Bonnie & Clyde

…am Stadttheater Baden bei Wien

österreichische Erstaufführung – 28. Juli 2018

(c) Andrea Ney
© Andrea Ney

An einem heißen Sommerabend lädt das Stadttheater Baden bei Wien zur österreichischen Erstaufführung von Bonnie & Clyde. Sie spielen an diesem Samstag erstmalig vor ausverkauftem Haus und begeistern ihr Premierenpublikum, welches sie mit verdienten Ovationen feiert. Die gut 800 Sitzplätze liegen verteilt auf zwei Ebenen in einem im Jugendstil gehaltenen Saal, und schon das Theater an sich ist eine echte Augenweide. Die Theatertradition in Baden blickt zwar auf eine lange Geschichte zurück – das pompöse Haus auf dem Theaterplatz, mitten in der Fußgängerzone gelegen, wurde jedoch erst 1908 fertiggestellt und dient seither als eine von drei regelmäßigen Spielstätten des Ortes.

Im Amerika der frühen 30er Jahre träumt beinahe jeder den gleichen Traum – der Armut zu entfliehen und seine Wünsche wahr werden zu lassen. Leben, lieben und das genießen, was man hat, sich nehmen, was man sich ersehnt und – im speziellen Fall der Hauptdarsteller dieses Stückes – zu Leben als gäbe es kein Morgen. Kaum dass sich der Vorhang hebt, erleben Bonnie (Dorina Garuci) und Clyde (Mark Seibert) in Frank Wildhorns gleichnamigem Musical sofort ein Blitzlichtgewitter der etwas anderen Art. In einer spektakulären Eröffnungsszene, die die beiden Protagonisten auf der Flucht vor dem Gesetz zeigt, werden sie in ihrem Wagen vor den entsetzten Augen des Publikums erschossen, ehe sich die Szene in Dunkelheit hüllt und einen Blick auf die Vergangenheit des Gangsterpärchens freigibt. In einer Rückblende wird deren turbulenter und nicht immer geradliniger Lebensweg aufgezeigt. Schon in der Kindheit hatten sie es nicht leicht, was die beiden Kinderdarsteller an diesem Abend emotional hervorragend ins Publikum transportieren. Bereits damals träumt Bonnie davon berühmt zu werden, und die Kinoleinwände zu erobern. Sie tut alles, um ihren Idolen nachzueifern und lebt ebenso in einer Scheinwelt wie Clyde, der mit seiner Familie verarmt in einem Zelt residiert, und sich mit Diebstählen über Wasser hält. Auch er kommt schon in jungen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt und sitzt eine Haftstrafe ab, während Bonnie in einer Bar arbeitet. Noch kennen sie sich nicht, dieser Umstand ändert sich jedoch, als der erste Coup gelingt und Clyde und sein Bruder Marvin (Reinwald Kranner), aus dem Gefängnis ausbrechen und ihre Flucht beginnt. Beide Brüder trennen sich und während es Marvin nach Hause zu seiner Ehefrau Blanche (Michaela Christl) zieht, lernt Clyde auf seiner Flucht Bonnie kennen, die bei ihrer Mutter Emma (Carin Filipcic) lebt. Es ist Liebe auf den ersten Blick, sofort sind sie einander verfallen und der nächste Diebstahl gilt dem Herzen seiner Schönen, von deren Seite er fortan nicht mehr weichen will.

(c) Andrea Ney
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Vor dem Gesetz flieht auch Marvin, der Halt bei seiner Frau sucht. Sie führt einen Friseursalon, in dem er sich verstecken kann, als ihm die Polizei bereits auf den Fersen ist. Überaus gläubig und mit Engelszungen versucht sie ihn zu überzeugen, sich dieser zu stellen, und den Rest seiner Strafe zu verbüßen – der Herr werde ihm den rechten Weg schon weisen. Vor den Augen der Gemeinde lässt er sich, seiner Frau zuliebe, vom Priester (Martin Berger) taufen und begibt sich in die Hände der Ordnungsbehörden. Seinem Bruder gelingt es nicht, diesen Schritt nachzuvollziehen, da sie seiner Meinung nach, bereits ihr halbes Leben zu hohe Strafen für eigentlich zu geringe Vergehen abgesessen haben.

