Das Molekül

Ein neues Genre entsteht

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Am 19. Mai 2017 feierte das Musical „Das Molekül“ von William Ward Murta am Theater Bielefeld seine (Welt-)Uraufführung. Murta ist seit 1984 Musical-Kapellmeister des Theaters. Neben „M…wie Mariyln“ oder „The Birds of Alfred Hitchcock“ ist „Das Molekül“ nun sein jüngstes Werk. Innerhalb eines Jahres wurde die Komposition samt Buch (Thomas Winter) und Songtexten (Übersetzung: Constanze Grohmann) fertig gestellt.

Im Musical treffen zwei Handlungsstränge auf einander. Zum einen der Beginn der DNA-Forschung rund um Rosalind Franklin, Maurice Wilkins, Francis Crick und James Watson. Diese vier versuchen Anfang der 1950er Jahre dem Geheimnis der DNA auf die Spur zu kommen. Durch Mobbing, Misstrauen, Eifersucht und Betrug stacheln sich beide Teams in London und Cambridge gegeneinander an, sodass am Ende, nach 10 Jahren intensiver Forschung, das Forschungsergebnis einer Doppelhelix gelöst wurde. 1962 erhalten Francis Crick, Maurice Wilkins und James Watson den Nobelpreis, danach trennen sich ihre Wege. Watson und Crick entwickeln eine neue Vision, das menschliche Erbgut zu analysieren und den Code des Lebens zu finden.

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Auf diese Handlung trifft eine noch viel größere Geschichte um die Jahrtausendwende. Der jahrelange Wettbewerb um die Berechnung des menschlichen Erbguts zwischen einem staatlichen und einem privaten Forscherteam. Welches Team hat die besseren Geräte und kommt somit schneller ans Ziel?

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Das Besondere an diesem neuen Musical ist erst einmal die Tatsache, dass Komponist, Texter und Dirigent in einer Person aufeinander treffen. William Murta war mit seinem inneren Dirigenten mehr als zufrieden, so seine Aussage auf der anschließenden Premierenfeier. Für alle Beteiligten ist diese Produktion etwas Besonderes. Welcher Künstler kann von sich sagen, dass eine Rolle extra für ihn oder sie angelegt worden ist? Nur die wenigsten, aber Thomas Klotz, Roberta Valentini, Carolin Soyka, Alexander Franzen, Veit Schäfermeier und Carlos H. Rivas können dies nun von sich behaupten. Sie alle treten nicht nur in einer Rolle auf. Nein, sie alle, außer Thomas Klotz, haben bis zu fünf Charaktere, die sie im Laufe des Stückes verkörpern.

Da wären zu Beginn z.B. Gregor Mendel (Alexander Franzen), Phoebe (Roberta Valentini), Charles Darwin (Carlos H. Rivas) oder Emma Darwin (Carolin Soyka) zu nennen. Sie alle legten den Grundstein in der Erforschung der Genetik. Erinnern Sie sich an die Mendelschen Regeln oder die Evolutionstheorie nach Darwin? Nicht, dann wäre dies vielleicht ein erster Grund, um sich dieses Musical anzuschauen.

Alexander Franzen als Georg Mendel

Alexander Franzen als Georg Mendel

Thomas Klotz (ausgezeichnet mit dem Deutschen Musicaltheater Preis 2016) tritt in diesem Musical in einer Doppelrolle auf. Den Großteil des Stückes ist er Craig Venter, Leiter des Instituts für Genomische Forschung und maßgeblicher Akteur bei der Sequenzierung des menschlichen Genoms. Im 1. Akt tritt Klotz aber auch als Linus Pauling auf, welcher 1951 in Neapel einen Vortrag darüber hält, wie er die DNA entschlüsseln wolle. Klotz überzeugt mit Charme, Tanz und Gesang auch wenn letzterer etwas klein in seiner Rolle ausfällt.

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Roberta Valentini tritt zunächst als Wissenschaftlerin Rosalind Franklin auf. Rosalind arbeitet am King`s College zusammen mit Maurice Wilkins (Alexander Franzen). Über kurz oder lang streiten sich die beiden und jeder forscht in seinem Teilgebiet. Rosalind gelingt es mit ihrem Foto 51 eine gelungene Darstellung des DNA-Moleküls. Im zweiten Handlungsstrang um die Jahrtausendwende tritt Valentini als Venters Sekretärin Claire Fraser auf. Faszinierend sind Valentinis Quick-Changes (schnelle Kostümwechsel). Gerade ist sie als Rosalind von der Bühne ab, erscheint sie kurz danach schon wieder als Claire.

