Blutsbrüder

(c) Alex List
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im Veranstaltungszentrum Bruno
in Brunn am Gebirge
– 26. Juli 2018

Das Musical „Blutsbrüder“, aus der Feder von Willy Russel, welches bereits 1983 uraufgeführt wurde, läuft in diesem Sommer im Bruno, in Brunn am Gebirge. Der Festsaal des Veranstaltungszentrums fasst etwa 500 Menschen und ist mit seiner leicht erhöhten Bühne ein idealer Ort für die Aufführung dieses sehr besonderen, und bewegenden Stückes. Als Veranstalter zeichnet Maya Hakvoort Music Productions, unter der Regie von Dean Welterlen, verantwortlich.

In einem Armenviertel in Liverpool lebt Mrs. Johnstone, die ihre fünf Kinder alleine groß zieht. Ihr Mann hat sie kürzlich für eine andere Frau verlassen, und sie selbst verzweifelt beinahe an der Herausforderung, die Mäuler ihres Nachwuchses zu stopfen. Als sich die unbezahlten Rechnungen immer mehr stapeln, nimmt sie einen Job als Haushälterin bei Familie Lyons an. Das Haus ist viel zu groß für ein einzelnes Ehepaar, zumal Mr. Lyons sich die meiste Zeit auf Geschäftsreise befindet. Sie erfährt von ihrer Arbeitgeberin, dass es ursprünglich gekauft wurde, um darin als Familie zu leben, doch der Nachwuchs sich nicht einstellen möchte. Wie das Schicksal es will, wird Mrs. Johnstone erneut schwanger und erwartet Zwillinge, was zum Ende beide Frauen als Chance für sich und die Kinder sehen. Ms. Lyons ist bereit alles dafür zu tun, endlich das lang ersehnte Kind ihr eigen nennen zu können, bittet ihre Haushälterin um Zustimmung und sie schmiedet einen perfiden Plan, um es ihrem Mann als sein eigenes unterzuschieben. Nur zögernd und unter der Voraussetzung den Zwilling jeden Tag während der Arbeit sehen zu dürfen, stimmt die Angestellte zu.

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Als sehr abergläubige Frau willigt Mrs. Johnstone ein, den beiden Jungen zu verschweigen, dass sie Zwillinge sind, da es sie einer Legende nach umbringen würde – „Wenn sie erfahren, dass sie Zwillinge sind, werden sie beide sterben“. Den Aberglauben macht sich ihre Arbeitgeberin zu Nutze und schließlich verliert sie nicht nur den gerade geborenen Sohn, sondern auch ihre Stelle. In Verhältnissen, die unterschiedlicher kaum sein können, wachsen die beiden Jungen heran. Micky bei seinen Geschwistern und der Mutter, die noch immer von der Hand in den Mund lebt, und Eddie bei den Lyons‘, dem alle Türen offenstehen. Mit sieben Jahren treffen sie sich das erste Mal beim Spielen und finden heraus, dass sie am gleichen Tag Geburtstag haben. Kurzerhand schließen sie Blutsbrüderschaft und beschließen beste Freunde zu werden. Sehr zum Missfallen der Mütter, die mit aller Macht versuchen, die Kinder voneinander fern zu halten. Sie lernen voneinander und stehen füreinander ein. Was Micky von seinen älteren Geschwistern, allen voran Bruder Sammy, der nichts als Flausen im Kopf hat, vermisst, findet er in Eddie – einen guten Freund, der bereit ist zu teilen, und jeden Blödsinn mitzumachen. Eddie hingegen profitiert davon, dass er ein Stück Normalität erleben darf, da seine Mutter ihn sonst immer überbehütet wenig Kind sein lässt. Als sie bei einem Streich von der Polizei geschnappt werden, fällt recht schnell die Entscheidung der Lyons umzuziehen, und Liverpool hinter sich zu lassen. Als Eddie diese Nachricht überbringt, schenkt Mrs. Johnstone ihm ein Medaillon mit einem Foto von Micky und sich selbst, beharrt aber darauf, dass er das Geheimnis gut bewahren möge.

