Big Fish

 

Premiere im MiR Gelsenkirchen am 9. März 2019

(c) Astrid Mohren
(c) Astrid Mohren

Wie wird man in den Köpfen anderer Menschen unsterblich? Mit genau dieser Frage beschäftigt sich Edward Bloom nicht nur auf seinem Sterbebett. Schier unglaubliche Geschichten erzählt er seinem eher nüchternen und gradlinigen Sohn Will, dem die Ausführungen seines Vaters bereits von Kindesbeinen an zu viel sind und ihm unwirklich erscheinen.

Das Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen zeigt ab dem 9. März 2019 in Kooperation mit der Theaterakademie August Everding und dem Studiengang Musical der Hochschule für Musik und Theater München, das nach dem Buch von John August und mit Musik und Songtexten von Andrew Lippa genial gestaltete Musical „Big Fish“ auf der Bühne seines großen Hauses. Als Grundlage des Stücks gilt der gleichnamige Roman von Daniel Wallace der bereits 2003 verfilmt wurde und am 8. April 2004 ebenfalls in die deutschen Kinos kam – die Uraufführung als Musical fand am 2. April 2013 im Oriental Theatre in Chicago statt.

(c) Karl Forster
(c) Karl Forster

Der Handelsreisende Edward Bloom (Benjamin Oeser) lebt mit seiner Frau Sandra (Theresa Christahl) und seinem Sohn Will (Dennis Hupka) in Alabama. Will sieht seinen Vater nur selten und kennt ihn nur als „Big Fish“ – als jemanden der immer die tollsten Dinge erlebt, die wagemutigsten Prüfungen besteht und dem die unglaublichsten Figuren begegnen – eben als jemanden, der immer die dicksten Fische fängt. Seine Erzählungssammlung liest sich größer wie die von Münchhausen und abenteuerlicher als die der fantastischsten Helden. Sein Vater ist Superman, ein Riesenbändiger und Hexenbeschwörer in einer Person – aber was hiervon ist Realität und was Fiktion, was wahr und was erfunden?

Aufgewachsen in Ashton, einer Kleinstadt unweit seines jetzigen Wohnortes, wird Edward zum gefeierten Helden, als er einen Konflikt mit dem Riesen Karl (Oliver Aigner) löst, sich mit diesem anfreundet und sie gemeinsam durchs Land ziehen – seiner Freundin Jenny Hill (Anke Sieloff) verspricht er bald wieder bei ihr zu sein. Auf ihrem Weg treffen sie im Zirkus von Direktor Amos Calloway (Rüdiger Frank) auf ein fremdes, junges Mädchen, in das sich Edward unsterblich verliebt. Um an ihren Namen zu gelangen schließt er sich der Truppe an und bekommt von seinem Chef immer mal wieder einen ersehnten Hinweis auf das Mädchen. Nach endlos langen drei Jahren erfährt er endlich ihren Namen, Sandra, und dass sie an der Auburn-Universität, mehr als 1000 km entfernt studiert, allerdings auch, dass sie bereits verlobt ist. Die Entfernung zu seiner Geliebten legt er als Futter einer Kanone lediglich mit angezogenem Helm zurück und kann Sandra mit seinem Wissen über ihre Lieblingsblumen schließlich für sich gewinnen.

(c) Karl Forster
(c) Karl Forster

Seine Geschichten werden immer abstruser – er rettet seinen General im Krieg vor einem Anschlag, indem er den Giftpfeil, der ihm selber nichts anhaben kann weil er früher durch Injektionen desselben Giftes immun wurde, für ihn abfängt. Er sieht in der Kristallkugel einer Hexe (ebenfalls Anke Sieloff) wie genau er sterben wird oder aber es springen ihm Fische aus dem Fluss freiwillig in den Arm nur durch einen speziellen Tanz. Seinem Sohn fällt der Glaube an die Wahrheit der Storys schwer, er entfernt sich von ihm und zieht letzten Endes weg. Erst als seine Mutter ihn informiert, dass sein Vater schwer erkrankt sei und bald sterben werde, kehrt er zurück, gerät aber sofort wieder in Streit mit ihm.

