerraumes fallen sofort die links neben der Bühne platzierten Musiker ins Auge. Unter der Leitung von Thomas Rimes am Flügel, werden die Gäste von der sechsköpfigen Live-Band mit Cello, Kontrabass, Violine, Klarinette und Percussions, durch den Abend begleitet. Bei der Musik handelt es sich um teils eingängige, recht bekannte Stücke wie beispielsweise “Onkel und Tante, das sind Verwandte”, wo jedem sofort der weitere Liedtext “…die man am liebsten nur von hinten sieht…” in den Kopf schießt, oder aber auch “Ich bin nur ein armer Wandergesell”, welche von der Band herausragend in Szene gesetzt werden und mit denen deren Können noch lange nachhaltig in Erinnerung bleibt. Auch die Bühnenaktiven bleiben allesamt mit großen Stimmen und tollen darstellerischen Qualitäten in den Köpfen des Publikums verankert.

MiR_Der Vetter aus Dingsda_Anke Sieloff, Christa Platzer_©Pedro Malinowski

Die Musik ist aber auch das Einzige, was den Besucher, der bis auf den letzten Platz besetzten Premierenvorstellung, an die Operette oder gar das dieser zugrunde liegende Lustspiel von Max Kempner-Hochstädt aus 1921 erinnert.

Julia wartet bereits eine lange Zeit auf ihren Vetter Roderich, der einst nach Dingsda auswanderte und mit dem sie sich die ewige Liebe geschworen hatte. Die Jahre sind vergangen, aus den damals noch jungen Leuten sind heute Alte oder Erwachsene mit teils deutlichen Gebrechen geworden. Als plötzlich ein Fremder vor der Tür steht, bietet Julia ihm Asyl und erzählt ihm von ihrer großen Liebe. Der Fremde verliebt sich in sie und nutzt am nächsten Tag die Chance sich ihr und deren Verwandten als deren Neffe bzw. Vetter vorzustellen ohne jedoch seinen Namen zu nennen. Julia zweifelt zwischendurch immer mal wieder an seiner Identität, bleibt aber weiterhin in den vermeintlichen Roderich verliebt. Egon – hier als erblindet dargestellt –, der schon lange in Julia verliebt ist, versucht trotzdem weiterhin sein Glück bei ihr. Ein weiterer Fremder taucht auf, der schillernder und lustiger nicht sein könnte und Hannchen, Julias Freundin, fühlt sich auf den ersten Blick zu ihm hingezogen. Als sich später herausstellt, dass es sich bei diesem weiteren Fremden wirklich um Vetter Roderich handelt, der Julia allerdings längst vergessen hat und sich jetzt lieber Hannchen zuwendet, muss abschließend die Frage geklärt werden, ob Julia nun tatsächlich noch Roderich oder nicht längst ihre neue Romanze, den ersten Fremden, wirklich liebt.

MiR_Der Vetter aus Dingsda_Gudrun Schade, Cornely Frey, Joachim G. Maaß, Sebastian Schiller, Ingo Schil

Die im MiR zur Aufführung kommende neue, moderne Inszenierung, für die sich Rahel Thiel verantwortlich zeichnet, stellt für die Besucher eine Herausforderung dar. Thiel malt, durch fehlende leuchtende Farben in Kostümen und Inventar, das Bild eines trostlosen “Einheitsgraus” auf die Bühne, welches nahezu die gesamte Vorstellung dominiert. Des Weiteren verändert Thiel die Zeit des auf den Liebsten warten von im Original sieben auf siebzig Jahre und lässt das Stück nahezu ohne die gesprochenen Texte auskommen, was es dem nicht kundigen Zuschauer unmöglich macht, das Geschehen nachzuvollziehen.

MiR_Der Vetter aus Dingsda_Sebastian Schiller, Christa Platzer, Ingo Schiller, Anke Sieloff, Cornel Fre

Auf der rechten Seite, neben der Spielfläche, stehen in unerreichbarem Abstand die Schuhe der Aktiven. Die Protagonisten befinden sich zu Beginn schon komplett auf der Bühne, auf der sie auch während der gesamten Vorstellung verharren, und scheinen in einer “anderen Welt” gefangen. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass sie den Rand der leicht erhobenen Bühne als “unüberwindbaren Abgrund” bespielen. Ihre über die gesamte Zeit zögerlich ausgeführten Bewegungen, das sonore, eintönige Sprechen, das in Starre – auch mal liegend auf einem umgekippten Sofa – Verharren, während andere “spielen”, und nicht zuletzt die beiden als “Ärzte” anmutenden “Zwillings”-Darsteller, die sich den gesamten Abend quasi vollkommen gleich, ebenfalls zögerlich bewegen, vollkommen gleich aussehen und auch mal zusammen in einem Kittel stecken, der an eine Zwangsjacke erinnert, verstärken den Eindruck in einer sehr merkwürdigen Szenerie gelandet zu sein.

Einzig das Erscheinen des echten Roderich im zweiten Akt wird bunt, schillernd und annähernd normal dargestellt. Seine, im Gegensatz zu den anderen Protagonisten vorhandenen Schuhe, finden bei den auf der Spielfläche “Gefangenen” besondere Beachtung und unterstreichen auch hier, im Spiel um ihre eigenen außerhalb stehenden, den Eindruck, dass die Personen gerne aus dieser gezeichneten „anderen Welt“ entfliehen würden.

Die Zuschauer verlassen zu Beginn der Pause teils verwirrt den Theatersaal und die Fragezeichen im Kopf sind ihnen nicht nur anzusehen, sondern werden auch zahlreich diskutiert. Nach der Unterbrechung füllt sich der Saal dann leider nicht wieder vollständig, was die Ferngebliebenen um das fulminante Erscheinen des echten Roderichs und damit das buntere, große Ende des Stückes bringt. Am Ende des durchaus interessanten Abends bleibt jedoch eine Frage unabdingbar offen, nämlich, ob diese moderne und mutige Inszenierung tatsächlich den Nerv des Publikums zu treffen vermag.

Das MiR zeigt „Vetter aus Dingsda“ an noch weiteren acht Terminen bis zum 25. März 2018. Weitere Informationen unter www.musiktheater-im-revier.de.


Artikel: Astrid