Immer wieder taucht die Polizei sehr engagiert, aber stets unterbesetzt im Geschehen auf. Zu wenig Leute, zu wenig Geld und zu wenig Ausrüstung beklagen die Gesetzeshüter, so dass die Ganoven ihnen stets einen Schritt voraus zu sein scheinen. Polizist Ted Hinton (Artur Ortens), der Bonnie seit seiner Jugend selber zugetan ist, versucht seinerseits ihr Herz zu erobern, da er durch die sprichwörtlich rosarote Brille stets nur das Gute in ihr sieht. Seine Kollegen, allen voran Sheriff Schmid (Thomas Smolej), Captain Frank Hamer (Beppo Binder) und Bob Alcorn (Florian Resetarits) versuchen hingegen mit aller Macht den meist gesuchten Verbrechern des Landes das Handwerk zu legen. Ted ist hin und her gerissen zwischen Gerechtigkeit und seinen eigenen Gefühlen für die junge Frau.

Schließlich werden sie bei mehreren bewaffneten Raubüberfällen doch noch gestellt und auch Clyde wird erneut verhaftet. Man macht beiden Brüdern zeitgleich den Prozess und während Marvin freigesprochen wird, soll Clyde eine jahrelange Haftstrafe verbüßen. Die Monate im Knast werden ihm zur Qual, da ihm ein Mitgefangener das Leben dort buchstäblich zur Hölle macht. Er ist gleich auf mehrere Arten äußerst brutal, und die Polizisten verlachen das Flehen des Gefangenen, den Peiniger von ihm fernzuhalten. Er packt die Gelegenheit beim Schopf und erschlägt diesen aus Notwehr mit einem Stein. Nur Bonnie steht gegen den Willen ihrer Mutter zu ihm und verhilft ihm schließlich zur erneuten Flucht, indem sie eine Waffe einschmuggelt, mit deren Hilfe er sich den Weg in die Freiheit erkämpft – und wieder beginnt alles von vorn.

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Wieder befinden sie sich gemeinsam auf der Flucht und während Bonnie verzweifelt an ihren Träumen festhält, ein zu Hause ersehnt, an dem sie bleiben können und ihre Karriere anstrebt, überfällt Clyde ein Lebensmittelgeschäft, bei welchem er seinen ersten Menschen erschießt. Selbstzweifel überkommen ihn und er ist wie paralysiert, als er das Ausmaß seines Tuns realisiert – er ist plötzlich kein Kleinkrimineller mehr. Als er seiner Liebsten die Tat beichtet, droht sie ihn zu verlassen. Immer wieder liest sie ihm selbst verfasste Gedichte vor, in welchen es um ihn, sie beide und ihre Beziehung geht. Schon früh sieht sie ihr gemeinsames Ende darin voraus. Mit allen Mitteln versucht er dies zu verhindern.

Die Familienbande sind in beiden Familien sehr stark und so suchen sie den Kontakt zu Clydes Bruder und Eltern, sowie auch zu Bonnies Mutter, die nach wie vor unglücklich über die Liaison ihrer Tochter mit dem Gangster ist. Auch Clydes Eltern sind nicht von den Taten ihres Sohnes angetan, und verweigern jeden weiteren Kontakt. Blanche versucht Marvin davon zu überzeugen, seinen Bruder fallen zu lassen, was dieser jedoch verweigert und stattdessen zu ihm hält.

