Opulent und mitreißend

Die Geschichte um die mysteriösen und skurrilen Vorgänge rund um eine fleischfressende Pflanze haben inzwischen schon einige Jahre auf dem Buckel. Sie reicht zurück bis in das Jahr 1959 und begann als Billigfilmproduktion im Horror-Genre. 1982 wurde aus dem Film ein Musical und seitdem gehört „Der kleine Horrorladen“ weltweit zu den viel gespielten Musicals, wegen seiner kleinen Besetzung gerade auch in kleineren und Tourneetheatern.

© www.AndreasLander.de

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Seit dem 11.11.2017 hat auch das Theater Magdeburg wieder seinen kleinen Horrorladen. Dabei ist die Inszenierung in der Regie von Ulrich Wiggers alles andere als klein. Im Gegenteil, mit dieser Inszenierung setzt das Magdeburger Stadttheater seine Erfolgsserie der letzten Jahre im Musicalgenre nahtlos fort. Wiggers hat mit seinem Produktions- und Darstellerteam einen unterhaltsamen und opulenten Abend geschaffen, an dessen Ende es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen hielt. Und auch der in die Jahre gekommene Plot wurde von jeglichem Staub und so einigen herkömmlichen Spielgewohnheiten befreit und passt damit problemlos in die heutige Welt und Zeit.

Angefangen beim Bühnenbild. Kein kleiner, enger, verwinkelter Blumenladen mit ein paar traurig vor sich hinwelkenden Blumenstängeln, die niemand haben will, ist da zu sehen. Vielmehr „residiert“ der Blumenhändler Mr. Mushnik in einem riesigen, mehrgeschossigen Gewächshaus mit einem kleinen Palmenwald im Inneren. Fast schon verloren wirken in diesem Glaspalast die Menschen, die darin arbeiten.

Da ist zunächst Mr. Mushnik selbst, der angesichts seiner nahezu aussichtslosen finanziellen Lage eigentlich schon resigniert hat. Gespielt wird er vom Magdeburger Ensemblemitglied Markus Liske, der nach seinen Auftritten in Kiss me Kate (Higgins), Sweeney Todd (Pirelli) und Les Misérables (Javert) einmal mehr beweist, dass er im Musicalgenre zuhause ist.

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Dann gibt es seine Angestellte Audrey. Ihren Charakter hat Regisseur Ulrich Wiggers völlig anders angelegt, als man es aus den Verfilmungen und vielen anderen Inszenierungen kennt. Sie ist hier nicht das naive Dummchen, sondern eine sozial benachteiligte, vom Leben gebeutelte junge Frau, die auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit mit fast schon ritueller Selbstverständlichkeit immer an die falschen Männer gerät, was nicht nur äußerlich sichtbar ist, sondern sich vor allem auch psychisch in Ticks nahe dem Tourette-Syndrom bemerkbar macht. Milica Jovanovic (alternierend Johanna Spantzel) spielt diese seelischen Leiden so eindrucksvoll, dass man ihr die im Song „Im Grünen irgendwo“ herbeigesehnte Vorstadtidylle fast sehnlich wünscht, obwohl man sich von der besungenen spießigen Kleinbürgerlichkeit eigentlich lieber mit Grausen abwenden möchte.

Der Dritte im Bunde bzw. Laden ist Seymour Krelbourn, in der Premiere gespielt von Jan Rekeszus (alternierend Christian Miebach). Er ist der Prototyp eines Nerds mit dicker Brille, langen Haaren und mit deutlich sichtbarem Hang zum SciFi-Genre, sozial inkompetent und unsicher, der sich selbst für den geborenen Verlierer hält. Ich nehme Jan Rekeszus in jeder Sekunde des Abends diese Rolle ab, sowohl spielerisch als auch gesanglich ist seine Vorstellung ein Hochgenuss.

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Für mich persönlich die größte Entdeckung des Abends war Karsten Kenzel. Er spielt den sadistischen Zahnarzt Dr. Orin Scrivello, gibt aber auch der Hauptfigur, der menschenfressenden Pflanze Audrey Zwo, seine Stimme. Beide Rollen füllt er stimmlich und darstellerisch mit Bravour und großer Spielfreude aus – und schafft es dabei, mir ob der Boshaftigkeit beider Charaktere leichte Gruselschauer über den Rücken zu jagen.

Mit von der Partie ist auch wieder das Magdeburger Theater-Urgestein und „Allzweckwaffe“ Peter Wittig. Der Publikumsliebling verleiht selbst seinen kleinen Auftritten (als Kunde, Chinese, Radiomoderator und Mrs. Luce) einen ganz besonderen Glanz.

