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Deutschlandpremiere für Anastasia

Deutschlandpremiere: 15.11.2018 – rezensierte Vorstellung: 17.11.2018

© Stage Entertainment, Johan Persson

© Stage Entertainment, Johan Persson

Vor einigen Wochen hob sich im Stuttgarter Palladium Theater der Vorhang für die neueste und heiß ersehnte deutschsprachige Erstaufführung von Stage Entertainment. Denn am 15. November 2018 feierte dort der Broadway-Erfolg „Anastasia“ seine große Deutschlandpremiere. Das Musical stammt von Stephen Flaherty, Lynn Ahrens und Terrence McNally und basiert grob auf dem Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1994. Doch im Musical rückt viel mehr der Mythos um die Zarentochter in den Mittelpunkt.

Die Story ist vielen bereits bekannt: Russland, während der Oktoberrevolution. 1917 beschloss das Volk sich endgültig gegen seine Herrscher, den Zar und seine Familie, aufzulehnen und stürmte den Palast. Kein einziges Familienmitglied überlebte das Massaker der Bolschewiken, einzig und allein die jüngste Tochter Anastasia verschwand in dem Tumult, wodurch ihre Existenz zum Mysterium wird. 10 Jahre später hat Anastasias Großmutter die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, ihre Enkelin zu finden und verspricht eine noble Belohnung an denjenigen, der ihr das Mädchen bringen kann. So entdecken die beiden Kleinkriminellen Dimitri und Wlad das Straßenmädchen Anya, welches vor einigen Jahren ihr Gedächtnis verloren hat und erstaunliche Ähnlichkeiten zu der verschollenen Zarentochter aufweist. Gemeinsam stürzen sich die drei in ein Abenteuer von St. Petersburg bis nach Paris, in dem jeder hofft sein großes Glück zu finden. Auf ihrer Reise sind sie natürlich weder vor Gefahren, in Form der Bolschewiken unter Hauptmann Gleb, welcher in Anya ebenfalls die Zarentochter sieht und ihren Tod will, noch vor alten Bekannten oder sogar der Liebe gefeit. Doch über all dem steht die große Frage, ob Anya wirklich die jüngste Zarentochter ist und ob sie trotz – oder vielleicht sogar wegen alldem – endlich herausfindet, wer sie wirklich ist…

© Stage Entertainment, Johann Persson

© Stage Entertainment, Johan Persson

Die Stuttgarter Inszenierung beschert ihrem Publikum einen Abend ganz à la Disney (auch wenn „Anastasia“ kein Disneyfilm ist). Eine wundervolle bezaubernde Story mit etwas Magie, witzigen und facettenreichen Figuren, toller Musik, beeindruckenden Kostümen und einem Bühnenbild, das so echt wirkt, dass die Grenzen zwischen Zuschauerraum und Anastasias Welt immer mehr zu verschwimmen drohen. Doch nun noch etwas mehr zu den einzelnen Aspekten dieser wirklich empfehlenswerten Show.

Das Musical zeigt keine deutlichen Schwächen auf. Der Plot ist gut strukturiert, Songs und Sprechpassagen wechseln sich ausgeglichen ab und ergeben eine wunderbare Symbiose. Außerdem hat das Stück eine sehr angenehme Länge mit etwa 2 1/2 Stunden (inklusive einer Pause). Etwas kürzer als die ursprüngliche Fassung am Broadway, was unter anderem dadurch erreicht wurde, dass einer der Songs gestrichen und hier und da eine Nummer gekürzt wurde. Womit wir schon bei einem einzigen Kritikpunkt wären, denn der gestrichene Song „Crossing a Bridge“ ist ein starkes Solo der Hauptfigur. Das Fehlen dieser Nummer nimmt ihr somit nicht nur einen ausdrucksstarken Moment, sondern lässt auch eines der wenigen Soli im zweiten Akt wegfallen, womit der ein oder andere Zuschauer vielleicht etwas an musikalischer Stärke im zweiten Teil vermisst. Da der zweite Akt jedoch ohnehin mehr den Kern der Story vorantreibt, sei Stage Entertainment diese Entscheidung verziehen.

