Billy Elliot

I will dance

Bis zum 23.07.2017 gastierte die UK-Tour des Erfolgsmusicals Billy Elliot im Mehr! Theater am Großmarkt in Hamburg. Für vier Wochen machte die Tour dort Station, um so auch den Deutschen Zuschauern Gelegenheit zu geben, dieses absolut atemberaubende Stück zu besuchen.

Das Musical basiert auf dem im Jahr 2000 unter der Regie von Stephen Daldry erschienen Film, welches fünf Jahre später im Londoner Victoria Palace Theatre anlief. Unter Daldrys Regie wurde der Film adaptiert und für die Bühne angepasst. Der Regisseur gewann niemand Geringeren als Elton John für die Musik. Dieser setzte mit seinen Songs exzellente Highlights auf das ansonsten nicht gänzlich durchkomponierte Stück. Wiederkehrende Melodien transportieren jedoch zu jeder Figur oder Figurengruppe eine besondere Emotion oder Erinnerung.

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Gezeigt wurde das Musical im Mehr! Theater, einer umgebauten Lagerhalle. Genügend Parkplätze sind auf der großen, recht übersichtlichen Fläche für Besucher vorhanden. Innerlich wie äußerlich ist das Gebäude jedoch leider wenig charmant und wirkt kühl und unpersönlich. Eine Garderobe gegenüber vom Eingang sowie Bars, um vor der Vorstellung oder während der Pause ein Getränk oder einen Snack zu erwerben, sind auf beiden Seiten der geräumigen Halle vorhanden. Der Zuschauerraum bietet Platz für insgesamt ca. 2400 Gäste und ist mit eng angeordneten Sitzreihen, die etwa ab der zehnten Reihe ansteigen, ausgestattet. So bietet sich zwar wenig Beinfreiheit, aber von nahezu jedem Platz ein uneingeschränkter Blick auf die große Bühne. Durch fehlende Trennwände, mit denen das Haus als Besonderheit wirbt, leidet bei einer Musicalveranstaltung leider auch die Tonqualität, was es nicht immer ganz leicht macht, dem Gesang oder dem gesprochenen Wort der Darsteller zu lauschen, zumal das Stück in Originalsprache aufgeführt wurde und lediglich über große Monitore an den Seiten, für die Zuschauer in den vorderen Reihen unterhalb der Bühne, übersetzt wurde.

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Regisseur Ed Burnside, der sich für die Tourproduktion verantwortlich zeigt und diese stets begleitet, greift vor dem Beginn der Vorstellung, gekleidet in legerem Hemd und Jeans, zum Mikrofon und erklärt äußerst ergreifend, dass es für einige Kinder die letzte Vorstellung sein wird. So für die Darsteller des Billy, Michael und der Debbie. Noch bevor der erste Ton überhaupt erklingt, ertönt spontaner Applaus als Reaktion auf diese sympathischen Worte und als Einstimmung auf die Show, die kurz darauf mit einer Radiosequenz beginnt. Nach den üblichen Worten, das Filmen und Fotografieren bitte zu unterlassen, betritt ein kleiner Junge mit einem Radioapparat die Bühne und lässt sich dort nieder, gedankenverloren an einem Lutscher lutschend und den Nachrichten lauschend. Direkt zur Einführung finden sich alle Charaktere auf der geräumigen Bühne, zu dieser Zeit einen zentralen Ort im Dorf darstellend, ein und man erhält einen ersten Überblick über die Größe der Cast.

Die Geschichte ist so einfach wie berührend. In den 80er Jahren, zur Zeit als die Eiserne Lady, Maggie Thatcher, an der Macht war, ging es für viele Bergleute schlicht um ihre Existenz. Genau dieser Handlungsstrang steht auf der einen Seite. Ein Generalstreik der Minenarbeiter wird ausgerufen und es kommt zu Streitereien und Gewaltausbrüchen zwischen Streikenden und Streikbrechern. Auf der anderen Seite stehen die Familien, die nur noch knapp über die Runden kommen ohne das Einkommen der Männer.

Billy Elliot The Tour

Dann sind da noch die Kinder. Im Fokus stehen Billy, Michael und Debbie. Billy ist der jüngere Sohn eines Minenarbeiters. Seine Mutter ist vor einiger Zeit gestorben und er lebt mit seinem Vater, der etwas senilen Großmutter und seinem älteren Bruder zusammen. Über Michaels Familie erfährt man lediglich, dass sie sich um ihn nicht kümmert. Debbies Mutter unterrichtet Ballett. Ihre Familie zählt aufgrund ihres Standes bereits zur Mittelklasse und wird daher von den Anderen kritisch beäugt. Selbst zwischen den Kindern kommt es zu Spannungen, was jedoch andere Gründe hat.