Die Soulgirls, gespielt von Mariyama Ebel, Rubini Zöllner und Nina Baukus, sind omnipräsent. Sie kommentieren das Geschehen, treiben aber gleichzeitig die Handlung aktiv voran, und auch sie wissen – wie die gesamte Cast – stimmlich und darstellerisch zu überzeugen.

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Unterstützt wird die Hauptcast vom Magdeburger Ballett, das nicht nur tanzt (Choreografie Kati Heidebrecht), sondern auch als Chor fungiert. Einmal mehr, wie schon bei den vorangegangenen Musicalinszenierungen in Magdeburg, funktioniert auch dieses Mal das Zusammenwirken der verschiedenen Sparten des Hauses und den Gästen ganz hervorragend.

Noch einmal zurück zur Ausstattung: Leif-Erik Heine zeichnet nicht nur für das Bühnenbild, sondern auch für die Kostüme verantwortlich. Und wie schon anfangs kurz angedeutet, ist die gesamte Inszenierung opulent ausgestattet. Kostüme und Bühnenbild sind nicht nur extrem farbenfroh, sondern auch phantasievoll und voller bemerkenswerter Einzelheiten, die man alle bei nur einmaligem Anschauen gar nicht erfassen und schon gar nicht detailliert beschreiben kann. Deutlich wird jedoch, dass aktuelle Geschehnisse um bestimmte öffentliche Personen des Weltgeschehens als auch die Star Wars Saga einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Inszenierung haben. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Was beim Rückblick auf die Premiere noch fehlt? Natürlich Audrey Zwo. Die Pflanze zeigt sich in der Magdeburger Inszenierung in vier verschiedenen Wachstumsstadien. Bewegt und damit zum Leben erweckt wird sie (bis auf Stadium 2) von Statisten des Theaters Magdeburg. Die kleinen Pflanzen wurden gebaut von der Puppenbauerin Kerstin Dathe, die großen von Jens Jähnig und Christian Romanski.

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„Der kleine Horrorladen“ in Magdeburg ist ein unterhaltsamer Abend auf hohem spielerischen, musikalischen und technischen Niveau. Regisseur Ulrich Wiggers gelingt es hervorragend, die Balance zu schaffen zwischen der skurril-unrealistischen Geschichte und der durchaus ernsten sozialkritischen Aussage des Stückes, dass niemand seine Ideale, Überzeugungen und sein Gewissen für Ruhm oder Geld verraten sollte. Und durch ein paar kleine, aber entscheidende künstlerische und dramaturgische Eingriffe in die Handlung wird eben diese Balance gehalten und das Stück gleitet nicht in die vielleicht von manchem erwartete oder sogar befürchtete Absurdität ab.

Die musikalische Leitung der Inszenierung liegt in den Händen von Damian Omansen. Seine Band zeigte im Orchestergraben die gleiche Spielfreude wie die Darsteller auf der Bühne. Einziger kleiner Wermutstropfen bei der Premiere: Die Lautstärke zwischen Band und Darstellern war nicht optimal ausgesteuert. Für mein Empfinden etwas zu oft litt die Verständlichkeit der Gesangstexte unter der Kraft der Instrumente.

In jedem Fall aber ist „Der kleine Horrorladen“ in Magdeburg einen Besuch wert.

Kreativteam

Musikalische Leitung: Damian Omansen
Regie: Ulrich Wiggers
Bühne/Kostüme: Leif-Erik Heine
Choreografie: Kati Heidebrecht
Dramaturgie Thomas Schmidt-Ehrenberg

Besetzung

Audrey: Milica Jovanović/Johanna Spantzel
Seymour Krelbourn: Jan Rekeszus/Christian Miebach
Audrey II / Dr. Orin Scrivello: Karsten Kenzel
Mr. Mushnik: Markus Liske
Ronnette: Mariyama Ebel
Chiffon: Rubini Zöllner
Crystal: Nina Baukus

In weiteren Rollen: Peter Wittig

Ballett Magdeburg
Statisterie des Theaters Magdeburg
Damian Omansen & Band

Weitere Vorstellungen:

Do. 23. 11./Sa. 2. 12./Mi. 20. 12. 2017/Fr. 5. 1./So. 14. 1./ Fr. 2. 2./Fr. 9. 2./Sa. 31. 3./Di. 1. 5./Mi. 9. 5. 2018

Karten: zwischen 12 € und 31 € / ermäßigt zwischen 8 € und 22 €

Reservierung und Kauf an der Theaterkasse telefonisch: (0391) 40 490 490, online: www.theater-magdeburg.de oder per Mail: kasse@theater-magdeburg.de


Artikel von Karina