Roberta Valentini als Rosalind Franklin - "Foto 51"

Roberta Valentini als Rosalind Franklin – „Foto 51“

Carolin Soyka überzeugt als Odile Crick, Bernadine Healy, Emma Darwin, Florence Durham und Alice vor allem mit ihrer kräftigen Stimme. Der Song „Jedes Problem hat eine Lösung“ bleibt doch recht lange im Ohr.

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Alexander Franzen kassiert bei seinem ersten Auftritt als Mike Hunkapiller in orangenen Shorts einige Lacher aus dem Publikum. Zurecht, denn in Kombination mit Lockenkopf, Schnauzer und Sonnenbrille ist das Klischee perfekt. Als Maurice Wilkins kann Franzen vor allem gesanglich überzeugen.

Carlos H. Rivas konnte das Musical begeisterte Publikum in dieser Spielzeit bereits bei der „Hochzeit mit Hindernissen“ als Mr Feldzig überzeugen. Als James Watson, Darwin, Carl Wilhelm von Nägeli, Cecile und José Raoul Rodriguez überzeugt er ebenfalls auf ganzer Linie. Wandlungsfähiger hätten seine Charaktere nicht sein können.

Watson (Carlos H. Rivas) erscheint in einem Traum die verstorbene Rosalind

Watson (Carlos H. Rivas) erscheint in einem Traum die verstorbene Rosalind

Veit Schäfermeier stand auf der Bielefelder Bühne zuletzt als Cyrano. Nun kehrt er als Francis Crick, Francis Collins, William Bateson und Sir William Lawrence Bragg zurück. Ähnlich wie bei Carlos H. Rivas, sind seine Charaktere recht unterschiedlich und verlangen somit einiges an Leistung ab.

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Vor allen Darstellern sei an dieser Stelle einmal der Hut gezogen, wie gut sie ein komplexes Thema mit verschiedenen Charakteren, Kostümwechseln u.Ä. bewerkstelligen. Im „Molekül“ wird den Darstellern alles abverlangt.

Die Musik von William Ward Murta lässt einen an ein typisches amerikanisches Musical erinnern. Sie lädt einen zum Träumen, aber auch zum Mitwippen. Die Musik nur für sich betrachtet, ist grandios.

Die Inszenierung von Thomas Winter passt perfekt. Kostüm- und Bühnenbild (Ulv Jakobsen), Projektionen (Konrad Kästner), sowie Choreographie (Frank Wöhrmann) wurden bestens abgestimmt. Ein rundum gelungenes Bild.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der erste Akt im Ganzen etwas langatmig zum Ende hin wird. Hier könnte man vielleicht im Rahmen einer Überarbeitung für die Wiederaufnahme die ein oder andere Szene kürzen, streichen oder umschreiben. Der zweite Akt hingegen saust so schnell an einem vorbei, dass man für einen Schlussapplaus noch gar nicht bereit ist. Trotz des etwas zu lang geratenen ersten Aktes ist es ein tolles Musical, welches sich abseits des Mainstreams bewegt.

Es ist kein klassisches Musical, bei dem man typische Ohrwurm-Songs oder die großen Tanznummern präsentiert bekommt. Mit dem „Molekül“ wurde nicht nur ein neues Genre, das Forschungs-Musical, geschaffen, sondern auch eine neue Art des Musicals. Die Musik und auch das Musical entwickeln sich weiter und das ist auch gut so!

Ich empfehle jedem, der die Chance hat sich dieses Stück anzuschauen, es zu tun. Wenn man wirklich am Musical und seiner Bandbreite interessiert ist, dann erweitert es den eigenen Horizont.

Dem gesamten Ensemble wünschen wir noch erfolgreiche weitere Vorstellungen! Kleiner Tipp am Rande: Am 17. Juni ist Roberta Valentini aufgrund ihrer Premiere als Fiona im Musical „Shrek“ bei den Freilichtspielen Tecklenburg verhindert. Ihre Rollen übernimmt an diesem Abend Lucy Scherer.


Artikel von Anna-Virginia

Bilder: Theater Bielefeld, Bettina Stöß