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Bei einem gemeinsamen Banküberfall wird Clyde angeschossen, eine Bankangestellte getötet und das Gangsterpärchen bereits als Volkshelden gefeiert, wodurch Bonnie feststellt, dass ihr Name bereits in aller Munde ist. Während Clyde ihr seine Liebe in einem selbst komponierten Lied gesteht, überlegt man bei der Polizei, welche Geschütze man noch auffahren könnte, um den Gaunern endlich habhaft zu werden und deren Popularität einzudämmen – es wird entschieden, selbst grenzübergreifend tätig zu werden. Zur gleichen Zeit findet Marvin mit seiner Frau den Bruder in dessen Versteck. Verzweifelt versucht Emma Parker ihre Tochter zur Vernunft zu bringen, und auch Schwägerin Blanche redet beschwichtigend auf sie ein. Doch die neue Berühmtheit und ihre unerschütterliche Liebe zu Clyde lassen diese an ihrem Lebensstil festhalten. Schließlich umstellt die Polizei das Gangsterversteck und lockt die vier aus der Reserve. Ihr Fluchtplan geht nur bedingt auf – in der Folge der nun ausartenden Schießerei verliert Marvin sein Leben und dessen Ehefrau ihre Freiheit. Sie wird wegen Beihilfe zum Mord und anderer Verbrechen verhaftet. Ted Hinton versucht noch immer Bonnie ein Schlupfloch offen zu halten, auch wenn er längst begriffen hat, dass sie nicht mehr das unschuldige junge Mädchen ist, was er einst kannte. Beide Kinderdarsteller haben jetzt – in einer zweiten Rückblende innerhalb dieser Rückblende – noch einmal die Gelegenheit zu brillieren, als es sie einen Blick auf die verlorenen Träume und Wünsche gewähren. Ein letztes Mal besteigt das Gangsterpärchen Bonnie und Clyde ihr Fluchtauto und fährt davon, ehe sich der Vorhang mit dem gleichen Bild senkt, mit dem das Stück begann und damit ein sehr rundes Bild zeichnet.

„Intendant Michael Lakner gelingt ein Geniestreich damit, dieses interessante und tiefgründige Stück nach Österreich zu holen. Man hofft, weint und lacht unwillkürlich mit den Figuren, und Frank Wildhorns Musik ist ein Garant für den einen oder anderen Ohrwurm. Mit Mark Seibert in der Hauptrolle des Clyde fiebert man von der ersten Sekunde an mit. Seine Interpretation und die Entwicklung des Charakters mit allen Facetten glückt auf den Punkt und entführt überzeugend zurück in die 1930er Jahre. Seine Bühnenpartnerin Dorina Garuci gibt eine hinreißende Bonnie, die sich von der ersten Sekunde an durchsetzt und ihr beider Zusammenspiel wirkt überaus harmonisch.

Überzeugen können auch Reinwald Kranner und Michaela Christl, als zweites Barrow-Ehepaar, deren familiären Konflikt man beinahe greifen kann.

Besonders hervorzuheben sind ebenfalls die Kinderdarsteller, die Bonnie & Clyde in ihren jungen Jahren verkörpern. Sehr intensiv hauchen sie ihren Charakteren in deren kurzen Bühnenzeit Leben ein, und gern würde man mehr von diesen jungen kleinen Persönlichkeiten sehen.

(c) Andrea Ney
© Andrea Ney

Das gesamte Ensemble spielt harmonisch zusammen und es gelingt ein fast sichtbares Bild zu zeichnen, die Zuschauer abzuholen und in eine Geschichte zu entführen, von der jeder schon einmal gehört hat, aber die in dieser Form etwas ganz Besonderes ist. Mit wenigen Handgriffen ist die große Bühne umgebaut und wechselt zwischen Polizeirevier, Gefängnis, Friseursalon und dem Zuhause der Parkers sowie Barrows und verschiedenen anderen Spielorten. Die musikalische Untermalung übernimmt das Orchester der Bühnen Baden, unter der Leitung von Michael Zehetner, für das Bühnenbild und die Kostüme zeichnet Monika Biegler verantwortlich. Unter der kundigen Leitung von Lonard Prinsloo, welcher neben der Choreographie auch die Regie führt, ist ein kleines Meisterwerk entstanden, welches noch bis zum 7. September 2018 am Stadttheater Baden zu sehen sein wird. Restkarten sind noch für alle Vorstellungen erhältlich, und wegen der großen Nachfrage wurde sogar für den 25. August 2018 eine Zusatzvorstellung angesetzt. Lassen Sie sich diese interessante Inszenierung nicht entgehen und sich charmant in eine durchaus prominente Vergangenheit entführen.


Text und Fotos: Andrea

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