Jahre später meint das Schicksal es endlich einmal gut mit Mrs. Johnstone und ihren Kindern. Sie bekommt eine größere Wohnung auf dem Land zugewiesen und der Umzug geht schnell vonstatten. Sie leben sich gut ein, nur Sammy macht immer wieder Ärger, während Micky noch immer mit Linda, einer Freundin aus Kindertagen engen Kontakt pflegt und erste Gefühle für sie entwickelt. Eddie geht inzwischen auf ein Internat, wo sein Geheimnis entdeckt wird, aber er weigert sich vehement die Kette mit dem Medaillon abzunehmen – Prügel und Schulverweis sind die Folge. Kurze Zeit später treffen sich die beiden, inzwischen herangewachsen, wieder und erkennen sich trotz der Jahre, die inzwischen vergangen sind sofort wieder. Ihre Freundschaft lebt erneut auf und festigt sich mit jedem Jahr was vergeht. Trotz aller Unterschiede entwickeln sie sich sehr ähnlich und verlieben sich schlussendlich in das gleiche Mädchen, Linda. Sie sind schier unzertrennlich, und während die Ehe von Mr. und Ms. Lyons aufgrund ihrer wachsenden Hysterie langsam zerbricht, akzeptiert Mrs. Johnstone inzwischen, dass ihr zweiter leiblicher Sohn bei ihr ein und ausgeht, wenngleich er auch  von nichts weiß. Als Eddie ins Studium aufbricht und Micky hart arbeitet, um später sich und seine Familie zu ernähren, entfernen sie sich langsam voneinander. Micky heiratet Hals über Kopf die von ihm schwangere Linda noch kurz vor Weihnachten und ehe Eddie für den Jahreswechsel nach Hause kommt. Kurz darauf verliert er seine Arbeit, begeht mit Sammy ein kopfloses Verbrechen bei dem ein Mensch sein Leben verliert und bringt sich damit für sieben Jahre ins Gefängnis. Während dieser Zeit kümmert sich Eddie liebevoll um die Familie. Micky hingegen verliert jeglichen Halt, erkrankt psychisch und kann fortan nur noch unter starkem Medikamenteneinfluss sein Leben bewältigen. Jeder Versuch diese abzusetzen scheitert und auch nach seiner Haftentlassung nagen große Zweifel an ihm, dass das gemeinsame Kind möglicherweise nicht Frucht seiner Lenden ist. Auch stößt ihm eifersüchtig auf, dass sich Eddie für eine größere Wohnung und Arbeit für ihn einsetzt – hat das Ganze System, möchte dieser ihn vielleicht loswerden? Schließlich stürmt er mit einer Waffe in eine Stadtratssitzung, um seinen Blutsbruder zur Rede zu stellen. Die Situation dort spitzt sich noch zu, als Mrs. Johnstone ihnen beichtet, dass sie eigentlich Geschwister sind. Micky wird im selben Moment von Scharfschützen erschossen während eine Kugel aus seiner eigenen Waffe seinen Zwilling noch im Fallen mit in den Tod reißt. So endet die Geschichte der Johnstone Zwillinge, im Leben wie im Tod vereint.

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Nicht die Handlung an sich ist das Besondere an diesem Musical, denn  passieren wird, zeigt sich schon ganz klar in der ersten Szene. Viel interessanter ist der Verlauf der Geschichte und wie es am Ende dazu kommt, dass das Schicksal seinen Lauf auf genau diese Weise nimmt. Ein Erzähler führt durch das gesamte Stück und greift in verschiedenen kleinen Rollen nur marginal ins Geschehen ein.

Das Bühnenbild ist sehr einfach, aber einfallsreich gehalten. Die gegenüberliegenden Bühnenseiten stellen die Eingänge zu den jeweiligen Wohnorten der Familien Johnstone und Lyons dar. Damit wird eine klare Trennung der Milieus vollzogen in welchen sie leben. Der große freie Raum in der Mitte, wird gemeinsam genutzt, während Projektionen im Hintergrund anzeigen, wo sich das Geschehen gerade abspielt. Es benötigt nicht viele Requisiten, um „Blutsbrüder“ auf die Bühne zu bringen. Das Stück lebt von der musikalischen Untermalung und der ganz eigenen Dynamik der Schauspieler. Drew Sarich führt als Erzähler durch die Geschichte. Anfangs sehr unaufdringlich, doch im Verlauf immer dominanter und durch stete Wiederholung seines musikalischen Themas holt er das Publikum gekonnt emotional ab, und treibt es unaufhörlich weiter in die Geschichte. Ob als Erzähler, Milchmann oder Mediziner – jeder seiner Auftritte hat etwas Besonderes und intensiviert sich im gesamten Verlauf. Der Erzähler ist derjenige, der den Kreislauf beginnt und derjenige der ihn beendet. Seine Sequenz ist zu Beginn und am Schluss dieselbe und das, was am Anfang noch Unverständnis hervorruft, ergibt schließlich einen Sinn und wird durch eine nicht enden wollende Gänsehaut ersetzt, während sich der Erzählstrang durch die Wiederholung verstärkt.

Alex List
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Maya Hakvoort verkörpert Mrs. Johnstone – am Anfang eine Frau voller Träume und Hoffnungen, die sich im Lauf der Geschichte zu einer Person entwickelt, deren Verzweiflung über ihr Schicksal beinahe greifbar ist. Mit ihrer Stimme zeichnet sie Bilder und man sieht all jenes, von dem sie spricht und spielt bildlich vor sich, auch wenn dies leise Töne oftmals nur andeuten. Sie transportiert ihre Mutterliebe beinahe spürbar ins Publikum und man leidet bei jeder Entscheidung mit. Der Gedanke Eddie einer Anderen zu überlassen, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen, ist ihr nahezu unerträglich. Als sie am Ende vor dem Scherbenhaufen ihrer Familie steht, fällt es nicht nur ihr schwer, die Tränen zurückzuhalten.

