Der Geizige

Eine Komödie von Molière

Grenzlandtheater Aachen – Premiere: 25. September 2018

 

(c) Kerstin Brandt
(c) Kerstin Brandt

Das Grenzlandtheater Aachen wagt sich mit seinem zweiten Stück der laufenden Spielzeit, „Der Geizige“ – einer Komödie von Molière (gelebt von 1622 bis 1673 als eigentlich Jean-Baptiste Poquelin), an eine Prosakomödie aus zwar längst vergangener Zeit, aber ebenso an ein Thema, welches auch in der heutigen Zeit nicht an Aktualität verloren hat. In der am 9. September 1668 im Theatre du Palais-Royal in Paris uraufgeführten Komödie karikiert er den Typ des reich gewordenen, aber engstirnig und geizig gebliebenen Bürgers, der sein direktes und vor allem familiäres Umfeld mit seinem extremen Geiz zu ersticken droht.

Für Harpagon (Charles Ripley) ist Geld das kostbarste Gut auf Erden und so hütet er seine Geldschatulle wie seinen Augapfel. Um seinen Reichtum, den er nicht nur seinen Kindern gegenüber geheim hält, zu nähren, möchte er seine Tochter Elise (Johanna Steinhauser) möglichst gewinnbringend mit dem reichen Witwer Anselmo (Matthias Manz) vermählen, natürlich ohne sie mit einer Mitgift zu versehen. Elise allerdings hegt ganz andere Interessen, hat sie sich doch in Valère (Bernhard Glose), einen in den ehrenvollen Diensten ihres Vaters stehenden jungen Mann, verliebt.

Auch Harpagons Sohn Cléante (Martin Krah) empfindet eine große Zuneigung und zwar für die mittellose Mariane (Christine Schaller). Gemeinsam mit seiner Schwester schmiedet er den Plan, sich gegenseitig bei der Überzeugungsarbeit dem Vater gegenüber, wissend, dass jener mit ihrer Wahl nicht einverstanden sein wird, zu unterstützen. Voller Freude berichtet Harpagon seinem Sohn bei dessen Erklärungsvorstoß, dass auch er sich verliebt hat und es stellt sich heraus, dass beide ein Auge auf dasselbe Mädchen geworfen haben. Cléante hält sich mit weiteren Erklärungen zurück und versucht im Stillen, den Zusammenschluss seines Vaters mit eigentlich seiner Liebe zu verhindern.

(c) Kerstin Brandt
(c) Kerstin Brandt

Die Aufgabe seine Tochter von der Hochzeit mit dem alten Herrn zu überzeugen, fällt keinem Geringeren als Valère zu, der zwar einwilligt, aber direkt einen Ausweg zu seinen Gunsten zu suchen beginnt. Cléante unterdessen benötigt dringend Geld, welches er nicht von seinem Vater zu erhoffen braucht und beauftragt den Diener La Fleche (Marius Schneider in einer Vierfach-Rolle) einen passenden Sponsor ausfindig zu machen. Die Forderungen, die Cléante wegen des Geldes zu erfüllen hat, sind reiner Wucher und zudem muss er erkennen, dass hinter dem Sponsor kein anderer als wiederrum sein geldgieriger Vater steckt. Es kommt zu einem großen Streit in dessen Verlauf die Heiratsvermittlerin Frosine (Eva Horstmann) die Szenerie betritt und Harpagon zu überzeugen versucht, Mariane trotz ihrer Mittellosigkeit zu ehelichen – da sie nie etwas hatte, wird sie auch keinerlei Ansprüche kennen und stellen – Harpagon lässt sich von ihr überzeugen, umgeht aber galant die Bezahlung ihrer Dienste.

Das erste Treffen der Beiden soll von Diener Jacques (wieder Marius Schneider) vorbereitet werden, allerdings – wie es einem Geizhals als Gastgeber gebührt – mit den geringsten Mitteln, nichts pompöses und vor allem geldsparend. Auch hier kommt es zum Streit in dessen Verlauf Jacques Schläge kassiert und nur noch von dem Wunsch nach Rache getrieben wird. Bei diesem ersten Rendezvous wendet sich Mariane angeekelt von ihrem Heiratspartner ab, trifft auf ihre Liebe Cléante und beide gestehen sich in Anwesenheit von Harpagon in zweideutigen Worten ihre Gefühle. Der vom Finger gezogene Ring des Vaters wird zum Zeichen ihrer Liebe, was Harpagon misstrauisch und mit einer Ahnung aber weiterhin ohne wirkliches Wissen zurücklässt.