In Edwards Unterlagen findet Will einen Vertrag über den Erwerb eines Hauses in Ashton, welches auf den Namen Jenny Hill geschrieben wurde. Seine Neugierde und Hoffnung, vielleicht von ihr endlich einen Funken Wahrheit über seines Vaters Leben zu erfahren, lassen ihn Jenny aufsuchen. Im Gespräch mit ihr erfährt er eine Geschichte, die ihm sein Vater bisher vorenthalten hat…und zwar dessen wahre Geschichte. Er versteht mit und mit, dass all die großen, überzogenen Erzählungen nur ihm galten, dass sie ihn zu Großem inspirieren sollten und dass sein Vater sogar tatsächlich ein wahrer Held ist. Geläutert und mit nunmehr den richtigen Ideen im Kopf kommt er gerade noch rechtzeitig zurück, um das Ende des großartigen Lebens von Edward Bloom mitzuerleben, ja sogar selbst mitzuschreiben. Er hilft seinem Vater aus dem Krankenhaus zu fliehen und bringt ihn zum Fluss, an dem dieser bereits von allen fiktiven oder vielleicht doch wahren Figuren seiner Geschichten erwartet wird und schlussendlich genauso stirbt, wie die Kristallkugel der Hexe es ihm Jahre zuvor vorhergesagt hat. Will gelangt zu der Erkenntnis, dass in jeder Geschichte immer auch ein Fünkchen Wahrheit verborgen liegt.

(c) Karl Forster
(c) Karl Forster

Unterstützt und fantastisch in Szene gesetzt werden die Protagonisten des Stücks von der theatereigenen Band unter der Leitung von Heribert Feckler, die ihren Platz ebenfalls auf der großzügigen Bühne, allerdings unsichtbar hinter der Kulisse findet. Regisseur Andreas Gergen gelingt es mit seiner Inszenierung eine berührende und emotional vielseitige Story gekonnt auf die Bretter die die Welt bedeuten zu zaubern. Die Rolle des großspurigen Vaters, die Benjamin Oeser mehr als großartig ausfüllt, hat den größten und schwierigsten Teil zu bestreiten, spielt er doch in fast jeder Szene. Er wechselt brillant vom jungen, zum alten, zum kranken und zum sterbenden Edward und in den Rückblenden auch problemlos zurück. Gesanglich und schauspielerisch zieht er alle Register seines Könnens und singt und spielt sich somit von der ersten Sekunde an unweigerlich in die Herzen der Zuschauer.

Auch Dennis Hupka als Will liefert eine mehr als souveräne Leistung ab – er lebt in jeder Minute, die er sich auf der Spielfläche befindet, sichtbar personell und gedanklich in der Erzählung. Man nimmt ihm den genervten, nachdenklichen oder liebenden und trauernden Sohn zu jeder Zeit absolut ab – vor allem aber gelingt es ihm in der Schlussszene, dass Publikum authentisch in eine erschreckend emotionale Gefühlswelt zu entführen.

Einen ebenso gelungenen Eindruck hinterlassen stimmlich und schauspielerisch Theresa Christahl als Sandra und Anke Sieloff als Hexe/Jenny Hill. Auch die übrigen Castmitglieder, die als Soldaten, Hexen, Zirkusartisten oder Ortsansässige in vielen verschiedenen Rollen zu sehen sind, wurden perfekt besetzt. Besonders erwähnt werden muss an dieser Stelle Rüdiger Frank, der in dieser Produktion zum vielfach wiederholten Male auf der Bühne des MiR zu bewundern ist. Er verleiht auch seiner Rolle des Zirkusdirektors wieder einen ganz besonderen Charme.

(c) Karl Forster
(c) Karl Forster

Dem MiR gelingt mit seiner Inszenierung von „Big Fish“ ein wahres Meisterwerk – hier passt einfach alles und ergänzt sich hervorragend. Angefangen von den Darstellern, über die Band bis hin zu Regie und Choreografie (Danny Costello), das eher spartanische aber geschickt eingesetzte, von unaufdringlichen Projektionen unterstützte Bühnenbild (Sam Madwar) und die wunderbaren Kostüme (Ulli Kremer) – alles greift stimmig ineinander.

„Big Fish“ läuft bis zum 29. Juni 2019 an noch 10 Terminen im Gelsenkirchener Theater. Eintrittskarten sind über die Homepage des Theaters www.musiktheater-im-Revier.de erhältlich.


Text: Astrid