Michael und Billy sind befreundet und besuchen den gleichen Boxclub, wie wahrscheinlich alle Jungen des Dorfes. Für 50 Pence die Stunde trainieren sie dort unter der Aufsicht von George, einem strengen Trainer. Dem Sport können beide Jungen aus unterschiedlichen Gründen nichts abgewinnen. Während Michael sich eher darauf besinnt, seine Individualität zu entdecken und herausfindet, dass die Kleidung seiner älteren Schwester ihm wesentlich besser gefällt als seine eigene, gerät Billy unverhofft in die Ballettklasse von Mrs. Wilkinson, wo er sich als Ausnahmetalent herausstellt. Er tauscht die Boxhandschuhe gegen Schlappen und beginnt mit dem Tanztraining, was erst auffliegt, als er für ein Vortanzen nach Newcastle fahren soll und sich verspätet. Es kommt zum Eklat zwischen den Familien, bei dem der Junge auf der Strecke bleibt. Mit einem unglaublichen Wutausbruch tanzt er sich in die erste Pause.

Der Streik der Bergarbeiter dauert auch über den Jahreswechsel an. Die Weihnachtsfeier geht sehr laut und lustig zu. Es stellt sich heraus, wie sehr Billys Vater dessen Mutter geliebt hat und Billy bleibt allein zurück, ehe er von seinem Vater beim Tanzen erwischt wird. Dieser kontaktiert daraufhin die Lehrerin und erkundigt sich nach den Kosten für eine etwaige Tanzausbildung seines Jüngsten und die Möglichkeit, die verpasste Audition nachzuholen. Tatsächlich wird ihm eine solche offenbart, was ihn am folgenden Morgen zum Streikbrecher werden lässt, um das nötige Geld zu verdienen. Verachtet von den Kollegen und dem eigenen Sohn erklärt er, dass er die Chance für den Kleinen nutzen möchte, woraufhin eine Summe gesammelt wird, um das Ticket nach London zu zahlen. Das Vortanzen verläuft nicht ohne Zwischenfälle und Billy sieht seine Felle bereits davonschwimmen. Am Schluss beweist er eindrucksvoll sein Können, nach einiger Zeit, in der der Alltag zu Hause seinen Lauf nimmt, erhält er die Nachricht über seine Aufnahme an der königlichen Ballettakademie. Die Freude ist nur von kurzer Dauer, es kommt überraschend die Nachricht, dass die Gewerkschaft eingelenkt habe, und den Streik beendet. So war ein Jahr warten, bangen und hoffen umsonst. Die Minenarbeiter wenden sich resigniert und frustriert wieder ihrer Arbeit zu, während Billy sich verabschiedet, um sein neues Leben zu beginnen. Das Stück endet mit der Botschaft, Individualität zu fördern.

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Die Rolle des zwölfjährigen Hauptcharakters Billy teilen sich vier Jungen, am vorletzten Abend in der Hansestadt steht hier Lewis Smallman auf der Bühne. Schon während der Aufführung reißt er mit seiner Darbietung das Publikum mehrfach von den Sitzen und empfängt im Finale des ersten Aktes, sowie seinem Vortanzen an der Royal Ballet School für „Electricity“ mehr als verdient Standing Ovations. Sein Gesang, sein Spiel und vor allem sein Tanz sind atemberaubend und dermaßen mitreißend, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als in ihm den kleinen verzweifelten Jungen zu sehen, der langsam lernt, was es heißt, für seine Ziele zu kämpfen und dabei auch Rückschläge zu meistern. Sehr emotional und berührend haucht er seiner Bühnenfigur Leben ein.

Elliot Stiff erweckt Michael zum Leben, einen kleinen Jungen, der anders ist als die anderen seines Alters. Unbekümmert gibt er zu, statt mit Fußballkarten lieber mit Puppen zu spielen und trägt mit Stolz die Kleidung seiner älteren Schwester und später mit Begeisterung ein Tutu, welches Billy ihm überlässt. Sein Tenor ist es, individuell zu sein und sich selbst auszudrücken, was er mit der Stepptanzeinlage „Expressing yourself“, deutlich zum Ausdruck bringt und damit das Publikum deutlich mitnimmt. Der Abschied von Billy, als dieser am Ende aufbricht um in London zu lernen, ist rührend, als dieser extra noch einmal umkehrt, um ihm einen Abschiedskuss zu geben. Das erste und einzige Mal, dass diese intime Geste von Billy ausgeht und nicht umgekehrt, wie zuvor einige Male geschehen.

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Ebenfalls ihren Abschied an diesem Abend feiert Lilly Cadwallender als Debbie. Sie stellt die mit mäßigem Talent, dafür aber einer übergroßen Klappe gesegnete Tochter der Tanzlehrerin hervorragend zickig dar. Mit großem Elan und unglaublicher Freude am Spiel und Tanzen, bietet sie einen wunderbaren Kontrast zu den Jungen, die strikt ihren Weg machen. Die ewig nörgelnde und quengelnde Debbie ist einfach eifersüchtig und gönnt es keinem anderen, mehr Erfolg zu haben als sie selbst. Später zeigt sie sich jedoch als Freundin und wird recht umgänglich. Ihr Grund für ihr anstrengendes Verhalten liegt wohl darin, dass sie eben nicht als Überflieger geboren ist und damit nur wenig Chancen hat, den Ort jemals zu verlassen.