Frosine soll nunmehr den beiden Verliebten zur Seite stehen und den Vater von der Unsinnigkeit seiner Heiratsabsichten überzeugen. Dieser erwischt aber vorher Cléante und Mariane in eindeutiger Position und gerät wiederum in Rage. Um endgültig zu erfahren, um was es seinem Sohn geht, versucht er ihn zu überzeugen, dass er seine Absichten Mariane gegenüber geändert habe. Sobald der Sohn aber seine Gefühle stolz und voller Freude gesteht, bricht erneut ein Streit los in dessen Verlauf sich Frosine die nun erstmalig unbeobachtete Geldschatulle aneignet. Als Harpagon dies bemerkt, ist ihm egal, was mit seinen Kindern geschieht, denn ihn treibt nur noch die Suche nach dem ihm Wichtigsten – nach seinem Geld – um. Die Ereignisse überschlagen sich und in die allgemeine Verwirrung tritt Anselmo, der nach einigem Hin und Her erkennen muss, dass Valère und Mariane seine tot geglaubten Kinder sind. Zum Ende hin wendet sich alles zum Guten – Elise bekommt ihren Valère, Cléante seine Mariane, Anselmo seine Kinder und zu guter Letzt auch Harpagon sein vermisstes kostbarstes Gut zurück.

Am Grenzlandtheater zeichnet für die klassisch angehauchte aber nicht nur in Kostümen auffallend provokative Inszenierung Catharina Fillers als Regisseurin verantwortlich. Die Kostüme (Theresa Mielich) sind einheitlich schwarz gehalten und deuten in der Form die getragene Klamotte des Ursprungsjahrzehnts an, allerdings modernisiert und kombiniert mit Turnschuhen, Fußballerkniestrümpfen und auffallend roten Perücken im Stil der Vorzeit. Nur das Outfit des Harpagon mit schreiend gelbem Bademantel, grauen Leggins und weißen Sportlersocken sticht aus dem gedeckten Schwarz hervor. Das Bühnenbild (Manfred Schneider) besteht lediglich aus einem überdimensionalen Sessel, welcher das Haus der Familie um Harpagon imitieren soll und dem Publikum durch einen von Hand geführten Drehmechanismus mal vorderseitige, mal rückseitige Ansicht bietet. Genutzt wird dieser häufig als weiche Matratze um die simuliert dargestellten Stürze, Rausschmisse und Streitszenen der Darsteller galant weich abzufangen. Das Wichtigste und einzig weitere Utensil ist ein feuerrotes Kissen, welches die Geldschatulle darstellen soll. Die Verwandlung der in Geschlecht und Funktion unterschiedlichen Diener von Harpagon, die von Marius Schneider an allen vier Positionen gespielt werden, erfolgt zur Begeisterung der Zuschauer nur durch Drehen der Perücke, die dann mal mit Zopf hinten oder vorne, rechts oder links, jeweils eine andere Person darstellen soll.

(c) Kerstin Brandt
(c) Kerstin Brandt

Die taktvolle Untermalung wird von den Darstellern höchstpersönlich und hausgemacht unter den Augen der erstaunten Zuschauer hinzugefügt. So sitzen diese während ihrer spielfreien Zeit durchgehend rechts und links neben dem Sessel auf der Bühne und bedienen Gitarre, Ukulele, Trompete, Oboe sowie ein Gerät um Umfall-, Rutsch- und Wurfgeräusche zu imitieren oder das Geschehen mit Musik wie zum Beispiel mit dem heute bekannten „Ti amo“ zu begleiten – lediglich das Klavier befindet sich unsichtbar hinter der Bühne. Zum Schluss stellen die Darsteller dann ebenfalls noch ihr Gesangstalent unter Beweis. Für die musikalische Umsetzung ist Matthias Manz verantwortlich.

Hervorzuheben sind vor allem die schauspielerischen Leistungen aller acht Protagonisten, die es schaffen, die ja nur spartanisch ausgestattete Bühne allein durch ihre Darstellung zum Leuchten zu bringen, dem Publikum mit Witz und rhythmischen Satzschlüssen ein Lachen ins Gesicht zu zaubern und nicht zuletzt den doch älter angehauchten Text zu entstauben und in der Moderne wirken zu lassen. Vielleicht hätte man sich eine komplette und weitergehende Adaption ins Hier und Jetzt vorstellen können, da die von Molière beabsichtigte Aussage dieses Stücks durchaus auch noch heute, 350 Jahre nach der Uraufführung, einen berechtigten Stellenwert hat – so lehrt uns doch das Leben immer wieder, dass Geld allein eigentlich nicht glücklich macht.

„Der Geizige“ läuft noch bis zum 28. Oktober 2018 an der Hauptspielstätte inmitten der Aachener Innenstadt und dann vom 29. Oktober bis 10. November 2018 an den Nebenbühnen der Städteregion. Tickets erhalten Sie unter www.grenzlandtheater.de sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen.


Text: Astrid