Borchert Beflügelt

Berlin – 20. Mai 2017

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Wenn man an Musical denkt, dann ist das immer verbunden mit Größe, großer Kulisse, großem Vorhang, großem Orchester, großem Publikum und großen Stimmen. Groß(artig)er Musik. Einige haben es geschafft sich in die Köpfe derjenigen, die in dieser ganz eigenen Welt zu Hause sind einzubrennen und dazu zählt nicht zuletzt Thomas Borchert, den man auf den großen Bühnen genauso erwartet, wie auf kleinen Solokonzerten. Ein solches zu besuchen hatte ich am 20. Mai in Berlin die Gelegenheit. Hierfür brauchte es nicht mehr als ihn selbst, gut gelaunt, redselig und mit direktem Augenkontakt ins Publikum, sowie ein Klavier. Kein Steinway, sondern ein Steinbach, wie er schmunzelnd irgendwann an der Qualität des Instrumentes einen kurzen Abriss über den Kraftaufwand ihm Töne zu entlocken gibt und das auch demonstriert.

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Er erzählt, schweift ab und kommt immer wieder aufs Neue zurück zum Thema an diesem Abend im Schloßparktheater, einem Haus was seinem Namen alle Ehre macht. Leider ist der Saal nicht gänzlich gefüllt, aber der Stimmung tut es keinen Abbruch. Mit Charme, Witz und einer Prise Melancholie führt Thomas Borchert durch den Abend und schlägt auch mal leisere Töne an. Im Fokus steht die Präsentation seines neuen Albums Midlife, welches er erst kürzlich veröffentlicht hat. Wie der Titel seiner CD verrät, sieht er sich mit 50 in der Lebensmitte angekommen und stellt die Frage, wie viele Bühnenjahre ihm wohl noch bleiben werden und wie viel Zeit überhaupt all das zu erleben und zu erzählen, was er noch möchte. Sehr persönlich gibt er Einblicke in die Entstehungsgeschichte seiner Songs und lässt damit hinter die Kulisse blicken. Ein Sänger und ein Klavier, ganz nah am Publikum und viele Emotionen beflügeln und verleihen damit dem Titel tatsächlich seine Bedeutung.

Dem Publikum besonders angetan haben es Titel wie „Everyhing but you“, in dem er beschreibt alles zu haben, außer dem was ihm am wichtigsten scheint. Er beschreibt es als Gegenstück zu „My way“ von Frank Sinatra. Leisere Töne lässt er anklingen mit dem von ihm vertonten Gedicht von Elizabeth Frye „Do not stand at my grave and weep“ und „To the Sea“, was einem ungewollt eine Gänsehaut beschert.

Mit weiteren Songs aus Jahrzehnten, gepaart mit interessanter, witziger und manchmal nachdenklicher Moderation verfliegt der Abend wie ein Ritt „Auf schlafenden Walen“. Thomas Borchert holt sein Publikum an diesen Konzertabenden dort ab, wo es steht und nimmt es mit auf eine zauberhaft-beflügelte Reise, um es schließlich gekonnt wie ein Magier mit einem Fingerschnipp wieder erwachen zu lassen.

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„War es das schon?“, ist man geneigt nach fast zwei Stunden zu fragen und natürlich kommt doch noch etwas. Der Spaß am Leben sollte auch wenn die Mitte erreicht ist, oder gerade dann nicht zu kurz kommen. Das beweist er eindrucksvoll mit dem Wildschweinduett, wo in Ermangelung einer Schlammine (wird sich das jemals ändern) er wieder beide Parts vortragen muss und schließlich den Ausklang gibt mit seinem Swing Medley das Melodien aus unterschiedlichsten Musicals aufgreift, vermischt und auf teilweise skurrile Weise miteinander verbindet.
Man dankt für einen gelungenen Abend und freut sich auf das nächste Konzert am 23. Dezember in Berlin, wo es dann etwas besinnlicher zugehen wird, aber nicht minder interessant.


Artikel von Andrea