© Stage Entertainment, Johan Persson

© Stage Entertainment, Johan Persson

Die Musik von Stephen Flaherty und Lynn Ahrens bietet neben den Hits aus dem Film (Reise durch die Zeit, Es war einmal im Dezember) eine Vielzahl an neuen Songs, die die Handlung fantastisch unterstreichen und den Figuren noch mehr Ausdrucksstärke geben. Für die Stuttgarter Fassung wurden die deutschen Texte der Filmversionen noch einmal überarbeitet und die bisher nur auf Englisch vorhandenen Nummern inhaltlich wie musikalisch von Wolfgang Adenberg passend übersetzt. Eben so schön wie die Musik fügen sich die Choreographien von Peggy Hickey in die Geschichte ein, immer stimmig zu Ort und Situation erfüllen sie vollends ihren Zweck. Hier herauszuheben wäre das Opening des zweiten Aktes „Paris“ im 20er-Jahre-Stil.

Wunderschön und vielfältig in allen Szenen sind auch die Kostüme von Linda Cho, egal ob es die festlichen Kleider der Romanovs, die Kostüme des russischen Volks oder die farbenfrohen Kleider und Anzüge der feinen Pariser Gesellschaft sind. Sie sind ein Traum für jedes Auge und immer passend gewählt. Zu guter Letzt wäre noch das Bühnenbild zu erwähnen, eigentlich nur bestehend aus zwei großen Bühnenteilen, die eine Art Mauer aus Marmorbögen darstellen. Diese lassen sich jedoch beliebig verschieben und drehen und wechseln so zwischen Zarenpalast, Bahnhof, Nachtclub oder Pariser Oper. Durch kleinere Requisiten werden die unterschiedlichen Schauplätze abgerundet. Der wahre Goldschatz der Produktion sind allerdings die zahllosen Projektionen auf der Leinwand im Hintergrund, denn dort werden so eindrucksvoll und realistisch Bilder von Paris, St. Petersburg oder riesigen Landkarten projiziert, die einfach nur wunderschön anzusehen sind und jedes Setting noch einmal vergrößern.

Doch was wären all diese Elemente ohne großartige Darsteller, die Anastasias Geschichte zum Leben erwecken? Für die Hauptrolle Anya/Anastasia fand man unter den vielen Bewerbern die junge Künstlerin Judith Caspari, welche ihre Rolle in allen Facetten erfüllt. Sie singt nicht nur mit einer engelsklaren Sopranstimme, die an den richtigen Stellen jedoch nie an Kraft verliert, sie spielt auch die komplette Bandbreite an Gefühlen ihrer Figur ausdrucksstark und facettenreich. Egal ob sie das verängstigte Straßenmädchen, die selbstbewusste junge Frau oder die verschollene Zarentochter gibt, man glaubt ihr jedes Wort und kann getrost sagen, dass Stage Entertainment hier eine starke junge Nachwuchskünstlerin gefunden hat, von der man hoffentlich noch viel hören wird.

© Stage Entertainment, Johan Persson

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Ihr zur Seite gestellt ist Milan van Waardenburg als Dimitri, der nicht nur Anyas Freund sondern auch späterer ihr Auserwählter wird. Auch er überzeugt mit einer wundervollen Stimme, egal ob sanft oder mit lang gehaltenen Schlusstönen und einem zum Charakter passendem Schauspiel. Anfangs noch hinter einem einzigen Ziel her, zeigt er schön wie sich Dimitris Einstellungen und Pläne durch Anya verändern und er sich langsam in sie verliebt. Das Unsichere eines jungen Mannes verkörpert Waardenburg sehr süß und auch das Spiel zwischen den beiden Hauptdarstellern ist innig und vertraut und baut eine wunderbare Geschichte auf.