Daniel Eckert als Micky Johnstone macht im Stück die wohl größte Entwicklung durch. Er spielt den siebenjährigen überzeugend und rührend, wenn er trotzig versucht sich gegen seinen älteren Bruder zu behaupten und dabei auf den Knien sitzt. Die kindliche Loyalität zu seinem neuen Freund, die Naivität und Freundschaft sind dermaßen überzeugend, dass man ihn sofort ins Herz schließt. Doch seine eigentliche Glanzleistung bringt er im zweiten Akt, als sich sein Leben als junger Erwachsener stark ändert und er schließlich für die Beihilfe zum Mord im Gefängnis landet. Der Wandel seiner Figur ist unfassbar berührend – man leidet schmerzlich mit ihm, begreift schwer dass man ihm nicht helfen kann und das Entsetzen sowie die eigene Traurigkeit und Hilflosigkeit darüber steht einem ins Gesicht geschrieben. Seine verspürte Aggression, als er seinen Bruder eifersüchtig zur Rede stellt, bringt der junge Schauspieler auf eine so bewegende Art und Weise förmlich in die Zuschauer, dass man kaum zu atmen vermag. Eine großartige schauspielerische Leistung, die ihresgleichen sucht!

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Als Edward Lyons, der andere Zwilling, steht Johannes Huth auf der Bühne. Er stellt seinen aufrechten, geradlinigen Charakter ohne viele Überraschungen überaus gekonnt dar und holt aus seiner Rolle das Beste heraus. Er verkörpert den Sympathieträger des Stückes, ist es doch stets seine Figur, die zurücksteckt, damit es den anderen gut geht. Er überzeugt vor allem durch das Zusammenspiel mit Daniel Eckert und Stephanie Lorenz-Stauffner in den Szenen, wenn die drei zunächst als Kinder, später als junge Erwachsene zusammen unterwegs sind, und er die Welt plötzlich mit anderen Augen sieht.

Ann Mandrella als Ms. Lyons entwickelt sich von einer jungen verzweifelten Frau, die von Einsamkeit geplagt den Wunsch nach einem eigenen Kind hegend, zu einer psychisch angeschlagenen Frau, deren Lebensinhalt darin besteht, ihre Familie zu schützen. Dabei schreckt sie auch vor drastischen Maßnahmen nicht zurück und merkt nicht, wie sehr sie dem fragilen Konstrukt mit ihrem obskuren Verhalten eigentlich schadet. Ihr entgleitet, was sie liebt und sie überzeugt dabei mit jedem Wort. Ihre Manie und ihr Verfolgungswahn lassen die Figur wenig sympathisch wirken, aber dennoch ist sie für das Musical von unverzichtbarem Wert.

Stephanie Lorenz-Stauffer verkörpert Linda, die die beiden Protagonisten schon von Kindesbeinen an begleitet, und später mit Micky eine Familie gründet. Sie besticht durch stimmliche Leichtigkeit und tänzerisches Talent. Sowohl als junges Mädchen, wie auch als erwachsene Frau, die ihr Päckchen zu tragen und ihre Differenzen mit dem Ehemann auszufechten hat, überzeugt sie auf ganzer Linie und jeder ihrer Auftritte ist eine Freude für Augen und Ohren.

Als Sammy, der ältere Bruder Mickys, steht Matthias Trattner auf der Bühne. Seine Auftritte sorgen stets für Spannung und lockern andererseits die Stimmung auf. Schon früh gerät er auf die schiefe Bahn, bestiehlt seine jüngeren Geschwister, gibt sich aber nicht lange nur mit Bonbons zufrieden. Bald schon sind es die Tageseinnahmen des Schulbusfahrers, die auf unkonventionelle Art und Weise den Besitzer wechseln und auch Arbeit ist ihm ein Fremdwort. Mehr und mehr gerät Micky unter dessen Einfluss und er zieht ihn mit in einen Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Auch Thomas Weissengruber als Mr. Lyons und Wolfgang Postbauer in diversen kleinen Rollen tragen zum maßgeblichen Erfolg des Stückes bei. Sie alle gehen in ihren Rollen voll auf und harmonieren großartig miteinander. Schon von Beginn an hat man das Gefühl ins Liverpool der 1960er Jahre entführt zu werden, was durch die passenden Kostüme von Sigrid Dreger noch unterstrichen wird.

(c) Alex List
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Besonders hervorzuheben sind an dieser Stelle selbstredend auch noch einmal die Kinderdarsteller, die sich schauspielerisch wie auch gesanglich nicht hinter ihren erwachsenen Kollegen zu verstecken brauchen und zu Recht großen Applaus erhalten.

Die Intensität und Dramatik von „Blutsbrüder“ war auf diese Weise kaum zu erwarten, und hat damit alles übertroffen, was im Vorfeld in Erfahrung zu bringen war. Ein Abend voller Gefühl, der stellenweise sprachlos und mit Tränen in den Augen zurücklässt, ist garantiert. Noch bis zum 11. August läuft das Musical immer donnerstags bis samstags im Bruno in Brunn am Gebirge. Ansehen lohnt sich in jedem Fall, Restkarten sind noch über die Seite des Veranstalters sowie an der Abendkasse erhältlich.


Text: Andrea