Altar Boyz Berlin

Altar Boyz – was Gott zusammenschweißt kann selbst Sony nicht trennen
(…oder Virgin, oder Dieter Bohlen)

 

(c) Andrea Ney
(c) Andrea Ney

Kirche war gestern – der Herr schickt eine eigens von ihm handverlesene Boyband auf den Plan, die Seelen seiner Sünder zu befreien.  Wer erwartet, dass „Messdiener“, wie die „Altar Boyz“ übersetzt heißen, angestaubte Choräle anstimmen und fromme Plattitüden verlesen, irrt gewaltig. Denn jetzt zur Derniere ihrer „Sensation Christ Tour 2019“ haben sie ein großartiges Ziel erreicht – mehr als 220.000 Menschen haben sie zum Glauben bekehrt und ihre unreinen Seelen auf den rechten Weg gebracht. So zumindest behaupten sie im Auftakt des rasanten und fetzigen Musicals. Es ist der Tag der Abrechnung, sie blicken zurück auf ihre Tour, die Entstehungsgeschichte ihrer Band und ihre gemeinsamen Erlebnisse. Fünf junge Christen, pardon vier und ein jüdischer Freund, dessen Talent fürs Texten ihm die Türen geöffnet hat, finden sich zusammen, um als Band erfolgreich zu werden. Es ist nicht verwunderlich, dass Matthew, Mark, Luke und Juan allesamt nach den Evangelisten benannt sind. Sie und Abraham bilden die „Altar Boyz“. Jeder für sich allein trägt seine eigene Geschichte mit sich und knabbert an den Schwierigkeiten, die sie mit sich bringt – doch zusammen sind sie ein unschlagbares Team.

(c) Andrea Ney
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Die Geschichte erzählt schreiend komisch, rührend und mitreißend, mit welchen eigenen Lebensgeschichten sich jeder der jungen Männer zu befassen hat. Ganz nebenbei nimmt sie gekonnt die Boybands der 90er Jahre auf die Schippe, ohne jedoch unter die Gürtellinie zu gehen. Der Glaube kommt nicht zu kurz – es wird immer wieder darauf eingegangen und stets mit viel Feingefühl darauf geachtet, dass man niemandem auf den buchstäblichen Schlips tritt. Wie für eine echte Boygroup üblich, bezieht auch diese ihr Publikum immer wieder aktiv ins Geschehen mit ein und zeigt sich so ausgesprochen Fan-nah. IMG_1071b

Ein von Sony entwickeltes Gerät, der Soulsensor DX-12, misst die Schwingung im Saal und gibt bildlich wieder, wie viele Anwesende es noch zu erretten gilt. Kontinuierlich singen, tanzen und schauspielern sie sich in die Herzen des Publikums, bis die Zahl rapide gesunken ist. Auch mit Rückschlägen und Zweifeln wissen sie umzugehen und thematisieren auf diese Weise das In-Frage-stellen des eigenen Glaubens und der eigenen Zugehörigkeit. Wer hilft, wer erhört, wer errettet, wenn Gott selbst es nicht zu tun scheint oder wenn die Anfrage einmal nicht präzise genug war?

Wichtig ist, dass am Ende jeder seinen Wert erkennt und auf die eigene Stärke und den eigenen Glauben vertraut. Die Mission, Berlin zu einem besseren Ort zu machen, glückt an wohl jedem der nahezu ausverkauften Abende in der Bar Jeder Vernunft.

(c) Andrea Ney
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„Altar Boyz“ ist Musical Comedy auf höchstem Niveau. Die Songtexte stammen von Gary Adler und Michael Patrick Walker, nach einer Idee von Marc J. Desser und Ken Davenport schrieb Kevin Del Aquila die Texte. Mit dem noch immer höchst aktuellen Thema lief das Stück über 2000 Mal am Off-Broadway und nun endlich darf es auch den deutschen Markt erobern und die Zuschauer hierzulande begeistern. Mit den überaus feinfühligen und wohl pointierten Übersetzungen von Laura Friedrich Tejero bringen die „Boyz“ das Wort Gottes jetzt auch in deutscher Sprache an den potenziellen Sünder. Dass der Verein OffStage Germany für Qualität steht, hat er im vergangenen Jahr mit seiner ersten Produktion „Thrill Me“ bereits bewiesen, mit dem diesjährigen Einstieg legen sie die Messlatte noch einmal um einiges höher. Regie führt erneut Michael Heller, hat diesmal jedoch Kollegen Christopher Bolam an seiner Seite, mit dem er gemeinsam für die Choreographie verantwortlich zeichnet. Auch als musikalische Begleitung greift der Verein auf alt Bewährtes zurück und gibt die Leitung in die erfahrenen Hände von Lidia Kalendarova und Alin Christian Oprea. Diesmal werden die fünf Darsteller von einer insgesamt vierköpfigen Liveband begleitet, die für einen besonderen Sound sorgt.

(c) Andrea Ney
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Auch die Protagonisten sind keine Unbekannten: Mit Tobias Bieri wird der Bandleader (Matthew) besetzt, der sich stimmgewaltig und sehr selbstverliebt darstellt, am Ende jedoch vor der schwierigsten Entscheidung seines Lebens steht. Martin Mulders (Mark) ist das „Mädchen“ der Band, der Quotenschwule, ohne dessen feinfühlige Art es nicht geht und dessen großes Geheimnis am Ende des Stückes gelüftet wird. Als etwas durchgeknallter Rapper und Messweinsünder steht Christopher Bolam (Luke) auf der Bühne und fällt vor allem durch sein loses Mundwerk und seine absolut präzisen Choreographien auf. Das wohl tragischste Schicksal erleidet Daniel Tejede (Juan), der sich nach einem Ort sehnt, an den er gehört und unablässig nach seinen Wurzeln sucht und dabei den Glauben nie verliert. Tom Schimon (Abraham) gerät eher zufällig in die Gruppe und ist mit seiner tief verbundenen Freundschaft der Anker für alle Mitglieder.

(c) Andrea Ney
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Ist es dem geneigten Musicalgänger stets ein Dorn im Auge, wenn im Theater die Geräuschkulisse steigt, so ist es hier absolut gegenteilig. Jubeln, Schreien, Kreischen, Grölen, alles was Musicalbesucher normalerweise wahnsinnig macht, ist erlaubt, wenn nicht sogar erwünscht. Ohne das Publikum und den Charme des Location hätten die „Altar Boyz“ es sicherlich schwer, das Wort des Herrn auf so amüsante und kurzweilige Weise zu verkünden.

(c) Andrea Ney
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Der Auftakt ist geschafft, eine Woche harter Missionierungsarbeit liegt hinter den Jungs. Doch nach der „Sensation Christ Tour“ ist bekanntlich vor der Tour und so sind mittlerweile die Kartenverkäufe für die zweite Berliner Spielzeit vom 21.-24. März gestartet und vom 20.-22. April werden auch in Hamburg die Gebete erhört, Sünden vor Publikum verlesen und der Soulsensor DX 12 bekommt eine neue Aufgabe. Ein furioser Start in das neue Jahr ist dem Verein OffStage Germany mit seinen „Altar Boyz“, die ihre „Haare mit Gel salben und ihre Lenden in Kunstleder gürten“ auf jeden Fall geglückt.

 


Text und Fotos: Andrea