Neben diesen beiden gibt es eine Reihe an vier großartig besetzten weiteren Solisten, welche die Geschichte durch ihr Handeln vorantreiben und unterstützen, sowie auch für Probleme sorgen.

Daniela Ziegler spielt die Zarenmutter als eine alte einsame und durch die Jahre verbitterte Frau, die trotzdem nie die Hoffnung aufgibt. Nur in seltenen Momenten zeigt sie dem Publikum den weichen Kern, der nach außen hin starken und vom Schicksal gebeutelten Frau. Diese Aufgabe meistert sie erstklassig. Ihre Stimme darf sie in dieser Rolle nicht sehr oft zeigen, doch wenn sie es kann, meistert sie diese Parts problemlos und überzeugt sonst mit starkem Schauspiel.

Mathias Edenborn gibt den Antagonisten Gleb, auch wenn man sich nie ganz sicher ist, ob er das wirklich ist. Natürlich stellt er als Vertreter, der die Romanovs hassenden Bolschewiken die dunkle Seite dar und auch seine Entschlossenheit, Anya müsse sterben, wenn sie wirklich die Zarentochter ist, sprechen dafür. Edenborn spielt Gleb als einen innerlich zerrissenen Mann, der sich zwischen seiner Pflicht und dem Erbe seines Vaters und seinen Gefühlen für Anya entscheiden muss, von welcher er sich vom ersten Moment an angezogen fühlt. Seine Figur bringt gegen Ende der Handlung den letzten Höhepunkt und endet mit einem gebrochenen Mann, der vielleicht zum ersten Mal versteht, was im Leben wirklich wichtig ist. Für seine wunderbare und technisch einwandfreie Stimme mag die Rolle vielleicht etwas von seinem Talent verschenken, die zwei Soli von Gleb werden von ihm jedenfalls stark und gefühlvoll dargeboten.

Als lustiges Paar und Gegenpol der Ernsthaftigkeit sorgen Jaqueline Braun und Thorsten Tinney als Wlad und Lilly immer wieder für Lacher. Beide singen einwandfrei und sauber, verkörpern ihre Rollen mit viel Witz und Charme und lockern so immer wieder Spannungen auf. Hier hervorzuheben wäre vor allem ihr Duett „Die Gräfin und der Bürgersmann“, in dem sich die beiden Ex-Lover wieder versuchen anzunähern und dabei keinen Hehl daraus machen, dass sie mittlerweile ein paar Jährchen und Kilos mehr auf dem Buckel haben. Dem Publikum gefällt es und der Geschichte tut der Spaß auch gut.

© Stage Entertainment, Johan Persson

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Unterstützt werden die Hauptdarsteller von einem 14-köpfigen Ensemble, welches die unterschiedlichsten Rollen passend verkörpern und mit „Paris“ oder „Was man redet in St. Petersburg“ zwei unterhaltsame und starke Nummern bringt. Aus der Gruppe herauszuheben sei hier Kirill Zolygin, welcher mit der Ballade „Mein Land“ auch solistisch ran darf und gegen Ende des ersten Aktes für eine gefühlvolle Nummer mit Gänsehauteffekt sorgt.

Abschließend kann man nur sagen, dass mit „Anastasia“ ein Stück nach Deutschland gekommen ist, welches schon am Broadway ein Hit war und hoffentlich hier eine lange Zukunft hat. Die Geschichte ist bezaubernd, die Figuren sind fantastisch besetzt und die Kostüme, Bühnenbilder und Projektionen grandios umgesetzt. Alles wird untermalt von großartigen Songs wie „Reise durch die Zeit“, „Paris“, „Mein Petersburg“, „Doch“ oder dem romantischen und leider einzigen Duett von Anya und Dimitri: „Unter all den Menschen“. Ich kann jedem nur empfehlen: reingehen, genießen und weitererzählen! Dieser Musicalbesuch lohnt sich wirklich. „Anastasia“ ist ein Stück für die ganze Familie.

© Stage Entertainment, Johan Persson

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Artikel von Rebecca

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