Billys Vater wird von Martin Walsh verkörpert. Er ist ein echter Charakterkopf, der mit seiner derben Sprache und seinen Flüchen zunächst kaum Sympathien sammelt, doch im Verlauf Punkte sammelt, als seine eigene Geschichte nach und nach erzählt wird: Die tote Ehefrau, an der er sehr gehangen hat, zwei Kinder und die Großmutter, für die er nun Verantwortung hat. Dass er seinen Sohn zum Mann erziehen will und ihn zum Boxen schickt, zeugt von Hilflosigkeit. Er weiß es nicht besser und befürchtet, durch Andersartigkeit unangenehm aufzufallen. Er hat seinen Platz in der Dorfgemeinschaft und damit ist er bekannt und braucht kein zusätzliches Gerede. Dass er doch kein Herz aus Stein hat, zeigt sich spätestens, als er Billy zum Vortanzen begleitet und dort beteuert, er würde immer hinter ihm stehen.

Die Handlung stark voran treiben auch Scott Garnham als Tony, Billys älterer Bruder, und Anna-Jane Casey als Mrs. Wilkinson. Tony treibt es gern auf die Spitze und darüber hinaus. Er schlägt sich mit den Streikbrechern und lässt sich von Polizisten verprügeln. Schließlich ist er es, der den Konflikt mit Mrs. Wilkinson sucht und ihr untersagt, seinen Bruder länger zu unterrichten. Als sie den Jüngeren zum Vortanzen abholen möchte, fliegt dessen heimlicher Unterricht auf und Tony kann sich damit nicht abfinden, dass sein Bruder ein solches Weichei sein soll. Er fordert Billy auf, zu tanzen, was dieser ablehnt, woraufhin das Verbot ausgesprochen wird, weiter zu trainieren.

Billy Elliot The Tour

Zu berühren weiß auch Andrea Miller als senile Grandma, die sich noch an den letzten Generalstreik erinnern kann, aber das Zeitgeschehen gern verdrängt. Billy hört ihr gern zu, wenn sie ihre Geschichten erzählt und mit viel Power und frechen Sprüchen bringt sie das Publikum häufig zum Lachen.

Als Mr. Braithwaite, dem Gehilfen der Ballettlehrerin, steht Daniel Page auf der Bühne. Sein vor allem komödiantisches Talent kommt in dieser Rolle hervorragend zum Tragen. Mit Witz, Charme und Selbstironie bringt er den etwas tollpatschigen, aber durchaus nicht unbeweglichen Mann durch die Show.

Nikki Gerrard als Billys verstorbene Mutter hat leider nur sehr kurze Auftritte und dennoch berühren diese zutiefst. Ihre klare Stimme, der sanfte Tadel und genau das richtige Maß an Spiel bringen ihre Rolle auf den Punkt.

Billy Elliot Tour

Billy Elliot ist nicht einfach in wenigen Worten zu beschreiben. So wie der kleine Junge in der Tanzschule gefragt wird, was er fühlt, wenn er tanzt und er daraufhin antwortet, dafür habe er keine Worte, lässt sich das sinnbildlich auf das gesamte Musical übertragen. Es ist nicht Schauspiel, es ist nicht Gesang, es ist nicht Tanz. Es sind nicht die Erwachsenen, es sind nicht die Kinder. Auch sind es nicht die Kulissen oder die Choreographien. Es ist ein Teil von allem, was dieses Musical zu etwas Besonderem macht und es absolut sehenswert werden lässt.

Faszinierend und beeindruckend sind die Ensembleszenen, wo bestimmt zwanzig Castmitglieder auf der Bühne stehen, tanzen, singen und sich ohne Unterlass bewegen, ohne einander auch nur einmal zu nahe zu kommen. Unglaublich ist das Können der Kinderdarsteller. Eine derartige Perfektion in den Bewegungen, so viel Elan, Freude und zeitgleich fabelhaften Gesang habe ich noch nie zuvor erlebt.

Und nicht zuletzt ist es die Geschichte, deren Handlung dreißig Jahre alt sein mag. Dennoch ist sie noch immer aktuell. Das Leben und Überleben ist ein stetiger Kampf: Sich selbst behaupten und durchzusetzen, seine Ziele zu verfolgen und nicht aufzuhören, seine Träume wenn möglich zu leben. Wer die Chance hat, Billy Elliot einmal live zu erleben, der sollte sie sich nicht entgehen lassen. Zwar ist die Sprache grob und häufig sehr beleidigend, auch wird mit beleidigenden Gesten nicht gespart, aber es passt zum Gesamtbild und rundet das Stück ab.


Artikel von Andrea 

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